Lebensdaten
1870 bis 1924
Geburtsort
Mülheim/Ruhr
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Industrieller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118618229 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stinnes, Hugo

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Stinnes, Hugo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118618229.html [19.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann Hugo (1842–87, Kaufm., KR, S d. Mathias (s. 1);
    M Adeline (1844–1925, T d. Franz Heinrich Coupienne (1810–89, aus hugenott. Fam., Lederfabr. in M., Leiter d. Zeche „Vereinigte Wiesche“ ebd., u. d. Adeline van Eicken (1812–78;
    Om Eugen Coupienne (1843–1907, Lederindustr. in M., KR (s. NDB III);
    2 B Heinrich (1867–1932, ⚭ Margarete Leonhard, 1880–1903, Ur-E d. Mathias Stinnes, s. 1), Reg.rat in Köln, Gustav Ernst (1878–1943, ⚭ Dora Guillaume), übernahm d. Geschäftsführung d. väterl. Untern., 1 Schw Annie (1868–1948, Fritz Fischer, 1855–1905, Prof. d. Chirurgie in Straßburg, s. BJ X, Tl.; Fischer, S d. Hermann Otto Fischer, 1810–85, Dr. med., ltd. Arzt d. chirurg. Abt. am Bürgerhospital in Köln, 1866–77 lib. Stadtverordneter ebd., 1855 o. Prof. in Bonn, hatte auch e. chirurg. Praxis ebd., Geh. Sanitätsrat, s. BLÄ; Verz. d. Prof. u. Doz. d. Rhein. Friedrich-Wilhelms-Univ. zu Bonn 1818–1968, hg. v. O. Wenig, 1968; Kölner Personenlex.);
    1895 Cläre (1872–1973, T d. Edmund Karl Wagenknecht (1838–1921, aus Hessen-Nassau, Überseehändler u. a. in Montevideo, später in Wiesbaden, u. d. Caroline van Eicken (1848–1922; 4 (?) S Edmund H. (1896–1980, Margiana, 1904–89, T d. Gerhart v. Schulze-Gaevernitz, 1864–1943, bad. Adel 1888, Prof. f. Nat.ök. in Freiburg, Br., GHR, s. NDB 23), Dipl.-Ing., Dr.-Ing., Fliegeroffz. im 1. Weltkrieg, trat dann in d. väterl. Konzern ein, bis Frühjahr 1925 mit B Hugo jr. in d. Geschäftsltg., Aufsichts- u. Verw.ratsmitgl. mehrerer Untern. (s. Rhdb.), Hugo jr. (1897–1982), Privatsekr. v. S., Industr., übernahm n. S.s Tod mit B Edmund d. Geschäftsltg., seit Frühjahr 1925 allein, Aufsichts- u. Verw.ratsmitgl. mehrerer Untern. (s. Wenzel; Rhdb.; Munzinger; Biogr. Enz. Unternehmer), Otto (1903–83, Dipl.-Ing., Chemiker, Prokurist u. seit 1928 Mitinh. v. väterl. Untern. (s. Munzinger; Biogr. Enz. Unternehmer), Ernst (1911–86, Industr., 3 T Clärenore (s. 3), Hilde (1904–75, Else (1913–97;
    Vt Gerhard Küchen (1861–1932, Binnenschiffahrts- u. Bergbauuntern., 1887 Nachf. v. Hugo S. in d. Untern.ltg. (s. NDB 13); Verwandter Hermann Vorster († 1940), gründete 1924 mit Martin Stolle d. „Vorster & Stolle AG“ in München.

  • Leben

    S. besuchte 1880–87 das Mülheimer Realgymnasium. Nach dem Tod des Vaters 1887 war er für die Nachfolge im Unternehmen vorgesehen, das zu diesem Zeitpunkt noch von seinem Vetter Gerhard Küchen geleitet wurde. S. studierte nach kurzen Lehraufenthalten bei der Koblenzer Handelsunternehmung Carl Spaeter und auf der Mülheimer Zeche Wiesche 1889–90 an der TH Charlottenburg (kgl. Bergakademie) Bergbau und Chemie. Nach glänzendem Studienabschluß trat er 1890 als Prokurist in das Familienunternehmen, die „Math. Stinnes KG“ ein. Mit der Geschäftspolitik seines Vetters war er rasch unzufrieden; S.s Mutter zog Anfang der 1890er Jahre ihren Anteil aus der Firma ab und stellte ihn S. zur Gründung eines eigenen Unternehmens, der 1892 gebildeten „Hugo Stinnes GmbH“ mit dem Schwerpunkt im Kohlenhandel, zur Verfügung. Trotz dieser neuen Aufgabe blieb S. zugleich technischer Leiter der familieneigenen Zechen. 1893 gründete er in Straßburg die „Kohlen-Aufbereitungs-Anstalt GmbH“, die u. a. durch Belieferung der Schweizer Eisenbahnen rasch erfolgreich war. Die „Hugo Stinnes GmbH“ expandierte bis zum 1. Weltkrieg stark, u. a. durch den Aufbau einer eigenen Handelsflotte und eines europaweiten Netzwerkes von Handelsstützpunkten. Gehandelt wurden neben Kohlen und Kohlenprodukten auch Eisen- und Stahl sowie Neben- und Vorprodukte der Schwerindustrie. Neben dem Handelsgeschäft war S. vor 1914 v. a. in drei Bereichen sehr erfolgreich: Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie sowie Elektrizitätswirtschaft. Er zeigte ein ausgeprägtes Talent, durch Schaffung effizienter Konzernstrukturen erhebliche Synergieeffekte zu erzeugen und nutzte hierbei die Folgen der Kartellierung von Kohlenbergbau und Teilen der Eisen- und Stahlindustrie sowie seine sehr guten Beziehungen zu Banken. 1898 gründete er mit August Thyssen (1842–1926) den „Mülheimer Bergwerksverein“ (MBV), der rasch einer der größten Kohlenproduzenten des Ruhrgebietes wurde. Nach der Etablierung des „Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats“ (RWKS) 1893/95 erwarb S. mit Krediten u. a. der Essener Credit-Anstalt mehrere Zechen im Mülheimer Raum, faßte sie zusammen und rationalisierte ihren Betrieb. Diese im Fall des MBV sehr erfolgreiche Geschäftspolitik betrieb S. seitdem systematisch. Gemeinsam mit Thyssen erwarb er in der Energiepreiskrise 1902 die Mehrheit an der „Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk AG“ (RWE), unterstützt von einem Bankenkonsortium aus Deutscher Bank, Dresdner Bank und Disconto-Gesellschaft. Auch hier betrieb S. in der Folge eine energische Expansion, einerseits durch Sicherung der Braun- und Steinkohlenbasis der Kraftwerke, wodurch er zugleich den Absatz seiner eigenen Zechen stabilisierte,|andererseits durch eine forcierte Elektrifizierung, indem er Nahverkehrs- und Eisenbahnunternehmen erwarb und mittel- und langfristige Lieferverträge mit Kommunen abschloß, die er am RWE beteiligte. Die gemischtwirtschaftliche Struktur der RWE kann als Schöpfung S.s gelten.

    Seit 1901 investierte S., diesmal mit Hilfe der Darmstädter Bank und ihres Direktors Bernhard Dernburg (1865–1937), in der Eisen- und Stahlindustrie. Er kaufte Anteile an Unternehmen im Ruhrgebiet und in Luxemburg, die er unter dem Namen „Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG“ (Deutsch-Lux) zusammenfaßte. Das Unternehmen expandierte durch Zukäufe in vorund nachgelagerte Produktionsstufen zu einem vertikal organisierten Montankonzern. Die bedeutendsten Erwerbungen vor 1914 waren die Dortmunder Zeche Louise Tiefbau 1908, die Saar-Mosel Bergwerks AG 1910, die Nordseewerke in Emden 1922 und v. a. die Dortmunder „Union, AG für Bergbau, Eisen- und „Stahl-Industrie“. Mit letzterer kam Albert Vögler (1877–1945) zu Deutsch-Lux, der sehr bald zu S.s rechter Hand aufstieg und es bis zu seinem Tod blieb.

    S. war vor 1914 einer der erfolgreichsten dt. Unternehmer und geradezu der Inbegriff des Erfolgs der Ruhrindustrie. Er betrieb ein international agierendes Unternehmen u. a. mit ausgeprägten Interessen in Frankreich und England. Folgerichtig warnte er vor 1914 mehrfach vor den Gefahren eines Krieges. Wie viele andere dt. Industrielle ging S. nach Kriegsausbruch von einem Verteidigungskrieg aus, beteiligte sich aber gleichwohl an Kriegszieldiskussionen und Nachkriegsplanungen, in denen es um die Sicherung einer dt. Hegemonie in Europa ging. Dabei spielte sowohl die Einverleibung Belgiens (gegen England gerichtet) als auch die Kontrolle der franz. Erzvorkommen eine große Rolle; S. wünschte aber auch einen gesicherten dt. Zugriff auf die rumän. Ölvorkommen. Er wurde v. a. durch die Granatenlieferungen der Dortmunder Union zu einem der großen Munitionsfabrikanten und plädierte nachdrücklich für eine quasi-diktatorische Stellung der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff sowie für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Gemeinsam mit anderen Industriellen (Carl Duisberg, Emil Kirdorf u. a.) verlangte S. zudem die Zwangsdeportierung belg. Arbeiter und lehnte lange jedes Entgegenkommen gegenüber der Arbeiterschaft, insbesondere die einschlägigen Vorschriften des Gesetzes über den Vaterländischen Hilfsdienst ab. S.s Bedeutung in den Berliner Gremien der Kriegswirtschaftsorganisation war groß und wuchs mit dem Kriegsverlauf noch an, zumal er unter der 3. OHL Zugang zu Hindenburg und Ludendorff hatte. Angesichts der Kriegsniederlage vollzog er eine Wende, die ihn zu einem Begründer der sozialpolitischen Kompromisse bei der Grundlegung der Weimarer Republik werden ließ.

    So schlossen im Nov. 1918 die dt. industriellen Arbeitgeber und die freien Gewerkschaften in Berlin ein Abkommen, in dem sie den Acht-Stundentag verankerten und eine gemeinsame Lösung der Nachkriegsprobleme in Aussicht stellten, v. a. die Einführung des Tarifsystems und die Schaffung eines kollektiven Arbeitsrechts. Dieses sog. Stinnes-Legien-Abkommen brach die revolutionäre Welle, da sich der Großteil der Arbeiterbewegung auf diese Weise für eine kooperative Lösung der Arbeits- und Sozialkonflikte aussprach.

    Bis zu seinem Tod 1924 bemühte sich S. um Konsolidierung und Erweiterung seines durch die Kriegsverluste stark geschrumpften industriellen Imperiums. Bereits kurz vor Kriegsende für hohe politische Ämter im Gespräch, war er nach 1918 mehrfach Sachverständiger bei Verhandlungen mit den Alliierten. 1920 wurde er für die DVP in den Reichstag gewählt. S. betrieb wiederholt eine Art Nebenaußenpolitik, um über wirtschaftliche Absprachen zu politischen Regelungen zu kommen. Dieses Konzept scheiterte in der Ruhrbesetzung weitgehend, bevor Gustav Stresemann, der im Sommer 1923 Reichskanzler geworden war, diese private Außenpolitik im Herbst 1923 unterband.

    Bei der Konsolidierung seiner Unternehmen war S. zunächst erfolgreicher, weil die Inflation die von ihm vor 1914 erprobten Expansionsstrategien begünstigte. Er investierte nicht nur in neue Geschäftsfelder (u. a. Hochseeschiffahrt, Papierproduktion, Versicherungswirtschaft, Bankwesen), sondern schuf auch ganz neue Konzernstrukturen mit der Interessengemeinschaft von Deutsch-Lux und „Gelsenkirchener Bergwerks AG“ zur „Rhein-Elbe-Union GmbH“, der sich die Siemens-Schuckert-Werke zur „Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union GmbH“ anschlossen (1920).

    Die geschäftlichen Praktiken S.s, u. a. auch seine mehrfach in der Öffentlichkeit kritisierten Auslands- und Devisengeschäfte, machten ihn in der öffentlichen Meinung zum Inbegriff des Spekulanten und Inflationsgewinnlers. 1924 war er an mehr als 4000 Unternehmen direkt oder indirekt beteiligt. Obwohl S.s Erfolge ohne Mitarbeiter wie Vögler bei Deutsch-Lux oder Bernhard Goldenberg (1873–1917) bei RWE kaum vorstellbar gewesen wären, hing die Konzernarchitektur letztlich an seiner Person. Nach seinem Tod zerstritten sich seine Söhne, und das Unternehmen zerfiel, um in seinem Ursprungsbereich, dem Kohlenhandel, freilich weiterzubestehen. Mittlerweile ist die Stinnes AG im Logistiksektor der Deutschen Bahn AG aufgegangen.

  • Auszeichnungen

    A Dr.-Ing. E. h. (TH Aachen 1919).

  • Werke

    M. Rasch u. G. D. Feldman (Hg.), August Thyssen u. H. S., Ein Briefwechsel 1898–1922, 2003.

  • Quellen

    K. D. Erdmann u. M. Vogt (Bearb.), Akten d. Reichskanzlei, Die Kabinette Stresemann I u. II, Aug. bis Okt. 1923, 1978; – Nachlaß: Archiv f. Christl.-Demokrat. Pol. d. Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin, hierzu s. A. Keller-Kühne, Das Firmen- u. Fam.archiv S., in: Hist.-pol. Mitt. 15, 2008, S. 455–69.

  • Literatur

    F. Pinner, Dt. Wirtsch.führer, 1924, S. 11–32;
    P. Wulf, H. S., Wirtsch. u. Pol. 1918–1924, 1979;
    G. D. Feldman u. I. Steinisch, Ind. u. Gewerkschaften 1918–1924, Die überforderte Zentralarb.gemeinschaft, 1980;
    B. Hatke, H. S. u. d. drei dt.-belg. Gesellschaften v. 1916, 1990;
    G. D. Feldman, H. S., Biogr. e. Industr. 1870–1924, 1998 (P);
    J. Thiel, „Menschenbassin Belgien“, Anwerbung, Deportation u. Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg, 2007.

  • Autor/in

    Werner Plumpe
  • Empfohlene Zitierweise

    Plumpe, Werner, "Stinnes, Hugo" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 355-357 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118618229.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA