Lebensdaten
1901 – 1985
Geburtsort
Köln
Sterbeort
Stanford
Beruf/Funktion
Politikwissenschaftler ; Philosoph
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118627368 | OGND | VIAF: 44311240
Namensvarianten
  • Voegelin, Erich
  • Voegelin, Erich Hermann Wilhelm
  • Voegelin, Eric
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Voegelin, Eric, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118627368.html [04.03.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Otto (1872–1943?), Ing. in K., seit 1910 in Wien, S d. Hermann Vögelin (* 1843), Kaufm. in Karlsruhe, u. d. Emilie Langenbach;
    M Elisabeth (Elsa) Rühl (1876–1936), aus Wien;
    Wien 1932 Luise (Lissy) Betty (1906–96), T d. Ulrich Onken u. d. N. N. Leib;
    kinderlos.

  • Biographie

    Nach dem Umzug der Familie von Köln nach Wien 1910 besuchte V. dort das Realgymnasium und studierte seit 1919 Gesellschafts- und Staatslehre. 1922 wurde er mit einer ungedruckten staatswissenschaftlichen Arbeit bei Othmar Spann (1878–1950) und Hans Kelsen (1881–1973) zum Dr. rer. pol. promoviert. Nach Studienaufenthalten in Oxford , Berlin und bei Alfred Weber (1868–1958) in Heidelberg sowie Tätigkeit als Assistent an Kelsens Lehrstuhl ging V. 1924 – nunmehr österr. Staatsbürger – als Rockefeller-Stipendiat in die USA. Bis 1926 studierte er an der Columbia Univ. und an der Harvard Univ., der Univ. of Wisconsin (wo v. a. John R. Commons sein Bild von der amerik. Politik und Gesellschaft lebenslang prägte) sowie der Yale Univ. Nach einem weiteren Studienjahr in Paris legte er in Wien seine Habilitationsschrift „Über die Form des amerikanischen Geistes“ (1928) vor, in der er in gleicher Weise Philosophie, Rechtslehre, Wirtschaftsdenken, religiöse Prägung und politisch-soziale Ideen auf die für die amerik. Gesellschaft konstitutiven Formmerkmale hin untersuchte. Hier wie auch später konzipierte V. die Gesellschafts- und Staatswissenschaft in der Nachfolge Max Webers (1864–1920) als umfassende historischvergleichende Kulturwissenschaft, setzte sie aber als empirisch begründete hermeneutische Geisteswissenschaft kritisch vom Neukantianismus Webers und Kelsens ab. Er folgte damit der späten Diltheyschule und deren Revision der Geisteswissenschaft durch die Konstituierung der Hermeneutik als philosophischer Anthropologie, wobei er im Sinne von Helmuth Plessners (1892–1985) „politischer Anthropologie“ das Politische als zentrale Dimension menschlichen Seins deutete – nicht zuletzt bedingt durch den Einfluß des erfahrungspsychologischen Personalismus des amerik. Pragmatismus. V.s Gesamtwerk stellt sich in seiner Vielgestaltigkeit als zeitkritisch angelegtes Forschungsprogramm dar, in dem die kognitive Erkundung der Erfahrungswelt in den historisch-sozialen Disziplinen mit einer prinzipiengeleiteten philosophischen Reflexion des menschlichen Seins verbunden wird, um die Sinnstrukturen der politisch-sozialen Realität zu erschließen.

    In seiner Zeit als Privatdozent (seit 1929) und apl. Professor (seit 1936) in Wien begann V.s Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den krisenbestimmenden ideologisch-politischen Ideen der Zeit. In „Rasse und Staat“ (1933) und „Die Geschichte der Rassenidee“ (1933) rechnete er mit der biologistischen Interpretation menschlicher Existenz und deren konsequenter Negierung der geistigen Personalität des Menschen ab. Er erhellte die geistes- und sozialgeschichtlichen|Wurzeln der völkischen Weltanschauung und erklärte deren politischen Erfolg in Mitteleuropa aus der Geschichte der „verspäteten Nation“ (H. Plessner). 1935 näherte sich V. der christlich-sozialen Partei an und sah in der autoritär-christlichen Ordnungspolitik einen möglichen Schritt zu einer österr. Staats- und Nationsbildung, die die Unabhängigkeit von Deutschland begründen sollte. So lieferte er in „Der autoritäre Staat“ (1936, Neuausg. 1997) eine noch heute umstrittene Darstellung der Verfassungsordnung des autoritärkorporatistischen Regimes, die das System der rechtlich geordneten Macht gegen die totalitäre Staatsidee abgrenzte. In seiner knappen, sprachlich pointierten universalhistorischen Studie „Die politischen Religionen“ (1938, Neuausg. 1993) bezeichnete V. die politische Religiosität als Quellgrund politischer Gemeinschaftsbildung und interpretierte den Nationalsozialismus als Prototyp moderner Weltanschauungspolitik auf seine religiös-politischen Wurzeln hin als Erscheinungsform innerweltlicher Religiosität, die das rassisch determinierte Volk vergöttliche und mit einem eigenen Mythus der Erlösung verknüpfe.

    Nach dem „Anschluß“ Österreichs 1938 wurde „Die politischen Religionen“ nicht mehr ausgeliefert. Im April 1938 wurde V. die Lehrerlaubnis entzogen, und man entließ ihn aus dem Universitätsdienst. Mit Hilfe österr. Emigranten wie Friedrich August v. Hayek, Ludwig v. Mises, Joseph Schumpeter und Gottfried Haberler ging er über die Schweiz in die USA, wo er als Fellow an der Harvard Univ. und als Assistant Professor seit 1939 am Bennington College und noch im selben Jahr an der Univ. of Alabama in Tuscaloosa Politikwissenschaft lehrte. Seit 1942 war V. Visiting bzw. Visiting Associate Professor, 1946–58 Full Professor an der Louisiana State Univ. in Baton Rouge (US-Staatsbürger 1944). Hier entfaltete er die theoretischen Implikationen seiner geisteswissenschaftlichen Anthropologie zunehmend in einer Philosophie der Politik und Geschichte. Die Arbeit der politischen Philosophie bestimmt sich nach V. durch den Wechsel zwischen Untersuchungen konkreter Ordnungsphänomene und der Analyse des Bewußtseins, von dem her die menschliche Ordnung in Gesellschaft und Geschichte verstehbar wird.

    Im Rahmen dieses Forschungsparadigmas entstand V.s Hauptwerk „Order and History“ (5 Bde., 1956–74, dt. 10 Bde., 2001–04). Ursprünglich 1939 als Einführung in die Geschichte der politischen Ideen von den nahöstlichen Hochkulturen bis zum modernen Totalitarismus konzipiert, durchlief das Werk in einem langen Entstehungszeitraum Phasen der materialen Erweiterung und theoretischen Revision und wandelte sich zu einer umfassenden Kritik der Politik und modernen Zivilisation. Seine zentrale These präsentierte V. bereits in seiner programmatischen Schrift „The New Science of Politics“ (1952, dt. 1959, Neuausg. 2005), in der er seine Interpretation der westlichen Geistesgeschichte zu einer in materialem Gehalt und Kategorienbildung auf die hellenisch-philosophische und christliche Ordnungserfahrung bezogene moderne Prinzipienwissenschaft des Politischen verdichtete. Berühmt wurde V.s kritische Deutung der Moderne als gnostisches Zeitalter, indem er die Entstehung der „innerweltlichen Religiosität“ auf die im häretisch-sektiererischen Christentum fortwirkende Tradition der nahöstlichen gnostischen Religion (H. Jonas, G. Quispel) zurückführte. In nachfolgenden Arbeiten rückte V. von seiner provokativen These einer durchweg gnostischen Moderne ab. Seine Interpretation der Entstehung der innerweltlichen religiös-politischen Eschatologie des modernen Millennialismus und dessen christlich-häretischer Ursprünge wurden allerdings Gemeingut der historisch-politischen Forschung.

    Die ersten Bände von „Order and History“ (Israel and Revelation, 1956; The World of the Polis, 1957; Plato and Aristotle, 1957) enthalten eine historisch-vergleichende Untersuchung des Ordnungsdenkens der großen Zivilisationen nach ihrem inneren Zusammenhang. Diesen fand V. in dem zeitlich erweiterten und revidierten Begriff der Jasperschen „Achsenzeit“ (800 v. Chr.-500 n. Chr.). Ausgehend von der imperialen Organisation der Hochkulturen des alten Orients und deren Existenz in Form des kosmologischen Mythus untersuchte V. den Bruch mit der primären kosmologischen Ordnungserfahrung in einem Prozeß menschlicher Selbstverständigung, in dem sich eine Differenzierung der Erfahrungswirklichkeit von Gott und Mensch, Welt und Natur, Geschichte und Gesellschaft vollzog. Die universalgeschichtlich entscheidenden Momente dieses achsenzeitlichen Umbruchs sind nach V. die Ordnungserfahrung der kollektiven geschichtlichen Existenz unter Gott im alten Israel in Gestalt der „Offenbarung“ und die Ordnungserfahrung der hellenischen Polis in Gestalt der „Philosophie“, die sich im autoritativen Ordnungsdenken eines Platon und Aristoteles vollendet.

    Weitere Bände sollten ursprünglich die Entfaltung des westlichen Ordnungsdenkens vom|Christentum bis zur Moderne rekonstruieren. Doch wandte sich V. von einer Okzident-zentrierten linear angelegten Entwicklungsgeschichte gesellschaftlicher und symbolischer Ordnungsformen ab. Diese erneute Revision des Forschungsprogramms zeigte sich in Studien, die er – seit 1958 als Nachfolger Max Webers am neu gegründeten Institut für Politische Wissenschaft der Univ. München (seit 1968 Geschwister-Scholl-Inst. f. Pol. Wiss.) – vorlegte. In ihnen formulierte V. in kritischer Distanz zur westlich dominanten Begrifflichkeit Kategorien einer allgemeinen Ontologie der Ordnung, anhand derer die Ordnungsprobleme der historischen Gesellschaften mit ihren unterschiedlichen Differenzierungsgraden als Spezialfälle zu behandeln seien.

    1969 kehrte der in Deutschland emeritierte V. als Professor an der Hoover Institution on War, Revolution, and Peace nach Stanford zurück. Hier reinterpretierte er im 4. Band von „Order and History“ (The Ecumenic Age, 1974) die achsenzeitliche Transformation des menschlichen Selbstverständnisses im Kontext einer tausendjährigen geschichtlichen Konstellation als „Oikumenisches Zeitalter“ (1000 v. Chr.-800 n. Chr.). Innerhalb dieses Zeitalters entfalte sich ein neuer Typus der oikumenischen Humanität, der sich aus den vielgestaltigen geistig-religiösen Aufbrüchen in China, Indien, Persien, dem Vorderen Orient und Hellas in Verbindung mit imperialen Gesellschaftsformationen speise.

    V. relativierte den Geltungsanspruch der westlichen Philosophie der Geschichte auf die universale Repräsentation der Menschheit als Subjekt der Geschichte zugunsten eines interzivilisatorischen, offenen Prozesses der universalen Humanität. Der letzte Band von „Order and History“ (In Search of Order, 1987 als Fragment aus d. Nachlaß hg.) behandelt zusammenfassend das Grundthema V.-schen Philosophierens: Der Mensch auf der Suche nach seiner Humanität und deren Ordnung.

    V. gilt neben Leo Strauss (1899–1973) zunehmend als bedeutender Vertreter einer der antiken Denktradition verpflichteten politischen Philosophie. Entsprechend der intellektuellen und thematischen Breite seines Werks wird dieses international in den philosophisch-historischen Kulturwissenschaften (nicht zuletzt in der neueren universalgeschichtlichen Forschung) unter Einschluß der Theologie rezipiert, in geringerem Maße auch in der politikwissenschaftlichen Disziplin jenseits der politischen Philosophie.

  • Auszeichnungen

    |Dr. h. c. (Univ. of Notre Dame 1974, Marquette Univ. 1975, Colorado College 1980, Univ. Augsburg 1981, Dominican School of Philosophy and Theology 1982, Emory Univ. 1983);
    – E. V. Soc. (1985);
    E. V. Inst., Louisiana State Univ. (1987);
    E. V. Bibl., Univ. Erlangen-Nürnberg, Inst. f. Pol. Wiss. (1986);
    E.-V.-Archiv, Univ. München, Geschwister-Scholl-Inst. f. Pol. Wiss. (1990);
    Internat. V.-Ges. f. Pol., Kultur u. Rel. (2004);
    Centre of E. V. Studies, Univ. Gent (2008).

  • Werke

    Weitere W Wiss., Pol. u. Gnosis, 1959;
    Anamnesis, Zur Theorie d. Gesch. u. Pol., 1964;
    From Enlightenment to Rev., hg. v. H. Hallowell, 1975;
    Conversations with E. V., hg. v. E. O’Connor, 1980;
    Autobiographical Reflections, hg. v. E. Sandoz, 1989 (P), dt. 1994;
    Hitler u. d. Deutschen, hg. v. M. Henningsen, 2006;
    Gesamtausg.: The Collected Works of E. V., 34 Bde., hg. v. P. Caringella u. a. 1990–2009 (P);
    Briefwechsel: Alfred Schütz, E. V., Eine Freundschaft, d. e. Leben ausgehalten hat, Briefwechsel 1938–1959, hg. v. G. Wagner u. G. Weiss, 2007;
    Robert B. Heilmann, E. V., A Friendship of Letters 1944–1984, hg. v. Ch. E. Embry, 2004;
    Karl Löwith, E. V., Briefwechsel, hg. v. P. J. Opitz, in: Sinn u. Form 59 / 6, 2007, S. 764–94;
    Glaube u. Wissen, Der Briefwechsel zw. E. V. u. Leo Strauss v. 1934 bis 1964, hg. v. dems., 2010;
    vollst. W-Verz.: G. L. Price, E. V., Internat. Bibliogr., 1921–2000, 2001;
    P. J. Opitz, Voegeliana, Veröff. v. u. zu E. V. 2000–05, 2006;
    Nachlaß: The V. Papers, Archiv d. Hoover Institution on War, Rev. and Peace, Stanford Univ.

  • Literatur

    |H. Plessner, Rez. z. „Rasse u. Staat“, in: Zs. f. öff. Recht 14 / 3, 1933, S. 407–14;
    R. Gürke, Rasse u. Staat in d. Staatslehre, Grundsätzliches z. d. Buch „Rasse u. Staat“ v. E. V., in: Reichsverw.bl. u. Preuß. Verw.bl. 54, Nr. 40 v. 30. 9. 1933, S. 781–85;
    A. Kolnai, Neuösterr. Staatslehre, in: Der österr. Volkswirt 29, Nr. 3 v. 17. 10. 1936, S. 51–54;
    N. N., Journalism and Joachim’s Children, in: Time, March 9, 1953, S. 57–61;
    Pol. Ordnung u. menschl. Existenz, FS E. V., hg. v. A. Dempf u. a., 1960;
    D. Germino, E. V., The Inbetween of Human Life, in: Contemporary Political Philosophers, hg. v. A. de Crespigny u. K. Minogue, 1975, S. 100–19;
    The Philos. of Order, Essays on the Hist., Consciousness, and Politics, hg. v. P. J. Opitz u. G. Sebba, 1981;
    E. Sandoz, The Voegelian Rev., 1981 (P);
    ders. (Hg.), E. V.s Thought, A Citical Appraisal, 1982;
    E. Web, E. V., Philosopher of Hist., 1981;
    J. Gebhardt u. W. Leidhold, in: Pol. Philos. d. 20. Jh., hg. v. K. Gf. Ballestrem u. H. Ottmann, 1990, S. 123–45;
    J. Gebhardt, Zw. Wiss. u. Rel., Zur intellektuellen Biogr. E. V.s in d. 30er J., in: Pol. Denken, Jb. 1995 / 96, 1996, S. 283–304;
    ders., The Vocation of the Scholar, in: Internat. and Interdisciplinary Perspectives on E. V., hg. v. St. A. McKnight u. G. L. Price, 1997, S. 10–34;
    M. Henkel, E. V. z. Einf., 1998, ²2010 (P);
    B. Cooper, E. V. and the Foundations of Modern Political Science, 1999;
    H. Meier, E. V. u. d. dt. Pol. wiss., in: E. V., Wanderer zw. d. Welten, hg. v. dems. u. P. J. Opitz, 2000;
    R. Brach, E. V.s Pol. Anthropol., 2003 (P);
    H.-J. Sigwart, Das Politische u. d. Wiss., Intellektuell-biogr. Stud. z. Frühwerk E. V.s, 2005;
    E. v. Lochner, Philos. im Reich d. Schatten, Die Münchner J. d. Pol.wiss. E. V., 2010 (P);
    – Occasional Papers, hg. v. P. J. Opitz u. D. Herz in Verbindung mit d. E.-V.-Archiv, seit 1996.

  • Porträts

    P Ölgem. v. C. A. Albrizio, um 1945 (Univ. Erlangen-Nürnberg, Inst. f. Pol. Wiss., E. V. Bibl.), Abb. in: Autobiographical Reflections (s. W), S. 29.

  • Autor/in

    Jürgen Gebhardt
  • Zitierweise

    Gebhardt, Jürgen, "Voegelin, Eric" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 3-6 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118627368.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA