Lebensdaten
1893 bis 1946
Geburtsort
Reval (Tallinn, Estland)
Sterbeort
Nürnberg
Beruf/Funktion
NS-Politiker ; Ideologe
Konfession
evangelisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 118602691 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rosenberg, Alfred
  • Rosenberg, A.
  • Rosenberg, Alfred Ernst
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Rosenberg, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118602691.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus dt-, ehemals z. T. lett.-sprachiger Fam, in Estland;
    V Walter Wilhelm (1862–1904), aus R., Kaufm., zuletzt Dir. d. Niederlassung e. dt. Handelsfirma in R., S d. Martin (1820–96), aus Riga, Schuhmachermeister in R.;
    M Elfriede Luise Caroline (1869–93), aus ursprüngl. franz. Fam, in St. Petersburg, T d. Friedrich August Siré (1843–1916), Buchhalter, Eisenbahnbeamter. Bes. e. Färberei, zuletzt in Baku, u. d. Luise Rosalie Fabricius (1842–1919);
    Ur-Gvv Johann (* 1781), aus Dickeln (Livland), Schmied: Ur-Gvm Otto Ludwig Siré (1809–83), aus Libau, Mitmeister d. Amtes d. Maurer zu Königsberg, Hans Heinrich Stramm, Müller in Sellie;– 1) auf d. Krim 1915 ( 1923) Hilda, T d. J. Leesmann, aus R., russ. KR, 2) 1925 Hedwig Kramer (?).

  • Leben

    Früh verwaist, wuchs R. unter der Obhut zweier Tanten in Reval auf. Nach Gymnasialausbildung und Studium an der TH Riga legte er im Dez. 1917 in Moskau an der evakuierten Anstalt das Examen als Architekt ab. Seit Nov. 1918 in München, trat er der antikommunistischen und antisemitischen „Thule-Gesellschaft“ bei, schloß sich Dietrich Eckart (1868–1923) an, der ihn 1921 in die Redaktion des „Völkischen Beobachters“ holte, und wurde 1922 Mitglied der NSDAP. Von Febr. 1923 bis zum Hitler-Putsch (9.11.1923) und von 1926 bis Ende 1937, als er aufgrund von Konflikten mit Josef Goebbels (1897–1945) und Philipp Bouhler (1899–1945) zum „Herausgeber“ degradiert wurde, wirkte R. als Hauptschriftleiter des „Völkischen Beobachters“. Hitler ernannte ihn während seiner Haftzeit nach dem Putsch zum Parteiführer, er vermochte sich als solcher aber nicht durchzusetzen. 1930 in den Reichstag gewählt und dort im Außenpolitischen Ausschuß tätig, wurde er im Juni 1933 Leiter des (1943 stillgelegten) Außenpolitischen Amtes der NSDAP. Am 2.6.1933 erhielt R. den Titel eines Reichsleiters der NSDAP (damals ohne konkrete Funktion). Nach dem 27.1.1934 übernahm er aufgrund eines Hitler-Auftrags die wahrscheinlich von ihm selbst formulierte Amtsbezeichnung „Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“. Am 5.7.1940 erging die von R. beantragte Vollmacht, aufgrund derer der „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ (ERR) organisiert wurde, der fortan Bibliotheken, Archivalien und seit dem 17.9.1940 auch Kunstwerke in beispiellosem Umfang beschlagnahmte. Am 29.1.1940 genehmigte Hitler die von R. seit 1936 vorbereitete „Hohe Schule“. Als erste von drei später eingerichteten Außenstellen an Universitäten (Halle, Hamburg, München) wurde am 26.3.1941 das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ eröffnet (vorbereitet seit 1939). 1941 wurde R. zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete ernannt (Bekanntgabe 18. Dez.). Im Mai 1945 stellte er sich der engl. Besatzungsmacht und wurde nach Verurteilung im Nürnberger Prozeß durch den Strang hingerichtet. Das Todesurteil wurde u. a. mit dem Kulturraub des ERR und den Verbrechen im Bereich der R. formal unterstehenden Zivilverwaltung im Osten, gegen die er nur gelegentlich Einspruch erhoben hatte, begründet.

    R. beanspruchte zeitlebens eine führende Rolle als Interpret der nationalsozialistischen „Weltanschauung“ mit ihrem antisemitischen, rassistischen, antichristlichen und nationalistischen Kern. Sein Hauptwerk „Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts“ (1930), das weitgehend auf Houston S. Chamberlains Buch „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ (1899) aufbaute, propagierte als „neuen Glauben“ den „Mythus des Blutes“, der seine „Höchstwerte“ aus dem – u. a. im bäuerlichen Brauchtum und in den germanischen Sagen erhaltenen – „Germanenerbe“ (so d. Titel seiner ur- u. frühgeschichtl. Zs.) entnehmen sollte. Die rassetypischen Tugenden der Germanen seien die des Kämpfers und „arteigenen“ Schöpfers aller wesentlichen Weltkulturen, die von der „Gegenrasse“ der Juden und dem Christentum – in beiden sah er „orientalische Mitleidsreligionen der Liebe“ – bedroht würden. Hitler bezeichnete den „Mythus“ als unverbindliche Privatarbeit, kritisierte jedoch deren eher mystischen als biologistischen Kern, beließ R. gleichwohl viel agitatorischen Spielraum.

    R. vermochte sich im Machtkampf innerhalb des Regimes keinen gestaltenden und kontinuierlichen Einfluß zu verschaffen. Er und seine Dienststellen verfaßten und verbreiteten jedoch unzählige Schriften (u. a. d. „Mitt. z. weltanschaul. Lage“ u. d. „Lex. der Juden in d. Musik“) und übten auf alle wissenschaftlichen Disziplinen (u. a. Vorgesch. u. Volkskunde) Druck aus, u. a. über den von R. im Mai 1928 gegründeten „Kampfbund für dt. Kultur“.

  • Werke

    Weitere W Die Spur des Juden im Wandel d. Zeiten, 1920;
    Wesen, Grundsätze u. Ziele d. NSDAP, 1923;
    Die Protokolle der Weisen v. Zion u. d. jüd. Weltverschwörung, 1923;
    Der Zukunftsweg d. dt. Außenpol., 1927;
    Das Wesensgefüge d. NS, 1934;
    Der Bolschewismus als Aktion e. fremden Rasse, 1935;
    An d. Dunkelmänner unserer Zeit, 1935;
    Gestaltung d. Idee, 1936;
    Prot. Rompilger, 1937;
    Letzte Aufzeichnungen, Ideale u. Idole d. nat.soz. Rev., 1955;
    Das pol. Tageh. A. R.s 1934/35 u. 1939/40, hg. v. H.-G. Seraphim, 1956 (u. ö.);
    Hg.:
    Der Weltkampf, 1924-30;
    Nat.soz. Mhh., 1930 ff.

  • Literatur

    W. Künneth, Antwort auf d. Mythus, 1935;
    S. Lang u. E. v. Schenck, Portrait e. Menschheitsverbrechers, 1947;
    A. Krebs, Tendenzen u. Gestalten d. NSDAP, 1959;
    R. Bollmus, Das Amt Rosenberg u. seine Gegner, Studien z. Machtkampf im nat.soz. Herrschaftssystem, 1970, 22004 (W, L);
    ders., Zum Projekt e. nat.soz. Alternativ-Univ., A. R.s Hohe Schule, in: M. Heinemann (Hg.), Erziehung u. Schulung im Dritten Reich, T. 2, 1980, S. 125-52;
    ders., Zwei Volkskunden im Dritten Reich, in: H. Gerndt (Hg.), Volkskunde u. NS, 1987, S. 49-60;
    ders., Das ‚Amt Rosenberg', das ‚Ahnenerbe' u. d. Prähistoriker, in: Prähistorie u. NS. hg. v. A. Leube, 2002;
    ders., in: R. Smelser u. R. Zittelmann (Hg.), Die Braune Elite I, 41999 (W, L);
    H.-A. Jacobsen, Nat.soz. Außenpol. 1933-1938, 1968;
    R. Cecil, The Myth of the Master Race, A. R. and Nazi Ideology, 1972;
    R. Baumgärtner, Weltanschauungskampf im Dritten Reich, Die Auseinandersetzung d. Kirchen mit A. R., 1977 (W, L);
    S. Kuuisto, A. R. in d. nat.soz. Außenpol. 1933-1939, 1984;
    F. Nova, A. R., Nazi Theorist of the Holocaust, 1986;
    G. Aly u.|S. Heim, Vordenker d. Vernichtung, 1991;
    U. Hartung, Raubzüge in d. Sowjetunion, 1997;
    ders., Verschleppt u. verschollen, 2000;
    F.-L. Kroll, Utopie als Ideol., 21999;
    D. Burkard. Häresie u. Mythus d. 20. Jh., R.s nat.soz. Weltanschauung vor d. Tribunal d. Röm. Inquisition, 2004 (P);
    Das dt. Führerlex., 1934 (P);
    Dt.balt. Biogr. Lex.;
    Biogr. Lex. Weimarer Rep.; L. L. Snyder, Hitler's Elite, 1989 (P);.|

  • Quellen

    Qu BA: NS 8 (darin zu d. Vorfahren R.s bes. NS 8/1, Bll. 2-3, NS 8/150, Bll. 6-8 u. 18, zus. mit BA-PK [BDC]1100/0112/84) u. NS 15.

  • Autor/in

    Reinhard Bollmus
  • Empfohlene Zitierweise

    Bollmus, Reinhard, "Rosenberg, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 59-61 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118602691.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA