Lebensdaten
1901 – 1994
Geburtsort
Bonn
Sterbeort
Bad Soden am Taunus
Beruf/Funktion
Bankier
Konfession
römisch-katholisch
Normdaten
GND: 118500260 | OGND | VIAF: 56739642
Namensvarianten
  • Abs, Hermann Josef
  • Abs, Hermann
  • Abs, Hermann Josef
  • mehr

Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Abs, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118500260.html [14.04.2024].

CC0

  • Hermann J. Abs war der einflussreichste deutsche Bankier des 20. Jahrhunderts. Als Vorstandsmitglied, Sprecher und Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank prägte er die Finanzgeschichte von der NS-Zeit bis in die Bundesrepublik. Abs war ein wichtiger Wirtschaftsberater von Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876–1967) und gilt als zentrale Figur des „Rheinischen Kapitalismus“ mit dessen enger Verflechtung von Banken, Industrie und Politik.

    Lebensdaten

    Geboren am 15. Oktober 1901 in Bonn
    Gestorben am 5. Februar 1994 in Bad Soden am Taunus
    Grabstätte Friedhofskapelle St. Gertrud in Oedingen (Remagen, Nordrhein-Westfalen)
    Konfession römisch-katholisch
    Hermann Abs, Imago Images (InC)
    Hermann Abs, Imago Images (InC)
  • Lebenslauf

    15. Oktober 1901 - Bonn

    - 1920 - Bonn

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Humanistisches Gymnasium

    1920 - 1921 - Bonn

    Banklehre

    Bankhaus Louis David

    1920 - 1921 - Köln; Bonn

    Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften (ohne Abschluss)

    Universität

    1921 - 1923 - Köln

    Angestellter

    Bankhaus Delbrück von der Heydt & Co.

    1923 - 1925 - Amsterdam

    Devisenhändler

    Bankhaus Rhodius Koenigs Handel-Maatschappij

    1925 - London

    Angestellter (Devisenhandel und Rembourskredite)

    Bankhaus Guarantee Trust Co (New York)

    1925 - New York City; New Orleans

    Angestellter (Warentermingeschäfte; Organisation und Vertriebswege)

    Belgischer Baumwollmakler; Stewart Brothers

    1926 - Brasilien; Uruguay; Argentinien

    Studienreisen (Textilhandel; internationale Finanzwelt)

    1927 - 1928 - Amsterdam; Haarlem (Nordholland, Niederlande)

    Angestellter

    Bankhaus Rhodius Koenigs Handel-Maatschappij

    1929 - Berlin

    Prokurist, 1932 Einzelprokura

    Bankhaus Delbrück Schickler & Co.

    1935 - Berlin

    Teilhaber

    Bankhaus Delbrück Schickler & Co.

    1937 - 1978 - Frankfurt am Main

    Mitglied, später Vorsitzender des Aufsichtsrats

    Metallgesellschaft AG

    1938 - 1945 - Berlin

    Vorstandsmitglied; Leiter des Auslandsgeschäfts

    Deutsche Bank AG

    1938 - 1987 - Gelsenkirchen

    Mitglied, später Vorsitzender des Aufsichtsrats

    Bergwerkgesellschaften Dahlbusch AG

    1939 - 1977 - Essen

    Vorsitzender des Aufsichtsrats

    RWE AG

    1940 - 1945 - Frankfurt am Main

    Mitglied des Aufsichtsrats

    I.G. Farben AG

    1941 - 1945 - Berlin

    Mitglied des Aufsichtsrats

    Kontinentale Öl AG

    1941 - 1945 - Leipzig

    Mitglied des Aufsichtsrats

    Pittler AG

    1941 - 1945 - Rochlitz bei Leipzig

    Mitglied des Aufsichtsrats

    Mechanik GmbH

    1943 - 1989 - Stolberg

    Vorsitzender des Aufsichtsrats

    William Prym-Werke GmbH Co. KG

    1946 - Hamburg

    Inhaftierung (3 Monate) durch die britischen Besatzungsbehörden

    1947 - 1973 - München

    Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats

    Siemens AG

    1948 - 1958 - Frankfurt am Main

    Stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats, bis 31.3.1952 als Sprecher in den Vorstand delegiert

    Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)

    1948 - 1952 - Frankfurt am Main

    Sprecher des Vorstands

    KfW

    1949 - 1963 - Bonn

    informeller Finanzberater des Bundeskanzlers Konrad Adenauer (1876–1967)

    Bundesregierung

    1952 - 1953 - London

    Leiter

    bundesdeutsche Delegation bei den Londoner Schuldenverhandlungen zur Regelung der deutschen Auslandsschulden

    1952 - Den Haag

    Mitwirkung am Wiedergutmachungsabkommen mit Israel (Luxemburger Abkommen)

    Bundesrepublik Deutschland, Staat Israel, Jewish Claims Conference

    1952 - 1957 - Frankfurt am Main

    Vorstandssprecher

    Süddeutsche Bank AG

    1952 - 1972 - Offenbach am Main; Frankfurt am Main

    Mitglied, ab 1960 Präsident des Verwaltungsrats

    Deutsche Bundesbahn

    1952 - 1970 - Ludwigshafen

    Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats

    BASF AG

    1952 - 1976 - Hamburg

    Mitglied des Aufsichtsrats

    Phoenix Gummiwerke AG

    1955

    Leiter

    bundesdeutsche Delegation bei den Besprechungen über das deutsche Vermögen in den USA

    1955 - 1970 - Stuttgart

    Vorsitzender des Aufsichtsrats

    Daimler Benz AG

    1957 - 1967 - Frankfurt am Main

    Vorstandssprecher

    Deutsche Bank AG

    1959 - 1973 - Frankfurt am Main

    Vorsitzender des Verwaltungsrats

    KfW

    1960 - Indien; Pakistan

    Reise im Auftrag der Weltbank mit Sir Oliver Franks (1905–1992) und Allan Sproul (1896–1978)

    1960 - 1972 - Köln

    Vorsitzender des Aufsichtsrats

    Deutsche Lufthansa AG

    1967 - 1976 - Frankfurt am Main

    Vorsitzender des Aufsichtsrats

    Deutsche Bank AG

    1968 - 1970 - Essen

    Vorsitzender des Aufsichtsrats

    Fried. Krupp GmbH

    1971 - 1973 - Dortmund

    Vorsitzender des Aufsichtsrats

    Hoesch AG

    5. Februar 1994 - Bad Soden am Taunus
  • Genealogie

    Vater Josef Abs 6.12.1862–23.5.1943 Dr. iur.; Rechtsanwalt in Bonn; Justizrat; Vorstandsmitglied der Braunkohlen-Gesellschaft Hubertus in Brüggen an der Erft; Aufsichtsratsvorsitzender der Erft-Bergbau AG und weitere Aufsichtsratsmandate; Vorstandsmitglied der Arbeitgeberverbände im Rheinischen Braunkohlenrevier
    Großvater väterlicherseits Johann Gottfried Abs 23.6.1823–29.3.1886 Schreinermeister und Möbelfabrikant in Euskirchen
    Großmutter väterlicherseits Gertrud Rosa Abs, geb. Lux
    Mutter Katharina (Nettchen) Abs, geb. Lückerath 25.4.1865–2.8.1963
    Großvater mütterlicherseits Caspar Lückerath 4.11.1820–25.9.1882 aus Euskirchen; Textilfabrikant ebenda
    Großmutter mütterlicherseits Maria Catharina Josefine Lückerath, geb. Boley 1824–1894 aus Witterschlick
    Brüder vier ältere Brüder die beiden ältesten Brüder fielen im Ersten Weltkrieg
    Schwester Maria Abs 1906–1973
    Heirat 15.2.1928
    Ehefrau Inez Abs , geb. Schnitzler 1908–1991
    Schwiegervater Adolf Otto Schnitzler 15.8.1882–21.3.1963 aus Düsseldorf; Dr. iur.; katholisch
    Schwiegermutter Johanna Franziska Theodora Doris Schnitzler, geb. Minderop 13.4.1887–18.2.1953 aus Köln
    Sohn Thomas Vincent Abs 1929–2001 Landwirt auf Gut Engelshof bei Köln
    Tochter Marion Claude Ehlen, geb. Abs geb. 1930
    Tante der Ehefrau Johanna Josephine Maria Alice Neven Dumont 19.4.1877–3.8.1964 aus Köln; Politikerin; seit 1914 in der deutschen Frauenbewegung aktiv, 1930/31 Mitglied des Rheinischen Provinziallandtags (DVP); verh. mit Alfred Eduard Maria Johann Neven DuMont (1868–1940), Verleger in Köln; Handelsrichter; stellvertretender Vorsitzender des Vereins Deutscher Zeitungsverleger; Vorstandsmitglied des Vereins Rheinischer Zeitungsverleger; Dr. iur. h. c.
    Großvater der Ehefrau Robert Schnitzler 1852–1919 Tabakfabrikant
    Großvater der Ehefrau Henri Minderop Tabakfabrikant
    Diese Grafik wurde automatisch erzeugt und bietet nur einen Ausschnitt der Angaben zur Genealogie.

    Abs, Hermann (1901 – 1994)

    • Vater

      Josef Abs

      6.12.1862–23.5.1943

      Dr. iur.; Rechtsanwalt in Bonn; Justizrat; Vorstandsmitglied der Braunkohlen-Gesellschaft Hubertus in Brüggen an der Erft; Aufsichtsratsvorsitzender der Erft-Bergbau AG und weitere Aufsichtsratsmandate; Vorstandsmitglied der Arbeitgeberverbände im Rheinischen Braunkohlenrevier

      • Großvater väterlicherseits

        Johann Abs

        23.6.1823–29.3.1886

        Schreinermeister und Möbelfabrikant in Euskirchen

      • Großmutter väterlicherseits

        Gertrud Abs,

    • Mutter

      (Nettchen) Abs,

      25.4.1865–2.8.1963

      • Großvater mütterlicherseits

        Caspar Lückerath

        4.11.1820–25.9.1882

        aus Euskirchen; Textilfabrikant ebenda

      • Großmutter mütterlicherseits

        Maria Lückerath

        1824–1894

        aus Witterschlick

    • Schwester

      Maria Abs

      1906–1973

    • Heirat

  • Biografie

    alternativer text
    Hermann Abs, Imago Images (InC)

    Herkunft und Bildungsweg

    Abs wuchs in Erftstadt in einer katholischen Unternehmerfamilie auf. Er besuchte das städtische Humanistische Gymnasium in Bonn, erhielt intensiven Klavier- und Orgelunterricht und wurde an die bildende Kunst herangeführt. Einer Einberufung zum Kriegsdienst entging er aufgrund seines Alters.

    Nach dem Abitur im Frühjahr 1920 immatrikulierte sich Abs für Staats- und Rechtswissenschaften an der Universität Bonn und nahm gleichzeitig eine Lehre an der Bonner Privatbank Louis David auf. Nach Abschluss der Lehre 1921 lernte er Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Spanisch und Niederländisch) und vertiefte seine praktischen Fähigkeiten im Bankgeschäft. Seinen Plan, das Studium in München fortzusetzen, gab Abs wegen einer schweren Erkrankung seiner Schwester auf, da die finanziellen Möglichkeiten der Familie ein Studium nicht mehr erlaubten.

    Beruflicher Aufstieg

    Seine erste feste Anstellung fand Abs als Angestellter der Kölner Bank Delbrück von der Heydt & Co. In Köln knüpfte er wichtige berufliche Kontakte und lernte auch seine spätere Frau Inez Schnitzler (1908–1991) kennen. 1923 nahm er ein Angebot an, als Devisenhändler an die Amsterdamer Rhodius Koenigs Handel-Maatschappij zu gehen, wo er alle Facetten des internationalen Kapitalmarktgeschäfts kennenlernte. Weitere Stationen führten ihn nach London, New York und verschiedene lateinamerikanische Städte. 1929 trat Abs als Prokurist in das Berliner Bankhaus Delbrück Schickler & Co. ein mit der Perspektive auf eine Teilhaberschaft. Hier war er während der Weltwirtschaftskrise mit der Sanierung notleidender Großunternehmen wie dem Karstadt-Konzern befasst, mit denen Delbrück Schickler & Co. geschäftliche Verbindungen hatte, ebenso mit der Auflösung riskanter Kreditgeschäfte wie mit der Warenhauskette Hermann Tietz und der Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei (Nordwolle) 1931, die seine Bank vor größeren Verlusten bewahrte.

    Bankier im „Dritten Reich“

    Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme konnte Abs seine steile Karriere fortsetzen, obwohl er nie Mitglied der NSDAP oder anderer Parteiorganisationen wurde. 1935 Teilhaber von Delbrück Schickler & Co, spielte er u. a. eine wichtige Rolle bei der Reprivatisierung der Commerzbank. Auch sonst baute er seinen Einfluss im deutschen Finanzwesen aus: 1936 hatte er bereits 14 Aufsichtsratsmandate und saß im Vorstand der Berliner Wertpapierbörse. Im September 1937 wurde er als Nachfolger von Gustav Schlieper (1880–1937) in den Vorstand der Deutsche Bank AG berufen. Offiziell trat er dieses Amt erst im Januar 1938 an, nahm jedoch zuvor schon an Vorstandsitzungen teil. Im Vorstand zuständig für das Auslandsgeschäft und die Industriefinanzierung, machten ihn die Leitung dieser Geschäftsfelder, obgleich er nicht Sprecher des Vorstands war, zur herausragenden Figur des Bankhauses. Abs übernahm zudem wichtige Funktionen in der deutschen Finanzdiplomatie, so als Mitglied der deutschen Delegation bei den insgesamt neun Stillhaltevereinbarungen, die Deutschland mit verschiedenen Staaten über die deutschen Auslandsschulden abschloss.

    Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs baute Abs die Deutsche Bank zu einem europäischen Konzern aus. Systematisch erwarb er für die Bank Finanz- und Unternehmensbeteiligungen in den besetzten Gebieten. Er nutzte hierbei seine internationalen Verbindungen, die ihm einen informellen Zugang zu den wichtigen Personen und Stellen vor Ort verschafften. Zugleich profitierte die Deutsche Bank gerade im Ausland erheblich von der „Arisierung“ jüdischen Besitzes: Dies betraf etwa den Petschek-Konzern und die Böhmische Union Bank im Protektorat Böhmen und Mähren, die von der Deutschen Bank übernommen wurde. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 sicherte Abs dem Finanzhaus die Mehrheitsanteile der größten Österreichischen Bank, der Creditanstalt Bankverein, die durch ihre zahlreichen Beteiligungen in Südosteuropa strategisch von großer Bedeutung war. Abs spielte auch eine entscheidende Rolle bei der Arisierung des Bankhauses Mendelssohn sowie des Lederwarenkonzerns Adler & Oppenheimer.

    Zudem organisierte Abs für das NS-Regime verdeckte Devisen- und Goldtransaktionen mit dem Ausland. So kaufte er im Auftrag Hermann Görings (1893–1946) in Schweden Reichsanleihen auf, die mit beschlagnahmten Goldbeständen aus den Niederlanden und Belgien gegenfinanziert wurden. Die Deutsche Bank transferierte auch Raubgold, das im Zuge der „Aktion Reinhardt“ in Konzentrationslagern von ermordeten Juden gesammelt wurde, auf ihre Konten in der Schweiz. Abs gab 1981 in einem Gespräch mit Joachim Fest (1926–2006) zu, von den NS-Verbrechen gewusst, aber daraus keine Konsequenzen gezogen zu haben. Zwar hatte er Verbindungen zu Vertretern des konservativen Widerstands, insbesondere zu Mitgliedern des Kreisauer Kreises: Mit Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904–1944) verband ihn eine langjährige Freundschaft, und auch mit Carl Goerdeler (1884–1945) und Helmuth James Graf von Moltke (1907–1945) hatte er mehrfach Kontakt. Allerdings war Abs nicht bereit, den Widerstand gegen Hitler aktiv zu unterstützen, obgleich diese Bitte wohl 1941 an ihn herangetragen wurde.

    Kriegsende, Entnazifizierung und Wiederaufstieg

    Nach Kriegsende arbeitete Abs zunächst informell als Wirtschaftsberater für die britische Besatzungsverwaltung, wurde aber Anfang 1946 auf Druck der US-Amerikaner von seinem Vorstandsposten entlassen und für drei Monate interniert. Ein im Februar 1948 durchgeführtes Entnazifizierungsverfahren stufte ihn in die Kategorie V (entlastet) ein. In den Nürnberger Prozessen wurde er als Zeuge verhört, aber nicht angeklagt. 1948 Vorstandssprecher der Kreditanstalt für Wiederaufbau, war er für die Verteilung der Hilfsgelder aus dem Marshall Plan zuständig.

    1952 kehrte Abs an die Spitze der zu diesem Zeitpunkt noch regional aufgespaltenen Deutschen Bank zurück: Er wurde Vorstandssprecher der Süddeutschen Bank AG, führte diese jedoch von Frankfurt am Main aus, wo später die wiedervereinigte Deutsche Bank ihren Hauptsitz nahm. Im selben Jahr leitete er zudem die bundesdeutsche Delegation bei der Londoner Konferenz und erreichte eine für die Bundesrepublik günstige Regelung der Auslandsschulden. Das Londoner Schuldenabkommen von 1953 machte die deutschen Banken wieder international geschäftsfähig und war für Abs ein wichtiger Schritt zu seiner vollständigen Rehabilitation. Er leitete zudem die bundesdeutsche Delegation, die 1952 das Luxemburger Abkommen über die finanzielle Wiedergutmachung gegenüber dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference aushandelte.

    Abs galt in den 1950er Jahren als enger wirtschaftlicher Berater Konrad Adenauers (1876–1967) und pflegte gute Beziehungen in Wirtschaft und Politik, ohne jemals ein politisches Amt zu bekleiden. Regelmäßig nahm er an den Sitzungen des Kabinettsauschusses für Wirtschaft teil. Nach der Rezentralisierung der Deutschen Bank im Mai 1957 wurde Abs Vorstandssprecher und führte das Bankhaus wieder zu internationaler Größe. Die Deutsche Bank finanzierte einen erheblichen Teil des deutschen Außenhandels und wurde auch erneut im internationalen Emissions- und Wertpapiergeschäft aktiv. Abs war zurückhaltend bei riskanten Krediten oder Wertpapiergeschäften und setzte eher auf solide Hausbankpartnerschaften mit der bundesdeutschen Industrie, die nach dem Krieg hohen Investitionsbedarf hatte.

    Öffentliche Rolle und Kritik

    Als wichtiger Repräsentant des „Rheinischen Kapitalismus“ verkörperte Abs die enge Verflechtung von Banken, Industrie und Politik, welche die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit prägte. Der große Einfluss des Bankiers stieß aber zunehmend auf Kritik, Anstoß erregten v. a. seine zahlreichen Mandate: 1960 saß er in dreißig Aufsichts- und Verwaltungsräten großer Unternehmen, bei 21 führte er den Vorsitz. Hinzu kamen viele Mandate bei Banken und Unternehmen im Ausland. Der Bundestag nahm dies zum Anlass, im Zuge der Novellierung des Aktiengesetzes von 1965 die Zahl der Aufsichtsratsposten auf 15 pro Person zu begrenzen („Lex Abs“).

    Seit den späten 1960er Jahren wuchs die Kritik an der Macht der Banken und deren Kontinuitäten zur NS-Zeit, wobei besonders Abs im Fokus der Aufmerksamkeit stand, etwa in dem Buch des Ostberliner Historikers Eberhard Czichon (1930–2020) „Der Bankier und die Macht. Hermann Josef Abs in der deutschen Politik“ (1970), worin Czichon Abs‘ Mitwirken am nationalsozialistischen Regime und dessen Verbrechen sowie die Kontinuität der wirtschaftlichen Eliten vom „Dritten Reich“ in die Bundesrepublik belegen wollte. Zwar verhinderte Abs auf juristischem Weg 1972 eine weitere Publikation des Werkes, die Kritik an seiner Person v. a. aus der Studentenbewegung und linken Gruppierungen verstummte jedoch nicht. Aufgrund seiner NS-Vergangenheit scheiterte 1989 die Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Bonn.

    Ungeachtet dessen blieb Abs nach seinem Ausscheiden aus dem Vorstand der Deutschen Bank 1967 einflussreich, leitete bis 1976 den Aufsichtsrat und war bis zu seinem Tod dessen Ehrenvorsitzender. Er engagierte sich in der katholischen Kirche und förderte Musik- und Kunsteinrichtungen, so etwa die Beethovenhalle in Bonn und das Stuttgarter Melos Quartett. Mit Helmut Schmidt (1918–2015), Michael Otto (geb. 1943) und Gerd Bucerius (1906–1995) gründete er 1993 die Deutsche Nationalstiftung zur Förderung des Zusammenwachsens Deutschlands nach der Wiedervereinigung.

  • Auszeichnungen

    1953 Groβes Verdienstkreuz mit Stern (1966 mit Stern und Schulterband, 1988 Großkreuz) des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
    1955 Ritter des Päpstlichen Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem (1963 Großkreuz, 1971–1985 Statthalter der Deutschen Statthalterei)
    1960–1994 Vorsitzender des Vereins Beethoven-Haus, Bonn
    1962–1971 Mitglied des Advisory Board der International Finance Corporation
    1963 japanischer Orden des Geheiligten Schatzes 1. Klasse (Großkreuz)
    1965 Großkreuz des argentinischen Ordens des Befreiers San Martin
    1965 Großkreuz des brasilianischen Nationalen Ordens vom Kreuz des Südens
    1965 Großoffizier des belgischen Kronenordens
    1965 Dr. h. c., Universitäten Göttingen und Mannheim
    1966 Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main
    1966–1994 Vorsitzender des Kuratoriums des Fördervereins der Alten Pinakothek, München
    1967 Großkreuz des portugiesischen Christusordens
    1967 Großkreuz des argentinischen Mai-Ordens
    1969 Großkreuz des päpstlichen Gregoriusordens
    1970 2. Klasse des indonesischen Ordens Bintang Mahaputera
    1970–1994 Vorsitzender der Administration des Städelschen Kunstinstituts, Frankfurt am Main
    1970–1994 Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Daimler Benz AG
    1974–1994 Ehrenvorsitzender des Verwaltungsrats der KfW
    1974–1994 Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Deutschen Lufthansa AG
    1974 Mitglied des International Advisory Board von R. J. Reynolds Industries, Inc., Winston-Salem (North Carolina, USA)
    1975 Großes Silbernes Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich
    1975 Medaille des brasilianischen Bundesstaates Guanabara
    1976–1994 Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Deutsche Bank AG
    1979 Großoffizier des südafrikanischen Ordens der Guten Hoffnung
    1979 Großoffizier des chilenischen Ordens Bernardo O´Higgins
    1980 Rittergroßkreuz des niederländischen Ordens von Oranien-Nassau
    1981 Ehrenbürger der Stadt Frankfurt am Main
    1984 Großkreuz des Ordens Stern von Jordanien
    1986 Großkreuz des Fürstlich Liechtensteinischen Verdienstordens
    1990 Hessischer Verdienstorden
    1992 Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen
    Vorsitzender weiterer Aufsichtsräte: Dortmund-Hörder Hüttenunion AG, Phoenix Gummiwerke AG, Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG, Salamander AG, Vereinigte Glanzstoff AG; zahlreiche Ehrenvorsitze von Aufsichtsräten

    Ehrendoktorate der Universitäten Sofia (Bulgarien) und Tokio (Japan)

    Gedenktafel am Geburtshaus, Bonn, Thomas-Mann-Str. 44

  • Quellen

    Nachlass:

    Historisches Archiv der Deutschen Bank, Nachlass Hermann J. Abs.

  • Werke

    Vorträge:

    Die Londoner Schuldenkonferenz. Vortrag als Stenogramm gedruckt, 1952.

    Fragen der Zahlungsbilanz, des Geld- und Kapitalmarktes in der Bundesrepublik. Vortrag gehalten im Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, 1954.

    Finanzierungsfragen im Bergbau. Vortragsreihe des Deutschen Industrieinstituts, 1954, Nr. 51.

    Der Schutz des Privateigentums als politischer Faktor. Vortragsreihe des Deutschen Industrieinstituts, 1955, Nr. 26.

    Geld und Kredite in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Vortragsreihe des Deutschen Industrieinstituts, 1958, Nr. 45.

    Aufgaben europäischer Zusammenarbeit. Vortragsreihe des Deutschen Industrieinstituts, 1958, Nr. 25.

    Die Konjunktur bleibt ruhig. Vortrag, gehalten auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank AG, April 1959.

    Geldwert und Währung in der EWG. Vortragsreihe des Deutschen Industrieinstituts, 1960, Nr. 6.

    Verantwortung für Währung und Wirtschaft. Vortragsreihe des Deutschen Industrieinstituts, 1960, Nr. 24.

    Keine Aufwertung der DM! Vortragsreihe des Deutschen Industrieinstituts, 1960, Nr. 40.

    Die internationale Wirtschaftsbeziehungen. Vortragsreihe des Deutschen Industrieinstituts 1961, Nr. 28.

    Die Unternehmensfinanzierung in der derzeitigen Konjunkturlage. Wirtschaftliche Mitteilungen der Deutschen Bank AG, 1962, Nr. 3.

    Der europäische Wertpapier- und Emissionsmarkt im Hinblick auf internationale Finanzierungen. Vortrag gehalten im Rahmen der Beratung der 28. Sitzung des Instituts international d'études bancaires, Februar 1964.

    Internationale Anleihen. Vortrag gehalten im Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, 1968.

    Die Vereinigten Staaten und Europa, Konkurrenten oder Partner? Die amerikanischen Direktinvestitionen in Europa. Vortrag, gehalten im Rahmen der Beratung des Institut international d'études bancaires, Februar 1969.

    Monografien, Beiträge zu Sammelbänden und Zeitungsartikel:

    Der Wechselkurs. Kein Feld für Experimente, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.6.1960, S. 5.

    Zur währungspolitischen Situation. Wirtschaftliche Mitteilungen der Deutschen Bank AG, 1964, Nr. 2.

    Probleme des deutschen Kapitalmarktes, Düsseldorf 1966.

    Die rechtliche Problematik privater Auslandsinvestitionen, 1969.

    Lebensfragen der Wirtschaft, Mit einer Einführung u. einem Beitrag v. Hans L. Merkle, 1976.

    Die Wiederherstellung des deutschen Kredits, in: Hans-Peter Schwarz (Hg.), Die Wiederherstellung des deutschen Kredits, 1982, S. 12–37.

    Probleme der deutschen Auslandsverschuldung und der Auslandskredite, in: ebd., S. 80–96.

    Die wirtschaftliche Situation in der Bundesrepublik Deutschland aus der Sicht eines Bankiers, 1985.

    Aussenpolitik und Auslandsschulden. Erinnerungen an das Jahr 1952, 1990.

    Der Weg zum Londoner Schuldenabkommen, in: Föderalismus und Finanzpolitik. Gedenkschrift für Fritz Schäffer, hg. v. Wolfgang J. Mückl, 1990, S. 81–93.

    Entscheidungen: 1949–1953. Die Entstehung des Londoner Schuldenabkommens, 1991.

    Mein Eintritt in die Deutsche Bank, in: Historische Gesellschaft der Deutschen Bank (Hg.), Öffentliche Gründungsveranstaltung am 12. Juni 1991 in Frankfurt am Main, 1991, S. 32–45.

  • Literatur

    Monografien und Sammelbände:

    Werner Knopp (Hg.), Spiegelungen. Festgabe zum 85. Geburtstag von Hermann J. Abs, 1986.

    Anselm Doering-Manteuffel, Die Bundesrepublik Deutschland in der Ära Adenauer. Außenpolitik und innere Entwicklung 1949-1963, 21988.

    Manfred Pohl (Hg.), Hermann J. Abs. Eine Bildbiographie, 21992. (P)

    Eberhard Czichon, Die Bank und die Macht. Hermann Josef Abs, die Deutsche Bank und die Politik, 1995.

    Jonathan Steinberg, Die Deutsche Bank und ihre Goldtransaktionen während des Zweiten Weltkrieges, 1999.

    Dieter Ziegler (Hg), Großbürger und Unternehmer. Die deutsche Wirtschaftselite im 20. Jahrhundert, 2000.

    Eberhard Czichon, Deutsche Bank – Macht – Politik. Faschismus, Krieg und Bundesrepublik, 2001.

    Harold James, Die Deutsche Bank und die „Arisierung“, 2001.

    Harold James, Die Deutsche Bank im Dritten Reich, 22009.

    Lothar Gall, Der Bankier Hermann Josef Abs. Eine Biographie, 2004. (Qu, P)

    Christopher Kopper, Bankiers unterm Hakenkreuz, 2005.

    Werner Plumpe/Alexander Nützenadel/Catherine Schenk, Deutsche Bank. Die globale Hausbank 1870–2020, 2020. (P)

    Aufsätze:

    Joachim Fest, Hermann J. Abs, im Gespräch mit Joachim Fest, in: Karl B. Schnelting (Hg.), Zeugen des Jahrhunderts. Porträts aus Wirtschaft und Gesellschaft, 1981, S. 11–56.

    Bernd Baehring, Hermann J. Abs (1901–1994), in: Lothar Gall (Hg.), Die großen Deutschen unserer Epoche, 1995, S. 654–666.

    Hans E. Büschgen, Die Deutsche Bank von 1957 bis zur Gegenwart. Aufstieg zum internationlen Finanzdienstleistungskonzern, in: Lothar Gall/Gerald D. Feldman/Harold James/Carl-Ludwig Holtfrerich,/Hans E. Büschgen, Die Deutsche Bank 1870–1995, 1995, S. 579–877. (P)

    Harald Wixforth/Dieter Ziegler, Deutsche Privatbanken und Privatbankiers im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 23 (1997), H. 2, S. 205–235.

    Lexikonartikel:

    Reinhard Frost, Art. „Abs, Hermann Josef“ in: Frankfurter Biographie, hg. v. Wolfgang Klötzer, bearb. v. Sabine Hock/Reinhard Frost, Bd. 1, 1994. (P)

    Reinhard Frost, Art. „Abs, Hermann J.“, in: Frankfurter Personenlexikon, 2021. (L, P, Datenbanken) (Onlineressource)

  • Onlineressourcen

  • Porträts

    Fotografien, Historisches Archiv der Deutschen Bank, Frankfurt am Main.

    Fotografien, Bildarchiv des Bundesarchivs.

  • Autor/in

    Alexander Nützenadel (Berlin)

  • Zitierweise

    Nützenadel, Alexander, „Abs, Hermann“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2023, URL: https://www.deutsche-biographie.de/118500260.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA