Lebensdaten
1752 bis 1832
Geburtsort
Peuke bei Oels (Schlesien)
Sterbeort
Venedig
Beruf/Funktion
preußischer Staatsmann ; Diplomat
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116527080 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Haugwitz, Heinrich Christian Kurt Graf von
  • Haugwitz, Heinrich Christian Curt Graf von
  • Haugwitz, Christian Freiherr von (bis 1786)
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Haugwitz, Christian Graf von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd116527080.html [30.03.2017].

CC0

Haugwitz, Heinrich Christian Kurt Graf von (preußischer Graf 1786)

preußischer Staatsmann, * 11.6.1752 Peuke bei Oels (Schlesien), 9.2.1832 Venedig.

  • Genealogie

    V Karl Wilh. Frhr. (1704–86), auf Krappitz u. Steinau, Peuke u. Pannwitz, württ.-öls. Kammerpräs., S d. Heinr. Wilh. Frhr. (böhm. Frhr. 1723, 1677-1738), auf Tschistey usw., Landesältester (B d. Gg. Karl, s. Gen. 3), u. d. Barbara v. Niebelschütz; M Joh. Sibylla (1719–1801), T d. Joh. v. d. Marwitz, auf Sellin u. Klessin/Mark, u. d. Henr. Sibylla v. d. Marwitz; Ov Heinr. Wilh. (1711–58), k. k. GR, Präs. d. nd.österr. Kammer, Eisen- u. Oberkammergraf in Österreich u. Steiermark, Frdr. Wilhelm (s.3); Vt Karl Wilhelm Gf. (Reichsgf. 1779, * 1736), k. k. Gen.; - Lossow 1777 Joh. Katharina (* 1755), T d. Boguslaw Frdr. v. Tauentzien (1710–91), preuß. Gen. d. Inf. u. Gouverneur v. Breslau (s. Priesdorff I, S. 469-72, P), u. d. Charlotte v. dem Knesebeck; K, u. a. Paul (1791–1856), preuß. Oberstlt., Adjutant von Tauentzien v. Wittenberg u. Gf. York, Schriftst. (s. ADB XI), Catharina ( Hans Wilh. Adolf Gf. v. Kalckreuth, 1766–1830, auf Siegersdorf usw., preuß. Legationsrat); N Eugen Wilhelm Gf. (1777–1860), FML (s. Wurzbach VIII).

  • Leben

    H. bezog als Siebzehnjähriger die Universität Halle. Von dort ging er nach Göttingen, wo er enge Freundschaft mit den Brüdern Christian und Friedrich Leopold zu Stolberg schloß. Er begleitete sie 1775 auf ihrer Schweizerreise, an der zeitweise auch Goethe teilnahm. In den folgenden Jahren hat H. auch Italien besucht und dort die Bekanntschaft des Großherzogs Leopold von Toscana gemacht. Während eines Aufenthaltes in Schleswig und Holstein (1780/81) lebte er in der Familie des Grafen Christian Stolberg und trat in dieser Zeit auch Matthias Claudius näher. Er verbrachte dann ein volles Jahrzehnt auf seinen schlesischen Gütern und wurde 1791 zum Generallandschaftsdirektor der Provinz gewählt. Wahrscheinlich hätte H. auch weiterhin das Leben eines angesehenen Landedelmanns geführt, wenn er nicht durch das besondere Wohlwollen des Königs an den Hof gezogen worden wäre. Mit Friedrich Wilhelm II. teilte er den Hang zum Übernatürlichen und zum Okkultismus – eine Neigung, die bei H. durch Berührung mit dem Pietismus der Brüder Stolberg und der Herrnhuter Brüdergemeine eine besondere religiöse Note bekam, sich aber mit dem etwas flachen Realismus seiner rationalen Natur durchaus vertrug. Im Zeichen der preußisch-österreichischen Annäherung und auf Bitten Kaiser Leopolds II. wurde H. im Sommer 1791 zum preußischen Gesandten in Wien ernannt. In dieser Eigenschaft begleitete er den jungen Franz II. zur Kaiserkrönung nach Frankfurt. Im September 1792 wurde er aus Wien ins königliche Hauptquartier berufen und als Nachfolger von Graf Schulenburg-Kehnert zum Staats- und Kabinettsminister ernannt. In den Beginn seiner Amtszeit fällt die Trübung des preußisch-österreichischen Verhältnisses durch die 2. Teilung Polens (Februar 1793). Sicher war H. kein entschiedener Österreichfeind, aber ebensowenig ein energischer Verfechter des Krieges gegen das revolutionäre Frankreich. Im Grunde ging sein Bestreben dahin, Preußen aus Kriegen wie aus Friedensbünden nach Möglichkeit herauszuhalten. „Es war das System der strikten Nichteinmischung nach keiner Seite hin, der völlig gleichen Neutralität gegen alle“ (Ernstberger). Um den schon vollzogenen Bruch mit Österreich zu verschleiern, gleichzeitig aber Preußen von den Kosten der Kriegsführung zu entlasten, schloß H. am 19.4.1794 im Haag mit Lord Malmesbury einen Subsidienvertrag, in dem Preußen sich verpflichtete, den größten Teil seiner Armee an der Stelle einzusetzen, die den Interessen der Seemächte entsprach. Bei den Basler Friedensverhandlungen (1794/95) ging es H. hauptsächlich um die Sicherung der Neutralitätslinie, während er die französische Forderung auf Abtretung des linken Rheinufers nicht bei dem preußischen Sondervertrag, sondern erst bei dem allgemeinen Reichsfrieden erörtert sehen wollte. Um die Neutralität des Nordens zu decken, schloß H. im Frühling 1796 Verträge mit Hannover und einigen kleineren Reichsständen und am 5.8.1796 mit Frankreich den Berliner Vertrag, der zwar die Abtretung des linken Rheinufers noch immer dem Reichsfrieden vorbehielt, aber Preußens Zustimmung gegen Entschädigung aus säkularisierten Bistümern in Aussicht stellte. H. hatte den eigenwilligen König mit größter Geschicklichkeit zu behandeln gewußt und sich dadurch den vorherrschenden Einfluß gesichert. Auch unter Friedrich Wilhelm III. blieb er der wahre Leiter der preußischen Außenpolitik, deren Grundlage – die auf Frankreich gestützte Neutralität – angesichts der wachsenden, von Bonaparte gelenkten französischen Übermacht immer schwerer zu behaupten war. Auf dem Rastatter Kongreß suchte H. daher wieder Annäherung an Österreich und bemühte sich Ende 1798, Friedrich Wilhelm III. zum Anschluß an die 2. Koalition gegen Frankreich zu bewegen. Daß sich der König ihm versagte, war die erste persönliche Niederlage des Ministers. Die zweite erlitt er, als Bonaparte 1803 ohne Rücksicht auf die Neutralität des Reichs Hannover besetzen ließ. H. Vorschlag, die Räumung Hannovers zu fordern und notfalls mit russischer Hilfe zu erzwingen, scheiterte an der unbedingten Friedensliebe des Königs. Enttäuscht und verstimmt nahm H. zunächst einen längeren Urlaub und legte im August 1804 sein Amt auch formell nieder. An seine Stelle trat nun, von H. selbst empfohlen, Hardenberg, der im Schutze der Neutralität preußische Vergrößerungspolitik betrieb und im Einvernehmen mit Frankreich die Erwerbung Hannovers zu erreichen suchte. Auch nach seiner Entlassung blieb H. außenpolitischer Berater des Königs, der ihn im Oktober 1805 Hardenberg als auswärtigen Minister wieder zuordnete. Als bester diplomatischer Interpret Friedrich Wilhelms III. suchte H. den nach dem Potsdamer Vertrag (3.11.1805) unvermeidlich gewordenen Eintritt Preußens in den Krieg gegen Napoleon an der Seite der Ostmächte bis zur Ausschöpfung aller Verhandlungsmöglichkeiten aufzuschieben. Hier liegt der Ursprung der berühmten Mission H., auf die sich das historische Urteil über seine staatsmännische Persönlichkeit vornehmlich gründet. Er übernahm es, Napoleon ein befristetes Ultimatum auf der Grundlage des Lunéviller Friedens zu überbringen und dadurch womöglich den Frieden für Norddeutschland zu retten. Als er aber endlich bis zu Napoleon vordrang, hatte die von den Russen voreilig herbeigeführte Niederlage von Austerlitz (2.12.1805) eine völlig veränderte Situation geschaffen. Nach dem Abzug des russischen Heeres und der Unterzeichnung eines österreichisch-französischen Waffenstillstandes sah der preußische Unterhändler die Koalition als erledigt an. So hatte denn Napoleon mit dem eingeschüchterten H. leichtes Spiel. Anstatt wieder nach Berlin zurückzugehen, ließ er sich den Bündnisvertrag von Schönbrunn (15.12.1805) mit seinen für Preußen demütigenden Ländertauschgeboten und Garantieverpflichtungen diktieren. Persönliche Verhandlungen in Paris, mit denen er Modifikationen des Schönbrunner Vertrages zu erreichen hoffte, führten nur zu einem neuen, für Preußen noch ungünstigeren Diktat Napoleons, das H. am 15.2.1806 unterzeichnete. Er blieb dennoch der Mann des königlichen Vertrauens und übernahm nach Hardenbergs Ausscheiden aus dem Ministerium im April 1806 wieder die volle Leitung der Geschäfte. Innerlich gebrochen und seiner Tatkraft beraubt, von der preußischen Patriotenpartei zu Unrecht der Franzosenfreundschaft verdächtigt, sah er dem Krieg gegen Napoleon entgegen, den Preußen im Oktober 1806, militärisch und diplomatisch gleich schlecht vorbereitet, begann. Nach der Katastrophe von Jena und Auerstädt begleitete H. das Königspaar bis nach Osterode in Ostpreußen und nahm dort seinen Abschied. |Aus Gesundheitsgründen siedelte er 1820 nach Italien über und verbrachte seinen Lebensabend in einer Villa bei Este.

  • Werke

    Fragment des mémoires inédits du comte de H., 1837; hierzu: L. v. Ranke, Notiz üb. d. Memoiren d. Gf. v. H., in: Hardenberg u. d. Gesch. d. preuß. Staates, = Sämtl. Werke 47, 1879, S. 273-318.

  • Literatur

    ADB XI; J. H. v. Minutoli, Der Gf. v. H. u. Job v. Witzleben, 1844; Preußen u. Frankreich 1795-1807, Diplomat. Korr., hrsg. v. P. Bailleu, 2 Bde., 1881-87; E. Kieseritzky, Die Sendung v. H. nach Wien, Diss. Göttingen 1895; A. Ernstberger, Österreich u. Preußen v. Basel bis Campo Formio I, 1932; O. Tschirch, Gesch. d. öff. Meinung in Preußen vom Baseler Frieden b.z. Zusammenbruch d. Staates II, 1934; K. Griewank, Hardenberg u. d. preuß. Pol. 1804–06, in: FBPG 47, 1935.

  • Autor

    Stephan Skalweit
  • Empfohlene Zitierweise

    Skalweit, Stephan, "Haugwitz, Christian Graf von" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 94-95 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116527080.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Haugwitz, Christian August Heinrich Kurt

  • Leben

    Haugwitz: Christian August Heinrich Kurt Graf von H. und Freiherr von Krappitz, wurde am 11. Juni 1752 auf seines Vaters Gute Peuke bei Oels in Schlesien geboren. Nach Angaben seines Freundes, des Generals von Minutoli, bezog er im 17. Lebensjahre die Universität Halle, und wandte sich von dort nach Göttingen, wo er mit den Brüdern Christian und Friedrich Leopold Stolberg einen innigen Freundschaftsbund abschloß. Im J. 1775 machte er mit ihnen eine Reise in die Schweiz, welcher sich eine Strecke weit auch Goethe anschloß; dieser sagt von H.: er war wohlgestaltet, von zartem edlem Ansehn, weichen freundlichen Zügen, sich immer gleich, theilnehmend, aber mit solchem Maß, daß er gegen die Andern als impassibel abstach. In Zürich knüpfte H. ein vertrautes Verhältniß mit Lavater an, und begeisterte sich für dessen religiöse und mystische Bestrebungen. Dann unternahm er mit einem Grafen Dönhof eine Reise nach Italien, wo er dem Großherzog Leopold von Toscana näher bekannt wurde und sich die Gunst desselben erwarb. Hinter der ruhigen Haltung, welche Goethe an ihm bemerkte, arbeitete ein heißes Blut und ein emporstrebender Geist; nachdem er alle Freuden der Sinnlichkeit genossen, suchte er mystische Beziehungen zur übersinnlichen Welt, war ein gläubiger Anhänger des Mesmer'schen Magnetismus, schwor auf das Lebenselixir des Grafen St. Germain, und trat mit dem Großkophta der ägyptischen Maurerei, dem sogenannten Grafen Cagliostro in Verbindung. Wie man weiß, verschlang sich das Ordenswesen jener Zeit vielfach mit politischen Parteibestrebungen, hier conservativer, dort revolutionärer Art, und H. wurde auf diesem Wege in manche Beziehungen eingeweiht, die für seine spätere staatsmännische Thätigkeit wichtig wurden. Im J. 1776 nach Deutschland zurückgekehrt, vermählte er sich mit einer Gräfin Tauenzien, schloß sich den in seiner Nähe wohnenden Herrnhutern an, besuchte darauf mit seiner Gemahlin nochmals die Schweiz und Italien, ging im August 1780 nach Schleswig, wo er die Freundschaft des Landgrafen Karl von Hessen gewann, und nach Holstein zu dem Grafen Christian Stolberg, in dessen Familienkreise er die Winter von 1780 und 1781 zubrachte, und mit Matthias Claudius, dem Wandsbecker Boten auf Grund gemeinsamer religiöser Ueberzeugung in lebhaften Verkehr trat. Darauf verlebte er ein volles Jahrzehnt auf seinen schlesischen Gütern, wo er sich durch gemeinnütziges Wirken Achtung und Vertrauen erwarb, und im J. 1791 durch die schlesischen Stände zum General-Landschaftsdirector dieser Provinz gewählt wurde. Bald nachher wurde er in die Kreise der hohen Politik gezogen.

    Der Landgraf Karl von Hessen hatte ihn noch bei Lebzeiten Friedrichs des Großen dem damaligen Thronfolger dringend empfohlen; und dann nach erfolgter persönlicher Bekanntschaft der Graf den günstigsten Eindruck auf Friedrich Wilhelm gemacht. Dies war begreiflich genug. H. war geistig begabt, vornehm in seiner Haltung, liebenswürdig im Verkehr; vor Allem aber war ihm mit dem Könige die Grundlage des ganzen Wesens gemein, die eigenthümliche Mischung sinnlicher und religiöser Affecte und der daraus entspringende Hang zum Wunderbaren und Uebernatürlichen, der immerhin in den praktischen Geschäften einer sehr realistischen Auffassung neben sich Raum ließ. Wiederholt machte der König dem Grafen Anträge zum Eintritt in den Staatsdienst, welche jedoch H. aus Liebe zum Landleben und zur Unabhängigkeit stets ablehnte. Nachdem aber im Sommer 1791 der Einfluß des H. vielfach gleichgesinnten Obersten Bischoffswerder den König zur Freundschaft und bald darauf zu einem Bündniß mit Osterreich bestimmt hatte, so bat Kaiser Leopold II., welcher den damaligen preußischen Gesandten in Wien, Baron Jacobi-Klöst für einen Gegner dieser neuen Politik hielt, den König von Preußen an die Stelle desselben den ihm seit lange vortheilhaft bekannten Grafen H. zu ernennen. Der König war auf der Stelle bereit, und H., obwol sich eine Weile sträubend, hielt es schließlich doch für seine Pflicht, sich einem so seltenen Vertrauen zweier Souveräne nicht zu entziehen, und nahm die Berufung an. Seine Ankunft in Wien verzögerte sich indessen bis zum Frühling 1792; Kaiser Leopold war gestorben, und die erste amtliche Thätigkeit des Grafen bestand in der Begleitung des jungen Königs Franz zur Kaiserkrönung nach Frankfurt und zu den daran sich anschließenden Mainzer Conferenzen, wo man über den Feldzug gegen Frankreich, die Stellung der Mächte zu Ludwig XVI. und den Emigranten, und die künftigen Erwerbungen Osterreichs und Preußens verhandelte. H., der überhaupt den Ausbruch des Krieges mit Bedauern sah, trat bei diesen Gesprächen den Anmaßungen der Emigranten mit großer Schärfe entgegen. Ueber die Entschädigung der beiden Mächte kam man zu keinem Einverständniß: man war von dem Satze ausgegangen, daß Preußen eine polnische Provinz erhalten, Oesterreich für seine belgischen Lande Baiern eintauschen sollte; darauf aber hatte der Wiener Hof plötzlich die Forderung aufgestellt, zur Verbesserung seines Looses müsse Preußen ihm dann Ansbach und Baireuth überlassen. Da Preußen dies unbedingt zurückwies, ging man unverrichteter Dinge auseinander und mit bitterer gegenseitiger Eifersucht in den gemeinsamen Krieg gegen Frankreich hinein. H. kehrte einstweilen mit dem Kaiser wieder nach Wien zurück, empfing aber im September den königlichen Befehl, in das Hauptquartier zu kommen, um dort anstatt des abgehenden Grafen Schulenburg-Kehnert die Stelle eines Cabinetsministers zu übernehmen. Auf seiner Reise begleitete ihn der österreichische Staatsreferendar Baron Spielmann, um nochmals bei dem Könige einen Versuch auf die fränkischen Markgrafiate zu machen, und wenn auch dieser mißlinge, für Oesterreich außer Baiern noch den obern Elsaß zu begehren. Als die Beiden in Verdun anlangten, war der Feldzug in der Champagne mißlungen, die Armee im vollen Rückzug auf Luxemburg, und die Fortdauer des Krieges für das nächste Jahr gewiß. Da Oesterreich hienach der preußischen Hülfe doppelt dringend bedurfte, so erklärte H. dem Baron Spielmann, bei dieser Steigerung des Kostenaufwandes müsse Preußen auch seine Entschädigungsansprüche steigern, den Umfang der begehrten polnischen Provinz ungefähr verdoppeln, und vor allen-Dingen auf der sofortigen Besitzergreifung bestehen: wenn Oesterreich dies genehmige, werde Preußen Alles thun, den baierisch-belgischen Tausch zu unterstützen, auch dem Kaiser gerne den Elsaß oder einige südpolnische Bezirke gönnen, von einer Abtretung aber der fränkischen Provinzen könne keine Rede sein. Da Spielmann zu einem solchen Vertrage keine Vollmacht hatte, persönlich aber zu einer Punctation des angegebenen Inhalts sich herbeiließ, so bestimmte der König, daß H. mit ihm nach Wien zurückreisen sollte, um dort die kaiserliche Bestätigung derselben zuerwirken. Kaiser Franz empfing, Ende November, den Grafen sehr ungnädig. Indessen da General Dumouriez damals Belgien, Lüttich und Aachen eroberte und Frankreich dem preußischen Könige wiederholt einen Separatfrieden anbot, mußte man in Wien den bestimmten Forderungen des Grafen H. sich fügen, und erließ am 19. December an die Kaiserin Katharina die Aufforderung, die preußischen Wünsche in Polen zu erfüllen, allerdings indem man im Stillen dem Gesandten in Petersburg die Weisung ertheilte, heimlich bei Katharina mit allen Kräften auf Beschränkung und Aufschub der preußischen Erwerbung zu wirken. Trotzdem gelang es der preußischen Regierung, am 23. Jan. 1793 in Petersburg den Vertrag der zweiten Theilung Polens im Wesentlichen nach ihren Wünschen durchzusetzen, und damit eine erhebliche Gebietserweiterung zu erlangen. In Wien aber wuchs der Aerger; der heftigste Gegner Preußens, Thugut, wurde leitender Minister, und trat aller Orten, in London; Warschau, Petersburg, den preußischen Wünschen und Interessen nachdrücklich entgegen: schon im Sommer 1793 hielten die preußischen Minister es für höchst bedenklich, den französischen Krieg neben einem so feindseligen Bundesgenossen länger fortzusetzen, und widerriethen dem Könige dringend den Abschluß eines Bundesvertrags mit England, welcher Preußen aufs Neue an die Coalition fesselte. Noch blieb aber der König fest, und befahl die Zeichnung der englischen Allianz; im September jedoch, als Thugut die Polen und Russen immer weiter gegen Preußen aufhetzte, ließ der König in Wien die Erklärung abgeben, daß er nur dann an dem nächsten Feldzug Theil nehmen würde, wenn ihm die Verbündeten die Kosten seiner Rüstung vollständig ersetzten. Hierüber wurde den Winter hindurch weitläufig verhandelt; am 28. Febr. 1794 sprach Oesterreich die bestimmte Ablehnung der begehrten Subsidien aus, und der preußische Minister Graf Alvensleben beantragte bei dem Könige die sofortige Unterhandlung eines französischen Separatfriedens. H. hatte niemals für den Revolutionskrieg geschwärmt; sein Wunsch ging auf Erlangung eines ehrenvollen Friedens für das ganze deutsche Reich, und da ein solcher bei dem augenblicklichen Uebermuthe des Wohlfahrtsausschusses schwerlich zu erlangen war, auf einstweilige Fortsetzung des Kampfes, und zwar, da mit Oesterreich kein Verständniß möglich war, jetzt im engeren Einvernehmen mit England und Holland. Der damals noch kriegslustige König war mit Freuden einverstanden, und so schloß H. im Haag mit dem englischen Gesandten Lord Malmesbury am 4. April 1794 einen Vertrag, nach welchem Preußen gegen ansehnliche Subsidien ein Heer von 62000 Mann aufstellen würde; die Eroberungen desselben sollten den Seemächten zur Verfügung stehn, die Verwendung der Truppen aber nach einer militärischen Verständigung dort stattfinden, wo es den Interessen der Seemächte am Förderlichsten wäre. Leider sollte dieser letzte Satz die Quelle schlimmer Entzweiung werden. Ursprünglich hatte Malmesbury gefordert, daß das preußische Heer, welches nach Oesterreichs Absage Befehl zum Rückmarsch in die Heimath erhalten hatte, in seiner bisherigen Stellung am Mittelrhein bleiben sollte, und H. darauf den entsprechenden Befehl ertheilt. Dann aber erhielt Malmesbury aus London die Weisung, die Hinübersendung der Preußen nach Belgien zu fordern; dies konnte jedoch H. nicht zusagen, da niemand wußte, wie man nach dem Abzug der Preußen den Mittel- und Oberrhein gegen die dortigen Heere der Franzosen decken könnte. So entschlossen sich die beiden Diplomaten zu jener vermittelnden Bestimmung, welche die Entscheidung der Frage einer Verständigung unter den Generalen anheim stellte. Wie aber, wenn auch bei diesen die Ansichten auseinander gingen? Nun kam gleichzeitig mit dem Haager Vertrage nach Berlin die Nachricht von Kosciusko's großem Aufstande in Polen, und der einflußreiche Adjutant des Königs, General Manstein, setzte es durch, daß Wilhelm nicht zum rheinischen Heere, wie er es gewünscht, sondern nach Polen zur Bekämpfung Kosciusko's abging. Damit stand es fest, daß der polnische Krieg an erster, der französische nur noch an zweiter Stelle Preußens Interesse in Anspruch nehme, und um so bestimmter hielt der am Rhein commandirende General Möllendorf an der ihm schon früher von Manstein ertheilten Instruction, die deutsche Reichsgrenze zu decken, sonst seine Truppen zu schonen und sich im Stillen zu erkundigen, auf welche Bedingungen zum Frieden mit Frankreich zu gelangen wäre. Unter diesen Umständen war nicht daran zu denken, daß er auf die Forderung der Engländer, nach Belgien abzurücken eingegangen wäre; es kam dazu, daß die englischen Gelder sehr verspätet eintrafen und somit das preußische Heer erst im August völlig mobil wurde; so kam es auch am Rhein, zu Haugwitz's großem Verdrusse zu keinem rechten Schlagen; statt dessen versuchte Möllendorf auf eigene Hand eine geheime Anknüpfung mit dem französischen Geschäftsträger in Basel. Immer noch war der Minister derselben Ansicht wie sein Freund Hardenberg, daß man in Gemeinschaft mit den Seemächten den französischen Hochmuth durch energische Schläge brechen müsse, um nicht einen preußischen Separat- sondern einen allgemeinen, oder doch einen deutschen Reichsfrieden zu erlangen. Allein in England verlor man bei Möllendorf's Verhalten allmählich die Geduld, suspendirte am 1. October die vertragsmäßige Zahlung, und erklärte damit den Haager Vertrag für aufgehoben. So war das letzte Band, welches Preußen an die Coalition knüpfte, zerrissen; zugleich stellte sich heraus, daß in der polnischen Sache, wo die preußischen und die österreichischen Ansprüche collidirten, Rußland auf das Entschiedenste für Oesterreich Partei ergriff; sollte Preußen hier den Kaiserhöfen nicht völlig wehrlos gegenüberstehen, so mußte es sich zum Frieden mit Frankreich entschließen. So zeichnete H. Anfang December die Instruction für den nach Basel bestimmten Gesandten, den Grafen Goltz, nach welcher Frankreich die linksrheinischen Provinzen Preußens räumen, allen deutschen Reichsständen den Beitritt zu dem preußischen Frieden gestatten, und Preußens Vermittlung zu einem Frieden mit dem deutschen Reiche und Holland annehmen sollte. Sein College Alvensleben sagte voraus, Frankreich werde das linke Rheinufer begehren, und wollte Goltz sogleich zur Abtretung bevollmächtigen. H. aber mit dem alten Minister Finckenstein lehnte das ab und meinte, es sei Zeit genug, darüber Beschluß zu fassen, wenn der traurige Fall wirklich eintreten sollte.

    Frankreich bedurfte nach den ungeheuern Opfern der Schreckenszeit den Frieden reichlich ebenso dringend wie Preußen; im Grunde kam bei der Baseler Unterhandlung Alles auf die einzige Frage an, welche Partei der andern den Eindruck des unerschütterlichen Kriegsmuthes machen würde. Nun gelang den Franzosen eben damals die Ueberwältigung Hollands, und im stolzen Bewußtsein dieses Erfolges stellten sie die von Alvensleben gefürchtete Forderung des linken Rheinufers mit lebhaftem Ungestüm. Preußen dagegen sah im Osten die schwach verhehlte Feindseligkeit der Kaiserhöfe sich immer drohender entwickeln; dennoch blieb Finckenstein fest, und sprach die Ueberzeugung aus, Frankreich werde nachgeben, wenn es Preußen unter allen Umständen entschlossen sehe. Um so heftiger beantragte dagegen Alvensleben unbedingtes Eintreten auf das französische Begehren, und die Abtretung des linken Rheinufers unter der Bedingung eines Schutz- und Trutzbündnisses der beiden Mächte gegen Rußland und Oesterreich. Ein solches Bündniß aber mit den Jacobinern verabscheute der König schlechterdings, so lebhafte Sehnsucht er jetzt nach Frieden auf allen Seiten hatte, und so fand H. seinen ganzen Beifall mit dem vermittelnden Vorschlag, den Franzosen zu erklären, daß die Frage des linken Rheinufers nicht bei dem preußischen Separatvertrage sondern erst bei dem allgemeinen Reichsfrieden erörtert werden könne; er erklärte sich dann einverstanden mit einem Vorschlage des französischen Unterhändlers, die linksrheinischen Besitzungen Preußens einstweilen in den Händen der französischen Truppen zu lassen, und auf dem rechten Ufer zur Verhütung aller Reibungen eine Demarcationslinie für die künftig neutralen Lande zu ziehen. In diesem Sinne wurde nach dem Tode des Grafen Goltz am 28. Febr. 1795 Baron Hardenberg instruirt. Der neue Gesandte machte noch einen Versuch, seine Regierung zu einer muthigeren Haltung, im Vertrauen auf Frankreichs Friedenssehnsucht und Friedensbedürfniß zu bestimmen, wurde aber abschläglich beschieden, und zeichnete darauf am 5. April den Baseler Frieden mit einem geheimen Artikel des Inhalts, daß wenn künftig das deutsche Reich das linke Rheinufer den Franzofen überlasse, Preußen sich über seine dortigen Lande mit der Republik gegen entsprechende Entschädigung verständigen werde. Die Abtretung der Rheinlande war also noch vermieden, die Verteidigung derselben aber aufgegeben. Der Separatfriede mit Frankreich war allerdings durch die Feindschaft der Kaiserhöfe gegen Preußen vollkommen gerechtfertigt; kräftige Unerschrockenheit aber hatte H. in der Leitung der Verhandlungen keineswegs bewährt. In seiner leicht bestimmbaren und erregbaren Natur standen überhaupt die activen Tugenden, Willenskraft, Tapferkeit, vorausarbeitender Fleiß zurück; bei großer Einsicht ließ er die Geschäfte nur zu häufig in entscheidenden Momenten hinschleppen, wich zurück, wo sich ein ernstes Hinderniß zeigte, empfahl das Richtige und half hinterher doch zu dem Unrichtigen mit, oder schmeichelte sich, durch neue Künste die nothwendigen Folgen des begangenen Fehlers nachträglich gut zu machen. So sah er auch jetzt kein großes Unglück in den Baseler Artikeln; er meinte, er werde bald genug den Franzosen durch einleuchtende Ueberredung die Verkehrtheit ihrer rheinischen Ansprüche klar machen.

    Ein erster Entwurf der deutschen Demarcationslinie, 17. Mai, der außer Norddeutschland auch einen ansehnlichen Theil des deutschen Süden neutral stellen sollte, zeigte sich sogleich unausführbar, da Oesterreichs Heere ihre dortigen Stellungen nicht räumten. Um die Neutralität des Nordens, im Nothfall mit den Waffen, zu decken, brachte H. im Frühling 1796 Verträge mit Hannover und einigen kleineren Fürsten zu Stande, welche darin einen Theil der Kosten eines Observationscorps unternahmen. In Paris ließ er unaufhörlich die Nothwendigkeit der deutschen Reichsintegrität darlegen und den Verzicht auf die Rheinlande empfehlen: aber als im Sommer die Generale Jourdan und Moreau ganz Süddeutschland überschwemmten, als Bonaparte's italienische Siege ganz Europa in Bewunderung und Schrecken versetzten: da bequemte sich H. zu einem neuen Vertrage (Berlin 5. August), der allerdings immer noch die Abtretung des linken Ufers den Verhandlungen des Reichsfriedens vorbehielt, bei diesen aber Preußens Zustimmung den Franzosen verhieß, und dafür Preußen reiche Entschädigung an säcularisirten Bisthümern zubilligte und die Neutralität Norddeutschlands ausdrücklich anerkannte. Weder dem Minister noch dem Könige war es übrigens wohl bei dieser Lage: immer wieder erneuerten sie in Paris ihr Begehren der deutschen Reichsintegrität, wie sich versteht, ohne jeglichen Erfolg. H. behielt übrigens die Gunst seines Monarchen bis zu dessen Tode; in seinen letzten Lebenstagen bat ihn der König, seinen Nachfolger nicht zu verlassen. Auch Friedrich Wilhelm III. verhielt sich nicht anders; H. blieb der wahre Leiter der preußischen Politik. Er bewährte auch jetzt seine politische Einsicht, indem er seit dem Frieden von Campo Formio sich mit der höchsten Besorgniß über die Entwicklung der von Bonaparte gelenkten französischen Uebermacht erfüllte, und dem Gedanken ihrer thätigen Bekämpfung immer näher trat. Auf dem Congresse zu Rastadt hatten die preußischen Gesandten die Weisung, der jetzt auch von|Oesterreich genehmigten Abtretung des linken Rheinufers zuzustimmen, aber sich mit der geringsten Entschädigung zu begnügen, wenn Oesterreich die gleiche Uneigennützigkeit zeigen wollte, und überhaupt sich mit Oesterreich auf möglichst freundschaftlichen Fuß zu stellen. Aber der fachlichen Differenzen waren zu viele, und das gegenseitige Mißtrauen zu tief eingewurzelt, als daß eine Herstellung der früheren Bundesfreundschaft erreichbar gewesen wäre. Nichtsdestoweniger bot H., als sich Ende 1798 die zweite Coalition gegen Frankreich bildete, alle Kräfte auf, um den König zum Beitritte zu bestimmen, indem er mit völlig treffendem Scharfblick Preußens bevorstehendes Unglück voraussagte, wenn man der revolutionären Offensive nicht mit rereinten Kräften Schranken setze. Er vermochte aber den von Friedensliebe erfüllten König nicht zu überzeugen, Preußen verharrte in der Neutralität; und H. blieb im Amte und vertrat das nach seiner Ueberzeugung verderblich gewordene System weiter. Nachdem darauf im Sommer 1799 die Verbündeten große Siege erfochten hatten, brach zwischen dem Wiener Hofe und Kaiser Paul von Rußland bittere Zwietracht aus; Paul behauptete, daß Oesterreich mit unerträglicher Habgier nach allen Seiten um sich greifen wolle und trat von dem Bunde zurück. Hieraus ergab sich bald eine lebhafte Annäherung Rußlands an Preußen, die im J. 1800 zu der Erneuerung der vor fünf Jahren zerrissenen Allianz von 1792 führte. An eine gegen Frankreich gerichtete Politik war jetzt um so weniger zu denken, als seit November 1799 Bonaparte als erster Consul an der Spitze der Republik stand, Paul's ganze Zuneigung gewann, und die Oesterreicher bei Marengo vernichtend besiegte. Es galt für H., bei der herannahenden Entscheidung Preußens Interessen zu wahren, und dies konnte zur Zeit nur im Einverständniß mit Rußland und Frankreich geschehen. So trat er Pauls nordischem Bunde zur Vertheidigung der neutralen Schifffahrt bei, wies immer aber jede active Feindseligkeit gegen England sehr bestimmt zurück. Als er jedoch die Kunde erhielt, daß Franzosen und Russen das deutsche Erbland des Königs von England, Hannover, zu besetzen gedachten, kam er ihnen zu großem Verdrusse Bonaparte's, schleunig zuvor, indem er in halbem Einverständniß mit England das Land durch 24000 Preußen in Gewahrsam nehmen ließ. Bonaparte vergalt das, indem er bei der endlichen, dem Lüneviller Frieden folgenden, Neuordnung Deutschlands, dem von Hardenberg angeregten, von H. aufgenommenen Wunsche Preußens, zu seinen fränkischen Markgrafiaten die Bisthümer Bamberg und Würzburg zu erwerben, entschiedenen Widerspruch entgegensetzte und die beiden Bisthümer dem baierischen Kurfürsten zuwandte. Im Allgemeinen vollzog sich sonst die Umgestaltung Deutschlands entsprechend den Preußischen Wünschen mit der umfassenden Säcularisation der geistlichen Lande, und mit einem Gewinne von fast einer halben Million Einwohner für den preußischen Staat.

    So schienen, besonders als dem Lüneviller Vertrage im J. 1802 auch der englisch-französische Friede folgte, die Verhältnisse beruhigt und consolidirt. Leider führte die Reizbarkeit und Ehrsucht des Ersten Consuls schon 1803 den erneuten Bruch mit England herbei, und gleich die erste kriegerische Action der französischen Regierung zog sofort Preußen auf die empfindlichste Art in Mitleidenschaft, indem Bonaparte ohne Rücksicht auf die Neutralität des deutschen Reiches ein Armeecorps aus Batavien in Hannover einrücken ließ. Eine solche Aufstellung der französischen Truppenmassen inmitten der preußischen Provinzen bedrohte deren territoriale Sicherheit in demselben Maße, wie die von ihnen vollzogene Sperrung der Elbe und Weser die Handelsinteressen des Staates schädigte. H. stellte ohne Zaudern bei dem Könige den Antrag, die Räumung Hannovers zu fordern, und im Nothfall unter der sicher zu erwartenden Beihülfe Rußlands mit den Waffen zu erzwingen. Aber wie vor vier Jahren versagte|ihm auch dieses Mal die unbedingte Friedensliebe des Königs, der sich durch den französisch gesinnten Cabinetsrath Lombard in seinem Widerspruche gegen den Minister bestärken ließ. H., im vollen Gefühl des hiemit ausgesäten Unheils, beschloß dieses Mal, sich von den Geschäften zurückzuziehen, und sein Ausscheiden zunächst durch einen längeren Urlaub vorzubereiten. August 1803 berief er seinen Freund Hardenberg auf zwei Monate zu seiner Stellvertretung. Als er Ende October zurückkam, fand er die Dinge auf dem alten Fleck, Bonaparte jeder Milderung seines Verfahrens abgeneigt, nur im Falle einer französisch-preußischen Allianz zur Räumung Hannovers willfährig. So viel erreichte H. jetzt bei dem Könige, daß eine bestimmte Frage an Kaiser Alexander nach Rußland abging, 21. Febr. 1804, ob Preußen im Falle französischer Feindseligkeit auf seine Unterstützung rechnen könne, worauf dann der Kaiser am 15. März mit einer festen Zusage erwiederte. Dies führte im Mai zu einem geheimen Bundesvertrage zwischen beiden Mächten; H. aber, stets mit den Cabinetsräthen auf gespanntem Fuße, war schon am 14. April wieder auf seine Güter zurückgegangen, und legte vier Monate später sein Amt auch formell nieder.

    Indessen ein voller Ruhestand war ihm nicht bestimmt. Hardenberg, nach der Erwerbung Hannovers lüstern, neigte zu Frankreich hinüber; der König erholte sich dann gelegentlich Raths bei H., und dieser stimmte unabänderlich für die entgegengesetzte Politik, für Einvernehmen mit Oesterreich und Rußland, die seit Anfang 1805 Preußen dringend in einen Bund gegen Napoleon zu ziehen suchten. H. beantragte wenigstens ein Versprechen an die beiden Höfe, ohne ihr Vorwissen kein anderes Bündniß einzugehen; er hintertrieb dann den von Hardenberg gewünschten Abschluß einer Allianz mit Frankreich, und wurde, als im September der Ausbruch des Krieges zwischen Napoleon und den Ostmächten immer näher rückte, nach Wien gesandt, um ein vorläufiges Verständniß mit diesem Hofe anzubahnen. Indessen hielt Hardenberg noch immer seine französischen Tendenzen fest, bis im October die brutale Verletzung des preußischen Gebiets in Ansbach den König in volle Entrüstung gegen Napoleon versetzte. H. eben aus Wien zurückgekehrt, forderte die sofortige Anknüpfung einer Unterhandlung mit England zur Erlangung von Subsidien, und wurde gleich nachher von dem Könige, der jetzt mit Hardenberg's Lauheit unzufrieden war, zu dessen lebhaftem Aerger demselben als College im auswärtigen Ministerium beigeordnet. Darüber kam Kaiser Alexander persönlich nach Berlin, und am 3. November wurde mit ihm ein Vertrag geschlossen, nach welchem Preußen dem französischen Herrscher gewisse Bedingungen, im wesentlichen den Inhalt des Lüneviller Friedens, vorlegen würde, unter Stellung des Kriegsfalls, wenn dieselben bis zum 13. December (vor welchem Tage der Herzog von Braunschweig nicht operiren zu können erklärte), nicht angenommen wären. H. selbst übernahm den Auftrag, dem Kaiser Napoleon dieses Ultimatum zu überbringen.

    Diese Mission beruhte ganz und gar auf den Anschauungen, nach welchen H. 1799 und 1803 ein kräftiges Einschreiten gegen Frankreichs Uebergriffe begehrt hatte; zweimal hatte er sie vergeblich geltend gemacht; endlich waren sie durchgedrungen; man möchte glauben, daß er in gehobener Stimmung seine Bahn verfolgt hätte. Aber es ist ein großer Unterschied zwischen richtigem Erkennen und energischem Vollführen. Jetzt in unmittelbarster Verantwortlichkeit vor die entscheidende That gestellt, sah H. mit Schrecken das Bild der Gefahren auf allen Seiten. Er wußte, daß der König auch den gerechtesten Krieg nur als bittere Nothwendigkeit auf sich nehmen, und einen friedlichen Ausgang der Unterhandlung mit Freude begrüßen würde; er hörte wiederholt Braunschweigs Ausführungen, daß die Armee zerstreut und jede Ueberstürzung verderblich sei. Der Instruction, die er sich unter Hardenberg's Zustimmung selbst entwarf,|fügte er den kleinmüthigen Schlußsatz hinzu: er werde, falls während seiner Unterhandlung Oesterreich einen Separatfrieden schließe oder zu schließen Anstalt mache, Alles aufbieten, um Napoleon's Zorn über Preußens Rüstung zu beschwichtigen. Um ja nicht vor dem von Braunschweig bezeichneten Termine den Bruch herbeizuführen, reiste er äußerst langsam, so daß Napoleon seine bis nach Wien gelangte Armee tief nach Mähren vorschieben konnte, ehe der preußische Unterhändler zu ihm gelangte. Unterwegs erfuhr er, daß Oesterreich eine Separatunterhandlung mit Napoleon begonnen habe; es kam ihm nicht in den Sinn, daß bei kräftigem Einschreiten Preußens dieselbe in sich erlöschen würde; er sah nur jenen Satz der Instruction vor seinen Augen, der ihn in einem solchen Falle zur Beschwichtigung Napoleon's aufforderte. So beschränkte er sich bei der ersten Begegnung mit dem großen Kriegsfürsten, zu Brünn, auf die Anzeige, daß Preußen seine Vermittlung zwischen Frankreich und der Coalition anbiete, worauf Napoleon kühl erwiederte, daß Preußen der Coalition ja schon beigetreten sei, also nicht mehr vermitteln könne, und den Grafen nach Wien zu Talleyrand schickte. Die Russen, anstatt Preußens Heere abzuwarten, begingen dann die Thorheit, die Schlacht zu suchen, und wurden am 2. December vollständig besiegt; ihre Trümmer zogen eiligst durch Ungarn nach Polen, und Oesterreich schloß einen Waffenstillstand. H. war von dieser Katastrophe ganz und gar eingeschüchtert; sein Auftrag, dem französischen Herrscher den Kriegsfall zu stellen, schien ihm durch die Ereignisse durchstrichen; aber der einfache Gedanke, auftragslos wie er hiernach geworden, nach Hause zu gehen, kam ihm nicht; er blieb, um Napoleon zu beschwichtigen. Da erfuhr er, der Mann von zartem Ansehn und weichen Zügen, wie ihn Goethe einst erblickt, an sich selbst die dämonische Kraft des gewaltigen Eroberers. Zornesausbrüche. Drohungen, Schmeicheleien, Verheißungen folgten sich in drängenden Ergüssen; H. widerstand zwei Tage lang; am 15. December war er überwältigt, und zeichnete den Schönbrunner Vertrag, durch welchen Preußen nicht etwa das kaum gezogene Schwert wieder einsteckte, sondern mit Frankreich Bündniß schloß, aus seiner Hand Hannover empfing, und dafür Eleve, Neufchâtel und Ansbach abtrat. Als er am 25. die unerhörte Abrede in Berlin vorlegte, kamen dort die Gemüther doch in heftige Bewegung. Stein erklärte sich nachdrücklich für den Krieg auch ohne Oesterreich, und in der That hätte man mit den anwesenden russischen, englischen und schwedischen Hülfsvölkern Mittel genug dazu gehabt. Die Andern aber fanden das zu gewagt; es wurde beschlossen, den Vertrag zu bestätigen aber ihm erheblich ändernde Modificationen hinzuzufügen, und damit H. zu einer neuen Unterhandlung nach Paris zu senden. Der Graf glaubte nach den vielen schönen Dingen, die ihm persönlich Napoleon in Schönbrunn gesagt, einen unbeschränkten Einfluß auf den Kaiser zu besitzen, wurde jedoch übel enttäuscht, als ihn dieser bei der ersten Audienz mit einem Hagelwetter von Vorwürfen überschüttete, den Vertrag für erloschen erklärte und nur zwischen Krieg und einem neuen, für Preußen sehr viel ungünstigeren Vertrag die Wahl ließ. Nochmals wiederholten sich die kläglichen Scenen von Schönbrunn; H. reiste nicht ab, erbat sich keine neue Instruction, sondern zeichnete am 15. Febr. die neue Urkunde, welche zwar Hannover wieder an Preußen überwies, zugleich aber die preußischen Gegenabtretungen verdoppelte und die Schließung der hannoverschen Häfen gegen den englischen Handel festsetzte, also Preußen zu einer feindseligen Action, nicht blos gegen Georg III. als Kurfürsten von Hannover, sondern ganz unmittelbar gegen das mächtige Großbritannien verpflichtete. Da mittlerer Weile in Berlin die Armee mit unbegreiflicher Sorglosigkeit auf den Friedensfuß gesetzt war, sah sich der König zur unbedingten Ratification des Vertrages gezwungen (vgl. den Artikel Hardenberg).

    Da Hardenberg gleich nachher aus dem Ministerium ausschied, übernahm H. aufs Neue die volle Leitung der Geschäfte. Aber er war ein gebrochener Mann. Wenn er schon früher nicht gerade pünktlich und fleißig gewesen, so lebte er jetzt völlig planlos und haltungslos von einem Tage zum andern. Er erzürnte Napoleon aufs Neue, indem er die Besetzung Hannovers in seinem Manifest als aufgedrungene Nothwendigkeit bezeichnete, und unterließ doch jede vertrauliche Erörterung bei den englischen Ministern, welche dem Staat die nun erfolgende, äußerst folgenschwere Kriegserklärung Englands erspart hätte. Er hatte Einsicht genug, um sich zu sagen, daß in kurzer Frist der französische Krieg unvermeidlich sein würde, aber es war, als wenn diese Vorstellung seine Thatkraft nicht anspornte, sondern erdrückte. Es geschah nichts zur Vorbereitung einer großen militärischen Action; eine halbe Anlehnung an Rußland wurde durch den König ohne Mitwirkung des Ministers gesucht. Im Juli erfolgte dann die Auflösung des deutschen Reiches und die Gründung des Rheinbundes; Napoleon ließ erst nach vollendeter Thatsache eine Mittheilung darüber in Berlin machen, mit der kurzen Bemerkung, daß er nichts einwenden würde, wenn Preußen die norddeutschen Staaten zu einer ähnlichen Conföderation vereinige. H. sandte darauf die betreffende Einladung nach Dresden und Cassel; beide Höfe aber lehnten ab, der hessische unter dem Vorwande, daß Napoleon ihm den Beitritt widerrathe. Dies war unbegründet, wol aber hatte Napoleon ein solche Abmahnung an die Hansestädte ergehen lassen. Noch stand man unter dem schweren Eindrucke dieser Nachrichten, als Anfang August ein Bericht des Gesandten in Paris, Lucchesini, einlief, Napoleon habe bei der damals schwebenden Friedensunterhandlung mit England diesem die Wiedereroberung Hannovers ohne Weiteres zugestanden, desselben Hannovers, dessen definitive Besitzergreifung er erst vor fünf Monaten dem preußischen Hofe aufgezwungen hatte. Diese neue Probe von Mißachtung und Treulosigkeit brachte die lange angesammelte Entrüstung zum Ausbruch. H. veranlaßte den König, die Mobilmachung der Armee zu befehlen. Die öffentliche Meinung, wie von einem elektrischen Strahle entzündet, loderte in wilder Heftigkeit auf; es war das erste Mal in dem Staate Friedrichs des Großen, daß sie als bestimmende Macht hervortrat; es war bezeichnend für den Wandel der Dinge, daß sie hier das Signal zum Untergange der alten Monarchie gab. Bürger, Soldaten, Officiere riefen einmüthig nach Krieg; mehrere Generale, Minister und Prinzen des königlichen Hauses forderten durch eine Denkschrift an den Monarchen die Entlassung des, wie sie sagten, franzosenfreundlichen H.; die Königin Luise, ohne sich an dem Sturme gegen H. zu betheiligen, stimmte nicht minder für den Krieg. Der Krieg gegen den Unterdrücker war gerecht und geboten, wenn es je ein Krieg gewesen ist. Aber gerade in diesem Augenblicke loszuschlagen, dazu nöthigte nichts, im Gegentheil, Alles hätte Alles dazu treiben müssen, durch hinhaltende Unterhandlung die Zeit zu den erforderlichen Rüstungen und Bündnissen zu gewinnen. Man war Rußlands Freundschaft sicher, aber lange Monate mußten vergehen, ehe ein russisches Bataillon auf dem Schauplatze erscheinen konnte. Mit Oesterreich und England war noch nicht die geringste Abrede getroffen; nirgend konnte man auf einen wirksamen Beistand rechnen. Jedoch der Strom der entfesselten Gefühle riß unwiderstehlich durch alle Erwägungen hindurch; und nicht mit Unrecht sagte bald nachher Lucchesini: nach den üblen Schwankungen unserer Politik im letzten Jahre hätte sich niemand auf unsere Eröffnungen eingelassen; wir müssen das Vertrauen mit Kanonenschüssen wieder erobern. So erließ man an Napoleon ein Ultimatum, welches den Krieg unmittelbar in sich schloß, die Forderung des sofortigen Rückmarsches der französischen Truppen aus Süddeutschland über den Rhein. Napoleon antwortete darauf durch seine Abreise aus Paris nach Würzburg in das Hauptquartier seiner Armee. Da der Herzog von Braunschweig als Führer des preußischen Heeres noch schlimmere Fehler machte, als H. seit dem letzten December auf dem diplomatischen Gebiete, so war am Abend des 14. October 1806 das preußische Heer bei Jena und Auerstädt vernichtet.

    H. begleitete die Flucht des Königs bis nach Ostpreußen, nahm dort seinen Abschied und zog sich auf seine schlesischen Güter zurück. Im J. 1811 wurde er Curator der Universität Breslau. Dann von schwerer Krankheit getroffen, siedelte er 1820 nach Italien über und wohnte seit 1821 auf einer Villa bei Este, am Fuße der Euganeischen Berge. Hier schrieb er Memoiren, von denen bis jetzt nur ein kleiner Abschnitt, über die verhängnißvollen Tage von Schönbrunn, gedruckt worden ist. Er starb 1831 zu Venedig im 80. Lebensjahre.

    • Literatur

      Vgl. Minutoli, Der Graf von Haugwitz und Job von Witzleben. Sybel, Geschichte der Revolutionszeit, 4. Aufl. Ranke, Denkwürdigkeiten Hardenberg's. Duncker in den Preuß. Jahrbüchern, Bd. 42.

  • Autor

    H. v. Sybel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Sybel, Heinrich von, "Haugwitz, Christian Graf von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 57-66 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116527080.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA