Lebensdaten
1881 bis 1967
Geburtsort
Tanger (Marokko)
Sterbeort
Baden-Baden
Beruf/Funktion
Dirigent ; Regisseur ; Intendant
Konfession
-
Normdaten
GND: 117379069 | OGND | VIAF: 5120408
Namensvarianten
  • Tietjen, Heinrich Vivian
  • Tietjen, Heinz
  • Tietjen, Heinrich Vivian
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Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Tietjen, Heinz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117379069.html [08.03.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1846–84), aus Bremen, später in Caracas, 1880 Legationskanzlist in T.;
    M Jessie (1859–1904), aus Gibraltar, zuletzt in Bremen, T d. Archibald Campbell, aus Schottland, u. d. Mary Morgan;
    1) Trier Johanna (1886–1971), Sängerin, Gesangspäd. (s. Kosch, Theater-Lex.), T d. Johann Steyer (* 1863), aus Hornau, Schlosser in Frankfurt/Main, u. d. Anna Maria Johanna Caroline Theobald (* 1865), aus Frankfurt/Main, 2) 1946 Liselot (Lieselotte) N. N. (* um 1921?), Solotänzerin an d. Staatsoper in Berlin (s. L);
    K aus 1).

  • Leben

    Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter 1884 mit dem dreijährigen T. nach Konstantinopel, 1891 kehrte sie mit ihm nach Deutschland zurück. Er besuchte das Gymnasium in Wiesbaden und arbeitete nach einer kaufmännischen Lehre im Dienst der „BremenWestafrika-Gesellschaft“ im heutigen Namibia. Sein Ziel, wie sein Vater eine diplomatische Laufbahn einzuschlagen, mußte er jedoch wegen eines Augenleidens aufgeben. Während einer Reise lernte er den ungar. Dirigenten Arthur Nikisch (1855–1922) kennen, der ihm zu einem Musikstudium riet. Nach der Kapellmeisterausbildung durch den Mentor im Leipziger Gewandhausorchester folgten erste Dirigate am Apollo-Theater in Posen, auf Borkum und in Danzig. Im Alter von 23 Jahren ging T. 1904 an das Stadttheater Trier und avancierte dort in kurzer Zeit vom 2. Kapellmeister und Chorleiter zum ersten Dirigenten und 1907 zum Direktor des Hauses. Seit 1919 war er zudem Intendant des Stadttheaters Saarbrücken, dessen Orchester er mitbegründete. 1922 wechselte T. als Direktor an das Breslauer Opernhaus, 1925 folgte er einem Ruf als Intendant nach Berlin an die Städt. Oper in Charlottenburg. Nachdem ihm 1926 auch die Direktion der staatlichen Opernhäuser „Unter den Linden“ und Kroll-Oper übertragen worden war, übernahm T. ab 1927 neben dem amtierenden künstlerischen Generalintendanten der Berliner Schauspieltheater, Leopold Jessner (1878–1945), die verwaltungsmäßige Leitung der preuß. Staatsbühnen. Als Jessners Intendantenvertrag 1930 nur mehr als Regiekontrakt fortgesetzt wurde, stieg T. als Generalintendant aller preuß. Staatstheater zum einflußreichsten Theatermann der späten Weimarer Republik auf. Bis 1932 bekleidete er außerdem den Posten eines Ministerialreferenten im Preuß. Kultusministerium.

    1931 war T., der sich seit seiner Trierer Zeit ein Renommee als Wagner-Regisseur erarbeitet hatte, von Winifred Wagner (1897–1980) mit der künstlerischen Leitung der Bayreuther Festspiele betraut worden. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 sicherte Göring seinem Protegé T. den Verbleib in allen Ämtern zu (preuß. Staatsrat 1936); T. führte diese bis 1945 fort. Obwohl nie NSDAP-Mitglied und 1947 in einem Entnazifizierungsverfahren entlastet, offenbaren sein taktierender Umgang mit den Machthabern, seine Ämterfülle und die Affäre mit der Hitler-Vertrauten Winifred Wagner eine tiefe Verstrickung in den Kulturbetrieb des Regimes. Dennoch wurde T. 1948 durch den Berliner Magistrat erneut mit der Leitung der Dt. Oper betraut, die er bis 1954 innehatte. 1951 begründete er die Berliner Festwochen.|

    Nach vielen internationalen Regiegastspielen (London, Mailand, Wien) ging T. 1956 als Dirigent und Regisseur an die Hamburger Staatsoper, der er 1957–59 auch als Intendant vorstand.

    Schon mit seiner Mutter, einer Freundin Cosima Wagners, hatte T. seit 1898 die Bayreuther Festspiele besucht. Während seiner Trierer Zeit inszenierte er 1908 in Personalunion als Dirigent und Regisseur Wagners „Ring“. Die Qualität der Aufführungen und sein Interesse für die Moderne – er brachte 107 Erstaufführungen auf die Bühne – begründeten früh seinen Ruf als talentierter Theatermanager. Großes organisatorisches Geschick bewies er auch während seiner Breslauer Intendanz, als er zeitgleich das Oberschles. Städtebund-Theater initiierte und leitete. Seine Berliner Aufführungspraxis zeigte sich v. a. vom avantgardistischen Inszenierungsstil an der Kroll-Oper (L. v. Beethoven, Fidelio, 1927) unter der Ägide des Dirigenten Otto Klemperer (1885–1973) beeinflußt. Mit dem Szeniker Emil Preetorius (1883–1973) entwickelte T. allerdings eine deutlich moderatere Stilisierung des Musiktheaters, die einem breiteren Publikumsgeschmack entgegenkam (R. Wagner, Lohengrin, Berliner Staatsoper, 1928). Neben eigenen Dirigaten, die als „schlank“ und „schnell“ charakterisiert wurden (W. Behrens), arbeitete er in seinen Inszenierungen u. a. mit den Dirigenten Leo Blech (1871– 1958), Erich Kleiber (1890–1956), Wilhelm Furtwängler (1886–1954) und dem, von ihm nach Berlin berufenen, jungen Herbert v. Karajan (1908–89) zusammen (R. Wagner, Tristan u. Isolde, Berliner Staatsoper, 1938). Mit der Vereinfachung des Bühnenbildes durch Preetorius, einer akzentuierten Lichtdramaturgie durch den Beleuchtungstechniker Paul Eberhardt (1897–1990) und seiner auf reduzierte Gestik der Sänger und Choristen zielenden Regie gelang T. erstmals eine Modernisierung der bis dahin im konservativen Realismus verharrenden Bayreuther Festspiele (R. Wagner, Parsifal, 1934, Lohengrin, 1936). Mit der erreichten Einheit von Musik und szenischer Darstellung wurde er zum Vorläufer von Wieland Wagners (1917–66) „NeuBayreuth“, der für die suggestiven „Lichträume“ seiner Bühnenausstattungen T.s Beleuchter Eberhardt engagierte.

  • Auszeichnungen

    A Gr. BVK mit Stern (1953); Ernst-Reuter-Plakette (1954); Mitgl. d. Berliner Ak. d. Künste (1955); Ehrenmitgl. d. dt. Bühnenver. (1956) u. d. d. Dt. Oper Berlin (1958); Silbernes Bl. d. Verbands dt. Bühnenschriftst. u. Komp. (1956); Ehrenbürger d. Stadt Trier (Ehrensiegel d. Stadt Trier 1958); Goldene Ehrennadel d. Genossenschaft dt. Bühnen-Angehöriger; – T.-Str. in Berlin, Bez. Tempelhof-Schöneberg; H.-T.-Weg in Trier.

  • Werke

    W u. a. G. Puccini, Tosca, Regie u. Dirigent T., Stadttheater Trier, 1912; Ch. W. Gluck, Iphigenie auf Tauris, Regie T., Dirigent Bruno Walter, Städt. Oper Berlin, 1926; R. Wagner, Der Ring des Nibelungen, Regie T., Dirigent W. Furtwängler, Festspielhaus Bayreuth, 1933; W. Egk, Die Zaubergeige, Regie T., Dirigent W. Egk, Staatsoper Berlin, 1936; R. Wagner, Der Fliegende Holländer, Regie u. Dirigent T., Festspielhaus Bayreuth, 1939; W. Egk, Joan v. Zarissa, Tanzspiel, Regie T., Dirigent W. Egk, Staatsoper Berlin, UA 1940; W. Egk, Circe, Regie T., Dirigent W. Egk, Staatsoper Berlin, UA 1948; R. Wagner, Der Ring des Nibelungen, Regie T., Dirigent F. Fricsay, Berliner Festspiele, Städt. Oper Berlin, 1950; R. Wagner, Götterdämmerung, Dirigent T., Städt. Oper Berlin, 1956; R. Wagner, Lohengrin, Regie W. Wagner, Dirigent T., Festspielhaus Bayreuth, 1959; R. Wagner, Der Ring des Nibelungen, Regie T., Mailand, Teatro alla Scala, 1963; R. Strauss, Ariadne auf Naxos, Dirigent T., Stadttheater Trier, 1964.

  • Literatur

    L J. Jacobi, in: Die Zeit v. 23. 6. 1961;
    Die Liebe zu Wagner war T.s Schicksal, in: Dt. Bühnenjb., Nr. 75, 1967, S. 88 (P);
    H. Reinhardt (Hg.), Das bin ich, 1970, S. 169–205 (P);
    E. Voss, Die Dirigenten d. Bayreuther Festspiele, 1976;
    D. Mack, Der Bayreuther Inszenierungsstil, 1976;
    H. Ludwig, H. T.s Trierer Lehrjahre, in: Das Orchester 27, 1979;
    B. W. Wessling (Hg.), Bayreuth im Dritten Reich, R. Wagners pol. Erben, Eine Dok., 1983;
    O. Rathkolb, Führertreu u. gottbegnadet, Künstlereliten im Dritten Reich, 1991 (P);
    H. T. 1881–1967, Intendant, Dirigent u. Regisseur, Ausst.kat. Theater Trier 1992, 1993 (P);
    M. H. Kater, The Twisted Muse, 1997;
    N. Wagner, Wagner Theater, 1998;
    H. Bockstiegel, „Meine Herren, kennen Sie das Stück?“, Erinnerungen an dt.sprachige Dirigenten d. 20. Jh. u. ihr Wirken im Opern- u. Konzertleben Dtld.s, Bd. 1, 1998 (P);
    N. Eckert, Der Ring des Nibelungen u. seine Inszenierungen von 1876 bis 2001, 2001;
    B. Hamann, Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth, 2002 (P);
    U. Teusch, Gefährl. Doppelspiel, Der Theatermann H. T. u. seine Rolle in d. NS-Zeit, in: NZZ v. 2. 4. 2005 (P);
    A. Werner, Glück u. Tragik e. Künstlerlebens, Liselot Tietjen, Frau d. Gen.intendanten H. T., über ihr Leben, ihren Mann u. ihre Zeit in Berlin u. Baden-Baden, in: Bad. Tagbl. Nr. 302, v. 31. 12. 2009;
    H. Heer u. B. v. Haken, Der Überläufer H. T., Der Gen.intendant d. Preuß. Staatstheater im Dritten Reich, in: ZfG 58, 2010, H. 1, S. 28–53;
    M. Klingberg, Von der Barberina zu Barenboim, 270 J. Opernpol. in Berlin, 2012, S. 118 ff., S. 134 ff. u. S. 170 ff.;
    Rhdb. (P);
    Klimesch (P);
    Wi. 1955;
    Munzinger;
    Kosch, Theater-Hdb., 1956;
    Kosch, Theater-Lex.;
    MGG2;
    Kulturlex. Drittes Reich; – Qu Ak. d. Künste, Berlin, Heinz Tietjen Archiv.

  • Autor/in

    Ulrike Krone-Balcke
  • Empfohlene Zitierweise

    Krone-Balcke, Ulrike, "Tietjen, Heinz" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 271-272 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117379069.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA