Lebensdaten
1760 bis 1833
Geburtsort
Erfurt
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Apotheker ; Chemiker ; Technologe
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118549774 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hermbstädt, Sigismund Friedrich
  • Hermbstädt, Sigismund
  • Hermbstaedt, Sigismund
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Zitierweise

Hermbstaedt, Sigismund Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118549774.html [28.02.2017].

CC0

Hermbstaedt, Sigismund Friedrich

Apotheker, Chemiker, * 14.4.1760 Erfurt, 22.10.1833 Berlin. (lutherisch)

  • Genealogie

    V Hieronymus (1728–88), Oberstadtvogt u. Aktuar d. Rats, Oberpfarrhauptm. in E., S d. Mag. phil. Joh. Hieronymus ( 1757) u. d. Dor. Elisabeth Hüffler aus Weimar; M Martha Justina (1724-71), T d. Kauf- u. Handelsherrn Jeremias Aug. Preußer (1701–69) in E. u. d. Martha Cath. Schmidt; 1) Berlin 1788 Magdalene ( 1816), T d. Apothekers Valentin Rose (1736–71) u. d. Anna Magd. Stäbchen (N d. Chemikers Andr. Sigismund Marggraf, 1782), 2) Berlin 1817 Juliane Henr. Friedr. (1774–1843), T d. Pfarrers Joachim Daniel Schleunitz in Linum u. d. Henriette Sophie verw. Rose (T d. Sup. Gottfr. Kupkovius in Kyritz); Vt d. 1. Ehefrau Frdr. Schinkel ( 1841), Architekt; kinderlos; Pflege-T Caroline ( Eduard Hufeland, S d. Mediziners Christoph Wilh. H., 1836), T d. Chemikers Frdr. Albert Carl Gren ( 1798, s. NDB VII); N Heinrich Rose ( 1864), Chemiker, Gustav Rose ( 1873), Mineraloge.

  • Leben

    H. erhielt in Erfurt Privatunterricht, besuchte die Michaelisschule und das Gymnasium, wurde Apothekerlehrling, studierte zuerst Medizin, dann Chemie unter J. W. Trommsdorff in Erfurt, promovierte zum doctor philosophiae, ging als Repetent der Chemie an die pharmazeutische Lehranstalt von Johann Chr. Wiegleb in Langensalza, in dessen Apotheke er zugleich praktisch arbeitete, war Gehilfe in der Hamburger Ratsapotheke von Reimarus und 1784-85 Verwalter der Roseschen „Apotheke zum weißen Schwan“ in Berlin. Zugleich hörte er Vorlesungen am Collegium medico-chirurgicum dort und fand Förderung durch den Chemiker M. H. Klaproth sowie die Mediziner Ch. G. Selle und Ch. A. Cothenius. Auf einer Studienreise durch Thüringen, den Harz und das Erzgebirge lernte er in Göttingen den Chemiker J. F. Gmelin und den Ökonomen und Technologen Johann Beckmann näher kennen, die die Neigung für die technischen und kameralistischen Wissenschaften in ihm weckten. 1787 hielt er Privatvorlesungen über Pharmazie, Chemie und Technologie in Berlin, war Chemiker der Wegelyschen Fabriken dort und gründete 1789 eine „chemische Pensionsanstalt für Jünglinge“, die bis 1797 bestand. 1790 wurde er (bis 1796) Verwalter der Hofapotheke in Berlin und Professor der Chemie am Collegium medico-chirurgicum, daneben 1794 Dozent für Experimentalphysik an der „Bergakademie“, Mitglied (Obersanitätsrat) des Obercollegium Sanitatis, 1796 Assessor (1797 Mitglied) des Manufaktur- und Kommerzkollegiums, 1797 Assessor der Salzadministration, 1798 Mitglied (Obermedizinalrat) des vereinigten Obercollegium medicum et Sanitatis, Generalstabsapotheker der preußischen Armee, 1800 außerordentliches, 1808 ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1804 Geheime(r) Kriegsrat, 1808 Mitglied der Technischen Gewerbe- und Handelsdeputation, 1810 Geheimer Medizinalrat und außerordentlicher, 1811 ordentlicher Professor der technologischen Chemie an der Universität|sowie 1820 Professor der Chemie an der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin.

    H. besitzt erhebliche Bedeutung als Pharmazeut, Chemiker und Technologe. Als Pharmazeut hat er durch seine Lehrbücher (Grundriß der Experimentalpharmazie, 2 Bände, Berlin 1792–93, 21806; Katechismus der Apothekerkunst, Berlin 1792, holländisch 1799) und durch seine verschiedenen Lehrämter großen Einfluß auf die Hebung der wissenschaftlichen Ausbildung des Apothekers gehabt. An der Reform des Apothekerberufes hat er durch Mitarbeit an der ersten Preußischen Pharmakopöe (1799) und an der „Revidierten Apothekerordnung“ (1801) Anteil. Er wurde zum Organisator der gesamten preußischen Militärpharmazie und hat die Militär-Pharmakopöe von 1805 mit herausgegeben. – Die wissenschaftliche Chemie hat er nicht nur als erfolgreicher Lehrer gefördert, sondern auch durch seinen „Systematischen Grundriß der allgemeinen Experimentalchemie“ (3 Bände, Berlin 1791, 35 Bände, 1812–16) und durch die Herausgabe grundlegender ausländischer Werke in deutscher Sprache (Carl Wilhelm Scheele, Guyton de Morveau, Antoine Claude Chaptal). Eine historische Tat war die kommentierte positiv-kritische Übersetzung des „Traité élémentaire de chimie“ Lavoisiers unter dem Titel „System der antiphlogistischen Chemie“ (2 Bände, Berlin 1792). Mit dieser Arbeit trat er als erster in Deutschland grundsätzlich für die neue Theorie ein und verhalf dort der „chemischen Revolution“ gegen die so lange bestehende Ablehnung zum Durchbruch, da dies Buch eine positive Stellungnahme der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Lavoisiers Lehre veranlaßte.

    H.s größte Bedeutung liegt jedoch auf dem Gebiete der Technologie. Unermüdlich hat er in seinen Amtsstellungen, als Hochschullehrer, in Unterrichtskursen für Gewerbetreibende, durch direkte Beratung von Fabrikanten bei der Einrichtung ihrer Unternehmungen, durch eine sehr große Zahl von oft mehrbändigen Lehrbüchern für nahezu alle Zweige handwerklicher und industrieller chemisch-technologischer Tätigkeit sowie der Landwirtschaft die Erfahrungen und die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft der Praxis nutzbar gemacht. Er hat damit vielen Industriezweigen starken Auftrieb gegeben und einzelnen zur Weltgeltung verholfen. Besonders erwähnenswert sind, neben vielen speziellen Handbüchern für einzelne Gewerbe, seine „Grundsätze der theoretischen und experimentellen Kameralchemie“ (1808, 31833, in mehrere Sprachen übersetzt), der „Grundriß der Technologie“ (1815, 1830), das „Kompendium der Technologie“ (1831, 21855) und das „Archiv der Agriculturchemie“ (7 Bände, 1803–17).|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. v. mehr als 25 Akademien u. gel. Ges.

  • Literatur

    ADB XII; Haude- u. Spenersche Ztg., Berlin, v. 24.10.1833; Intelligenz-Bl. d. Allg. Lit.Ztg., 1833, Nr. 98, S. 794 f.; A. Harnack, Gesch. d. Kgl. Preuß. Ak. d. Wiss. zu Berlin III, 1900, S. 126 f. (W); G. E. Dann, Die Fam. Rose, in: Pharmazeut. Ztg. 71, 1926, S. 629-32; ders, Klaproths Wandlung z. Antiphlogistiker, in: Wiss. Zs. d. Karl-Marx-Univ. Leipzig 5, 1955/56, S. 49-53; ders., Martin Heinr. Klaproth, 1958 (P); O. Zekert, Berühmte Apotheker, 1955 (P); I. Mieck, in: Technik Gesch. 32, 1965, S. 325-82 (L, P); Callisen, Bd. 8 u. 28 (W); Pogg. I; Ferchl.

  • Autor

    Georg Edmund Dann
  • Empfohlene Zitierweise

    Dann, Georg Edmund, "Hermbstaedt, Sigismund Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 666-667 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118549774.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Hermbstädt, Sigismund

  • Leben

    Hermbstädt: Dr. Sigismund H., am 22. October 1833 als königl. preußischer Geheimer Rath und Obermedicinalrath, Professor der Chemie und Technologie an der Universität zu Berlin, Professor der Chemie an der königl. Kriegsschule, der medicinisch-chirurgischen Akademie für das Militär und an dem Bergwerkseleven-Institute, Beisitzer der technischen Deputation im Ministerium für Handel und Gewerbe, sowie der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen im Cultusministerium, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin und mehrerer auswärtigen Akademien. Er wurde zu Erfurt am 14. April 1760 geboren; nachdem er in seiner Vaterstadt die St. Michaelisschule und das Gymnasium absolvirt hatte, begann er auf der Universität daselbst das Studium der Arzneiwissenschaften. Neben diesen widmete er sich unter Tromsdorff's Leitung der Chemie mit Vorliebe und mit solchem Erfolge, daß er demnächst als Repetent der chemischen Vorlesungen bei Wiegleb zu Langensalza Verwendung finden konnte, wo er sich mit Eifer in der experimentellen Chemie, sowie in der theoretischen und praktischen Pharmacie fortbildete. Dann nahm er ein Officium in der Rathsapotheke zu Hamburg an, wo ihm Reimarus als väterlicher Freund zur Seite stand. Von dort ging er nach Berlin, um als Vorstand in die Officin des verstorbenen Obermedicinalassessors Valentin Rose einzutreten; er führte diese Funktion im Dienste der Wittwe des letzteren, welche später auch seine Schwiegermutter wurde. Zugleich setzte er seine Studien am königlichen Collegium medico-chirurgicum fort, dabei lernte er den Prof. Dr. Stelle, Leibarzt des Königs und Geheimen Rath, kennen und gewann bald dessen Gönnerschaft. Im J. 1786 war es ihm vergönnt, eine wissenschaftliche Reise nach dem Harze und dem sächsischen Erzgebirge zu unternehmen, bei welcher er in Göttingen, Halle, Leipzig und Freiberg längere Zeit verweilen und manche lehrreiche Bekanntschaften machen, auch wichtige Beziehungen anknüpfen konnte. Nach seiner Rückkehr Ende 1787 privatisier H. zunächst wieder in Berlin, hielt Privatvorlesungen über Chemie, Physik, Technologie und Pharmacie und suchte durch brieflichen Verkehr mit den berühmten Männern, welche er auf jener Reise kennen gelernt, unter denen besonders Beckmann, Lichtenberg und Gmelin in Göttingen, Forster in Halle, Hebenstreit in Leipzig, Werner, Gellert, Lempe und Hoffmann in Freiberg zu nennen sind, die für seine Berufsbildung wichtigen Beziehungen lebendig zu erhalten. Schon 1791 ward er als ordentlicher Professor der Chemie und Pharmacie beim Collegium medico-chirurgicum angestellt. Gleichzeitig aber auch mit der Administration der königl. Hofapotheke betraut, führte er diese Verwaltung von da an 7 Jahn lang und wurde im Laufe derselben zum Rath am Obercollegium medicum, desgleichen zum Assessor bei dem königl. Manufactur- und Commerzcollegium, sowie bei der Salzadministration ernannt. Letztere Funktionen führten ihn zur technischen Mitwirkung im Ressort des Staatsministers v. Struensee, welcher ihn vielfach für die Bearbeitung technischer Aufgaben in Anspruch nahm. Durch solche Verwendung fand er willkommenen Anlaß, sich der Anwendung der Chemie auf die wissenschaftliche Ausbildung der Gewerbe und der Weiterentwickelung der Technologie überhaupt mit besonderem Eifer zu widmen. So konnte er als Früchte seiner fortgesetzten Studien mit der Zeit eine große Reihe von Schriften über Chemie, Pharmacie, Technologie, Agronomie und landwirthschaftliche Gewerbe, veröffentlichen. Daneben lieferte er gediegene Uebersetzungen mehrerer einschlägigen bedeutenderen Werke aus fremden Sprachen. — An regelmäßige Thätigkeit und zuträgliche Lebensweise gewöhnt, mit einem heiteren Temperament ausgestattet, bewahrte er bis in sein hohes Alter noch die geistige Kraft und Frische eines Jünglings. In seinem Familienleben hatte er schon 1816 den Tod der ersten Gattin zu beklagen, schloß dann zwei Jahre später ein neues länger währendes Ehebündniß, das seinem häuslichen Leben den schwer entbehrten Halt wiedergab. Für sein Wirken und Streben erntete er reichen Lohn in der ungeteilten Liebe und Achtung seiner Mitbürger und Collegen, sowie in dem oft bezeugten Wohlwollen seines Königs, so daß ihm dadurch ein gehobener und verschönerter Lebensgenuß in angesehener und dankbarer Stellung bis an sein Ende bereitet war. Seine Verdienste um die technische Chemie, sein förderlicher Einfluß auf die Entwickelung der Gewerbe, denen er einen wissenschaftlichen Standpunkt zu geben unablässig bemüht war, sichern ihm ein ehrenvolles Andenken im In- und Auslande. H. und seine inhaltsreichen Schriften sind nur wenigen seiner Zeitgenossen aus den betreffenden Berufskreisen unbekannt geblieben.

    Der Umfang seiner litterarischen Thätigkeit, wie auch deren Bedeutung, ergibt sich hinlänglich aus einer Erwähnung der wichtigeren Schriften, unter welchen folgende zu allgemeinerer Beachtung gelangten: Sein mit dem J. 1804 begonnenes "Archiv der Agrikulturchemie für denkende Landwirthe" etc., welches nach zehnjährigem Bestehen auch auf eine zweite Serie sich erstreckte; ferner sein "Bulletin des Neuesten und Wissenswürdigsten aus den Naturwissenschaften, der Landwirthschaft und der bürgerlichen Haushaltung", Berlin 1809. Das gleichzeitig erschienene "Magazin zur Beförderung der Industrie" etc., unterstützte er als Mitredacteur und Mitarbeiter. Auf die Ausbildung einzelner mit der Landwirthschaft in Verbindung stehender Industriezweige zielten hauptsächlich ab seine "Theoretisch-praktische Anleitung zur Fabrikation des Zuckers und eines brauchbaren Syrups aus Runkelrüben", 1809, ferner sein "Grundriß der Technologie",|1814, welcher 16 Jahre später in zweiter Auflage erneuert wurde, desgleichen seine zuerst 1814 erschienenen "Chemischen Grundsätze der Kunst Bier zu brauen", die binnen 12 Jahren drei Auflagen erlebten. Diesen Schriften schlossen sich an die "Chemischen Grundsätze für die Kunst, alle Arten harter und weicher Seifen zu fabriciren". Mit dem J. 1815 erfolgte die Herausgabe seines "Gemeinnützigen Rathgebers für den Bürger und Landmann", welcher 7 Jahre hindurch sehr begehrt war; während dieser Zeit erschienen weiter seine "Chemischen Grundsätze der Destillirkunst und Liqueurfabrikation", sowie die "Anleitung zur Kultur der Tabakspflanze und zur Fabrikation der Rauch- und Schnupftabake" etc. Später wurden noch veröffentlicht: "Die Kunstwirthschaft", eine als Supplement zur Putsche's Encyklopädie von H. verfaßte Arbeit, ferner seine "Anleitung zur chemischen Zergliederung der Vegetabilien überhaupt und der Getreidearten insbesondere", 1821, endlich seine Abhandlungen über "Die Kultur, Zubereitung und Veredelung des Flachses und Haines", wie über "Die blaue und rothe Milch, die Ursache ihrer Erzeugung und die Mittel, deren Bildung zu verhindern", 1833. Seine Arbeiten zeugen von Scharfblick, Umsicht und gediegener Gelehrsamkeit.

    • Literatur

      N. Nekrolog der Deutschen, Bd. XI. S. 704. Lengerke, Landwirthschaftliches Conversationslexikon, Bd. II. S. 467.

  • Autor

    C. Leisewitz.
  • Empfohlene Zitierweise

    Leisewitz, Carl, "Hermbstaedt, Sigismund Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 190-192 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118549774.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA