Lebensdaten
1889 bis 1972
Geburtsort
Dresden
Sterbeort
Berlin(-West)
Beruf/Funktion
Ornithologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117317985 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stresemann, Erwin Friedrich Theodor

Orte

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Zitierweise

Stresemann, Erwin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd117317985.html [18.11.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Richard (1847–1925), aus B., Dr. phil., Pharmazeut, Apotheker in Dresden, S d. Theodor;
    M Marie (1853–1936) aus Forst (Lausitz), T d. Friedrich Dunkelbeck;
    Schw Elsa (1882–1947, ⚭ Helmut Beyer, Kaufm.), Irma (1884–1966, ⚭ Adolf Leonhardi, Offz.), Hertha (1892–1984, Hanns Hanner, 1883–1966, Maler, Radierer, Prof. an d. Kunstak. Dresden, s. ThB; Vollmer; AKL);
    1) 1916 (Kriegstrauung) 1939 Elisabeth (1890–1960), Dr. med., T d. Albert Deninger (1851-n. 1907), Dr. phil., Chemiker, Schriftst. in Mainz (s. Kosch, Theater-Lex.), 2) Berlin 1941 Vesta (1902–2006, 1] Friedrich Hauchecorne, 1894–1938, Dr. agr., Dir. d. Zoolog. Gartens in Köln, s. NDB VIII* u. XII*), Ornithol. (s. W), T d. Ernst Waldemar Grote (1874–1951), aus Barmen, u. d. Anna Maria Schlieper (1876–1959);
    2 S aus 1) Werner (* 1918, Trautline Modersohn), Rundfunk- u. Fernsehing., Ernst (* 1924, 1] 1959 1976 Margarete Blümel, 1920–2003, 2] Beatrice Rothe, * 1939), Dr. med., gründete e. Asthma- u. Allergieklinik sowie e. Inst. f. Arbeitsmed. in Bad Salzuflen, Prof., Lehrbeauftr. an d. Univ. Münster (s. Lipp. Autorenlex.; Kürschner, Gel.-Kal. 2011), 1 T aus 1) Rose-Marie (1917–2004, ⚭ Heinz Schilling v. Canstatt, 1918–2007, techn. Leiter d. Sektkellerei C. A. Kupferberg in Mainz, Aufsichtsrat d. Fa. Kupferberg), 1 T; Gvm d. 2. Ehefrau Walter Schlieper (1833–1911), Teilh. d. Seidenweberei Schlieper, Wülfing & Söhne in Barmen u. Hochdahl.

  • Leben

    S. besuchte die Grundschule und das humanistische Gymnasium in Dresden. Angeleitet durch den Vater, war er seit früher Jugend ein begeisterter Naturfreund, insbesondere Vogelbeobachter, begann aber 1908 das Brotstudium der Medizin in Jena. Er wechselte 1909 nach München, wurde in der dortigen|Ornithologischen Gesellschaft aktiv und erhielt von Carl Eduard Hellmayr (1878–1944) entscheidende Anregungen. 1910–12 unterbrach er sein Studium, um als Ornithologe an einer von dem Geologen und Paläontologen Karl Deninger (1878–1917) geleiteten und von den Mitgliedern selbst finanzierten Molukken-Expedition teilzunehmen und die Sprache der dortigen Bewohner zu studieren. Er begann jetzt mit dem Studium der Zoologie, zunächst in Freiburg (Br.), bald in München. Nach dem Kriegsdienst 1914–18 wurde er 1920 bei Richard v. Hertwig (1850–1937) mit der Arbeit „Die Variation der Körpergrösse bei Vögeln“ promoviert. Im folgenden Jahr übernahm S. die Leitung der Ornithologischen Abteilung des Museums für Naturkunde in Berlin, wurde 1930 Titularprofessor und hielt ab 1946 zusätzlich zu seiner Museumstätigkeit zoologische Vorlesungen an der Humboldt-Universität (em. 1961).

    Während der 1920er und 1930er Jahre begründete S. eine „Neue Biologie des Vogels“ (J. Haffer, in: Acta historica Leopoldina 34, 2000, S. 420), indem er Untersuchungen zur Ökologie, Brutbiologie und zum Verhalten der Vögel, ihrer Physiologie, funktionellen Morphologie sowie Evolution und Systematik durchführte bzw. förderte. Er erreichte dadurch die Anbindung der bis dahin isolierten und vorwiegend systematisch-faunistisch orientierten Ornithologie an die allgemeine Zoologie. Sein umfangreiches Werk über Vögel wurde zur Programmschrift dieser neuen Denkrichtung (Sauropsida, Aves, in: Hdb. d. Zoologie, hg. v. W. Kükenthal u. T. Krumbach, Bd. 7/2, 1927–34, in Teillfgg.). Darin behandelte er ausführlich die Anatomie und Physiologie der Vögel, die Einpassung der Vogelarten in ihre spezifische Umwelt, Brutbiologie und viele Verhaltensweisen. Im Abschnitt über den Vogelzug entwickelte er die Vorstellung eines endogenen Steuerungsmechanismus bei Zugvögeln, der Jahrzehnte später experimentell bestätigt wurde.

    S. führte einen wichtigen konzeptionellen Wandel in der Ornithologie herbei, der bald auch in anderen Ländern spürbar wurde. Seine Begründung der Ornithologie als einer biologischen Wissenschaft war insgesamt von größerer Bedeutung als seine ebenfalls wichtigen Beiträge zur Systematik, Zoogeographie, Evolutionsforschung und Geschichte der Ornithologie. Er diskutierte das biologische Artkonzept schon um 1920, bearbeitete Vogelsammlungen aus verschiedenen Gebieten der Paläarktischen Region (Balkan, Iran, China, Burma), vom Malayischen Archipel, von Neuguinea und beschrieb 18 bis dahin unbekannte Vogelarten und über 230 Subspezies von Vögeln. Für den Malayischen Archipel und das tropische Afrika entwickelte er eine dynamisch-ökologische Methode der zoogeographischen Analyse, die allgemein angenommen wurde. 1951 erschien S.s klassisches Werk „Die Entwicklung der Ornithologie von Aristoteles bis zur Gegenwart“ (Nachdr. 1996, engl. 1975). Ferner gab er 1955–69 (u. spätere Aufl.) eine „Exkursionsfauna von Deutschland“ heraus (3 Bde.) und einen Atlas der Verbreitung paläarktischer Vögel (1960–72) und edierte die Briefwechsel bekannter dt. Ornithologen des 19. Jh. Gemeinsam mit seiner Frau Vesta analysierte er den Gefiederwechsel der Vögel.

    S. war lange Zeit führend in der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft tätig (Generalsekretär 1922–44, Präsident 1949–67) und bestimmte dadurch wie auch als Herausgeber zweier Fachzeitschriften maßgeblich die Ausrichtung der Ornithologie in Mitteleuropa. Unterstützt wurden S.s Bemühungen u. a. von Oskar Heinroth (1871–1945) und Otto Koehler (1889–1974). Zu S.s Schülern zählen u. a. die Evolutionstheoretiker Ernst Mayr (1904–2005) und Bernhard Rensch (1900–90), der als Mitherausgeber des „Journal für Ornithologie“ von 1925–37 eng mit S. zusammenarbeitete. S. förderte auch den Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903–89), dessen frühe Arbeiten alle in S.s „Journal für Ornithologie“ erschienen.

  • Auszeichnungen

    A korr. oder Ehrenmitgl. d. meisten ornitholog. Ges. d. Welt; Präs. d. VIII. Internat. Ornithol. Kongresses in Oxford (1934); Ehrenpräs. d. Dt. Ornithologen-Ges. (1967–72); Mitgl. d. Leopoldina (1954); Nat.preis d. DDR (1955).

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Paulohi-Sprache, 1918;
    Avifauna Macedonica, 1920;
    Die Mauser d. Vögel, in: Journal f. Ornithol. 107, Sonderh., 1966 (mit Vesta Stresemann); – W-Verz.
    in: Journal f. Ornithol. 114, 1973, S. 482–500.

  • Literatur

    L G. Niethammer, in: Journal f. Ornithol. 110, 1969, S. 348–53;
    R. Nöhring, G. Niethammer u. R. Heyder, ebd. 114, 1973, S. 455–81 (P);
    J. Haffer, Die „Stresemannsche Rev.“ in d. Ornithol. d. frühen 20. Jh., ebd. 142, 2001, S. 381–89;
    ders., E. Rutschke u. K. Wunderlich, E. S., Leben u. Werk e. Pioniers d. wiss. Ornithol., 2000, 22004(P);
    E. Rutschke, in: M. Schmitt u. I. Jahn (Hg.), Darwin u. Co., II, 2000, S. 296–315 (P);
    E. Nowak, E. S., ein Sachse, d. d. Vogelkde. in d. Rang e. biol. Wiss. erhoben hat, in: Mitt. d. Ver. Sächs. Ornithologen 9, Sonderh. 2, 2003 (P);
    Ornithologen Mitteleuropas III;
    Wer war wer DDR;
    Lex. Bryologen;
    DSB 17;
    Lex. bed. Naturwiss. (P).

  • Autor

    Jürgen Haffer
  • Empfohlene Zitierweise

    Haffer, Jürgen, "Stresemann, Erwin" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 543-544 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd117317985.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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