Lebensdaten
1897 – 1980
Geburtsort
Hastings (Sussex)
Sterbeort
Überlingen/ Bodensee
Beruf/Funktion
Leiterin der Bayreuther Festspiele ; Gattin Siegfried Wagners
Konfession
evangelisch?
Normdaten
GND: 118805932 | OGND | VIAF: 57411113
Namensvarianten
  • Williams, Winifred Marjorie (geborene)
  • Klindworth, Senta (adoptierte)
  • Wagner, Winifred
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Zitierweise

Wagner, Winifred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118805932.html [19.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    V John Williams (1843–97), Schriftst., Schausp., Kritiker, Journ.;
    M Emily Florence Karop (1868–98), Schausp., Malerin;
    seit 1907 Pflege-V, seit 1914 Adoptiv-V Karl Klindworth (1830–1916), Meisterschüler v. Franz Liszt, Verehrer Wagners, Pianist, Dirigent, Gründer d. Karl-Klindworth-Musikkonservatoriums in Berlin (s. NDB XII);
    seit 1907 Pflege-M, seit 1914 Adoptiv-M Henriette Karop (* 1837 / 39);
    seit 1915 Vormund Siegfried Wagner (s. 3);
    1 Halb-Schw, 2 Halb-B;
    Villa Wahnfried in Bayreuth 1915 Siegfried Wagner (s. 3), 2 S Wieland (s. 5), Wolfgang (s. 6), 2 T Friedelind (1918–91), Musikpäd. (s. Gen. 3), Verena (1920–2019, Bodo Lafferentz, 1897–1975, SS-Obersturmbannführer, s. Gen. 3).

  • Biographie

    Nachdem beide Eltern kurze Zeit nach W.s Geburt gestorben waren, wurde sie von entfernten Verwandten, dem Pianisten, Wagnerianer und Lebensreformer Karl Klindworth und seiner Frau, die in Berlin in bescheidenen Verhältnissen lebten, aufgenommen und kam sehr früh mit Wagners Musik in Berührung. Im Herbst 1907 wurde W. von Berlin nach Hannover zu Verwandten geschickt, um Deutsch zu lernen. 1910 kam sie in ein Internat in Helmstedt, 1911 wechselte sie in das Tegeler Lyzeum in Eberswalde, ab 1913 besuchte sie das Oberlyzeum der Kgl. Augustaschule in Berlin. Sie erhielt die damals übliche Ausbildung in Haushaltsführung, lernte Französisch und Bürgerkunde und absolvierte die Tanzschule.

    Klindworth selbst war eingebunden in den völkisch-antisemit. Bayreuther Kreis, dessen führender Kopf Houston Stewart Chamberlain (1855–1927), der Schwiegersohn Richard Wagners, war. 1914 kam der 84 Jahre alte Klindworth erstmals mit der 17jährigen W. nach Bayreuth. In Wahnfried von Cosima und deren Töchtern betont herzlich aufgenommen, lernte sie während der Festspiele Siegfried Wagner, den 45jährigen Festspielchef, erstmals kennen. Als sie mit Ausbruch des 1. Weltkriegs als Engländerin Probleme bekam, wurde sie von den Klindworths adoptiert und erhielt den Vornamen Senta. Auf Drängen Cosimas und ihrer Töchter kam es im Juli 1915 zu einem Heiratsantrag des homosexuellen Siegfried an W.; die Hochzeit|scheiterte allerdings zunächst an behördlichen Vorbehalten gegenüber der „feindlichen“ Ausländerin. Erst nachdem sich Siegfried zum Vormund seiner Braut hatte bestellen lassen, konnte Ende Sept. 1915 die Hochzeit stattfinden.

    In Wahnfried, wo beide wohnten, konnte sich W. bald gegen ihre dominanten Schwägerinnen durchsetzen. Dazu trug auch bei, daß sie in rascher Folge vier Kinder gebar: Wieland, Friedelind, Wolfgang und Verena. Zupackend und organisationsbegabt, entwickelte sie sich zu einem ernstzunehmenden Mitglied des Wagner-Clans und zugleich zu einer dezidiert dt.-national und antisemitisch denkenden Frau. Enttäuscht über die Niederlage von 1918, interessierte sie sich schon früh für Hitler. 1923 lernte sie Hitler anläßlich eines „Deutschen Tages“ in Bayreuth kennen, lud ihn nach Wahnfried ein und zeigte ihm, dem Wagner-Verehrer, die Räume Richard Wagners. Als Hitler nach dem gescheiterten Ludendorff-Putsch im Nov. 1923 zu Festungshaft in Landsberg verurteilt wurde, schickte W. ihm alles, was er benötigte, v. a. Papier für die Niederschrift des Buches „Mein Kampf“. Am 26. 1. 1926 trat sie auf Wunsch Hitlers in die NSDAP ein – zusammen mit anderen Mitgliedern der Familie; sie hatte die Mitgliedsnummer 29349. In der Bayreuther Ortgruppe der Partei war sie schon zuvor aktiv gewesen.

    Als Siegfried Anfang Aug. 1930 starb, übernahm W. die Leitung der Festspiele. Zum künstlerischen Leiter verpflichtete sie den Regisseur, Dirigenten und Intendanten der Berliner Staatsoper Heinz Tietjen (1881–1967) und ging eine nichteheliche Beziehung mit ihm ein; gemäß dem mit Siegfried 1929 geschlossenen Testament hätte sie im Falle einer Wiederverheiratung sämtliche Erbansprüche verloren. In der Folge machte sie Bayreuth zu einem der kulturellen Zentren des „Dritten Reiches“. Von 1933 bis 1940 war Hitler während der Festspiele regelmäßig ihr privater Gast, wohnte in einem Seitenbau der Villa Wahnfried, dem sog. Siegfriedbau, und lebte wie ein Mitglied der Wagner-Familie. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs glaubte W. an den Endsieg und hielt Hitler, über dessen Tod hinaus, die Treue.

    Im Sommer 1947 mußte sie sich einem Entnazifizierungsverfahren stellen und wurde, weil sie vielen politisch Bedrängten, auch Juden, während des „Dritten Reiches“ geholfen hatte, in Gruppe II der Belasteten (Aktivisten), im Dez. 1948 nurmehr als „Minderbelastete“ eingestuft und zu einer Geldstrafe von 6000 DM verurteilt. Um ihren Kindern das Erbe zu sichern und die Nachfolge zu ermöglichen (nach dem Stichtag v. 14. 4. 1945 war jede Besitzveränderung verboten), bemühte sie sich um die engl. Staatsbürgerschaft, die sie am 1. 1. 1949 auch erhielt. Am 21. 1. 1949 verzichtete sie zugunsten ihrer Söhne Wieland und Wolfgang auf die Festspielleitung und zog sich zurück. Aber sie pflegte Kontakt zu alten NS-Kreisen, so zu Görings Tochter Edda (1938–2018), Ilse Heß (1900–95), Gerdy Troost (1904–2003), Will Vesper (1882–1962), Hans Severus Ziegler (1893–1978) und anderen. Bis an ihr Lebensende hielt sie an ihrer NS-Gesinnung fest. Als sie sich 1975 in einem Filminterview von Hans-Jürgen Syberberg (* 1935) entsprechend erklärte, wurde ihr von ihrem Sohn Wolfgang der Besuch der Festspiele und des Festspielhauses verboten.

    Als Festspielleiterin suchte W., die Festspiele von äußeren Eingriffen freizuhalten und trat deshalb, trotz Druck, auch nicht in die Reichskulturkammer ein. Sie konnte diese Selbständigkeit bewahren, weil sie Hitler auf ihrer Seite wußte. Der Preis dafür war das Einpassen der Festspiele in die nationalsozialistische Kulturpolitik. Auch wenn Bayreuth schon lange vor 1933 an der Seite der NS-Bewegung stand, gab es ab dem Jahr der „Machtergreifung“ eine verstärkte Identifikation. Jüd. Künstler wurden entlassen, der Hügel und Wahnfried mit NS-Fahnen geschmückt, die Festspiele zur Repräsentationsbühne für das „neue Deutschland“. W.s demonstrative Auftritte mit Hitler, die enge Verbindung ihrer Familie zu ihm und hohen Vertretern der NSDAP machten Bayreuth zum „Hoftheater Hitlers“ (Thomas Mann). Für Hitler waren ihre gemeinsamen öffentlichen Auftritte ein kaum zu überschätzender gesellschaftlicher und politischer Prestigegewinn – er nutzte die Festspiele als einen Rahmen, in dem er sich als kunstsinniger Staatsmann geben konnte.

  • Auszeichnungen

    |Ehrenbürgerin d. Stadt Bayreuth (1933).

  • Literatur

    |S. Henze-Döhring, Kulturelle Zentren in d. amerik. Besatzungszone, Der Fall Bayreuth, in: Kulturpol. im besetzten Dtld. 1945–1949, hg. v. G. Clemens, 1994, S. 39–54;
    B. Hamann, W. W. oder Hitlers Bayreuth, 2002 (P) (engl. 2005);
    J. Carr, Der Wagner-Clan, Gesch. e. dt. Fam., 2008 (P);
    O. Hilmes, Cosimas Kinder, Triumph u. Tragödie d. Wagner-Dynastie, 2009 (P);
    U. Bermbach, Houston Stewart Chamberlain, Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker, 2015;
    O. G. Bauer, Die Gesch. d. Bayreuther Festspiele, 2 Bde., 2016 (P);
    Enz. NS;
    Lex. 1000 Frauen;
    Kosch, Theater-Lex.;
    Biogr. Lex. Drittes Reich 2002;
    Schweizer Lex.;
    Dok.film: H. J. Syberberg, W. W. u. d. Gesch. d. Hauses Wahnfried 1914–1975, 2 DVD, 2006.

  • Autor/in

    Udo Bermbach
  • Zitierweise

    Bermbach, Udo, "Wagner, Winifred" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 219-220 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118805932.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA