Lebensdaten
1873 bis 1955
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Zürich
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118595474 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Polak, Alfred (bis 1914)
  • Douglas, Archibald (Pseudonym)
  • Polgar, Alfred
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Polgar, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118595474.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Josef Polak (* 1828), aus Ungvar (heute Slowakei), Inh. e. Klavierschule;
    M Henriette Steiner (* 1837), aus Pest (Ungarn);
    Schw Hermine (* 1866), Klavierlehrerin, B Carl Leopold (* 1868),|Musiker;
    1929 Elise Loewy ( 1] N. N.);
    1 Stief-S Erik G. Ell (1911–82), Journalist.

  • Leben

    P. absolvierte die Unterstufe des Leopoldstädter Realgymnasiums und besuchte hierauf eine Handelsschule. 1895-1919 gehörte er der Redaktion der „Wiener Allgemeinen Zeitung“ an. Zusätzlich arbeitete er für mehrere andere Blätter, anfangs auch für das Organ der Anarchisten „Die Zukunft“. P. verfaßte zunächst neben Gerichtssaalberichten vor allem Theaterkritiken. Sein Witz und seine pointierten Formulierungen verschafften ihm bald einen über Wien hinaus reichenden Ruf; sogar Karl Kraus schätzte ihn. 1905 engagierte Siegfried Jacobsohn (1881–1926) den blendenden Stilisten für die neu gegründete „Schaubühne“. Als Feuilletonist und impressionistischer Erzähler gehörte P. zum Kaffeehauskreis um Peter Altenberg (1859–1919), dessen Nachlaß er 1925 edierte. Gemeinsam mit Egon Friedell (1878–1938) trat P. auch als Kabarettautor auf; der Sketch „Goethe im Examen“ wurde ein vielbeachteter Erfolg. Bis 1914 erschienen drei Prosabände, die noch stark unter dem Einfluß der Fin de siècle-Psychologie mit ihren nervösen und erotischen Seelenqualen standen. Erst der Weltkrieg machte den Kaffeehausliteraten und Pazifisten P. zu jenem Autor, der in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Die Waffen des Schriftstellers gegen nationalistische Lügen waren Ironie und Satire. Walter Benjamin rühmte ihn als „Obersten der Saboteure“. Als Mitarbeiter der Zeitschrift „Der Friede“ und Feuilletonchef des „Neuen Tag“ wurde P. zum Vorbild des jungen Reporters Joseph Roth (1894–1939). Sozial- und Justizkritik prägen den Band „Kleine Zeit“ (1919). Mit der „kleinen Form“, als deren Meister man P. feierte, gelang ihm Unverwechselbares: Der „Marquis Posa“ wußte Leichtigkeit des Ausdrucks mit unbeugsamer Gesinnung ohne ideologischen Vorbehalt zu verbinden. Buchstäbliche „Verdichtung“ bis hin zum Epigrammatischen war sein poetisches Prinzip, radikale Skepsis zwischen Heiterkeit und Melancholie sein inneres Gesetz. Zur Methode des Prosaisten gehörte der listige Perspektivenwechsel: „Er erzählte vom Theater, und er rezensierte den Alltag“ (Reich-Ranicki). Kurt Tucholsky pries den Kollegen als „feinsten und leisesten Schriftsteller seiner Generation“.

    Seit 1926 veröffentlichte der Rowohlt Verlag eine vierbändige Auswahl der Schriften des Kritikers, „Ja und Nein“ sowie einige Skizzen- und Glossenbände. Deren erster hatte den charakteristischen Titel „An den Rand geschrieben“. Die untergehende Weimarer Republik wurde zum Lebens- und Schaffensmittelpunkt P.s.; zusammen mit seiner Frau Elise pendelte er zwischen Wien und Berlin. Carl v. Ossietzkys „Weltbühne“, das Berliner „Tagebuch“ und das „Prager Tagblatt“ zählten ihn zu ihren prominentesten Beiträgern. Für den österr. Juden, den linksliberalen Antifaschisten P. war im nationalsozialistischen Deutschland kein Platz. Anfang März 1933 floh er nach Prag. Seine materielle Situation verschlechterte sich zusehends, Beiträge für Schweizer Verlage und Journale stellten seine Haupteinnahmequelle dar. Das „Handbuch des Kritikers“, 1938 von Emil Oprecht (1895–1952) publiziert, enthält in aphoristischer Verknappung das ästhetisch-moralische Credo des Dichters im Rezensenten. Der „Anschluß“ Österreichs 1938 vertrieb P. nach Zürich. Bis zum Einmarsch der Wehrmacht lebte er hauptsächlich in Paris. Nach abenteuerlicher Flucht über die Pyrenäen gelangte er im Herbst 1940 in die Vereinigten Staaten, wo er in Hollywood einen befristeten Vertrag als Drehbuchautor erhielt. Doch blieb er, insbesondere nachdem er sich im Herbst 1943 in New York niedergelassen hatte, auf Unterstützung angewiesen. Seine streitbaren politischen Artikel gegen das Naziregime und dessen Nutznießer erreichten nur die Emigrantenleserschaft des „Aufbau“ und der „Austro American Tribune“. Nach 1945 trugen Übersetzungen amerik. Theaterstücke, darunter „Mein Freund Harvey“ von Mary Coyle Chase, wesentlich zu seinem Lebensunterhalt bei. 1949 erstmals nach Europa zurückgekehrt, ließ sich P. (seit 1945 amerik. Staatsbürger) in der Schweiz nieder. 1954 verlegte Rowohlt das erste Taschenbuch P.s: „Im Lauf der Zeit“.|

  • Auszeichnungen

    Preis d. Stadt Wien f. Publizistik (1951); Benennung e. Straße in Wien nach P. (1965).

  • Werke

    Weitere W u. a. Hiob, Ein Novellenband, 1912;
    Gestern u. heute, 1922;
    Orchester von oben, 1926;
    Ich bin Zeuge, 1927;
    Hinterland, 1929;
    Die Defraudanten (nach Motiven aus d. gleichnam. Roman V. Katajews), Komödie in drei Akten, 1931;
    In der Zwischenzeit, 1935;
    Sekundenzeiger, 1937;
    Anderseits, Erzz. u. Erwägungen, 1948;
    Ja u. Nein, Darst. v. Darstellungen, hg. (u. Nachwort) v. W. Drews, 1956;
    Bei Lichte betrachtet, Texte aus vier J.zehnten, zus.gestellt v. B. Richter, 1970;
    Taschenspiegel, hg. u. mit e. Nachwort „Alfred Polgar im Exil“ v. U. Weinzierl, 1979;
    Kl. Schrr., 6 Bde., hg. v. M. Reich-Ranicki in Zusammenarbeit mit U. Weinzierl, 1982-86;
    Übers.:
    A. P., La vida en minüscula, Traducció de M. Lobo, 1998.

  • Literatur

    Monogrr.: U. Weinzierl, Er war Zeuge, A. P., Ein Leben zw. Publizistik u. Lit., 1977 (P);
    ders., A. P., Eine Biogr., 1985 (aktualisiertes Tb. 1995, W, L, P);
    V. Bohn, Krit. Erzz., Zur Prosa A. P.s, 1978;
    E. Philippoff, A. P., Ein moral. Chronist seiner Zeit, 1980;
    |S. Nienhaus, Das Prosagedicht im Wien d. Jh.wende, Altenberg – Hofmannsthal – P., 1986. – Aufss.: R. Musil, Interview mit A. P., in: ders., Tagebücher, Aphorismen, Essays u. Reden, hg. v. A. Frisé, 1957, S. 750-55;
    H. Kesten, Meine Freunde, die Poeten, 1959, S. 79-84 (P);
    F. Torberg, P P P Pamphlete – Parodien – Postscripta, 1964, S. 387-89;
    R. Greuner, Gegenspieler, Profile linksbürgerl. Publizisten aus Kaiserreich u. Weimarer Rep., 1969, S. 127-57 (P);
    A. Warde, in: J. P. Spalek u. J. Strelka (Hg.), Dt. Exillit. seit 1933, T. 1: Kalifornien, 1976, S. 581-90;
    S. Melchinger, in: Hans Jürgen Schultz (Hg.), Journalisten üb. Journalisten, 1980, S. 161-71;
    H. Weigel, Nach wie vor Wörter, Lit. Zustimmungen, Ablehnungen, Irrtümer, 1985, S. 212-15;
    R. Koch, „Wo froh d. Reschheit mit d. Feschheit waltet …“, Ein Überblick üb. dramat. Texte A. P.s, in: Modern Austrian Literature 19, 1986, H. 2, S. 61-75;
    S. P. Scheichl, A. P. als Wiener Theaterber.erstatter d. „Schaubühne“ u. d. „Weltbühne“, in: Cahiers d'études germaniques 24, 1993, S. 149-62;
    M. Reich-Ranicki, Die Anwälte d. Lit., 1994, S. 167-85;

    BHdE II;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    Hist. Lex. Wien (P).

  • Autor/in

    Ulrich Weinzierl
  • Empfohlene Zitierweise

    Weinzierl, Ulrich, "Polgar, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 598-600 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118595474.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA