Lebensdaten
1869 – 1930
Geburtsort
Tribschen (Kanton Luzern)
Sterbeort
Bayreuth
Beruf/Funktion
Opernkomponist ; Dirigent ; Leiter der Bayreuther Festspiele
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118628429 | OGND | VIAF: 14794453
Namensvarianten
  • Wagner, Siegfried Helferich Richard
  • Wagner, Fidi (genannt)
  • Wagner, Siegfried
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Zitierweise

Wagner, Siegfried, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118628429.html [13.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Richard (s. 1);
    M Cosima de Flavigny (s. 2);
    Halb-Schw Daniela Senta v. Bülow (1860–1940, Henry Thode, 1857–1920, Dir. d. Städelschen Kunstinst. in Frankfurt/M., o. Prof. f. Kunstgesch. in Heidelberg, s. NDB 26), Schw Isolde Beidler, geb. v. Bülow (1865–1913), Eva Chamberlain, geb. v. Bülow (1867–1913);
    Bayreuth (Haus Wahnfried) 1915 Winifred Williams Klindworth (s. 4);
    2 S Wieland (s. 5), Wolfgang (s. 6), 2 T Friedelind (1918–91), hielt sich im Sommer 1939 in Tribschen b. Luzern auf, emigrierte 1940 über Paris n. London, wo sie auf d. Isle of Man interniert wurde, 1941 über Buenos Aires in d. USA, nahm d. US-amerik. Staatsbürgerschaft an, Musikpäd., Vf. e. Autobiogr. „Heritage of Fire“, 1944 (mit P. Cooper, 1945, dt. u. d. T. „Nacht über Bayreuth“, o. J. [1945]) (s. L), Verena (1920–2019, 1943 Bodo Lafferentz, 1897–1975, SS-Obersturmbannführer, Mitgl. d. Stabes d. Rasse- u. Siedlungshauptamts d. SS, gründete 1942 e. Ges. f. Forsch. u. Entwicklung, um d. Aufschließung v. Ölschiefervorkommen u. d. Nutzung d. Windkraft zu untersuchen, sowie in Bayreuth e. Inst. f. physikal. Forschung, e. Außenstelle d. KZ Flossenbürg, ab 1943 Leiter d. Kartenverkaufs f. d. „Bayreuther Kriegsfestspiele“, s. L).

  • Biographie

    W., drittes Kind aus der Verbindung Cosima v. Bülows mit Richard Wagner und einziger Sohn, wuchs seit April 1874 mit der Familie in Haus Wahnfried auf. Entscheidende Impulse empfing der Heranwachsende durch vier mehrmonatige Familienaufenthalte in Italien in den Jahren 1876, 1880, 1881 / 82 und 1882 / 83, wo er sich früh für Architektur zu interessieren und zu zeichnen begann. 1879 wurde der Kulturphilosoph Heinrich v. Stein (1857–87) als Hauslehrer für ihn verpflichtet. Nach dem Tod des Vaters 1883 setzte W. den Unterricht am Gymnasium in Bayreuth fort und legte 1889 die Reifeprüfung ab. Mit seinem Schwager Henry Thode besuchte er im selben Jahr die Weltausstellung in Paris. Anschließend schulte er sich bei Engelbert Humperdinck (1854–1921) in Mainz in Musiktheorie und Kontrapunkt. Ab Okt. 1890 studierte er Architektur, zunächst an der TH in Berlin-Charlottenburg, ab Herbst 1891 an der TH in Karlsruhe. Auf einer sechsmonatigen Schiffsreise nach Indien und China, die er im Jan. 1892 mit seinem Musikerfreund Clement Harris antrat, beschloß er, das Architekturstudium aufzugeben und sein weiteres Leben der Musik und dem väterlichen Erbe zu widmen.

    Unter der Ägide seiner Mutter Cosima betätigte sich W. im Sommer 1892 erstmals als Festspielassistent. 1896 trat er neben Hans Richter (1843–1916) und Felix Mottl (1856–1911) mit dem von Cosima inszenierten „Ring“-Zyklus erstmals als Dirigent im Bayreuther Festspielhaus auf. 1901 bereits in wesentlichem Umfang an der Inszenierung beteiligt, übernahm er Ende 1906 die Gesamtleitung der Festspiele und zeigte sich dabei bestrebt, die bisherige künstlerische Ausrichtung behutsam zu erneuern. Zu seinen besonderen Stärken zählten seine stimmungsvolle Lichtregie sowie die Führung der Chöre, bei der es ihm gelang, jeden einzelnen Chorsänger auch schauspielerisch hervortreten zu lassen (A. Bahr-Mildenburg) – ein Phänomen, das er 1909 unter dem Stichwort „Polykinesie“ näher beschrieb. Nachdem die Festspiele zu Beginn des 1. Weltkriegs eingestellt werden mußten, unternahm er – organisatorisch unterstützt von seiner Frau – große Anstrengungen, um die finanzielle Basis für eine Weiterführung zu legen. Nach einer Reihe von Werbereisen, darunter eine Konzerttournee durch die USA Mitte Jan.-Ende März 1924, gelang ihm die Wiedereröffnung am 22. 7. 1924. Von den Versuchen völkisch-nationalistischer Kreise, jüd. Künstler und Mitglieder der Festspielstiftung auszugrenzen, distanzierte er sich (Brief an August Püringer, 1921; Brief an Bruno Weil, 1925). Als Dirigent bevorzugte er neben den Werken seines Vaters auch jene seines Großvaters, Franz Liszt, sowie Ausschnitte aus dem eigenen Œuvre. 1926–27 legte er mit der Staatskapelle Berlin, dem London Symphony Orchestra und dem Orchester der Bayreuther Festspiele verschiedene Schallplattenaufnahmen vor.

    In seinem kompositorischen Schaffen ging W. sehr planvoll vor. Durch genreübergreifende Selbstzitate erreichte er eine subtile Vernetzung der verschiedenen Arbeiten. Mit der Symphonischen Dichtung „Sehnsucht“ (1894) nach dem gleichnamigen Gedicht von Friedrich Schiller entstand sein erstes Werk für ein größeres Publikum. Danach legte er den Schwerpunkt auf die Komposition von Opern, deren Textbücher er selbst verfaßte. Sein erstes Bühnenwerk, „Der Bärenhäuter“ (1898), nach einer Schrift von Hans Jakob Christoffel v. Grimmelshausen (1622–76), die u. a. in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm erschien, wurde auch sein größter Erfolg. Der Uraufführung an der Hof- und Nationaloper in München Ende Jan. 1899 folgten noch in derselben Spielzeit Produktionen an weiteren Theatern, darunter an der Wiener Hofoper unter Gustav Mahler (1860–1911). Eine besondere Affinität ließ W. zu seiner 3. Oper, „Der Kobold“, erkennen, die er Ende Mai 1903 in Florenz abschloß (UA 1904, Stadttheater Hamburg). Zum Sujet des ermordeten Kindes, das er hier verarbeitete, kehrte er sowohl in seinem siebten, im April 1910 in Santa Margherita abgeschlossenen Bühnenwerk „Schwarzschwanenreich“ (UA 1918, Hoftheater Karlsruhe) wie auch in „Wahnopfer“ (1928), einem Opernfragment aus der letzten Schaffensphase, zurück. Unter den zunehmend düsterer werdenden Libretti nimmt das Märchenspiel mit dem eigenwilligen Titel „An allem ist Hütchen schuld!“ (1915) eine Ausnahmestellung ein. In der kaleidoskopartigen Folge unterschiedlichster Märchenmotive, die er im Jahr seiner Hochzeit vertonte (UA 1917, Hoftheater Stuttgart), porträtierte er sich als Autor selbstironisch im Streit mit Jacob Grimm (1785–1863).

    Bereits 1912 hatte Arnold Schönberg (1874–1951) W. als „tiefere[n] und originellere[n] Künstler … als Viele, die heute sehr berühmt sind“ bezeichnet (Stil u. Gedanke, S. 174 f.). Besonders in den Vor- und Zwischenspielen seiner Opern fand er einen eigenen künstlerischen Ausdruck. Doch stießen seine Bühnen- und Instrumentalwerke später kaum noch auf Resonanz. W. selbst beklagte das Leben im Schatten des väterlichen Erbes als „Katakombenexistenz“. Seine nach 1927 begonnenen Opern führte er über Textdichtung bzw. Vorspiel (M. Kiesel) und Fragmente nicht mehr hinaus. Im März 1930 übernahm er Regie und Dirigat des „Ring“-Zyklus an der Mailänder Scala. Wenige Tage vor der „Tannhäuser“-Premiere am 22. 7. 1930, seiner letzten und ambitioniertesten Regiearbeit in Bayreuth mit Arturo Toscanini am Pult, brach er während der Probe zur „Götterdämmerung“ zusammen und erlag drei Wochen später seinem Herzleiden.

    Eine Neubewertung seines Œuvres setzte 1975 in London mit einer dort von seiner Tochter Friedelind in die Wege geleiteten konzertanten Aufführung seiner Oper „Der Friedensengel“ (1914) ein. Drei Jahre zuvor war in Bayreuth die Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e. V. (ISWG) gegründet worden.

  • Auszeichnungen

    |Ehrenbürger d. Stadt Bayreuth u. Goldene Bürgermedaille (1913).

  • Werke

    Weitere W u. a. Opern: (sämtl. Opern 3 Akte u. nach Textbüchern W.s) Hzg. Wildfang op. 2, 1900, UA München 1901;
    Bruder Lustig op. 4, 1904, UA Hamburg 1905;
    Sternengebot op. 5, 1906, UA Hamburg 1908;
    Banadietrich op. 6, 1909, UA Karlsruhe 1910;
    Sonnenflammen op. 8, 1912, UA Darmstadt 1918;
    Der Heidenkönig op. 9, 1913, UA Köln 1933;
    |Der Schmied v. Marienburg op. 13, 1920, UA Rostock 1923;
    Rainulf u. Adelasia op. 14, nach e. Abh. v. A. F. v. Schack 1922, UA Rostock 1923 (Textb. Privatdr., hg. v. Winifred Wagner), 1939;
    Die hl. Linde op. 15, 1927, UA Vorspiel Bayreuth 1924, div. Szenen 1933, Stuttgart, konzertante Aufführung Köln 2001;
    Walamund op. 17, (Textb. 1928, Particell 1929);
    Das Flüchlein, das Jeder mitbekam (…), op. 18, 1929, UA Vorspiel Bayreuth 1934 (in e. Instrumentierung v. H. P. Mohr), Kiel 1984;
    Instrumentalmusik: Konzert f. Violine mit Begl. d. Orch., 1915, UA Nürnberg 1915;
    Und wenn d. Welt voll Teufel wär!, Scherzo f. gr. Orch., 1922;
    Glück, Symphon. Dichtung f. gr. Orch., dem Andenken v. C. Harris gewidmet, 1923, UA München 1923;
    Symphonie C-Dur 1925, revidiert 1927, UA Bayreuth 1941;
    Vokalmusik: Das Märchen v. dicken fetten Pfannekuchen f. Alt- oder Baritonsolo mit Orch.begleitung, Text: S. W., 1913, UA Hamburg 1914;
    klavierbegleitete Sololieder u. Gelegenheitskomp.;
    Ed.: 100 J. Bayreuth auf Schallplatte, Die frühen Festspielsänger 1876–1906, 12 CDs, 2004;
    Schrr.: Ansprache an d. Orch. u. d. Chor 1909, in: Bayreuther Bll. 1909, S. 248 ff.;
    Reisetageb. 1892, hg. u. erl. v. Winifred Wagner, o. J. [1935];
    Erinnerungen, 1923, Neuausg. hg. u. mit e. Nachw. vers. v. B. Zegowitz, 2005;
    – Aquarelle, Skizzen-, Notiz- u. Regiebücher, Progr.erll. usw. im Nat.archiv d. Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth.

  • Literatur

    |L. Karpath, S. W. als Mensch u Künstler, [1902];
    A. Bahr-Mildenburg u. H. Bahr, Bayreuth, 1912;
    A. Schönberg, Parsifal u. Urheberrecht, in: ders., Stil u. Gedanke, Aufss. z. Musik, hg. v. I. Vojtěch, 1976, S. 174–78;
    P. Pretzsch, Die Kunst S. W.s, 1919;
    O. Daube, S. W. u. d. Märchenoper, mit e. Einf. in „Der Bärenhäuter“ u. „An allem ist Hütchen schuld“ u. e. Lebensber., 1936 (P);
    Friedelind Wagner, Heritage of fire, The story of Richard Wagner’s granddaughter, 1945, dt. u. d. T. Nacht über Bayreuth, 1945, ⁴2010;
    P. P. Pachl, S. W.s musikdramat. Schaffen, 1979;
    ders. (Hg.), Kurt Söhnlein, Erinnerungen an S. W. u. Bayreuth mit e. Anhang, S. W.s Briefe an Kurt Söhnlein, 1980 (P);
    ders., S. W., Genie im Schatten, 1988 (P);
    ders. (Hg.), S.-W.-Kompendium, Ber. über d. erste internat. Symp. S. W., Köln 2001, 2003 (P);
    B. Hamann, Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, 2002 (P);
    S. Friedrich [Text u. Gestaltung], Das Theater S. W.s, Ausst. d. Richard-Wagner-Mus. im Haus Wahnfried zu S. W.s 125. Geb.tag, Bayreuth 1994 (P);
    M. Kiesel, Studien z. Instrumentalmusik S. W.s, 1994;
    U. Konrad, Zus.fassung d. Lebens u. d. Kunst, Das „Siegfried-Idyll“ v. Richard Wagner, 2009;
    I. Braune, Die Oper Schwarzschwanenreich v. S. W., 2013 (P);
    O. G. Bauer, Die Gesch. d. Bayreuther Festspiele, 2 Bde., 2016 (P);
    MGG²;
    zu Friedelind: F. W., Nacht über Bayreuth, Die Gesch. d. Enkelin Richard Wagners, 1945, ²1974, Mit e. Nachw. v. E. Weissweiler, 1994, 1999;
    E. Rieger, F. W., Die rebell. Enkelin Richard Wagners, 2012 (P);
    Kosch, Theater-Lex.;
    zu Bodo Lafferentz: A. Bald, J. Skriebeleit, Das Außenlager Bayreuth d. KZ Flossenbürg, Wieland Wagner u. B. L. im „Inst. f. physikal. Forsch.“, mit e. Vorw. v. B. Hamann, 2003.

  • Porträts

    |Büste v. J. Limberg, o. J.;
    Ölgem. v. W. Geiger, 1936;
    Photogr. v. Biondi e Figlio, Richard Wagner mit Sohn S. W., 1880;
    Photogr., Atelier W. Höffert, 1893 / 94;
    Photogr. mit Arturo Toscanini, o. J., Scherl(-Verlag), alle u. zahlr. weitere Bilddok. im Nat.archiv d. Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth.

  • Autor/in

    Christa Jost
  • Zitierweise

    Jost, Christa, "Wagner, Siegfried" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 217-219 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118628429.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA