Paczensky, Gert von
- Lebensdaten
- 1925 – 2014
- Geburtsort
- Hausneindorf bei Quedlinburg
- Sterbeort
- Köln
- Beruf/Funktion
- Gastronomiekritiker ; Journalist ; Publizist ; Dokumentarfilmer ; Schriftsteller ; Restaurantkritiker
- Konfession
- konfessionslos
- Normdaten
- GND: 12014414X | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Paczensky und Tenczin, Gert Franz-Joseph von
- Franz v. Tenczin / Pseudonym (1980)
- Paczensky, Gert von
- Paczensky und Tenczin, Gert Franz-Joseph von
- Franz v. Tenczin / Pseudonym (1980)
- franz v. tenczin / pseudonym
- Paczensky, Gert v.
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Verknüpfungen
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- Adenauer, Konrad
- Ahlers, Conrad
- Arnau, Frank
- Bahr, Egon
- Becker, Kurt
- Besser, Klaus
- Bölling, Klaus
- Engelmann, Bernt
- Engler, Hanno
- Haffner, Sebastian
- Hollos, Julius
- Jahr-Stilcken, Angelika
- Kogon, Eugen
- Küstermeier, Rudolf
- Menne, Bernhard
- Nannen, Henri
- Proske, Rüdiger
- Schönberner, Herbert
- Sethe, Paul
- Seydoux de Clausonne, François
- Siebeck, Wolfram
- Springer, Axel
- Strauß, Franz Josef
- Winkler, Heinz
- Witzigmann, Eckart
- Zehrer, Hans
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-
Paczensky, Gert von (eigentlich Gert Franz-Joseph von Paczensky und Tenczin)
Pseudonym: Franz v. Tenczin (1980)
1925 – 2014
Gastronomiekritiker, Journalist, Publizist, Dokumentarfilmer
Gert von Paczensky arbeitete als Journalist und Publizist zu wirtschaftlichen, kulturellen und politisch-historischen Themen, v. a. der Geschichte und Nachwirkung des Kolonialismus. Nach langjähriger Tätigkeit als Korrespondent und zuletzt Leiter des Ressorts Außenpolitik der Tageszeitung „Die Welt“ wurde er in den 1960er Jahren auch durch das Fernsehen bekannt und war 1972/73 Referatsleiter im Bundespresseamt. Besondere Bekanntheit erlangte Paczensky seit 1973 zudem als Gastronomiekritiker der Zeitschrift „essen & trinken“.
Lebensdaten
Gert von Paczensky, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Josef Matzerath (Dresden)
-
Zitierweise
Matzerath, Josef, „Paczensky, Gert von“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd12014414X.html#dbocontent
Herkunft und Karriere bei der Tageszeitung „Die Welt“
Paczensky entstammte einer schlesischen Adelsfamilie und besuchte seit 1936 Gymnasien in Berlin, Sagan (Niederschlesien, heute Żagań, Polen) und Liegnitz (Niederschlesien, heute Legnica, Polen), wo er 1939 Mitglied der Hitler-Jugend wurde. Nach dem Abitur leistete er seit August 1942 Kriegsdienst in der Luftnachrichtentruppe der Wehrmacht und wurde v. a. als Funker an der Ost- und Westfront eingesetzt. Von April bis Juli 1945 befand er sich in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft, arbeitete danach als Dolmetscher und Koch einer Kompanie der US-Army in Heidelberg und war 1946/47 für den Südwestdeutschen Nachrichtendienst und die Deutsche Allgemeine Nachrichtenagentur tätig.
Dank der Kontakte seiner ersten Ehefrau Susanne von Paczensky (1923–2010), u. a. mit dem Journalisten und britischen Kontrolloffizier Julius Hollos (1906–1983), erhielt Paczensky Ende Oktober 1947 eine Anstellung als Redakteur bei der Tageszeitung „Die Welt“ in Hamburg, wo er mit Egon Bahr (1922–2015) bekannt wurde. Gefördert von dem sozialdemokratisch orientierten Chefredakteur Rudolf Küstermeier (1903–1977) sowie von dem langjährigen Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, Bernhard Menne (1901–1968), machte Paczensky Karriere als Korrespondent in London (1949–1952) und Paris (1952–1957). Er erlebte und kommentierte in dieser Zeit den Prozess der Dekolonisation, ehe er 1957 nach Hamburg zurückkehrte, unter Hans Zehrer (1899–1966) zum Leiter des außenpolitischen Ressorts der „Welt“ avancierte und in der Folgezeit u. a. mit Kurt Becker (1920–1987) und Paul Sethe (1901–1967) eng zusammenarbeitete. Paczensky positionierte sich kritisch zur bundesdeutschen Außenpolitik der Regierung Konrad Adenauers (1876–1967) und votierte für eine Politik der Annäherung und Entspannung gegenüber den Staaten des Warschauer Pakts, da nur so die deutsche Teilung überwunden werden könne.
Fernsehkarriere und Beschäftigung mit dem Kolonialismus
Paczensky verließ Ende Januar 1960 die Redaktion der „Welt“, nachdem die Zeitung von Axel Springer (1912–1985) übernommen worden war, und wechselte im August 1960 zum Fernsehen des Norddeutschen Rundfunks. Hier konzipierte er mit Rüdiger Proske (1916–2010) das seit Juni 1961 mit großem Erfolg ausgestrahlte, von Paczensky moderierte, investigative Magazin „Panorama“, das sich u. a. im Kontext des Fibag-Skandals um Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (1915–1988) und der sog. Spiegel-Affäre regierungskritisch positionierte. Große Aufmerksamkeit fand Paczensky mit seinem im Januar 1961 in der ARD ausgestrahlten Dokumentarfilm „Der siebenjährige Krieg“, in dem er die gewaltsame französische Besatzungsherrschaft in Algerien scharf kritisierte und damit einen offiziellen Protest des französischen Botschafters in Bonn, François Seydoux de Clausonne (1905–1981), hervorrief.
Nachdem seine bis Ende Oktober 1963 befristete Stelle beim NDR nicht verlängert worden war, arbeitete Paczensky 1963/64 unter Henri Nannen (1913–1996) als stellvertretender Chefredakteur der Illustrierten „Stern“ und gab seit Februar 1966 mit Bernt Engelmann (1921–1994) in Hamburg die gewerkschaftsnahe Monatsschrift „deutsches panorama“ heraus. Trotz anfänglicher Erfolge und prominenter Mitarbeiter wie Frank Arnau (1894–1976), Sebastian Haffner (1907–1999) und Eugen Kogon (1903–1987) wurde das Blatt im Juni 1967 eingestellt. Anschließend verfasste Paczensky die kontrovers rezipierte Studie „Die Weißen kommen. Die wahre Geschichte des Kolonialismus“ (1970), mit der er dazu beitrug, die (Gewalt-)Geschichte des Kolonialismus stärker in das bundesdeutsche Geschichtsbewusstsein zu rücken und den öffentlichen Diskurs über die Rückgabe von Kulturgut kolonialer Herkunft in Gang zu setzen. Im März 1972 übernahm er auf Bitte seines Freundes Conrad Ahlers (1922–1980) interimsmäßig die Leitung des Referats „Grundsatzfragen, Inneres und Justiz“ im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.
Gastronomiekritik
Im Sommer 1973 wurde Paczensky durch Intendant Klaus Bölling (1928–2014) zum Chefredakteur von Radio Bremen berufen. Parallel dazu begann er, Gastronomiekritiken in dem von Angelika Jahr-Stilcken (geb. 1941) herausgegebenen Magazin „essen & trinken“ zu veröffentlichen. Mit seiner kulinarischen Kolumne wurde er neben Klaus Besser (1919–1995) und Wolfram Siebeck (1928–2016) zu einem der Begründer der deutschen Gastronomiekritik. Paczensky popularisierte die Nouvelle Cuisine und bemühte sich, die globale Dimension der Ernährung sichtbar zu machen, wobei er weniger auf kulinarisch-ästhetische Unterschiede, als auf die soziale Distinktion zwischen Europa und anderen Weltregionen fokussierte. 1981/82 präsentierte Paczensky in der in „essen & trinken“ abgedruckten Serie „Astro-Gastronomie“ die Dreisternköche Frankreichs als Vorbilder kulinarischer Ästhetik und stellte ihnen für Deutschland Herbert Schönberner (geb. 1949) (Goldener Pflug, Köln), Heinz Winkler (1949–2022) (Tantris, München) und Eckart Witzigmann (geb. 1941) (Aubergine, München) an die Seite. Anerkennung fand Paczensky in der Bundesrepublik und in Frankreich zudem mit zwei mehrfach aufgelegten Büchern über Cognac (1984) und Champagner (1987) sowie mit seiner 1994 veröffentlichten „Kulturgeschichte des Essens und Trinkens“. Seit 1986 in Köln lebend, blieb er bis 2010 als Publizist und freiberuflicher Journalist aktiv.
| 1985 | Ehrenbürger der Stadt Cognac (Département Charente, Frankreich) |
Nachlass:
Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V., Bonn.
Weitere Archivmaterialien:
Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Deutsches Archiv der Kulinarik. (u. a. Menükartensammlung von Gert von Paczensky)
Autobiografie:
Journalist mit Appetit, 2003. (P)
Politische und historische Monografien:
Die Weißen kommen. Die wahre Geschichte des Kolonialismus, 1970, überarb. Neuausg. 1979 u. d. T. Weiße Herrschaft. Eine Geschichte des Kolonialismus, Taschenbuchausg. 1982, ungar. 1974.
Unser Volk am Jordan? Ein Beitrag zur Geschichte des Israel-Konflikts, 1971, überarb. u. erw. Neuausg. 1978 u. d. T. Faustrecht am Jordan? Zur Entwicklung des arabisch-israelischen Konflikts.
Lokaltermin Thailand. Was tut die Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen?, 1971.
Wieviel Geld für die dritte Welt? Entwicklungshilfe kritisch durchgerechnet, 1972.
Über das Fernsehen. Munition gegen das öffentlich-rechtliche Komplott, 1980.
Das Ölkomplott. Von der Kunst, uns und andere auszunehmen, 1982, überarb. Taschenbuchausg. 1984.
Gert von Paczensky/Herbert Ganselmayr, Nofretete will nach Hause. Europa – Schatzhaus der „Dritten Welt“, 1984.
Teurer Segen. Christliche Mission und Kolonialismus. Was im Namen Christi verbrochen wurde, 1991, Taschenbuchausg. 1994, Sonderausg. 2000 u. d. T. Verbrechen im Namen Christi. Mission und Kolonialismus.
Monografien zu Gastronomie und Kulinarik:
Feinschmeckers Beschwerdebuch. Brevier wider die Sünden der Gastronomie, 1976.
Cognac, 1984, 41995, franz. 1987.
Champagner, 1987, 31996, franz. 1988.
Gert von Paczensky/Anna Dünnebier, Leere Töpfe, volle Töpfe. Die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, 1994, Neuausg. 2021.
Wo Frankreich am besten isst. Aquitaine. Zwischen Pyrenäen und Atlantik, 1998.
Dokumentarfilme:
Der siebenjährige Krieg. Ein Bericht über das Problem Algerien, ARD, 24.1.1961. (Drehbuch/Regie) (weiterführende Informationen)
Der unruhige Nachbar. Belgische Bilanz 1961, ARD, 5.4.1961. (Drehbuch/Regie) (weiterführende Informationen)
Der Tod kam wie bestellt. Bericht über Verlauf und Hintergründe der Kongo-Krise, ARD, 6.2.1962. (Drehbuch: Gert von Paczensky, Regie: Klaus Wildenhahn/Werner Baecker/Fred Simson/Alexander Szombati) (weiterführende Informationen)
Martin Eichhorn, Kulturgeschichte der „Kulturgeschichten“. Typologie einer Literaturgattung, 2002, S. 180–182.
Alexander Krei, „Panorama“-Gründer Gert von Paczensky gestorben, in: DWDL.de (Onlinemagazin) v. 1.8.2014. (Onlineressource)
Bénédicte Savoy, Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage, 2021, S. 76, 149 u. 180–182.
Daniel Deckers/Josef Matzerath, Das Deutsche Küchen- und Weinwunder, 2025.
Gert von Paczensky, in: Haus der Pressefreiheit. Hall of Fame. (P)
Panorama-Mitbegründer Gert von Paczensky ist tot. Ein Nachruf, in: NDR, Panorama v. 14.8.2014.
NDR, Panorama Sendungsarchiv. (umfasst alle Sendungen seit 4.6.1961)
Fotografien, seit ca. 1950, Abbildungen in: Gert von Paczensky, Journalist mit Appetit, 2003.
Fotografie, ca. 1958, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V., Bonn. (Nachlass Paczensky, Akte 1/GPAA000 009, darin Broschüre „Es stand in der Welt“)
Fotografie, ca. 1962, Archiv des Norddeutschen Rundfunks, Abbildung in: Gert von Paczensky, in: Haus der Pressefreiheit. Hall of Fame. (Onlineressource)
Karikatur v. Hanno Engler (1936–1993), ca. 1990, Abbildung in: essen & trinken 3 (1990), S. 65.
Fotografie v. Jörg Carstensen, ca. 2010, Abbildung in: N. N., Gedenken an Gert von Paczensky, in: Menschen machen Medien v. 4.9.2014. (Onlineressource)