Lebensdaten
1740 bis 1815
Geburtsort
Reinfeld (Holstein)
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Dichter ; Theologe
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118521098 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Claudius, Matthias
  • Asmus
  • Claudius
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Claudius, Matthias, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118521098.html [22.09.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus holsteinischer Pastorenfamilie (6 Generationen);
    V Matthias ( 1773), Pastor in Reinfeld, S des Pastors zu Süderlügum Nic. (1656–1720) u. der Anna Marg. Johannsen;
    M Marie (1718–80), T des Jeß Lorenzen Lorck (1667–1746), Kaufm. u. Ratsherr in Flensburg, u. der Brigitta v. Lutten;
    Barnbeck 1772 Rebekka (1754–1832), T des Zimmermeisters Joachim Frdr. Behn;
    5 S, 6 T, u. a. Johannes (1783–1859), Pastor zu Sahms b. Schwarzenbeck, Frdr. (1789–1862), Bgm. v. Lübeck, Ernst Carl (1792–1854), Pastor in Blekendorf, Franziskus (1794–1866), Pastor in Segeley, Carol. (1774-1821, ⚭ Frdr. Perthes [ 1843], Verlagsbuchhändler in Hamburg), Anna (1777–1856, 1798 Max. Karl Wigand Jacobi [1775–1858], Geh. Obermedizinalrat [s. ADB XIII]), Rebekka (1784–1835, 1819 Jac. Schröder [1770–1831], Pastor zu Wandsbek); Enkel (Sohn v. Frdr.) Frdr. Matthias (1822–68), Prof. der Anatomie in Kiel u. Marburg, Schwager v. Emanuel Geibel ( 1884); Urenkel Herm. (1878-1980), Dichter; Urgroßneffe Wilh. (1854–1942), Landschafts- u. Porträtmaler, Prof. an der Dresdner Kunstakademie (s. ThB).

  • Leben

    C. besuchte, nachdem er bis zur Konfirmation vom Vater unterrichtet worden war, die Lateinschule zu Plön; 1759-63 studierte er in|Jena erst Theologie, dann Rechts- und Kameralwissenschaften, von J. C. Davies und J. A. Schlettwein freigeistig beeinflußt. Nach dem Vorbild H. W. von Gerstenbergs schrieb er anakreontische Verse (Tändeleyen und Erzählungen, Jena 1763). Ohne das Studium abzuschließen, kehrte er ins Vaterhaus zurück, blieb dort, abgesehen von einem Jahr, das er als Sekretär in Kopenhagen im Kreis um Klopstock verbrachte, bis 1768 und nahm dann eine Stelle bei den hamburgischen „Adreß-Komptoir-Nachrichten“ an.

    In Hamburg trat er Lessing und Basedow nahe, lernte Herder kennen und freundete sich mit dem Übersetzer und Verleger J. Bode an, auf dessen Wunsch er Anfang 1771 die Redaktion einer schlecht beleumundeten Dorfzeitung in Wandsbek übernahm. Er nannte sie „Der Wandsbecker Bothe“, ab 1773 „Der Deutsche, sonst Wandsbecker Bothe“. Das bescheidene Blättchen errang dank der Beiträge der besten Autoren aus den Kreisen der Stürmer und Dränger und des Göttinger Hainbundes, nicht minder aber durch die eigenen Arbeiten des Redakteurs bald eine besondere Stellung in der literarischen Welt. In Vers und Prosa wurde C. zum Anwalt der Natur, der Menschenliebe, Gerechtigkeit und Duldsamkeit, des Glaubens und des Friedens. Die ewigen Fragen wie die des Tages behandelte er in einer volkstümlichen, humorvollen, oft absichtlich naiven Sprache, die seine persönlichste Ausdrucksform wurde. Ostern 1775 gab er eine Sammlung seiner Gedichte und Prosa „Asmus omnia sua secum portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Boten, I. und II. Theil“ im Selbstverlag in Hamburg heraus, ein nur scheinbar willkürliches Nebeneinander von Ernst und Scherz, Gedichten und Rezensionen, Traktaten und Epigrammen. Kurz nachher ging die Zeitung ein; durch Herders Vermittlung wurde C. in die vom Präsidenten Karl Friedr. von Moser gegründete Landkommission nach Darmstadt berufen, wo er die „Hessen-Darmstädtische privilegierte Land-Zeitung“ redigieren sollte. Aber weder der Beamtenstand noch die Luft behagten ihm; er erkrankte schwer, und im Frühling 1777 kehrte er mit der Familie nach Wandsbeck zurück. „Was in Wandsbeck anfangen?“, schrieb er an Herder. „Übersetzen, Asmus herausgeben, und - befiehl Du Deine Wege!“ In den folgenden Jahrzehnten erschienen weitere sechs Bändchen seines „Asmus“, anspruchlose Dokumente einer vollkommenen Identität von Mensch und Schriftsteller. C. wurde berühmt, sein Haus das Ziel vieler Besucher von nah und fern. Herz der zahlreichen Familie war seine Frau, deren Anmut und Liebenswürdigkeit jedermann bezauberte. Wenn die Not groß war, halfen wohlhabende Freunde; später verlieh ihm der dänische Kronprinz eine bescheidene Sinekure. C. übersetzte Bücher von J. Terrasson, A. M. Ramsay, Fénelon und St. Martin. Mit den Jahren prägte sich seine konservative und christliche Gesinnung stärker aus. Sie trug ihm Angriffe der „Xenien“ und der Rationalisten ein, alte Freunde fielen von ihm ab, aber Geister wie Hamann, F. H. Jacobi, Graf F. L. zu Stolberg, J. G. Schlosser und dessen Schwiegersohn G. H. L. Nicolovius verstanden ihn; den Weg zu ihm fanden auch Johannes von Müller, F. Schlegel, Ph. O. Runge, B. G. Niebuhr und andere Romantiker. - Die Kriegsereignisse von 1813 trieben C. und Rebekka in die Emigration. Sie konnten zwar im nächsten Jahr nach Wandsbek zurückkehren, aber die Gesundheit des Dichters war erschüttert. Im Haus seiner Tochter Caroline starb er - „der reinste Mensch, den ich … gekannt habe“ (Herder).

    C. Schriften verbergen hinter dem ursprünglichen Volkston eine hohe und bewußte Kunst. Viele seiner Gedichte gehören zum ewigen Schatz deutscher Poesie, einige sind zu Volksliedern geworden. Aber sein eigentliches Anliegen war nicht das Kunstwerk; sondern als Dichter, Christ und Zeitkritiker an die wahre Bestimmung des Menschen zu erinnern und „durch Scherz und Ernst, durch gut und böse, schwach und stark und auf allerlei Weise an das Bessere und Unsichtbare zu erinnern … und mit gutem Beispiel voranzugehen“.

  • Werke

    Sämtl. Werke, 2 Bde., hrsg. v. C. Redlich. 141907, 3 Bde., hrsg. v. B. Adler, 1924 (P), 1 Bd., hrsg. v. U. Roedl, 1954;
    zahlr. Ausw.ausgaben.

  • Literatur

    ADB IV;
    J. H. Deinhardt, Leben u. Charakter d. Wandsbecker Boten M. C., 1864;
    C. Mönckeberg, M. C., Ein Btr. z. Kirchen- und Lit.gesch. seiner Zeit, 1869;
    W. Herbst, M. C., der Wandsbecker Bote, 41878;
    W. M. Stammler, M. C., 1915;
    Goedeke IV/1, 1916, S. 973-83 (W, L);
    U. Roedl, M. C., 1950;
    Kosch, Lit.-Lex. I (W, L);
    Körner, S. 271 (W, L);
    Frels.

  • Portraits

    Ölgem. 1804 (Mus. f. Hamb. Gesch., Hamburg), Abb. b. Rave, S. 110;
    Bleistiftzeichnung (im Bes. v. Pfarrer Ernst Schroeder, Altona-Othmarschen);
    Silhouette (Slg. Kippenberg Düsseldorf);
    Singer I, 1931, Nr. 15 257-260.

  • Autor/in

    Urban Roedl
  • Empfohlene Zitierweise

    Roedl, Urban, "Claudius, Matthias" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 266-267 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118521098.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Claudius: Matthias C., geb. 15. Aug. 1740 (nicht 2. Jan., und nicht 1743) im Ploener Marktflecken Reinfeld bei Lübeck, 21. Jan. 1815 in Hamburg. Von seinem gleichnamigen Vater, dem Pfarrer in Reinfeld, wurde es bis zu seiner Confirmation unterrichtet, 1755—1759 besuchte er die lateinische Schule zu Ploen, studirte 1759—63 in Jena erst Theologie, dann Jurisprudenz und Cameralia und veröffentlichte daselbst kurz vor seinem Abgang von der Universität seine ersten Gedichte, die nicht in die Sammlung seiner Werke aufgenommenen Tändeleien und Erzählungen, in denen er als ungeschickter Nachahmer Gerstenberg's auftrat. Amtscheu, wie er bis an sein Ende geblieben ist, hielt er sich mit Ausnahme eines Jahres, das er als Secretär des Grafen Holstein in Kopenhagen zubrachte, ohne Beruf im Vaterhause auf, bis er 1768 durch Etatsrath Leisching, den Gründer des Hamburgischen Adreßcomtoirs, nach Hamburg gezogen wurde, um bei der Redaction einer neuen Zeitung, der „Adreßcomtoir-Nachrichten“, zu helfen. Poetische und prosaische Beiträge von ihm finden sich in denselben von Juni 1768 bis October 1770. Nachdem er sich mit Leisching entzweit, übernahm er Neujahr 1771 die Redaction des von Bode gegründeten neuen Blattes „Der Wandsbecker Bothe“, von dem er seinen Schriftstellernamen erhalten hat, und siedelte nach Wandsbeck, wo das Blatt gedruckt wurde, über. Hier verheirathete er sich 15. März 1772 mit Anna Rebekka Behn, eines Zimmermanns Tochter. Von Bode Ende Juni 1775 entlassen — das wenig verbreitete und nur in einigen Exemplaren erhaltene Blatt ging schon ein Vierteljahr später ein — suchte er vergebens eine Anstellung, bis er auf Herder's Empfehlung vom hessischen Minister v. Moser als Mitglied der ebengestifteten Oberlandcommission nach Darmstadt berufen wurde. C. hielt es in dieser Stellung, in der er u. a. wieder ein Volksblatt zu redigiren hatte, nur ein Jahr aus und kehrte im Frühjahr 1777 nach seinem geliebten Wandsbeck zurück, kaufte sich dort an und lebte als homme de lettres vom Uebersetzen (Terrasson's „Sethos", Ramsay's „Cyrus“, St. Martin's „Irrthümer und Wahrheit“, Fenelon's religiöse Schriften),|von dem Selbstverlag seiner Werke, die er unter dem Titel „Asmus omnia sua secum portans“ in acht Theilen 1775—1812 herausgab, und vom Kostgeld verschiedener Jünglinge, welche in seinem kinderreichen Hause für längere oder kürzere Zeit Aufnahme fanden. Ein bescheidenes Jahrgehalt, das ihm der dänische Kronprinz Friedrich 1785 verlieh, und das von demselben Wohlthäter ihm übertragene mühelose Amt eines ersten Revisors der schleswig-holsteinischen Bank zu Altona, dessen Verwaltung ihn nicht von seinem Wandsbeck trennte, verscheuchten dem anspruchslosen Manne die letzten Nahrungssorgen Erst die Kriegsunruhen des Frühjahres 1813 vertrieben ihn aus seinem Heim und brachten ihm ein Jahr voll mancherlei Noth und Entbehrungen. Leidend kehrte er nach Wandsbeck zurück und starb bald darauf im Hause seiner ältesten Tochter, der Frau des Buchhändlers Fr. Perthes.

    Claudius' originelle Schriftstellerei, die erst fünf Jahre nach seinen unselbständigen Jugendversuchen mit seinem Eintreten in den Hamburger Kreis beginnt, ließ anfangs nur ahnen, welches ihr eigenthümliches Gebiet später werden sollte. Zu umfangreicheren eigenen poetischen Schöpfungen fehlte ihm die Kraft, aber er unterschied mit vollstem Verständniß, was von den zeitgenössischen Dichtungen bleibenden Werth hatte, und begrüßte in seinen Zeitungen die Schriften der ihm auch persönlich befreundeten Klopstock, Lessing, Herder, des Göttinger Kreises und Goethe's mit ebenso unverhohlener Theilnahme, als er gegen Wieland Partei nahm. Mit schalkhaftem Humor brachte er seine aphoristischen Urtheile in einer anfangs etwas forcirten, aber allmählich immer natürlicher sich gestaltenden volksthümlichen Sprache vor und streute dazwischen seine kleinen lyrischen Ergüsse, „einzelne fliegende Blätter und fast nur Reihen ohne Gelehrsamkeit und fast ohne Inhalt, aber für gewisse Silbersaiten des Herzens, die so selten so gerührt werden“, wie Herder sagt. Einzelne dieser Lieder sind Perlen in dem Schatz der deutschen Lyrik, wenn auch Mängel der Form fast allen, das Abendlied ausgenommen, ankleben. Mit dem Aufhören seiner publicistischen Thätigkeit trat auch die dichterische mehr zurück. Seit seiner Rückkehr von Darmstadt sah er das Gewerbe, das er als Bote den Menschen zu bestellen hatte, fast ausschließlich darin, „durch Ernst und Scherz, durch Gut und Schlecht, Schwach und Stark und auf allerlei Weise an das Bessere und Unsichtbare zu erinnern, mit gutem Exempel vorzugehen und taliter qualiter durchs factum zu zeigen, daß man nicht ganz und gar ein Ignorant, nicht ohne allen Menschenverstand und — ein rechtgläubiger Christ sein könne“. Mit kindlichem Glauben erfaßte er das Evangelium, als Priester seines Hauses lehrte er seinen Kindern sein lebendiges Herzenschristenthum und suchte den Segen, den er für sich und die Seinen gefunden, durch seine Prosaschriften in weiteren Kreisen zu verbreiten. So wurde er ein Glied jener kleinen Gemeinde von Denkern, die an der glaubensarmen Wende des 18. Jahrhunderts, unter sich befreundet und mannigfach einander begrüßend, aber von ihren Zeitgenossen nicht verstanden und oft geschmäht, die Fahne des christlichen Glaubens hoch hielten, als er aus der Kirche geschwunden schien. Die alte mit Goeze zu Grabe getragene lutherische Orthodoxie hatte C. unbefriedigt gelassen; noch weniger that ihm der aufgeklärte Rationalismus der jüngeren Generation Genüge, und unverdrossen nahm er in seiner Weise den Kampf gegen die moderne Aufklärung auf, mochten auch die alten Freunde dazu den Kopf schütteln und sich von ihm abwenden, und die Stimmführer der neuen Zeit ihn mit Spott und Hohn verfolgen. Daß er sich mit Grauen von der französischen Revolution abwandte und auch auf politischem Gebiete fest am Alten hing, verschärfte den Gegensatz, in dem er zu dem aufstrebenden Geschlecht stand. Seine Fehde mit Hennings, dem Herausgeber des „Genius der Zeit“, gibt davon ein unerfreuliches Zeugniß. C. hat es aber noch erlebt, daß durch die|deutsche Theologie ein frischerer Lebensodem strömte, und daß ihre neuen Vertreter ihn als Genossen begrüßten, und nach seinem Tode sind gerade die Theile seiner Werke, welche seine Zeit als traurige Erzeugnisse eines die eigene geniale Jugend verleugnenden grämlichen Greises verschmäht hatte, für weite Kreise ein hochgeschätzter und vielgelesener Besitz geworden.

    • Literatur

      Vgl. Wilh. Herbst, Matthias Claudius, der Wandsbecker Bote. 3. Aufl. Gotha 1863. — Mönckeberg, Matthias Claudius, Hamburg 1869. —
      Redlich, Die poetischen Beiträge zum Wandsbecker Bothen, gesammelt und ihren Verfassern zugewiesen. Hamburg 1871. — Matth. Claudius' Werke. 9. Aufl. revidirt und mit einer Nachlese vermehrt von Redlich. Gotha 1871.

  • Autor/in

    Redlich.
  • Empfohlene Zitierweise

    Redlich, "Claudius, Matthias" in: Allgemeine Deutsche Biographie 4 (1876), S. 279-281 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118521098.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA