Lebensdaten
1893 – 1967
Geburtsort
Kehrberg in Pommern
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Freikorpsführer ; NS-Aktivist ; Soldat
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 121476162 | OGND | VIAF: 112375233
Namensvarianten
  • Roßbach, Paul Wilhelm Gerhard Karl
  • Roßbach, Gerhard
  • Roßbach, Paul Wilhelm Gerhard Karl
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Zitierweise

Roßbach, Gerhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd121476162.html [20.08.2022].

CC0

  • Kritische Würdigung

    Gerhard Roßbach war einer der prominentesten Freikorpsführer der Weimarer Republik. Nach dem Ersten Weltkrieg kämpfte er mit einer nach ihm benannten Sturmabteilung im Baltikum und in Oberschlesien, 1920 unterstützte er den Kapp-Putsch. Als Gründer mehrerer NSDAP-Ortsgruppen in Norddeutschland beteiligte er sich 1923 am Hitler-Putsch und trat anschließend als Funktionär der deutschen Jugendbewegung hervor.

    Lebensdaten

    Geboren am 28. Februar 1893 in Kehrberg in Pommern (heute Krzywin, Polen)
    Gestorben am 30. August 1967 in Hamburg
    Konfession evangelisch
    Gerhard Roßbach (im Vordergrund), BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Hoffmann (InC)
    Gerhard Roßbach (im Vordergrund), BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Hoffmann (InC)
  • Lebenslauf

    28. Februar 1893 - Kehrberg in Pommern

    1913

    Königlich-Preußischer Leutnant

    8. Westpreußisches Infanterie-Regiment Nr. 175

    1914 - 1918 - Ost- und Westfront

    Kriegsdienst

    1918 - Graudenz (heute Grudziądz, Polen)

    Gründer

    Freiwillige Sturmabteilung Roßbach

    1919 - 1919 - Litauen; Lettland

    „Marsch ins Baltikum“

    Freiwillige Sturmabteilung Roßbach

    1919 - 1920

    Mitglied

    Vorläufige Reichswehr

    1920 - Berlin

    Beteiligung am Kapp-Putsch

    1922 - Norddeutschland

    Aufbau mehrerer Ortsgruppen

    NSDAP

    1922 - Berlin

    Mitgründer der Großdeutschen Arbeiterpartei (Tarnorganisation der NSDAP)

    Großdeutsche Arbeiterpartei (GAP)

    1923 - Berlin

    Anschluss an die Deutschvölkische Freiheitspartei

    Deutschvölkische Freiheitspartei (DVFP)

    1923 - 1923 - Leipzig

    Inhaftierung

    Untersuchungsgefängnis des Staatsgerichtshofs für das Deutsche Reich

    1923 - München

    Beteiligung am Hitler-Putsch

    1923 - 1926 - Salzburg

    Exil

    1924 - Salzburg

    Gründer

    Schilljugend

    1926 - Dreveskirchen (Mecklenburg-Vorpommern)

    Amnestie; Rückkehr nach Deutschland

    1932

    Gründer

    Luftschutztrupps Ekkehard

    1934 - Berlin

    kurzzeitige Inhaftierung infolge des „Röhm-Putsches“

    Columbia-Haus

    1935 - 1945 - Berlin

    Versicherungskaufmann

    Iduna-Germania Allgemeine Versicherungs-AG

    1945 - 1946 - Golling (Österreich); Glasenbach (Österreich); Altenstadt (Oberbayern); Dachau

    Inhaftierung

    Lager Golling; Camp Marcus W. Orr; Internierungslager Altenstadt; Internierungslager Dachau

    1946 - Hamburg

    Versicherungskaufmann

    Iduna-Germania Allgemeine Versicherungs-AG

    30. August 1967 - Hamburg
  • Genealogie

    Vater Hans Roßbach Königlicher Domänenpächter
    Mutter Opernsängerin
    1. Heirat unbekannt
    Ehefrau N. N. gest. 1935
    2. Heirat unbekannt
    Ehefrau Ingeborg Roßbach, geb. Gürgens
    Kinder ein Sohn, zwei Töchter
  • Biografie

    alternativer text
    Gerhard Roßbach (ganz rechts), BArch / Bildarchiv (InC)

    Roßbach besuchte von 1903 bis 1909 die Kadettenanstalt in Köslin, anschließend die Hauptkadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde. Im August 1913 zum Leutnant ernannt, kämpfte er seit August 1914 in Ostpreußen, Oberschlesien und Russland, seit Anfang 1916 in Frankreich. Nach Ende des Ersten Weltkriegs leitete er als Oberleutnant ein Maschinengewehr-Lehrkommando in Graudenz (Westpreußen), aus dem er die Freiwillige Sturmabteilung Roßbach formte, die im Grenzschutz Ost eingesetzt war und im Januar 1919 als Jägerbataillon 37 in die vorläufige Reichswehr übernommen wurde. Aufsehen erregte Roßbach im Oktober 1919 mit einem eigenmächtigen Marsch in das Baltikum, wo er mit seiner Einheit in Bedrängnis geratene Freikorps bei ihrem Rückzug unterstützte. Zu den Mitgliedern der Sturmabteilung zählten mehrere spätere NS-Spitzenfunktionäre, darunter Martin Bormann (1900–1945), Kurt Daluege (1897–1946), Edmund Heines (1897–1934), Wolf Heinrich von Helldorff (1896–1944) und Rudolf Höß (1901–1947).

    Im Januar 1920 offiziell aufgelöst, existierte die Sturmabteilung Roßbach in mehreren Tarnorganisationen weiter, finanziert v. a. von ostelbischen Großgrundbesitzern. 1920 unterstützten Roßbach-Formationen den Kapp-Putsch und die Niederschlagung des Ruhraufstands, 1921 beteiligten sie sich an den Kämpfen rund um die Volksabstimmung in Oberschlesien. Einige ihrer Angehörigen waren in den frühen 1920er Jahren in aufsehenerregende Fememorde involviert, darunter v. a. jene an dem Landarbeiter Willi Schmidt (1899–1920) durch Roßbachs Vertrauensmann Edmund Heines (1897–1934) sowie an dem „Parchimer Fememord“ an Oberleutnant Walter Kadow (1900–1923).

    Seit 1922 Mitglied der NSDAP, organisierte Roßbach nach einer persönlichen Besprechung mit Adolf Hitler (1889–1945) im August 1922 mehrere Gründungsversammlungen von NSDAP-Ortsgruppen in Norddeutschland, ehe die Partei im November 1922 in Preußen verboten wurde. Im Februar 1923 schloss sich Roßbach der Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP) an, für die er den paramilitärischen Deutschvölkischen Jugendbund Graf Yorck von Wartenburg organisierte. Im März 1923 mit weiteren DVFP-Politikern verhaftet, ermittelte der Leipziger Staatsgerichtshof gegen Roßbach wegen Hochverrats und Bildung militärischer Banden. Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft aufgrund angeblich fehlender Fluchtgefahr, setzte sich Roßbach im Oktober 1923 nach München ab, wo er den Hitler-Putsch unterstützte, indem er Offiziersschüler der Zentralen Infanterieschule der Reichswehr zur Teilnahme animierte.

    Nach dem Scheitern des Putsches floh Roßbach nach Salzburg, wo er 1924 die nach Ferdinand von Schill (1776–1809) benannte Schilljugend (seit 1929 Bund Ekkehard) gründete, einen Wehrverband mit elitärem Anspruch, der 1925/26 vor Gründung der Hitler-Jugend als Jugendorganisation der NSDAP diente. 1926 amnestiert und nach Deutschland zurückgekehrt, weigerte sich Roßbach, die Schilljugend völlig den Interessen der NSDAP unterzuordnen, und fiel so bei Hitler in Ungnade. 1926 gründete er in Mecklenburg die Spielschar Ekkehard, die bis 1934 reichsweit rund 2000 völkisch orientierter Volkskunstabende und „Weihestunden“ inszenierte.

    1932 gründete Roßbach den Luftschutztrupp Ekkehard, der über die Gefahren des Luftkriegs und Selbstschutzmaßnahmen gegen Bombenangriffe informierte und 1933 im Reichsluftschutzbund aufging, dessen Vizepräsident er bis 1934 war. Als Vertrauter Ernst Röhms (1887–1934) im Juli 1934 kurzzeitig verhaftet, war Roßbach seit 1935 unter neuem Namen als Versicherungskaufmann in Berlin tätig. Von 1939 bis 1944 gab er die „Ekkehard-Feldpostbriefe“ heraus. Nach kurzer US-amerikanischer Internierung 1945/46 beteiligte sich Roßbach, der seit den 1920er Jahren bei Winifred Wagner (1897–1980) in hohem Ansehen stand, an der Organisation der Wagner-Festspiele; 1949 initiierte er die Gründung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth.

  • Ehrungen, Auszeichnungen und Mitgliedschaften

    1918 Hausorden von Hohenzollern mit Schwertern
    Hanseatenkreuz (Hamburg)
    Schlesisches Bewährungsabzeichen (Adlerorden)
    • Quellen

      Nachlass:

      nicht bekannt.

      Weitere Archivmaterialien:

      Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, R 72/1878 (Freikorps: Oberleutnant Gerhard Roßbach); R 1507 (Reichskommissar für die Überwachung der öffentlichen Ordnung, umfasst zahlreiche Lageberichte zu Roßbach und seiner Organisation); R 3003/1503 u. 8207 (Oberreichsanwalt beim Reichsgericht, Strafsachen gegen Roßbach); R 8034-III/392 (Reichslandbund-Pressearchiv); R 9361-V/10159 (Personal- und Sachakten, Bestand BDC); R 9361-I/32523 (Akte des Obersten Parteigerichts der NSDAP, Bestand BDC).

      Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Rep. 84a, Nr. 54940 (Strafsachen gegen den Oberleutnant a. D. Gerhard Roßbach in Berlin-Wannsee und andere Angehörige der Arbeitsgemeinschaft Roßbach wegen Geheimbündelei); I. HA Rep. 84a, Nr. 54943 (Strafsachen gegen Gerhard Roßbach u. a. wegen Beteiligung an der aufgelösten NSDAP).

      Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, A 56 (Schilljugend / Bund Ekkehard e.V.); N 142 (Nachlass Horst Fritsch, dokumentiert u. a. die Entwicklung des Freikorps Roßbach, Wehrjugendbund Schill, der Schilljugend e. V., Bund Ekkehard, Spielschar Ekkehard und Luftschutztrupp Ekkehard. Der Bestand umfasst zudem Korrespondenzen, Rundbriefe, Fotoalben, Objekte und Tonträger).

      Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, München, ZS 128 (Zeugenschrifttum Gerhard Roßbach). (Onlineressource)

      Staatsarchiv Hamburg, 731-8_A 767 Roßbach, Gerhard (Zeitungsausschnittsammlung).

    • Werke

      Sturmabteilung Roßbach als Grenzschutz in Westpreußen, 1919. (P)

      Die zukünftige völkische Wehrjugendbewegung, in: Mecklenburger Warte/Rostocker Zeitung, Nr. 285 v. 11.12.1924.

      Der Führergedanke in der Jugendbewegung, in: Der Falke. Monatsschrift der Adler und Falken 6 (1925), H. 11/12.

      Erfahrungen und Vorschläge des Luftschutztrupp Ekkehard e. V., 1933, 91934.

      Die Reichsluftschutz-Schule, in: Edmund Heines (Hg.), Luftschutz. Die deutsche Schicksalsfrage, 1934, S. 259–261.

      Mein Weg durch die Zeit. Erinnerungen und Bekenntnisse, 1950.

    • Literatur

      Monografien:

      Emil Julius Gumbel, Verschwörer. Beiträge zur Geschichte und Soziologie der deutschen nationalistischen Geheimbünde seit 1918, 1924, S. 88–100.

      Arnolt Bronnen, Roßbach, 1930. (literarisch, apologetisch)

      Bernd Kruppa, Rechtsradikalismus in Berlin 1918–1928, 1988.

      Brigitte Hamann, Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, 2002, S. 167 f. u. 570 f.

      Bernhard Sauer, Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik, 2004, S. 23–44.

      Bernd Lemke, Luftschutz in Großbritannien und Deutschland 1923 bis 1939. Zivile Kriegsvorbereitungen als Ausdruck der staats- und gesellschaftspolitischen Grundlagen von Demokratie und Diktatur, 2005, S. 157 u. 307 f.

      Rüdiger Ahrens, Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933, 2015, S. 175–179 u. 289.

      Aufsätze und Artikel:

      Kurt-Gerhard Klietmann, Freiwillige Sturmabteilung Roßbach, in: Feldgrau. Mitteilungsblätter einer Arbeitsgemeinschaft 9 (1961), S. 137–140 u. 196–202. (unkritisch)

      Bruce Campbell, The Schilljugend. From Wehrjugend to Luftschutz, in: Wolfgang R. Krabbe (Hg.), Politische Jugend in der Weimarer Republik, 1993, S. 183–201.

      Bernhard Sauer, Die deutschvölkische Freiheitspartei (DvFP) und der Fall Grütte, in: Berlin in Geschichte und Gegenwart. Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 1994, S. 179–205. (Onlineressource)

      Bruce Campbell, Gerhard Rossbach, the Spielschar Ekkehard and the Cultural Attack on the Weimar Republic, in: Lothar Ehrlich/ Jürgen John (Hg.), Weimar 1930. Politik und Kultur im Vorfeld der NS-Diktatur, 1998, S. 243–259.

      Bernd-Ulrich Hergemöller, Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum, 2001, S. 592–594.

      Bernhard Sauer, Gerhard Roßbach - Hitlers Vertreter für Berlin. Zur Frühgeschichte des Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 50 (2002), S. 5–21. (Onlineressource)

      Christoph Hübner, Freikorps Roßbach, 1919–1923, in: Historisches Lexikon Bayerns, 2006. (Onlineressource)

      Tessa Sauerwein, Schilljugend, 1924–1933, in: Historisches Lexikon Bayerns, 2006. (Onlineressource)

      Bernhard Sauer, „Auf nach Oberschlesien“ – Die Kämpfe der deutschen Freikorps 1921 in Oberschlesien und den ehemaligen deutschen Ostprovinzen, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58 (2010), S. 297–320. (Onlineressource)

      Stefan Breuer, Der völkische Flügel der Bündischen Jugend, in: Gideon Botsch/Josef Haverkamp (Hg.), Jugendbewegung, Antisemitismus und rechtsradikale Politik, 2014, S. 110–133, hier S. 124–130.

    • Onlineressourcen

  • Autor/in

    Sauer, Bernhard (Berlin)

  • Zitierweise

    Sauer, Bernhard, „Roßbach, Gerhard“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/121476162.html#dbocontent.

    CC-BY-NC-SA