Lebensdaten
1891 bis 1970
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Stockholm
Beruf/Funktion
Dichterin ; Übersetzerin
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118604627 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sachs, Leonie
  • Sachs, Nelly
  • Sachs, Leonie
  • mehr

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Zitierweise

Sachs, Nelly, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118604627.html [14.12.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Georg William (1858–1930), Gummiwarenfabr. in B., S A. Adolf Abraham Loebel (1827–1911), aus Rosenberg, Gummiwarenfabr. in B., u. d. Johanna Sachs (1839–92);
    M Margarete (1871–1950), emigrierte 1940 nach Schweden, T d. Mendel Max Karger (1824–76), Kaufm. in B., u. d. Feodora Meyer (1845–96);
    Tante-v Felicia (1861–1907, Carl Cohn, 1854–1936, Kaufm. in B.), Anna geb. Collin (1861–1929, 1) Richard Sachs, 1859–1904, 2) Carl Cohn, s. o.); – ledig;
    Vt Manfred George (bis 1939 Georg, eigtl. Manfred Georg Cohn) (1893–1965), Dr. iur., Journ., Schriftst., Mitbegr. u. Schriftleiter d. dt.sprachigen Exilzs. „Aufbau“ in New York (s. BHdE I); Cousine Mirjam (Mary) ( 1959, Oskar Maria Graf, 1894–1967, Schriftst., s. Killy; Kosch, Lit.-Lex.3; Munzinger; BHdE II).

  • Leben

    S. verlebte eine wohlbehütete Kindheit in Berlin, wo sie die private Dorotheenschule (Moabit) und 1903-08 die Aubertschule besuchte. Eine unglückliche Jugendliebe, die bis ins Spätwerk hinein das poetische Bild des Bräutigams prägte, endete durch Nahrungsverweigerung beinahe tödlich. Ohne Berufsausbildung, allein auf die Ehe hin erzogen und nur mit Kunst und Literatur beschäftigt, übernahm S. die Rolle der liebevollen Tochter, die nach dem Tod des Vaters die Verantwortung für Mutter und Haushalt trug. Die nationalsozialistische Judenverfolgung führte zu lebenslang andauernden psychischen Belastungen, die S. schriftstellerisch verarbeitete (Leben unter Bedrohung, in: Ariel, 1956, H. 3, S. 19). Im Jüd. Kulturbund fand sie seit 1939 Bestätigung als Schriftstellerin. Neben den frühen Bekannten Max (1865–1942) und Helene Herrmann (1877–1942) lernte sie später Leo Hirsch (* 1903, seit 1943 nach Deportation verschollen), Vera Lachmann (1904–85), Jacob Picard (1883–1967) und Kurt Pinthus (1886–1975) kennen. Ein früher Briefwechsel mit Selma Lagerlöf (1858–1940), die S. zu ihrem ersten Gedichtband „Legenden und Erzählungen“ (1921) angeregt hatte, wurde durch den Einsatz von S.s lebenslanger Freundin Gudrun Dähnert (geb. Harlan, 1907–76) zur Erlangung der Einreiseerlaubnis nach Schweden genutzt. Seit Mai 1940 führte sie mit ihrer Mutter unter schwierigsten Bedingungen ein Emigrantenleben in Stockholm (schwed. Staatsbürgerin 1952). Sie erhielt Zuspruch von anderen dt. Emigranten, wie dem Literarhistoriker Walter A. Berendsohn (1884–1984) und dem Verleger und Schriftsteller Max Tau (1897–1976), und wurde unterstützt von schwed. Kulturpersönlichkeiten, wie dem Lyriker Johannes Edfelt (* 1904) und dem Komponisten Moses Pergament (1893–1977).

    Während die wenigen Gedichtpublikationen aus den letzten Berliner Jahren romantisierende Stimmungsbilder enthalten, zeugen die Dichtungen der ersten Exiljahre von dem Willen, die Erfahrung des absolut Bösen zum Thema zu machen: Das von Martin Bubers Nacherzählung der chassid. Legenden und den in Schweden aufgenommenen Berichten|aus den Konzentrationslagern gleichermaßen beeinflußte epische Drama „Eli, Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels“ (1951, UA Dortmund 1962; als Oper bzw. Oratorium mit Musik v. M. Pergament, UA Schwed. Rundfunk 1959 bzw. 1963; als Oper mit Musik v. W. Steffens, UA Dortmund 1967) ist ein szenisches Klagelied über den Untergang des europ. Judentums. Mit biblischen Stoffen und Bildern angereichert, gehören die beiden Gedichtbücher „In den Wohnungen des Todes“ (1947) und „Sternverdunkelung“ (1949) demselben Zusammenhang an.

    Ihrer religiösen Persönlichkeit entsprechend, vertiefte S. im Exil die Auseinandersetzung mit der Bibel, mit Franz von Assisi, dem Glaubenshelden ihrer Jugend, und der dt. Mystik Jakob Böhmes und Meister Ekkarts. Hinzu kamen in den NS-Jahren die jüd. Mystik des 18. Jh. in Bubers Überlieferung und nach dem Tod der Mutter die esoterische Sprachmystik des „Sohar“ aus dem jüd. Mittelalter. Mystische Sprache und Bilder wurden Träger eigener Erfahrungen und Hoffnungen. In den Gedichtbänden „Und niemand weiß weiter“ (1957) und „Flucht und Verwandlung“ (1959) gehen Moderne und Mystik eine originelle Verbindung ein.

    Nachdem ihr erster Gedichtband 1947 auf Vermittlung Johannes R. Bechers (1891–1958) im Ost-Berliner Aufbau-Verlag erschienen war und Peter Huchel (1903–81) zwei Gedichte von S. in „Sinn und Form“ (2, 1950, H. 1, S. 83 f.) veröffentlicht hatte, erlebte die fast 70jährige Dichterin auch den Durchbruch beim westdt. Publikum: Alfred Andersch (1914–80) veröffentlichte in der Zeitschrift „Texte und Zeichen“ (H.11, 1957) vier Gedichte aus dem soeben erschienenen Gedichtband „Und niemand weiß weiter“ und verantwortete die Sendung der Hörspielfassungen von „Eli“ (SDR/NDR 1958) und „Simson fällt durch Jahrtausende“ (SDR 1960, gedr. 1967), Hans Magnus Enzensberger (* 1929) präsentierte S. als größte dt.sprachige Lyrikerin der Gegenwart (NDR 1959) und vermittelte den Kontakt zum Suhrkamp Verlag. Gefühlsintensive Freundschaften mit jungen dt. und schwed. Poeten entstanden, darunter die oft zitierte Wahlverwandtschaft mit Paul Celan (1920–70). S.s Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Ehrungen und Preisverleihungen mehrten sich; Höhepunkt war die Verleihung des Literaturnobelpreises 1966 (mit Samuel Josef Agnon, 1888–1970). Fast gleichzeitig führten die ausgestandenen Ängste und Entbehrungen zu schwerer Paranoia; S. verbrachte 1960-63 fast drei Jahre in der Psychiatrie in Stockholm. Nachhaltige Bedeutung gewann S. auch mit Übersetzungen schwed. Gegenwartslyrik ins Deutsche, die bis zu ihrem Tod ihre eigene literarische Arbeit begleiteten. Neben Sammelbänden 1947, 1957 und 1965 übertrug sie die Werke von Johannes Edfelt (1958), Gunnar Ekelöf (1962), Erik Lindegren (1963) und Karl Vennberg (1965), deren Dichtungen Höhepunkte der schwed. Moderne darstellen. – Korr. Mitgl. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung, Darmstadt (1957), d. Freien Ak. d. Künste, Hamburg (1961), d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste, München (1963); Lyrikpreis d. Schwed. Schriftst.verbands (1958); Lit.preis d. Kulturkreises im Bundesverband d. Dt. Ind. (1959); Meersburger Droste-Preis f. Dichterinnen (1960); Einrichtung d. Dortmunder Nelly-Sachs-Preises u. Ernennung d. Namensgeberin z. ersten Preisträgerin (1961); Friedenspreis d. Dt. Buchhandels (1965); Ehrenbürgerin d. Stadt Berlin (1967); Gedenkzimmer in d. Kgl. Bibl., Stockholm (seit 1971).

  • Werke

    Weitere W Fahrt ins Staublose, Die Gedichte, 1961, Neudr. 1988;
    Zeichen im Sand, Die szen. Dichtungen, 1962;
    Nur e. Weltminute, Szen. Fragment, in: Aus aufgegebenen Werken, 1968, S. 143-47;
    Suche nach Lebenden, Die Gedichte, 1971;
    Und Leben hat immer wie Abschied geschmeckt, Frühe Gedichte u. Prosa, hg. v. R. Dinesen, 1987;
    Briefe:
    Briefe, hg. v. R. Dinesen u. H. Müssener, 1984;
    Paul Celan – N. S., Briefwechsel, hg. v. B. Wiedemann, 1993;
    20 Briefe v. N. S. an Lionel Richard, in: N. S., Neue Interpretationen …(s. L), S. 309-39;
    11 Briefe an Shin Shalom, in Lit. u. Kritik 12, 1977, S. 449-53;
    Briefwechsel zw. Hilde Domin u. N. S., in: B. Lermen u. M Braun, N. S., „an letzter Atemspitze d. Lebens“, 1998, S. 217-54;
    K. Schwedhelm, N. S., Briefwechsel u. Dok. (Ges. Werke, VI), 1998;
    Überss.:
    Von Welle u. Granit, Querschnitt durch d. schwed. Lyrik d. 20. Jh., 1947;
    Aber auch diese Sonne ist heimatlos, Schwed. Lyrik d. Gegenwart, 1957;
    Schwed. Gedichte, 1965;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Kgl. Bibl., Stockholm; DLA Marbach; Stadt- u. Landesbibl., Dortmund.

  • Literatur

    W. A. Berendsohn, N. S., Einf. in d. Werk d. Dichterin jüd. Schicksals, 1974;
    Das Buch d. N. S., hg. v. B. Holmqvist, 1968, Tb. 1977, 21991 (W, L);
    R. Dinesen, N. S., 1992/94 (P);
    G. Fritsch-Vivié, N. S., 1993, 32001 (W, L, P);
    N. S., Neue Interpretationen, hg. v. M. Kessler u. Jürgen Wertheimer, 1994 (L);
    G. Dischner, N. S., 1997 (P);
    B. Lermen u. M. Braun, N. S., „an letzter Atemspitze des Lebens“ 1998 (W, L, P);
    V. Merz, Das Universum des Unsichtbaren, Kraftquelle u. Vision d. Dichterin N. S., 2000;
    R. Kranz-Löber, In d. Tiefe d. Hohlwegs, Die Shoa in d. Lyrik v. N. S., 2001;
    Kürschner, Lit.-Kal., Nekr. 1936-1970, 1973;
    BHdE II;
    LThK3;
    Killy;
    Metzler Autorenlex. (P);
    Metzler Lex. d. dt.-jüd. Lit. (P);
    Metzler Autorinnenlex. (P);
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Munzinger;
    Svenskt Biografiskt Lex. (P).

  • Autor/in

    Ruth Dinesen
  • Empfohlene Zitierweise

    Dinesen, Ruth, "Sachs, Nelly" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 336-337 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118604627.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA