Lebensdaten
1837 – 1930
Geburtsort
Como
Sterbeort
Bayreuth
Beruf/Funktion
Gemahlin Richard Wagners ; Leiterin der Bayreuther Festspiele
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118628232 | OGND | VIAF: 39385271
Namensvarianten
  • Flavigny, Cosima de (geborene)
  • Flavigny, Cosima Francesca Gaëtana Comtesse de (geborene)
  • Liszt, Cosima (seit 1844 Legitimation durch ihren Vater)
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Zitierweise

Wagner, Cosima, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118628232.html [24.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    Natürl. V Franz Liszt (1811–86, österr. Rr. 1859), Pianist, Komp., Musikschriftst., Dirigent (s. NDB 14);
    M Marie Gfn. d’Agoult (Ps. Daniel Stern) (1805–76), Schriftst., Salonière (s. HBLS; Lex. d. Frau; Frankfurter Biogr.; NDB II* u. 14*), T d. Alexandre François Comte de Flavigny (1770–1819) u. d. Marie Elisabeth Bethmann (1772–1847);
    Ur-Gvm Johann Philipp Bethmann (1715–93), Bankier in Frankfurt/M. (s. NDB II; Nassau. Biogr.; Frankfurter Biogr.);
    Schw Blandine-Rachel de Flavigny (1835–62, Émile Ollivier, 1825–1913, Jur., Pol., Publ., 1870 franz. Min.präs., Förderer v. R. Wagners Werk);
    1) Berlin 1857 1870 Hans v. Bülow (1830–94), Pianist, Dirigent (s. NDB II), 2) Luzern 1870 Richard Wagner (s. 1);
    2 T aus 1) Daniela Senta v. Bülow (1860–1940, 1886 1914 Henry Thode (1857–1920, Kunsthist. u. -schriftst., s. NDB 26), Blandine v. Bülow (1863–1941, Biagio Conte Gravina, 1850–97 Freitod, a. d. H. d. Principi di Ramacca, Offz. d. ital. Marine), 1 außerehel. S aus 2) Siegfried (s. 3), 2 außerehel. T aus 2) Isolde v. Bülow (1865–1913, Franz Beidler, 1872–1930, Dirigent, s. BMLO), Eva (zunächst v. Bülow) (1867–1942, Houston Stewart Chamberlain, 1855–1927, Schriftst., Publ., s. NDB III).

  • Biographie

    W. wuchs aufgrund häufiger Abwesenheit der nie miteinander verheirateten Eltern und deren Desinteresse an ihren Kindern zunächst bei der Großmutter Anna Liszt auf. Ende 1850 kam sie auf Betreiben von Carolyne Elisabeth Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg (1819–87), der neuen Lebensgefährtin Liszts, in die Obhut von deren ehemaliger Gouvernante, der bereits 72jährigen Louise Adélaïde Patersi de Fossombroni, die drakonische Erziehungsmethoden anwandte.

    Erst 1844 von ihrem Vater legitimiert, wurde die franz.-, dann dt.sprachig aufgewachsene W. 1855 an Franziska Freifrau v. Bülow in Berlin zur weiteren Erziehung übergeben. Deren Sohn Hans v. Bülow, Schüler Liszts, hochbegabter Pianist, Dirigent und glühender Verehrer Richard Wagners, heiratete sie zwei Jahre später. 1860 und 1863 wurden die gemeinsamen Töchter Daniela und Blandine geboren, doch die Ehe war unglücklich. W. gelang es nicht, ihren Mann, der sein nicht unbeträchtliches musikalisches Talent ganz|in den Dienst der Kunst Richard Wagners stellte, zu selbständigem künstlerischem Schaffen zu inspirieren. Selbst musikalisch hoch veranlagt, belesen und gebildet, wurde W.s Sehnsucht, die Muse eines bedeutenden Künstlers zu sein und sich ganz dessen Leben und Werk verschreiben zu können, in der Verbindung mit Bülow dauerhaft frustriert.

    Bei einem Besuch bei Wagner, dem Sänger überlebensgroßer Liebes-Leidenschaft, in Wiesbaden-Biebrich im Sommer 1863 wurde W. das Verfehlte ihrer Ehe bewußt. Als sie und der 24 Jahre Ältere sich im Nov. 1863 ihre Liebe gestanden, begann ein Doppelleben, das erst 1870, nach der Geburt der drei gemeinsamen Kinder und der Heirat endete.

    Im Sommer 1864 zog W. mit ihren Töchtern zu Wagner in das Landhaus Pellet am Starnberger See, das diesem von dem soeben gefundenen Mäzen Kg. Ludwig II. von Bayern (1845–86) zur Verfügung gestellt worden war. Hier fungierte sie als Wagners Sekretärin und gewann auch das Vertrauen des jungen Königs. Im April 1865 wurde in München mit der Tochter Isolde das erste gemeinsame Kind mit Richard Wagner geboren, während Hans v. Bülow – noch im Glauben, er sei der Vater – zwei Monate später die Uraufführung von „Tristan und Isolde“ dirigierte. 1867 trennte sich W. endgültig von Bülow und zog dauerhaft zu Wagner in das Haus Tribschen bei Luzern am Vierwaldstättersee. Damit war das Verhältnis zu Wagner offiziell. Doch erst nach der Geburt des Stammhalters Siegfried 1869 beantragte W. die Scheidung, die im Juli 1870 vollzogen wurde. Zeitlebens litt sie wegen ihres „Verrats“ an Bülow unter starken Schuldgefühlen. Anläßlich der Trauung mit dem Protestanten Richard Wagner im August 1870 in Luzern konvertierte die streng kath. erzogene W. zum Protestantismus.

    Seit 1. 1. 1869 führte W. ein Tagebuch, in dem sie nahezu jeden Tag des gemeinsamen Lebens mit Richard Wagner bis zu dessen Tod 1883 festhielt. Damit begann auch die Affirmation und Glorifizierung Wagners, seines Werks und seiner zur Kulturtheorie erhobenen Ästhetik, der sich W. bis an ihr Lebensende verschrieb. Mit der Übersiedelung nach Bayreuth 1872, dem Bau des Hauses „Wahnfried“ am dortigen Hofgarten, des Festspielhauses sowie der Durchführung der ersten Festspiele mit der Gesamt-Uraufführung des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ 1876 und des „Bühnenweihfestspiels“ „Parsifal“ 1882 entstand auch die gleichsam institutionelle Basis des Wagner-Mythos. W.s bedingungslose Verehrung führte schließlich zu einem parareligiösen Wagner-Kult und dessen kulturpolitischer Nutzbarmachung. Die Verbindung von Antisemitismus, Rassen- und Kulturtheorie lieferte dabei wesentlichen Treibstoff für die völkische Bewegung.

    W. war für Richard Wagner jedoch nicht nur die sich bedingungslos für ihn und sein Werk aufopfernde Ehefrau und Mutter seiner Kinder, sondern auch kongeniale Partnerin, Begleiterin und Kommentatorin seiner künstlerischen Arbeit. Dabei nahm sie ihm v. a. die Korrespondenz ab, wurde so zu seinem Sprachrohr und zum eigentlichen gesellschaftlichen wie familiären Zentrum in Wahnfried.

    Nach Wagners Tod 1883 war W. zunächst nur mühsam zum Weiterleben zu bewegen. Dann aber nahm sie sich ihres Erbes (obgleich Wagner kein Testament hinterlassen hatte) umso entschlossener und unnachgiebiger an. Mit der Übernahme der Leitung der Bayreuther Festspiele ab 1883 wurde sie als „Herrin des Hügels“ zur geradezu mythisch-autoritären Erscheinung, von den Wagnerianern als „hohe Frau“ bezeichnet. Ihr gelang es, die Festspiele, die unter Richard Wagner noch akzidentielles Provisorium (1876 u. 1882) geblieben waren, zu verstetigen und zu institutionalisieren. Bis 1901 wurden unter ihrer Regie alle Werke Wagners seit dem „Fliegenden Holländer“ in Bayreuth erstaufgeführt. Damit begründete W. das Repertoire der Bayreuther Festspiele, wie es bis heute besteht. Durch Verrechnung mit den Tantieme-Ansprüchen aus den Münchner Wagner-Aufführungen wurden bis 1907 auch die Kredite getilgt, die Ludwig II. für den Bau des Festspielhauses und die Durchführung der ersten Festspiele gewährt hatte. W.s Korrespondenzen mit zahlreichen Künstlern, Intellektuellen und Adligen zeigen sie als gewandte und geistreiche Autorin. In ihrer streng deutschnationalen Gesinnung stand sie aber auch dem Antisemitismus Richard Wagners in nichts nach. Mit der Sammlung aller möglichen Dokumente zu Leben und Schaffen Wagners legte W. zudem den Grundstock für das Wahnfried-Archiv (seit 1973 Nationalarchiv mit Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung).

    Nach einem leichten Schlaganfall und zunehmend durch Grauen Star beeinträchtigt, legte W. die Festspielleitung 1906 in die Hände ihres Sohnes Siegfried und zog sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. 1914 kam es jedoch zu einem aufsehenerregenden Prozeß, nachdem die Tochter Isolde gerichtlich auf Anerkennung der Vaterschaft Ri-|chard Wagners geklagt hatte, um – nicht zuletzt für ihren Sohn Franz Wilhelm Beidler – ihre Ansprüche auf Wagners Erbe zu sichern. Die im Grunde von niemandem bezweifelte Vaterschaft Wagners wurde von W. indes bestritten; da Isolde juristisch als Tochter Hans v. Bülows galt, wurde die Klage abgewiesen und Isolde aus der Familie verstoßen. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 und die damit verbundene Abkehr des öffentlichen Interesses von der Wagner-Dynastie und ihren Skandalen verhinderten schließlich das Bekanntwerden auch der Homosexualität ihres Sohnes Siegfried.

    Nach dem Krieg zeigten sich bei W. erste Anzeichen einer Demenz. Weitgehend abgeschieden von der Öffentlichkeit und gepflegt v. a. von ihrer Tochter Eva, überlebte sie Richard Wagner um fast 50 Jahre.

  • Auszeichnungen

    |Asteroid Cosima (1907);
    Dr. h. c. (Univ. Berlin 1910);
    Ehrenbürgerin d. Stadt Bayreuth (1911).

  • Werke

    |Die Tagebücher, hg. v. M. Gregor-Dellin u. D. Mack, 2 Bde., 1976–78;
    C. W., Das zweite Leben: Briefe u. Aufz. 1883–1930, hg. v. D. Mack, 1980;
    Briefwechsel: C. W.s Briefe an ihre Tochter Daniela v. Bülow 1866 –1885, Nebst 5 Briefen Richard Wagners, hg. v. M. v. Waldberg, 1933;
    Die Briefe C. W.s an Friedrich Nietzsche, Bd. 1, 1869–1871, hg. v. E. Thierbach, 1938;
    Die Briefe C. W.s an Friedrich Nietzsche, Bd. 2, 1871–1877, hg. v. dems., 1940;
    C. W. u. Houston Stewart Chamberlain im Briefwechsel 1888–1908, hg. v. P. Pretzsch, 1934;
    Briefwechsel zw. C. W. u. Fürst Ernst zu Hohenlohe-Langenburg, 1937;
    Briefe an Ludwig Schemann, hg. v. B. Schemann, 1937;
    C. W. u. Ludwig II. v. Bayern, Briefe, hg. v. M. Schad, 1996, Tb. 2004;
    W., C., Strauss, Richard, Ein Briefwechsel, hg. v. F. Trenner unter Mitarb. v. G. Strauss, 1978;
    Nachlaß: Nat.archiv d. Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth.

  • Literatur

    |A. Sokoloff, C. W., Außergewöhnl. Tochter v. Franz Liszt, 1970 (P);
    D. Sutherland, C., Eine Biogr., 1970 (P);
    G. R. Marek, C. W., Ein Leben f. e. Genie, 1982 (P);
    O. Hilmes, Herrin d. Hügels, Das Leben d. C. W., 2007 (P);
    F. W. Beidler, C. W., Ein Porträt, Richard Wagners erster Enkel, Ausgew. Schrr. u. Briefwechsel mit Thomas Mann, hg., komm. u. mit e. biogr. Essay v. D. Borchmeyer, ³2011 (P);
    O. G. Bauer, Die Gesch. d. Bayreuther Festspiele, 2016 (P);
    Ed.: 100 J. Bayreuth auf Schallplatte, Die frühen Festspielsänger 1876–1906, 11 CDs, 2004;
    Filme: W. Dieterle, Magic Fire, 1956 (Rita Gam als W.);
    L. Visconti, Ludwig, 1973 (Silvana Mangano als W.);
    K. Russell, Mahler, 1974 (Antonia Ellis als W.);
    T. Palmer, Wagner, 1981–83 (Vanessa Redgrave als W., Richard Burton als Richard Wagner);
    P. Patzak, Wahnfried, 1986 (Tatja Seibt als W., Otto Sander als Richard Wagner, Christoph Waltz als Friedrich Nietzsche).

  • Porträts

    |Photogr. v. J. Hilsdorf, 1905 (Nat.archiv d. Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth);
    Bronzebüste v. A. Breker, 1979 (Festspielpark Bayreuth);
    Ölgem. v. F. v. Lenbach, 1979 (Richard Wagner Mus. Bayreuth, Haus Wahnfried, Saal).

  • Autor/in

    Sven Friedrich
  • Zitierweise

    Friedrich, Sven, "Wagner, Cosima" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 215-217 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118628232.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA