Lebensdaten
1896 bis 1979
Geburtsort
Perpignan (Roussillon)
Sterbeort
Bonn
Beruf/Funktion
Politikwissenschaftler ; Politiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118608606 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schmid, Charles Jean Martin Henri
  • Schmid, Carlo
  • Schmid, Charles Jean Martin Henri
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Zitierweise

Schmid, Carlo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118608606.html [22.02.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joseph (1860–1925), aus Unterkochen, Realschullehrer in Stuttgart, S d. Johann Baptist (1824–75), Landwirt u. Gastwirt;
    M Anna Erra (* 1869), aus Frankreich, Lehrerin;
    1921 Lydia Hermes (1897–1984);
    3 S Hans (* 1925), Kinderarzt, Martin (* 1927), Künstler, Raimund (1935–56), 2 T Beate (* 1936), Heilgymnastin, Juliane(* 1942).

  • Leben

    S. legte im Sommer 1914 am Stuttgarter Karls-Gymnasium die Reifeprüfung ab. Nach Kriegseinsätzen an der Ost- und Westfront kehrte der Kriegsfreiwillige, zum Leutnant befördert, im Dez. 1918 nach Stuttgart zurück. Anfang 1919 nahm er das Studium der Rechte in Tübingen auf, das er 1921 mit dem Prädikat „ausgezeichnet“ abschloß. Mit einer Dissertation über „Die Rechtsnatur der Betriebsvertretungen nach dem Betriebsrätegesetz“ wurde er 1923 in Frankfurt/M. von dem Arbeitsrechtler Hugo Sinzheimer (1875–1945) zum Dr. iur. promoviert. 1924/25 arbeitete S. als Rechtsanwalt in Tübingen, 1927 erhielt er dort eine Stelle als Amtsrichter, 1931 wurde er zum Landgerichtsrat befördert. Als Referent am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Berlin (1927/28) war er bemüht, Deutschland mit Hilfe des Völkerrechts von den „Fesseln“ des Versailler Vertrags zu befreien. 1927-29 assistierte er Viktor Bruns (1884–1943) und Erich Kaufmann (1880–1972) bei den Verhandlungen vor dem Dt.-Poln. Schiedsgericht. Seine Erfahrungen flossen in seine 1929 an der Univ. Tübingen eingereichte Habilitationsschrift „Die Rechtsprechung des Ständigen Internationalen Gerichtshofes in Rechtssätzen dargestellt“ ein (1930 Privatdozent). Nach 1933 verhinderten die Nationalsozialisten eine Universitätskarriere. 1940 wurde S. als Kriegsverwaltungsrat zur Oberfeldkommandantur 670 nach Lille einberufen, wo er die Härten des dt. Besatzungsregimes zu mildern versuchte und Risiken einging, um das Leben in Geiselhaft genommener Franzosen zu retten. 1941 knüpfte er Kontakt zu Helmuth James Gf. v. Moltke (1907–45) und zum dt. Widerstand.

    Im Juni 1945 zum apl., im April 1946 zum o. Professor für Völkerrecht in Tübingen, im Frühjahr 1953 auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Politikwissenschaft in Frankfurt/M. berufen (1966 em.), leitete S. die Überzeugung, daß eine neue Elite den politischen Neuaufbau in die Hand nehmen müsse. Am 13.6.1945 setzte ihn die franz. Besatzungsmacht als Landesdirektor für Kult in Stuttgart ein. Nach der Teilung Württembergs in eine amerik. und franz. Zone betraute ihn die franz. Militärregierung im Okt. 1945 mit dem Amt des Regierungschefs in Württemberg-Hohenzollern und der Leitung der Landesdirektion für Justiz und für Kult, Erziehung und Kunst. Nach der Wahlniederlage der SPD 1947 mußte S. das Amt des Regierungschefs an Lorenz Bock (CDU) abtreten, blieb aber bis 1950 Leiter des Justizressorts. Bereits einen Monat nach seinem Eintritt in die SPD wurde er im Febr. 1946 zum Landesvorsitzenden der SPD in Württemberg-Hohenzollern gewählt. 1947 gelang ihm der Sprung in den Parteivorstand der SPD, dessen Mitglied er bis 1973 blieb. Er gehörte zu der Gruppe der Reformer, die die Klassenpartei in eine Volkspartei umwandeln wollten. Bundespolitisches Ansehen gewann S. durch seine Mitarbeit im Parlamentarischen Rat (1948/49), wo er als einer der wirkungsmächtigsten Väter des Grundgesetzes die verfassungsrechtlichen Grundlagen für die dt. Wiedervereinigung, die europ. Integration der Bundesrepublik und eine stabile parlamentarische Demokratie zu schaffen suchte. Von Dez. 1966 bis Okt. 1969 amtierte S. in der Großen Koalition als Bundesminister für Angelegenheiten des Bundesrates und der Länder. 1949-72 war er Mitglied des Bundestages, 1949-66 und 1969-72 dessen Vizepräsident. Aufgrund seines europapolitischen Engagements wurde ihm 1949-53 der Vorsitz und 1953-56 der stellv. Vorsitz im Außenpolitischen Ausschuß des Bundestages übertragen. In dieser Funktion reiste er 1955 mit Adenauer nach Moskau, um über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und die Freilassung der dt. Kriegsgefangenen zu verhandeln Große Verdienste erwarb er sich um die Aussöhnung mit Frankreich, Polen und Israel. Bereits 1956 sprach er sich für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie aus; 1969 berief ihn Willy Brandt in das Amt des Koordinators für die dt.-franz. Zusammenarbeit.

    S. machte sich nicht nur als Politiker, sondern auch als homme de lettres einen Namen. Er übersetzte u. a. Dante, Baudelaires „Fleurs du mal“, Komödien Calderóns, Rostands und Lope de Vegas, auf Bitten André Malraux' dessen Anti-Memoiren. In eigenen Gedichten offenbarte er sich als ein Mensch voller Selbstzweifel und Melancholie.

  • Auszeichnungen

    Senator d. MPG (1951, Ehrensenator 1970); Gr. BVK (1955); Goethepreis d. Stadt Frankfurt (1967); Großoffz. d. franz. Ehrenlegion (1971); Dr. h. c. (Paris 1972, Tübingen 1977).

  • Werke

    Die Forderungen d. Tages, Reden u. Aufsätze, 1946;
    Pol. u. Geist, 1961;
    Ges. Werke, 3 Bde., 1973-79;
    Pol. muß menschl. sein, Essays, 1980.

  • Literatur

    C. S., Bibliogr., bearb. v. H. G. Lehmann, 1977;
    G. Hirscher, C. S. u. d. Gründung d. Bundesrep., Eine pol. Biogr., 1986 (P);
    P. Weber, C. S. 1896-1979, Eine Biogr., 1996 (W, L, P), Tb.ausg. 1998;
    dies., in: H. Sarkowicz (Hg.), Sie prägten Dtld., Eine Gesch. d. Bundesrep. in pol. Porträts, 1999 (P);
    Nach-Denken, C. S. u. seine Pol., hg. v. Haus d. Gesch. d. BRD, 1997;
    G. Taddey (Hg.), C. S., Mitgestalter d. Nachkriegsentwicklung im dt. Südwesten, Symposium anläßl. seines 100. Geb.tages am 7. Dez. 1996 in Mannheim, 1997;
    Klimesch (P);
    Gr. Deutsche III (P);
    Killy;
    Baden-Württ. Biogrr. I;
    Kanzler u. Min.;
    Frankfurter Biogr.;
    Munzinger; |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Archiv d. soz. Demokratie d. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.

  • Autor

    Petra Weber
  • Empfohlene Zitierweise

    Weber, Petra, "Schmid, Carlo" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 151-152 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118608606.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA