Lebensdaten
1849 bis 1930
Geburtsort
Küstrin (Brandenburg)
Sterbeort
Ebenhausen bei München
Beruf/Funktion
Großadmiral ; Staatssekretär des Reichsmarineamts ; preußischer Staatsminister ; Politiker
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118622870 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Tirpitz, Alfred Peter Friedrich (bis1900)
  • Tirpitz, Alfred von (seit1900)
  • tirpitz, alfred von
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Zitierweise

Tirpitz, Alfred von (seit1900), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622870.html [26.05.2020].

CC0

  • Genealogie

    Aus in d. Neumark ansässiger Fam., deren Stammreihe mit Christian Ferdinand T. (1707–90), Stadtmusicus in Bärwalde (Neumark), preuß. Feldtrompeter, beginnt;
    V Rudolf T. (1811–1905), RA, Notar in Frankfurt/O., Richter in K., dann in Frankfurt/O., Kammerger.rat in Berlin, preuß. JR (s. BJ X, Tl.), S d. Friedrich Wilhelm (1782–1862), RA, Notar in Frankfurt/O., preuß. JR, u. d. Ulrike Rohleder (1788–1857), aus hugenott. Fam.;
    M Malwine (1815–80), T d. Peter Hartmann (1776–1842), Dr. med., Arzt, preuß. Kreisphysicus in Frankfurt/O., Reg.- u. Med.rat, u. d. Anna-Louise Aune (1782–1851, 1] Wilhelm Theodor Kirste, v. 1808 preuß. Kammerrat b. d. Kriegs- u. Domänenkammer in Plock);
    Ur-Gvv Jacob Friedrich T. (1750–1830), preuß. Stabstrompeter, Salzfaktor in Sonnenburg, Carl Rohleder (1746–1813), Pastor, Sup. in Sonnenburg; Ur-Gr-Tante-v Henriette Rohleder (1780–1835, Gustav Köpke, 1773–1837, D. Dr. phil., Prof. d. Theol., Dir. d. Gymn. z. Grauen Kloster in Berlin, Lehrer Bismarcks, s. ADB 16);
    2 B, 1 Schw Olga T. ( Georg Schulze, 1846–1932, Dr. phil., Dir. d. Franz. Gymn. in Berlin, Geh. Reg.rat, s. NDB 23*);
    Berlin 1884 Marie (1860–1948), T d. Gustav Lipke (1820–89), RA in Danzig, dann in Berlin, Landger.rat in Schuetz, 1880–87 MdR, 1873–87 Mitgl. d. preuß. Abg.hauses (s. Biogr. Hdb. Preuß. Abg.haus I), u. d. Karoline Rothpletz;
    2 S Wolfgang (1887–1968, Elisabeth Sering, 1896–2002, Nat.ök., T d. Max Sering, 1857–1939, Nat.ök., Agrarpol., s. NDB 24), Korvettenkpt., Politol., Max (1893–1956), Oberstlt., 2 T Ilse (1885–1982, Ulrich v. Hassell, 1881–1944, hingerichtet, Dipl., Widerstandskämpfer, s. NDB VIII), Margot (1888–1978), Jugendleiterin;
    Gr-N Harro Schulze-Boysen (1909–42, hingerichtet), Offz., Widerstandskämpfer in d. Organisation Rote Kapelle, s. NDB 23);
    E Egbert (* 1921), Ltd. Reg.dir., Leiter d. Bundeskartellamts; Verwandter Georg Leo Gf. v. Caprivi (1831–99, preuß. Gf. 1891), Gen. d. Inf., Reichskanzler (s. NDB III).|

  • Leben

    T. trat nach dem Besuch des Realgymnasiums in Frankfurt/O. 1865 als EinjährigFreiwilliger in die preuß. Marine ein und durchlief die übliche Ausbildung. Sie führte ihn innerhalb weniger Jahre in Spitzenstellungen dieser Waffengattung (1877/78 Erster Offz., 1878/79 Kdt. Torpedoboot „Zieten“, 1879–86 Dezernent f. Torpedoangelegenheiten b. d. Admiralität). 1888 war er 38jährig der jüngste Kapitän zur See. Dazu qualifizierte ihn u. a. sein methodisches Vorgehen bei der Entwicklung der neuen Torpedowaffe und seine Fähigkeit, komplexe technisch-taktisch-strategische Zusammenhänge überzeugend darzustellen.

    1891 wurde Ks. Wilhelm II. bei einem Besuch der Marinestation in Kiel auf T. aufmerksam, dessen Ziele sich weitgehend mit seinen eigenen Vorstellungen von der zukünftigen Rolle des Dt. Reichs in der Welt deckten. Im Gegensatz zu dem sprunghaften Kaiser analysierte T. jedoch die Bedeutung von Seemacht präzise und formulierte, seit 1892 Stabschef beim Oberkommando, 1894 in der „Dienstschrift IX“ die Grundgedanken zukünftiger Flottenpolitik und Seestrategie. Darin bezeichnete er als „natürliche Bestimmung einer Flotte (…) die strategische Offensive“ und plädierte für eine Flotte aus Schlachtschiffen anstelle von Kreuzern, die, in Geschwadern zu jeweils acht Schiffen organisiert und in der Linie operierend, die Seeherrschaft erringen könnten. Nur Seemacht garantierte seiner Meinung nach die politische und wirtschaftliche Zukunft des Reichs.

    Mit großer Energie arbeitete T. an der Umsetzung dieses Programms, dem er auch eine innenpolitisch stabilisierende und integrierende Funktion zuschrieb und die er mit deutlich antiparlamentarischer Tendenz verfolgte: So forderte er in Immediatberichten und Audienzen beim Kaiser eine gesetzliche Festlegung des Geschwaderprinzips und des regelmäßigen Ersatzes veralteter Schiffe, was zwar technischen Sachzwängen des Kriegsschiffbaus Rechnung trug, zugleich aber das Budgetrecht des Reichstags auf Dauer aushöhlen und die Marine zu einem nur der Krone unterstehenden Machtinstrument formen sollte.

    Zunächst drang T. nicht durch: Als zu ehrgeizig und nicht berechenbar wurde er Anfang Mai 1896 als Chef des Kreuzergeschwaders in den Fernen Osten versetzt. Nach dem erneuten Scheitern ksl. Flottenpläne im Reichstag im Frühjahr 1897 wurde T. jedoch zurückgerufen, um im Juni 1897 die Nachfolge des Vizeadmirals Friedrich v. Hollmann (1842–1913) als Staatssekretär des Reichsmarineamts anzutreten; 1898 wurde er preuß. Staatsminister. In diesen Positionen versuchte T. (1899 Vizeadmiral, 1903 Admiral, 1911 Großadmiral) zusammen mit dem neuen Staatssekretär des Auswärtigen und designierten Reichskanzler Bernhard v. Bülow (1849–1929), offensiv Deutschlands „Platz an der Sonne“ anzustreben. Im Ergebnis bedeutete dies, sich von der Bismarckschen Ausgleichspolitik ab- und einer expansiveren Außenpolitik zuzuwenden und mit England, der führenden Welt- und Seemacht, in Konkurrenz zu treten. Den Hebel dazu bildete die Flotte, die mit ihren von T. vorgesehenen, in den Flottengesetzen und -novellen von 1898, 1900, 1906, 1908 und 1912 schrittweise geforderten und in Bau gegebenen 61 Großkampfschiffen, 40 Kleinen Kreuzern, 144 Torpedo- und 72 U-Booten mehr als nur ein „Risiko“ für England sein sollte.

    Die Folgen dieses mit Verabschiedung des Ersten Flottengesetzes im April 1898 in Angriff genommenen Programms waren beträchtlich: Die Außenpolitik wurde, bis England gegenüber eine sichere Position durch eine entsprechende Flottengröße erreicht war, in ihrer Handlungsfreiheit eingeschränkt und auf Friedenspolitik festgelegt, die Kosten der gesetzlich vorgesehenen Schiffe mußten in unbeschränkter Höhe aus den Reichsfinanzen bezahlt werden.

    T. konnte die Auswirkungen dieser Politik jedoch nicht beherrschen. Die engl. Ententen mit Frankreich (1904) und Rußland (1907) isolierten das Dt. Reich in Europa. T.s Versuch, dem Übergang der Royal Navy zum Bau kampfkräftiger Schiffe 1905/06 (Bau d. „Dreadnought“) zu folgen und 1908 mit dem Bau von vier anstelle von drei Großkampfschiffen pro Jahr den Abstand zwischen beiden Marinen zu verringern, lösten ein offenes Wettrüsten aus. Auch im Innern mehrten sich die Probleme. Die stetig steigenden Kosten des Flottenbaus belasteten den Reichshaushalt zusehends. Die zur Finanzierung notwendigen Steuererhöhungen verschärften die Bruchlinien zwischen den Parteien und zwischen Reichstag und Reichsleitung. Bis 1914 hoffte T. gleichwohl, England durch ein Wettrüsten zu Konzessionen zwingen zu können. Trotz wachsenden Widerstands innerhalb der Reichsleitung und der Marine gelang es ihm, durch geschicktes Taktieren 1906, 1908 und 1912 weitere Novellen durch den Reichstag zu bringen. Alternative Konzepte wie die defensive Kleinkriegstrategie von Vizeadmiral Karl Galster (1851–1931) wies er scharf zurück.|

    Nach Kriegsausbruch 1914 war das Scheitern von T.s Politik unübersehbar. Anstatt sich einer Schlacht zu stellen, verhängte die Royal Navy eine Fernblockade, die die Hochseeflotte nicht brechen konnte. T. drängte zwar auf ein aktiveres Vorgehen der Flotte, ein klares Konzept hatte er jedoch nicht. Seine Forderung nach dem uneingeschränkten U-Bootkrieg lehnte Reichskanzler Bethmann Hollweg 1915/16 aus Rücksicht auf die amerik. Neutralität ab. T.s Kriegszielforderungen, allen voran die Annexion Belgiens, offenbarten zudem, wie sehr er im Rausch des Kriegs jedes Augenmaß verlor. Im Frühjahr 1916 manövrierte der Reichskanzler T. endgültig aus, am 16. 3. wurde er in Ungnaden aus allen Ämtern entlassen.

    Zutiefst verbittert, agitierte T., der 1908–18 Mitglied des preuß. Herrenhauses war, nun hinter den Kulissen. Mit dem ostpreuß. Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp (1858– 1922) gründete er 1917 die „Deutsche Vaterlandspartei“. Nach Ausbruch der Revolution versteckte sich T. zunächst im Jagdhaus Zabelsberg in Pommern und vollendete zugleich seine „Erinnerungen“. Danach beteiligte er sich an zahlreichen Putschversuchen. 1924–28 vertrat er die DNVP im Reichstag. Versuche, Reichskanzler oder gar Reichspräsident zu werden, scheiterten. Um der von ihm ungeliebten Weimarer Republik einen konservativ-autoritären Charakter zu geben, unterstützte er die Kandidatur Hindenburgs 1925.

    Eine von ihm geprägte Generation von Marineoffizieren knüpfte an viele seiner Ideen an. Bau und Untergang des Schlachtschiffs „Tirpitz“ symbolisierten insofern die fatale Kontinuität marinepolitischer Hybris und weltpolitischen Herrschaftsstrebens. Als Persönlichkeit war T. eine Ausnahmeerscheinung in der militärischen Führung des Kaiserreichs. Sein durchdacht klingender „Plan“ entsprach dem Kraftgefühl einer Generation, die das Bismarckreich für zu eng hielt und nach Weltmacht strebte. Die außen- und innenpolitischen, selbst die seestrategischen Prämissen waren jedoch falsch. Mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik, Halsstarrigkeit und Wunschdenken trübten zunehmend T.s Blick für die wirkliche Lage. Sein Einfluß in der Marine blieb davon dennoch lange Zeit unberührt.

  • Auszeichnungen

    A Gr.kreuz d. württ. Friedrichsordens (1898); Dr. iur. h. c. (Göttingen 1913); Dr.-Ing. E. h. (TH Charlottenburg 1913); Pour le mérite (1915); Ehrenbürger d. Stadt Frankfurt/O. (1917); Dr. phil. h. c. (Greifswald 1930); Schlachtschiff „T.“ (1939, 1944 in Norwegen durch Luftangriff versenkt); Reichspostdampfer „Admiral v. T.“ (HAPAG, 1905–12); Schlachtschiff T. (1913 auf Stapel gelegt, wegen Kriegsausbruch zunächst nicht vollendet, 1919 an England ausgeliefert, 1919–52 als „Empress of Australia“ als Truppentransporter im Dienst); Frachtu. Passagierschiff „T.“ (Stinnes-Reederei, dann HAPAG, 1921–39 in Spanien aufgelegt, 1943 im Mittelmeer versenkt); T.-Hafen im Marinestützpunkt Kiel (n. 1933); T.-Mole, ebd. (seit 1958/59); T.-Kaserne in Bremen-Gröpelingen (n. 1933, 1997 geschlossen).

  • Werke

    W Erinnerungen, 1919;
    Der Aufbau d. dt. Weltmacht, 1924;
    Dt. Ohnmachtspol. im Weltkriege, 1926;
    Nachlaß: BA.

  • Literatur

    L U. v. Hassel, T., Sein Leben u. Wirken mit Berücksichtigung seiner Beziehungen z. Albrecht v. Stosch, 1920; A. Scheibe, T., 1934; W. Hubatsch, Die Ära T., Stud. z. dt. Marinepol. 1890–1918, 1955;
    K. Assmann, Dt. Seestrategie in zwei Weltkriegen, 1957; H. D. Reinhardt, T. u. d. dt. Flottengedanke in d. J. 1892–1898, Diss. Marburg 1964; J. Steinberg, Yesterday’s Deterrent, T. and the Birth of the German Battle Fleet, 1968; V. R. Berghahn, Der T.-Plan, Genesis u. Verfall e. innenpol. Krisenstrategie unter Wilhelm II., 1971; Rüstung im Zeichen d. wilhelmin. Weltpol., Grundlegende Dok. 1890–1914, hg. v. dems. u. W. Deist, 1988;
    W. Deist, Flottenpol. u. Flottenpropaganda, Das Nachrr.bureau d. Reichsmarineamtes 1897–1914, 1976; M. Salewski, T., Aufstieg, Macht, Scheitern, 1979; B. Kaulisch, A. v. T. u. d. imperialist. dt. Flottenrüstung, Eine pol. Biogr., 2 1982;
    M. Epkenhans, Die wilhelmin. Flottenrüstung 1908–1914, Weltmachtstreben, ind. Fortschritt, soz. Integration, 1991; ders., A. v. T. (1849–1930), in: Das Ks.reich, Portrait e. Epoche in Biogrr., hg. v. M. Fröhlich, 2001, S. 228–39; ders., A. v. T., Architect of the German High Seas Fleet, 2008; R. Scheck, A. v. T. and German Right-Wing Politics, 1914–1930, Atlantic Highlands, N. J. 1998; F. Uhle-Wettler, A. v. T. in seiner Zeit, 1998; Die dt. Seekriegsltg. im Ersten Weltkrieg, hg. v. G. Granier, 4 Bde., 1999–2004; C. Rödel, Krieger, Denker, Amateure, A. v. T. u. d. Seekriegsbild v. d. Ersten Weltkrieg, 2003;
    A. Hopman, Das ereignisreiche Leben e. „Wilhelminers“, Tagebücher, Briefe, Aufzz. 1901–1920, hg. v. M. Epkenhans, 2004; P. J. Kelly, T. and the Imperial German Navy, 2011;
    D. Bönker, Militarism in a Global Age, 2012;
    M. Seligman, F. Nägler u. M. Epkenhans (Ed.), The Naval Route to the Abyss, The Anglo-German Naval Race 1895–1914, 2015; – zur Fam.: GHdA 89, 1986, S. 473–76.

  • Portraits

    P Öl/Lwd. v. L. Corinth, 1917 (Berlin, Dt. Hist. Mus.); Öl/Lwd. (Wilhelmshaven, Dt. Marinemus.); Büste, 1931 (Berlin, Foyer d. Marineltg., Bendlerblock, 1943 eingeschmolzen); Marmorbüste v. L. Goehle-Aschenborn (Marineschule Mürwik); Gipsbüste, anon. (Hamburg)

  • Autor/in

    Michael Epkenhans
  • Empfohlene Zitierweise

    Epkenhans, Michael, "Tirpitz, Alfred von" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 297-299 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622870.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA