Lebensdaten
1878 bis 1934
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Konzentrationslager Oranienburg
Beruf/Funktion
anarchistischer Schriftsteller
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118584758 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jolly (Pseudonym)
  • Mühsam, Erich
  • Jolly (Pseudonym)
  • mehr

Objekt/Werk(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel
Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Mühsam, Erich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118584758.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Siegfried Seligmann (1838–1915) aus Landsberg (Oberschlesien), Apotheker in Lübeck, Mitgl. d. Bürgerschaft (s. W), S d. Moritz u. d. Charlotte Schweitzer;
    M Rosalie Cohn (1849–99) aus B.;
    Ov Samuel, Oberrabbiner in d. Steiermark;
    Vt Paul (1876–1960), Rechtsanwalt u. Notar in Görlitz, emigrierte nach Palästina (s. BHdE II);
    Kreszentia (1884–1962, s. L), T d. Gastwirts Augustin Elfinger in Haslach (Niederbayern) u. d. Creszentia N. N.;
    1 Stief-S Siegfried Elfinger (1902–69), Maler, Graphiker (s. P).

  • Leben

    M. wuchs als drittes von vier Kindern in Lübeck auf. Wegen „sozialistischer Umtriebe“ wurde er 1896 vom Gymnasium verwiesen; im selben Jahr schloß er die Untersekunda in Parchim (Mecklenburg) ab und begann eine Apothekerlehre. 1900 arbeitete er als Apothekengehilfe in Lübeck, Blomberg (Lippe) und Berlin. 1901 ließ sich M. als freier Schriftsteller in Berlin nieder, wo er Anschluß an Bohemezirkel fand und sich mit Gustav Landauer befreundete. Rasch entwickelte er sich zum markantesten und literarisch fruchtbarsten Vertreter des deutschen Anarchismus. Seine Anschauungen verschmolzen Postulate anarchistischer Theoretiker (Proudhon, Bakunin, Kropotkin, Landauer) mit Elementen des bürgerlichen Individualismus (Stirner, Nietzsche) zu einem theoretisch kaum reflektierten „Gefühlsanarchismus“, der vor allem vom Autoritätshaß und durch tief empfundene Verbundenheit mit den sozial Benachteiligten belebt wurde.|M. versuchte, der Bohemekultur einen politischen Inhalt zu geben und sie durch eine betont antibürgerliche, vitalistische Lebensführung mit seiner anarchistischen Mission zu vereinigen. Seine heftige Kritik am Reformismus und Legalismus in der SPD führte ihn zur pauschalen Ablehnung des Marxismus und schürte romantische Hoffnungen auf eine Revolte des Subproletariats. „Wanderjahre“ führten ihn 1904-08 nach Zürich, Ascona (Monte Verità), Norditalien, München, Wien und Paris; seit 1909 in München ansässig, wurde M. zu einer Zentralfigur der Schwabinger Boheme. Er war u. a. befreundet mit Heinrich Mann, Frank Wedekind und Lion Feuchtwanger. 1909 gründete er die „Gruppe Tat“ zwecks Agitation des Subproletariats für den Anarchismus. Seine Verhaftung und Anklage wegen Geheimbündelei im folgenden Jahr endete mit Freispruch. Nach Ausbruch des 1. Weltkriegs versuchte M., einen internationalen Bund der Kriegsgegner zu gründen. Seit 1916 sympathisierte er mit der Spartakusgruppe. Er gehörte zu den Organisatoren von Protesten und Streiks gegen den Krieg. Nach dem Sieg der Bolschewiki in Rußland trat M. in linke Opposition zur Münchener USPD um Kurt Eisner. Im März 1918 wurde er in Traunstein interniert.

    Am 7.11.1918 war M., ein radikaler Verfechter des Rätesystems, führend an der Revolution in München beteiligt. Als populäre Leitfigur prägte er den Verlauf der Ereignisse bis zur bayer. Räterepublik mit. Am 13.4.1919 wurde M. verhaftet und zu 15 Jahren Festungshaft (Ebrach, Ansbach, Niederschönenfeld) verurteilt. Nachdem er im Herbst für einige Wochen Mitglied der KPD war, entwarf er ein proletarisch-revolutionäres Einigungsprogramm „links von den Parteien“. Nach seiner Amnestierung am 21.12.1924 wurde M. in Berlin ansässig. Als Mitglied der „Roten Hilfe Deutschland“ setzte er sich mit Reden, Aufsätzen und Aktionen für Strafgefangene ein. 1925 wurde er wegen seiner Nähe zur KPD aus der Föderation Kommunistischer Anarchisten Deutschlands ausgeschlossen. Als Wortführer der „Anarchistischen Vereinigung“ arbeitete er in vielen linken Organisationen mit; 1927/28 gehörte er dem künstlerischen Beirat der Piscator-Bühne Berlin an. Die Spaltung und politische Ohnmacht der Linken einerseits und das Erstarken des Nationalsozialismus andererseits verbitterten ihn zunehmend. 1931 wurde M. aus dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller ausgeschlossen. Als einer der eindringlichsten und frühesten Warner vor dem Nationalsozialismus wurde er am 28.2.1933 verhaftet und im Gefängnis Lehrter Straße, KZ Sonnenburg, Gefängnis Plötzensee, Zuchthaus Brandenburg und seit Januar 1934 im KZ Oranienburg inhaftiert und gefoltert. In der Nacht zum 10.7.34 wurde er von SS-Männern ermordet.

    M.s zahlreiche Aufsätze und Gedichte seit 1898 finden sich vorwiegend in linken Zeitschriften. Autonomieanspruch und Sendungsbewußtsein verbanden sich bei ihm mit vielfältigen Begabungen, z. B. als Dramatiker, Kritiker, Redner, Kabarettist und Zeichner. Während seine frühe Lyrik Einsamkeit und Weltekel in krassen, wenngleich konventionellen Bildern artikulierte, trat M. in satirischen „Tendenzgedichten“ (u. a. in „Der wahre Jacob“, 1904/06) als scharfer Kritiker des Wilhelminismus und als „Tatpropagandist“ hervor. In „Krater“ (1909) und „Wüste – Krater – Wolken“ (1914) näherten sich lyrisches und politisches Bekenntnis einander an. Vor allem von Naturalismus und Nachnaturalismus beeinflußt (Arno Holz, Hermann Conradi, Frank Wedekind, Richard Dehmel), stand M. dem Expressionismus fern. Er blieb einer zweckhaften Poetik verbunden, die in Dichtung eher Mittel als Gegenstand geformten Ausdrucks sah. Bildhafte Drastik, Witz und polemische Treffsicherheit verbanden sich mit populären Sujets und liedhaften Formen zu einem unverwechselbaren Stil (z. B. „Der Revoluzzer“, 1907). M. war Herausgeber und Alleinautor der Monatsschrift „Kain, Zeitschrift für Menschlichkeit“ (1911/14 u. 1918/19, Neudr. 1978), in der er zur Verbrüderung der künstlerischen Intelligenz mit dem Subproletariat aufrief und der Bohemekultur einen politisch oppositionellen Inhalt geben wollte. Während des 1. Weltkriegs ohne Publikationsmöglichkeiten, vertraute er seine Zeitkritik vor allem den Tagebüchern (1910–24, Ausw. 1994) an. M.s Gedichte während des Krieges („Brennende Erde“, 1920) wenden sich von der verzweifelten Anklage zur Propagierung der bewaffneten Aktion gegen den Krieg („Soldatenlied“, entstanden 1916). Die Kampflieder greifen auf den Gestus der Vormärzdichtung zurück und fassen das Wirken von Geschichtskräften in eine naturhafte Symbolik. Mündlich und auf Flugblättern verbreitet, trugen sie bedeutend zur Kriegsgegnerschaft und Proteststimmung unter Arbeitern und Soldaten bei. „Judas, Ein Arbeiterdrama“ (1921) gestaltet einen revolutionären Streik, in dessen Verlauf der Protagonist, statt sich auf die Massen zu stützen, zur Intrige greift und wider Willen zum Verräter wird. Das Romanfragment „Ein Mann des Volkes“ (entstanden 1921-23, in: Streitschriften/Literarischer Nachlaß“, 1984) verbindet mit der satirischen Entlarvung eines Karrieresozialisten die an alle Linkskräfte gerichtete Warnung vor Korruption, Machtmißbrauch und organisatorischer Erstarrung. M.s literarische und politische Aktivitäten nach 1918 waren dem Ziel gewidmet, die zersplitterte Linke von der Bindung an Parteien und Gewerkschaften zu lösen und zur revolutionären Bewegung zu formen. Sein lyrisches Schaffen beschränkte sich auf satirische und Kampfdichtung, die z. T. in den nachrevolutionären Unruhen große Verbreitung fand (z. B. „Max-Hoelz-Marsch“, entstanden 1920, in: „Revolution, Kampf-, Marsch- u. Spottlieder“, 1925). Doch machte sich zunehmend Enttäuschung über das Ausbleiben der Revolution in einem Gestus der Beschwörung und der Schelte bemerkbar (z. B. „Mahnung der Gefallenen“, in: „Alarm, Manifeste aus 20 Jahren“, 1925). Die Broschüre „Gerechtigkeit für Max Hoelz!“ (1926) war ein leidenschaftliches und faktenreiches Plädoyer für den politischen Gefangenen Hoelz. Die Monatsschrift „Fanal“ (1926-31, Neudr. 1973) spiegelte mit überwiegend eigenen Beiträgen die zunehmende Verhärtung seines anarchistischen Revolutionskonzepts und eine entsprechende politische Isolierung wider, die auch seinen meisterhaften Analysen des Verfalls der Weimarer Demokratie die Breitenwirkung entzog. „Unpolitische Erinnerungen“ (in: Vossische Ztg., 1927–29, Privatdr. 1931, u. d. T. „Namen u. Menschen“, 1949) bieten einen memoirenhaften und atmosphärisch dichten Rückblick auf die Bohemekultur nach der Jahrhundertwende. Das Dokumentarstück „Staatsräson, Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti“ (1928), verfaßt für die Piscator-Bühne, versuchte mit beträchtlichem Erfolg, die Empörung über die US-amerikan. Justizmorde gegen die Weimarer Justiz zu mobilisieren. M.s letzte Kampfschrift „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ (in: Die Internationale, 1932, H. 6-8) entwirft ein anarchistisches Weltbild und Gesellschaftsmodell, bleibt aber weitgehend den Aporien des „Gefühlsanarchismus“ verhaftet. Der schriftliche Nachlaß M.s (Werkmanuskripte, Tagebücher, Briefe) gelangte 1935 auf Betreiben des sowjet. NKWD nach Moskau und wurde (unvollständig) im Maxim-Gorki-Institut Moskau archiviert. Die Akademie der Künste der DDR erhielt 1956 Mikrofilmkopien des verbliebenen Archivguts.

  • Werke

    Weitere W Die Homosexualität, 1903;
    Die Wüste, 1904 (Gedichte);
    Ascona, 1905;
    Die Hochstapler, 1906 (Drama);
    Die Jagd auf Harden, 1908;
    Die Freivermählten, 1914 (Drama);
    Die Einigung d. revolutionären Proletariats im Bolschewismus, 1921/22 (Abh. in: „Die Aktion“);
    Das Standrecht in Bayern, 1923;
    Slg. 1898-1928, 1928 (Gedichte u. Prosa). – Ausgg.: Choix de poésies, hrsg. v. T. Rémy, 1924;
    Gedichte, Eine Auswahl, hrsg. v. F. A. Hünich, 1958;
    Eine Ausw. aus seinen Werken, hrsg. v. N. Pawlowa, 1960;
    Gedichte, Drama, Prosa, hrsg. v. D. Schiller, 1961 (Ausw.);
    Ausgew. Werke, hrsg. v. Ch. Hirte u. a., 2 Bde., 1978 (P);
    Gesamtausg., hrsg. v. G. Emig, 5 Bde., 1978 ff.;
    Handzeichnungen u. Gedichte, hrsg. v. L. Hirsch, 1984;
    In meiner Posaune muß e. Sandkorn sein, Briefe 1900-1934, hrsg. v. G. W. Jungblut, 2 Bde., 1984 (P);
    Tagebücher 1910-1924, hrsg. v. Ch. Hirte, 1994 (P). – Zu Siegfried: Die Killeberger, 1904 (Novelle).

  • Literatur

    Kreszentia Mühsam, Der Leidensweg E. M.s, 1935, Neudr. 1994;
    N. Pavlova, Tvorčestvo Ericha Mjusama, 1965;
    H. Hug, E. M., Unterss. zu Leben u. Werk, 1974 (P);
    Färbt e. weißes Blütenblatt sich rot…, E. M., Ein Leben in Zeugnissen u. Selbstzeugnissen, hrsg. v. W. Teichmann, 1978;
    W. Haug, E. M., Schriftst. d. Rev., 1979, erweitert 1984;
    L. Baron, E. M.s Jewish Identity, in: Leo Baeck Inst., Year Book 25, 1980, S. 269-84 (P);
    R. Kauffeldt, E. M., Lit. u. Anarchie, 1983;
    Ch. Hirte, E. M., Ihr seht mich nicht feige, 1985 (P);
    Schrr. d. E.-M.-Ges., 1989 ff. – Bibliogrr.: H. Hug u. G. W. Jungblut, E. M., Bibliogr., 1991;
    H. van den Berg, E. M., Bibliogr. d. Lit. zu seinem Leben u. Werk, 1992. – Zur Fam.: S. Mühsam, Gesch. d. Namens Mühsam, 1912.

  • Portraits

    Aquarell v. E. Johannson, 1925;
    Gem. v. F. Rumler-Siuchninski, 1926/27;
    Slg. v. Phot. (Stiftung Archiv d. Ak. d. Künste, Berlin, Nachlaß E. M.);
    Aquarell v. S. Elfinger, ca. 1956 (Bildarchiv Preuß. Kulturbes., Berlin);
    Bleistiftzeichnung v. B. F. Dolbin, 1928 (Dt. Lit.archiv, Marbach, Bildabt.);
    2 Phot. v. A. Sander (August Sander Archiv, Köln);
    Radierung v. H. Janssen, 1989 (Archiv d. E.-M.-Ges., Lübeck).

  • Autor/in

    Chris Hirte
  • Empfohlene Zitierweise

    Hirte, Chris, "Mühsam, Erich" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 296-298 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118584758.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA