Lebensdaten
1883 bis 1950
Geburtsort
Triesch (Třešt, Mähren)
Sterbeort
Taconic (Connecticut, USA)
Beruf/Funktion
Nationalökonom
Konfession
katholisch,lutherisch
Normdaten
GND: 118611682 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schumpeter, Joseph Alois
  • Schumpeter, Joseph A.
  • Schumpeter, J. A.
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Schumpeter, Joseph, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118611682.html [06.12.2016].

CC0

Schumpeter, Joseph Alois

Nationalökonom, * 8.2.1883 Triesch (Třešt, Mähren), 8.1.1950 Taconic (Connecticut, USA). (katholisch, seit 1925 lutherisch)

  • Genealogie

    V Josef (1855–87), S d. Alois (1813–98), beide Bes. e. Tuchfabrik in Triesch; M Johanna (1861–1926), T d. Arztes Dr. Julius Grüner u. d. Julie Wydra; Stief-V seit 1893 Sigismund v. Kéler (österr. Adelsbestätigung 1908), k. u. k. FML; 1) London (?) 1907 1920 Gladys Ricarde Seaver (* um 1871), 2) Wien 1925 Annie Reisinger (1904–26), 3) New York 1937 Elizabeth Firuski geb. Boody (1898–1952), Nat.ök. am Radcliffe College (Cambridge, Massachusetts, USA); kinderlos.

  • Leben

    Nach dem Tod seines Vaters 1887 zog S. mit seiner Mutter zunächst nach Graz, wo er die Volksschule besuchte, 1893 nach Wien, wo er am Theresianum das Abitur ablegte. Seit 1901 studierte er Rechtswissenschaften, Volkswirtschaftslehre und Statistik in Wien (Dr. iur. 1906). Zu seinen Lehrern zählten Friedrich v. Wieser (1851–1926), Eugen v. Philippovich (1858–1917) und Theodor Inama v. Sternegg (1843–1908), den stärksten Einfluß übte jedoch Eugen v. Böhm-Bawerk (1851–1914) aus, in dessen Seminar im Sommer 1905 Otto Bauer, Rudolf Hilferding, Emil Lederer, Ludwig v. Mises und Felix Somary zu S.s Kommilitonen zählten und der S. veranlaßte, sich v. a. mit der Zins- und Kapitaltheorie, der Konjunkturtheorie und der Marxschen Lehre auseinanderzusetzen. Nach einem einjährigen Studienaufenthalt in England praktizierte S. 1907/8 am Internationalen Gerichtshof in Kairo. Dort verfaßte er seine Schrift „Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie“ (1908), mit der er sich 1909 in Wien bei Böhm-Bawerk und Wieser habilitierte. Im Herbst 1909 wurde er ao. Professor an der Univ. Czernowitz. Im Juli 1911 erschien sein Meisterwerk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ (41934, Nachdr. d. 1. Aufl. hg. u. ergänzt um e. Einf. v. J. Röpke u. O. Stiller, 2006; ital. 1932 u. 1971, engl. 1934, franz. 1935, japan. 1937, span. 1944, poln. 1960, portugies. 1961, ungar. 1980, russ. 1982, slowak. 1987), mit dem er schnell internationale Anerkennung fand. Im selben Jahr mit Unterstützung Böhm-Bawerks, aber gegen den Willen der dortigen Fakultät, vom Kaiser zum o. Professor der Politischen Ökonomie an der Univ. Graz berufen, ging er 1913/14 als erster österr. Austauschprofessor an die Columbia Univ. in New York. Dort pflegte er intensive Kontakte mit den führenden amerik. Kollegen wie den Zins- und Kapitaltheoretikern Irving Fisher (Yale) und John Bates Clark (Columbia), dem Konjunkturforscher Wesley C. Mitchell (Columbia) sowie mit Frank W. Taussig (Harvard). Die Grundgedanken der „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ trug S. 1914 in einer Vorlesung über „Die Wellenbewegung des Wirtschaftslebens“ (1914-15) an der Harvard Univ. vor. Neben zahlreichen Aufsätzen erschien 1914 „Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte“, eine Vorstufe seiner großen postum erschienenen „History of Economic Analysis“ (1954, dt.: Gesch. d. ökonom. Analyse, 2 Bde., 1965), die noch heute ein Standardwerk darstellt.

    Unmittelbar nach Kriegsende wurde S. Mitglied in der von Karl Kautsky geleiteten Sozialisierungskommission in Deutschland. In Österreich übernahm S., der kurz zuvor seine wichtige Studie „Die Krise des Steuerstaates“ (1918) zur Problematik der Kriegsfinanzierung und anschließend notwendigen Sanierung der Staatsfinanzen veröffentlicht hatte, im März 1919 im von Karl Renner (1870–1950) geleiteten Kabinett das Amt des Finanzministers, das er jedoch im Okt. 1919 aufgrund der aussichtslosen Finanzlage, der sich verschärfenden Inflation, v. a. aber wegen seiner massiven Gegnerschaft gegen einen Anschluß an Deutschland wieder räumen mußte. Nach Wiederaufnahme der Lehrtätigkeit an der Univ. Graz, die ihn 1921 auf eigenen Antrag vom Lehramt suspendierte, wurde S. 1921 Präsident der „Biedermann Bank“ in Wien, die 1926 in Konkurs ging; S. übernahm persönlich Bankschulden. Als Politiker und Bankier gescheitert, wurde S. 1925 Nachfolger von Heinrich Dietzel auf dem Lehrstuhl für Finanzwissenschaft an der Univ. Bonn und dt. Staatsbürger. 1926 publizierte er die völlig überarbeitete 2. Aufl. der „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“; das geplante große Werk zur Geldtheorie, das seine früheren Betrachtungen „Das Sozialprodukt und die Rechenpfennige, Glossen und Beiträge zur Geldtheorie von heute“ (1917-18) fortführen und abschließen sollte und an dem er in den Bonner Jahren intensiv arbeitete, konnte er jedoch nicht vollenden; es wurde postum unter dem Titel „Das Wesen des Geldes“ (1970) von Fritz Karl Mann herausgegeben. Die Volkswirtschaftslehre in Bonn erlebte mit S. eine Blütezeit, was sich auch in seinen herausragenden Schülern wie Karl Bode, August Lösch, Hans Singer, Wolfgang F. Stolper, Kläre Tisch und Herbert Zassenhaus dokumentiert. 1927/28 und 1930 Gastprofessor in Harvard, im selben Jahr auch in Tokio, nahm S. 1932 einen Ruf nach Harvard an und siedelte im selben Jahr in die USA über (amerik. Staatsbürgerschaft 1939). S. hatte hier großen Einfluß auf eine Generation später prominent gewordener Ökonomen wie Paul A. Samuelson und Paul M. Sweezy.

    Wichtig für S.s theoretisches System ist die Unterscheidung zwischen Statik und Dynamik. Während sich seine Habilitationsschrift auf die von Léon Walras entwickelte Theorie des allgemeinen wirtschaftlichen Gleichgewichts konzentriert, ist die Herausforderung durch Marx für sein zentrales Lebensthema, die langfristige Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie und Gesellschaft, ungleich bedeutender. Dies verdeutlicht auch sein letztes zu Lebzeiten erschienenes Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942, dt. 1946), das in seinem Kernteil die Frage, ob der Kapitalismus weiterleben kann, mit der Marx entgegengerichteten These beantwortet, daß nicht Fehlschläge des Kapitalismus, sondern stattdessen gerade sein überragender Erfolg die eigenen Fundamente untergräbt.

    Wirtschaftliche Entwicklung versteht S. als ein endogenes Phänomen, das durch drei Elemente gekennzeichnet ist: 1. Die Wellenförmigkeit (Zyklizität) mit der zentralen Rolle der Innovationen, die fortlaufend zu diskontinuierlichen Prozessen schöpferischer Zerstörung führen; 2. die zentrale Gestalt des Pionierunternehmers; 3. die Bedeutung des Bankkredits zur Finanzierung der Innovationen via Kreditschöpfung. Immer wieder setzte sich S. mit Konjunktur- und Wachstumszyklen auseinander, von seinem frühen Aufsatz „Über das Wesen der Wirtschaftskrisen“ (1910) bis zu dem 1939 in den USA publizierten zweibändigen Werk „Konjunkturzyklen“ (dt. 1965). Während anfangs der von Clément Juglar „entdeckte“ klassische Konjunkturzyklus dominiert, ist S. später v. a. von Nikolai Kondratieffs Analyse der langen Wellen der Konjunktur fasziniert. S. hat maßgeblich die moderne Innovationsforschung und Evolutorische Ökonomik inspiriert, die sich in den letzten drei Jahrzehnten herausgebildet haben. Dies kommt auch in den Aktivitäten der 1986 gegründeten „International Joseph A. Schumpeter Society“ zum Ausdruck.

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Columbia Univ. New York 1913, Sofia 1938); Präs. d. American Economic Association (1948); Wahl z. Ersten Präs. d. Internat. Economic Association (1950); Mitbegründer d. Econometric Soc. (1929, Vizepräs. 1938/39, Präs. 1940/41).

  • Werke

    Weitere W Essays on Entrepreneurs, Innovations, Business Cycles and the Evolution of Capitalism, hg. v. R. V. Clemence, 1951 (P); Aufss. z. ökonom. Theorie, hg. v. E. Schneider u. A. Spiethoff, 1952; Aufss. z. Soziol., hg. v. dens., 1953; Dogmenhist. u. biogr. Aufs., hg. v. dens., 1954; Aufss. z. Wirtsch.- pol., hg. v. C. Seidl u. W. F. Stolper, 1985; Pol. Reden, hg. u. kommentiert v. dens., 1992; Btrr. z. Soz.ökonomik, hg., übers. u. eingel. v. S. Böhm mit e. Vorwort v. G. Haberler, 1987; The Economics and Sociology of Capitalism, hg. v. R. Swedberg, 1991 (W-Verz.); K. R. Leube (Hg.), The Essence of J. A. S., Die wesentl. Texte, 1996; Briefe/Letters, ausgew. u. hg. v. U. Hedtke u. R. Swedberg, 2000.

  • Literatur

    N. Kondratieff, Die langen Wellen d. Konjunktur, in: Archiv f. Soz.wiss. u. Soz.pol., 56, 1926, S. 573-609; S. E. Harris (Hg.), S., Social Scientist, 1951; E. Schneider, J. A. S., Leben u. Werk e. großen Soz.ök., 1970; H. Frisch (Hg.), Schumpeterian Economics, 1981; E. März, J. A. S., Forscher, Lehrer u. Pol., 1983 (P); M. M. Augello, J. A. S., A Reference Guide, 1990; R. L. Allen, Opening Doors, The Life and Work of J. S., 2 Bde., 1991; R. Swedberg, S., A Biography, 1991; W. F. Stolper, J. A. S., The Public Life of a Private Man, 1994; Y. Shionoya, S. and the Idea of Social Science, A Metatheoretical Study, 1997; H. Hanusch, Die treibenden Kräfte in modernen Volkswirtschaften, Zum 50. Todestag v. J. A. S., in: Wirtsch.dienst 1, 2000, S. 60-68; R. Arena u. C. Dangel-Hagnauer (Hg.), The Contribution of J. S. to Economics, 2002; J. Backhaus (Hg.), J. A. S., Entrepreneurship, Style and Vision, 2003 (P); H. D. Kurz, J. A. S., Ein Soz.ök. zw. Marx u. Walras, 2005; Lb. gr. Nat.ökonomen, hg. v. H. C. Recktenwald, 1965; BHdE II; Killy; I. Ackerl u. F. Weissensteiner, Österr. Personenlex. d. ersten u. zweiten Rep., 1992; BHdwE; – Internet: Ed. v. S.-Texten auf d. Internetseiten v. Ulrich Hedtke, Berlin (P).

  • Autor

    Harald Hagemann
  • Empfohlene Zitierweise

    Hagemann, Harald, "Schumpeter, Joseph" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 755-756 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118611682.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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