Willemsen, Roger
- Lebensdaten
- 1955 – 2016
- Geburtsort
- Bonn
- Sterbeort
- Wentorf bei Hamburg
- Beruf/Funktion
- Schriftsteller ; Fernsehmoderator ; Filmproduzent ; Publizist ; Literaturwissenschaftler
- Konfession
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- Namensvarianten
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- Willemsen, Roger
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Willemsen, Roger
| Schriftsteller, Fernsehmoderator, Filmproduzent, Publizist, Literaturwissenschaftler, * 15.8.1955 Bonn, † 7.2.2016 Wentorf bei Hamburg, ⚰Hamburg, Friedhof Ohlsdorf.
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Genealogie
V →Ernst (1913–71), Maler, Restaurator, 1953 Leiter d. Restaurierungswerkstatt b. Landeskonservator Rheinland, Kunsthist. in B., S d. →Franz Heinrich († 1916), Hist., Studienrat in Düsseldorf, u. d. Sophie Margaretha Helena Irmgard Fortlage (1885–1965), Sekr. am Kunstmus. in Düsseldorf;
M →Regine (* 1930), Schneiderin, Sachverständige f. Ostasiat. Kunst, T d. →Harry Ernst August Sauveur (1876–1945), Dipl.-Ing. in Hannover, 1933 in Berlin, u. d. →Marie Gustava Hilger (1885–1945), Pianistin;
Ov →Franz (1910–99), Klass. Archäol., 1962–75 2. Dir. d. DAI in Athen (s. Athen. Mitt. 115, 2000, S. 12–17; Antike Welt 31, 2000, S. 207);
1 B Jan (* 1953), Lehrer, 1 Schw →Eva W. Berglund (* 1957), Klavierpäd., Waldorflehrerin. -
Biographie
W. wuchs in der Nähe von Bonn auf. Von den Eltern für bildende Kunst, Musik und Literatur sensibilisiert, zeigte er früh eine außergewöhnliche sprachliche Begabung. Nach dem Abitur 1976 am Bonner Helmholtz-Gymnasium studierte W. Germanistik, Kunstwissenschaft und Philosophie in Bonn, Florenz und seit 1977 in München. Hier wurde er 1984 mit einer Arbeit über →Robert Musil bei →Walter Müller-Seidel (1918–2010) zum Dr. phil. promoviert, bei dem er anschließend als Assistent tätig war. 1987 veröffentlichte W. seinen Roman „Figuren der Willkür“ und entschied sich für eine Laufbahn als freier Autor. 1988 ging er als Übersetzer und Korrespondent für verschiedene Rundfunksender und Zeitungen (u. a. taz, ZEIT-Mag.) nach London, bevor er 1991 für das Fernsehen entdeckt wurde. Als Moderator der täglichen Interview-Sendung „0137“ (Premiere) machte sich W. aufgrund seines anspruchsvollen, empathischen wie auch unnachgiebig kritischen Fragestils schnell einen Namen und erzielte in den folgenden zehn Jahren mit weiteren Formaten wie „Willemsens Woche“ (ZDF, 1994–98) große Publikumserfolge. Gleichzeitig war W. als Fernsehproduzent von Dokumentationen, Gala-Veranstaltungen und Themenabenden tätig. Publizistisch trat er in dieser Zeit v. a. als Kolumnist (u. a. Die Woche) hervor.
Ende 2001 unterbrach W. alle TV-Arbeiten, um sich wieder verstärkt der Literatur zu widmen. Seit „Deutschlandreise“ (2002) entwickelte er einen fragmentarischen Stil von hoher sprachlicher Präzision und dokumentarisch-literarischer Qualität. Höhepunkt in W.s Schaffen war die autobiographische Trilogie „Der Knacks“ (2008), „Die Enden der Welt“ (2010) und „Momentum“ (2012), in der er Erlebnisse und Begebenheiten wirklichkeitsnah beschrieb und sie gleichsam zu philosophischen, ästhetischen und gesellschaftsdiagnostischen Reflexionen verdichtete. W.s pointierte Reportage „Das Hohe Haus“ (2014), für die er ein Jahr lang die Parlamentssitzungen des Dt. Bundestags besuchte, wurde zum Beststeller und löste eine Debatte über Mißstände parlamentarischer Arbeit aus. Seit 2002 entwickelte W. zudem Erzählprogramme für die Bühne und trat mit Künstlern wie →Dieter Hildebrandt (1927–2013), →Anke Engelke (* 1965) und →Isabelle Faust (* 1972) auf.
Die stilistische, thematische und mediale Vielgestaltigkeit der Werke W.s läßt unterschiedliche Einflüsse erkennen: die Literatur der Moderne, die Filme der Nouvelle Vague, der Jazz sowie die Tradition engagierter Kulturkritik von →Heinrich Heine, →Karl Kraus bis zur Kritischen Theorie insbesondere →Adornos.
W.s mehr als 2000 Interviews und Berichte|aus über 80 Ländern zeichnen sich durch die Ernsthaftigkeit und Offenheit aus, mit der er Menschen jeder sozialen Herkunft begegnete.
Oft kommentierte er das Tagesgeschehen wortgewaltig wie kontrovers und begriff sein publizistisches Auftreten als Fortsetzung sozialen Engagements. Als mitfühlender Gelehrter, neugieriger Kosmopolit und enthusiastischer Vermittler von Kultur wurde W. zu einem der populärsten Intellektuellen seiner Zeit.
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Auszeichnungen
|AZ-Stern d. J. (1990);
Fernsehpreis „Goldenes Kabel“ (1992);
Bayer. Fernsehpreis (1992);
Adolf-Grimme-Preis mit Gold (1993);
Preis d. Ital. Min. f. Tourismus f. d. besten Italien-Reiseführer d. J. (1999, mit E. Rotter);
Rinke-Preis (2009);
Hon.prof. (HU Berlin 2010);
ITB Buch-Award (2010);
Felix-Rexhausen-Preis (2010, mit M. Lohse u. G. Frorath);
Julius-Campe-Preis (2011);
Prix-Pantheon, Sonderpreis f. soz. Engagement (2012);
tz-Rosenstrauß d. J. (2013);
Ehrengabe d. Heinrich-Heine-Ges. (2015);
Dt. Hörbuchpreis (2015);
– Botschafter v. Amnesty Internat. (seit 2004);
Schirmherr d. Afghan. Frauenver. e. V. (seit 2006);
– R. W. Stiftung z. Förderung außergewöhnl. Talente u. mutiger künstler. Projekte (seit 2016). -
Werke
Weitere W Das Existenzrecht d. Dichtung, Zur Rekonstruktion e. systemat. Lit.theorie im Werk Robert Musils, 1984 (Diss.);
Kopf oder Adler, Ermittlungen gegen Dtld., 1990;
An der Grenze, Gespräche mit Attentätern, Bankräubern, Mördern, pol. Gefangenen, Autoknackern, Todeskandidaten u. Gewaltopfern, 1994;
Karneval d. Tiere, ill. v. V. Kriegel, 2003;
Gute Tage, Begegnungen mit Menschen u. Orten, 2004;
Unverkäufl. Muster, Ges. Glossen, 2005;
Hier spricht Guantánamo, R. W. interviewt Ex-Häftlinge, 2006;
Afghan. Reise, 2006;
Nur z. Ansicht, Ges. Essays, 2007;
Es war einmal oder nicht, Afghan. Kinder u. ihre Welt, 2013;
Wer wir waren, 2016;
Musik!, 2018;
– vollst. W-Verz.: I. Wilke, 2015 (s. L), S. 485–511;
– Nachlaß: Ak. d. Künste, Berlin. -
Literatur
|R. Koall, in: Heine-Jb. 54, 2015, S. 171–79;
K. Kraus, R. W., „Ein neuer Mensch schaut genauer hin, f. alte Freunde ist man immer, wer man war“, in: dies., Freundschaft, Geschichten v. Nähe u. Distanz, 2015, S. 230–34;
dies., R. W., Joseph Vogl, „Freundschaft ist e. Langzeitprojekt“, ebd., S. 239–53;
R. Krausz, Erinnerungen an R. W., Freigeist u. Menschenfreund, in: Dtld.funk v. 12.5.2017;
W. Seitter, „W.s Woche“, Die Talkshow als Ort päd. strukturierter Wissensvermittlung u. biogr. (Selbst-) Präsentation, in: I. Behnken u. Th. Schulze (Hg.), Tatort: Biogr., Spuren, Zugänge, Orte, Ereignisse, 1997, S. 117–35;
Ch. Spöcker, R. W., Kl. Anekdoten aus d. Leben e. gr. Intellektuellen, 2016;
I. Wilke (Hg.), Der leidenschaftl. Zeitgenosse, Zum Werk v. R. W., 2015 (W, L, P);
Munzinger;
Kosch, Lit.-Lex.³ (W);
–Film- u. Fernsehdok.: alpha-Forum, R. W., Autor u. Moderator, Gespräch, BR, 2001;
R. W., Journ., Moderator, Literat, 3sat, 2006;
Bauerfeind assistiert R. W., 3sat, 2014;
Nahaufnahme Dtld., Alles Roger in d. Rep.?, Gespräch, SWR, 2014;
Gast b. J. Thadeusz, R. W., Publizist. Gespräch, RBB, 2015;
R. W., Der ewig Reisende, Gespräch, SRF, 2015;
Ein Haus f. Kultur- u. Kunstschaffende, Die R.-W.-Stiftung;
NDR, 2018. -
Porträts
|R. W., Menschen aus W.s Woche, Mit Fotos v. D. Schneider, 1996.
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Autor/in
Jan Beuerbach -
Zitierweise
Beuerbach, Jan, "Willemsen, Roger" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 184-185 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142877.html#ndbcontent