Lebensdaten
1842 bis 1926
Geburtsort
Eschweiler bei Aachen
Sterbeort
Schloß Landsberg bei Essen-Kettwig
Beruf/Funktion
Montanindustrieller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119092298 | OGND | VIAF: 42640349
Namensvarianten
  • Thyssen, August

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Thyssen, August, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119092298.html [30.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich (1804–77), Untern., Bankier, S d. Nikolaus jun. (1763–1814), Bäcker, Stadtsekr. in A. (beide s. Einl.), u. d. Christine Nellessen (1766–1818), aus A.;
    M Katharina (1814–88 in Düsseldorf), Cousine d. Friedrich (s. o.), T d. Isaak Thyssen (1766– 1845), u. d. Margaretha Kuck (1784–1868);
    Ur-Gvv u. Ur-Gvm Nikolaus (1727–78), Obermeister d. Bäckerinnung u. Ratsherr in A.;
    Om Johann Jacob Thyssen (1808–61), Mitarb. v. David Hansemann, leitete d. Zentralbüro d. Prämiensparkasse Aachener Ver. z. Beförderung d. Arbeitsamkeit;
    B Joseph (1844–1915, ⚭ Clara Bagel, 1856–1918), Untern., Mitinh. d. Thyssen-Konzerns (s. Einl.), Friedrich (Fritz) (1854–1916), Rentier, Schw Maria (1839–1912, Mathias Rüsges, 1826–81, Tuchfabr. in Burgwaldniel, Niederrhein), Luise (1840–1902), Balbina (1846–1935, Désiré Bicheroux, 1839–75, Untern., Teilh. d. „Thyssen, Fossoul & Co.“, B d. Touissant Bicheroux, 1827–97, Untern., s. NDB II, S d. Jacques-François [Franz] Bicheroux, 1799–1876, Zimmermann, Techniker, gründete 1855 d. Puddel- u. Walzwerk Bicheroux, Marcotty & Co. in Duisburg, Teilh. d. „Thyssen, Fossoul & Co.“), Theresia (1860–1920, Fritz Hoosemans, 1850–1917, niederl. Margarine- u. Spirituosenfabr.);
    Mülheim/Ruhr 1872 1885 Hedwig (1854–1940, ev., 2] Georg Frhr. v. Rotsmann, 1836–91, ghzgl. hess. Major, Badekommissar in Nauheim, 3] François Delhove, 1896, belg. Major, 4] Em(m)anuel de Neuter, belg. Gen.), T d. Heinrich Pelzer (1821–84), Gerbereibes. in Mülheim/Ruhr, u. d. Hedwig Troost (1828–1901);
    3 S Fritz (s. 2), August (jun.)|(1874–1943), Privatier, Heinrich T.-Bornemisza (s. 4), 1 T Hedwig (1878–1960, 1] Ferdinand Frhr. v. Neufforge, 1869–1942, preuß. Reg.rat, 2] Max[imilian] Frhr. v. Berg, 1859–1925, auf Rötjök, Bánfálu u. Palást [Ungarn], Ehrenrr. d. Johanniterordens);
    E Hedwig (Hedemaus) Freiin v. Neufforge (1900–62, 1] 1918–23 Tassilo Frhr. v. Berg, 1897–1962, 2] Gustav Edler v. Remiz, 1888–1939 KZ Dachau, k. u. k. Oberlt.).

  • Leben

    T. erhielt als einziger unter seinen Geschwistern eine akademische Ausbildung. Nach dem Abitur an der Höheren Bürgerschule in Aachen studierte er 1859–61 an der Polytechnischen Schule in Karlsruhe technische Wissenschaften u. a. bei Ferdinand Redtenbacher (1809–63), bevor er für ein Jahr an Europas erste staatliche Handelshochschule, das „Institut Supérieur de Commerce de l’État“ in Antwerpen wechselte. Beide Hochschulen verließ T. ohne Abschluß, den er nur im Staatsdienst benötigt hätte. Nach dem Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger arbeitete er im Bankgeschäft seines Vaters. 1866 wurde er als Bataillionsadjutant kurzzeitig eingezogen, ohne jedoch an Kriegshandlungen teilzunehmen.

    1867 gründete T. mit seinem belg. Schwager Désiré Bicheroux, dessen Bruder Toussaint, dem belg. Walzwerkspezialisten Noël Fossoul (* um 1830) und Kapitalgebern aus dem weiteren Familienkreis das Bandeisenwalzwerk „Thyssen, Fossoul & Co.“ in Duisburg im sich schnell entwickelnden rhein.-westfäl. Industriegebiet. Während des Dt.-Franz. Kriegs 1870/71 löste er das Geschäftsverhältnis auf, um sich mit seinem Vater als stillem Teilhaber zu 50 % mit dem neu gegründeten Bandeisenwalzwerk „Thyssen & Co.“ in Styrum bei Mülheim/Ruhr selbständig zu machen. Dieses Werk bildete den Ausgangspunkt des späteren Konzerns. Den Zugang zur prot. Oberschicht der Stadt ebnete ihm 1872 die Heirat mit Hedwig Pelzer aus einer angesehenen Mülheimer Unternehmerfamilie. Ihre Mitgift investierte T. in den Ausbau seines Werks und in den Kauf von Anteilen an Ruhrgebietsunternehmen wie der „AG Schalker Gruben- und Hütten-Verein“, in deren Verwaltungsgremien er zeitweise saß, um Einblicke in die regionale Branchenentwicklung zu erhalten. V. a. von Friedrich Grillo (1825–88), der u. a. den Gelsenkirchener Raum industriell entwickelte, lernte er und legte damit die Basis für den späteren vertikalen Ausbau seines Unternehmens. Nach dem Tod des Vaters erwarb T. die Erbanteile seiner Geschwister und führte nun das Unternehmen zusammen mit seinem Bruder Joseph, der einen Anteil von 25 % hielt. 1883 nahmen sie den Maschinenbau auf, bauten diesen seit 1907 im Bereich Großgasmaschinen zur Energieerzeugung aus und waren vor dem 1. Weltkrieg zweitgrößter Anbieter mit eigenen Büros in Saarbrücken, Kattowitz, Paris, Brüssel und Jekaterinoslaw (Rußland). Bis 1891 erwarben T. und sein Bruder Joseph die „Gewerkschaft Deutscher Kaiser“ (GDK) in Hamborn bei Duisburg, eine verkehrsgünstig am Rhein gelegene Steinkohlenzeche, die sie im folgenden Jahrzehnt zu einem integrierten Hüttenwerk ausbauten. Mit der Entscheidung, seinem Mülheimer Werk eine eigene Energiebasis zu sichern, reagierte T. frühzeitig auf die sich abzeichnenden Rohstoff- und Halbproduktkartelle (1893 Rhein.-Westfäl. Kohlen-Syndikat, 1904 Stahlwerks-Verband AG). Er verbesserte in den folgenden Jahrzehnten das Konzept des vertikalen Unternehmensverbunds mit eigener Rohstoffbasis (Kohle, Erzgruben in Europa, Afrika, Indien u. d. Kaukasus), Weiterverarbeitungsbetrieben (Thyssen & Co., Mülheim, GDK, Hamborn, AG für Hüttenbetrieb, Duisburg-Meiderich, Stahlwerk Thyssen AG, Hagendingen, Lothringen, Press- u. Walzwerk AG, Düsseldorf) und eigenen Verkaufs- und Transportorganisationen in der ganzen Welt. Die vertikale Produktveredelung wurde mit der Gewinnung und Vermarktung von Gas und Wasser (Thyssen’sche Gas- u. Wasserwerke GmbH als kommunaler u. ind. Dienstleister) sowie Strom, hier mit Hugo Stinnes (1870– 1924) bei der „Rhein.-Westfäl. Elektrizitätswerk AG“ (RWE), perfektioniert. Das in den eigenen Kokereien aus eigener Kohle gewonnene Nebenprodukt Gas wurde seit 1910 über die erste dt. Ferngasleitung nach Barmen im Berg. Land vertrieben bzw. mit eigenen Großgasmaschinen zu elektrischer Energie für die eigenen Werke umgewandelt, überschüssiger Strom über die RWE vertrieben. Der in den Kokereien ebenfalls als Nebenprodukt gewonnene Teer wurde in der 1905 von T. und seinem Sohn Fritz zusammen mit anderen Ruhrunternehmern gegründeten „Gesellschaft für Teerverwertung“ veredelt zu flüssigen und höheren Kohlenwasserstoffen für die Farben- und Pharmazeutische Industrie sowie für Duftstoffe. Mit Stinnes arbeitete T. seit 1898 bei der Gründung des „Mülheimer Bergwerksvereins“, 1900 bei der Übernahme der „Saar- und Mosel-Bergwerks-Gesellschaft“ sowie seit 1902 bei der Einflußnahme auf die RWE zusammen. In allen Fällen ging es um regionale Verbünde zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit der jeweiligen Unternehmen. Seit 1910 gingen beide Unternehmer wieder stärker ihre eigenen Wege. T. forcierte seit 1890 den Bergbau im nordwestlichen Ruhrgebiet und erwarb umfangreiche Gerechtsame, die er u. a. an den preuß. Staat mit großem Gewinn veräußerte, aber auch als Akquisitionswährung für den Erwerb anderer Beteiligungen einsetzte. Im Reichsland Elsaß-Lothringen ließ er seit 1910 das modernste Hüttenwerk Europas mit den größten Hochöfen und Thomas-Konvertern als „Stahlwerk Hagendingen AG“ bauen. Darüber hinaus beteiligte sich T. an spekulativen, häufig strategisch motivierten Börsengeschäften. 1902 übernahm er den Vorsitz im Aufsichtsrat der in einer Liquiditätskrise befindlichen „Rhein. Bank vorm. Gustav Hanau“, Mülheim/Ruhr, um diese zusammen mit Stinnes zu sanieren, ansonsten agierten die Finanzabteilungen seiner größeren Beteiligungen GDK, Thyssen & Co. wie Bankhäuser und legten freies Kapital auch kurzfristig in Aktien und Kuxscheinen an.

    Schon vor dem Krieg hatte sich T. für eine „Vertrustung“ der Montanindustrie und damit gegen ein dynastisches Familienunternehmen ausgesprochen, wie sie dann mit seiner Zustimmung 1926 mit Gründung der „Vereinigte Stahlwerke AG“ für große Teile der rhein.-westfäl. Stahlindustrie erfolgte. Jedoch brachten nur sein ältester Sohn Fritz (s. 2) sowie seine Neffen Julius und Hans ihre Erbteile in das Unternehmen ein, während Heinrich (s. 4) unternehmerisch selbständig blieb.

    Die Internationalisierung des Konzerns mit eigenen Hüttenwerken in Frankreich (Société Anonyme des Hauts-Fourneaux et Acéries de Caen, Société Anonyme des Mines et Carrières de Flamanville) sowie Handels- und Transportgesellschaften in den Niederlanden (N. V. Handels- en Transport Maatschappij Vulcaan, Rotterdam, Vulcaan Coal Company mit Niederlassungen in Cardiff u. Newastle upon Tyne, 1918 Bank voor Handel en Scheepvaart N. V.) und Belgien (Société Metallurgique de Sambre et Moselle), die noch vor dem 1. Weltkrieg Südamerika als zukünftigen Wachstumsmarkt einbezog, wurde durch den Krieg unterbrochen. T., dem Zentrum nahestehend, bisher freihändlerisch orientiert, politisch aber im Hintergrund agierend, engagierte sich nun im Interesse seiner Unternehmungen offen, indem er in Denkschriften und Briefen an politisch und militärisch Verantwortliche Annexionen sowohl im Osten als auch im Westen, v. a. zur Sicherung der Rohstoffbasis seines Konzerns, forderte. Er berief im Sommer 1915 Matthias Erzberger (1875–1921) in den GDK-Grubenvorstand und in die Aufsichtsräte der „AG für Hüttenbetrieb“ und der „Stahlwerk Thyssen AG“. Mit Erzbergers Positionswechsel 1917 zu einem Frieden ohne Annexionen trennte sich T. von ihm.

    Durch T.s Scheidung 1885 waren seine Kinder, damals noch nicht geschäftsfähig, formal Eigentümer, während sich T. das lebenslange Nießbrauchsrecht vorbehalten hatte. Daraus ergaben sich zu Beginn des 20. Jh. juristische Streitereien, die erst 1919 und 1921 durch Anteilsübertragungen an die Söhne Fritz und Heinrich und Abfindungen an die beiden anderen Kinder Hedwig und August jun. geregelt wurden.

    Seit 1904 war Schloß Landsberg bei Kettwig T.s Wohnsitz, wo er seine 1906–11 erworbenen sieben Skulpturen von Auguste Rodin aufbewahrte und wo er auch verstarb. Zwei Jahre nach seinem Tod errichteten seine Kinder ein Mausoleum, in dem neben ihm die Kuratoriumsmitglieder der 1928 errichteten „August Thyssen-Stiftung Schloß Landsberg“ bestattet sind, zuletzt sein Enkel Hans Heinrich.

  • Auszeichnungen

    A Großkreuz d. päpstl. Silvester-Ordens (1913); E. K. am weiß-schwarzen Band (1917); Ehrenmitgl. d. Ver. dt. Eisenhüttenleute (1917); türk. Osmanie-Orden 3. Kl. (1918).

  • Werke

    W Brief an d. Mülheimer Ztg. v. 3. 3. 1922, in: Mülheimer Ztg., Jub.-Ausg., Jg. 50, Nr. 78, 1. 4. 1922;
    Offener Brief an d. Hg., 19.6.1912, in: Nord u. Süd, Mschr. f. internat. Zus.arb., Juli 1912, S. 75–79.

  • Quellen

    Qu M. Rasch u. G. D. Feldman (Hg.), A. T. u. Hugo Stinnes, Ein Briefwechsel 1898–1922, 2003 (P); M. Rasch (Hg.), A. T. u. Heinrich T.-Bornemisza, Briefe e. Industr.fam. 1919–1926, 2010 (P); – ThyssenKrupp Konzernarchiv, Duisburg (P); Stiftung z. Ind. gesch. Thyssen, Duisburg (P).

  • Literatur

    L C. Matschoß, A. T. u. sein Werk, 1921;
    P. Arnst, A. T. u. sein Werk, 1925;
    ders., in: Rhein.-Westfäl. Wirtsch.biogrr. II, 1937, S. 102–32;
    W. Däbritz, in: Stahl u. Eisen 62, 1942, S. 665–70;
    L. Hatzfeld, T.s Denkschrr. an Reichskanzler u. AA 1914/15, in: Düsseldorfer Jb. 51, 1963, S. 307–14;
    M. Rasch, in: Das Ks.reich, hg. v. M. Fröhlich, 2001, S. 163–73;
    ders., A. T., Der kath. Großindustr. d. Wilhelmin. Epoche, in: ders. u. G. D. Feldman (Hg.), A. T. u. Hugo Stinnes, Ein Briefwechsel 1898–1922, 2003, S. 13–107;
    ders., A. T. u. sein Sohn Heinrich T.-Bornemisza, in: ders. (Hg.), A. T. u. Heinrich T.-Bornemisza, Briefe e. Industr.fam. 1919–1926, 2010, S. 9–78;
    J. F. Fear, Organizing Control, A. T. and the Construction of German Corporate Management, 2005;
    J. Lesczenski, A. T. 1842–1926, 2008 (P);
    St. Wegener (Hg.), A. u. Joseph T., Die Fam. u. ihre Untern., 22008;
    ders. (Hg.), Die Geschwister T., Ein Jh. Fam.gesch., 2013 (P);
    U. Hassler, N. Nußbaum u. W. Plumpe (Hg.), A. T. u. Schloß Landsberg, Ein Untern. u. sein Haus, 2013;
    H. Wixforth, Kooperation u. Kontrolle im Schiffsbau, A. T. u. der Bremer Vulkan, in: VSWG 101, 2014, S. 154–79; J. Gramlich, Die T.s als Kunstsammler, Investition u. symbol. Kapital (1900 –1970), 2015 (P). |

  • Portraits

    P Marmorbüste v. R. Romanelli, 1896; Bronzebüste v. A. Küppers, 1906; Gem. v. L. Samberger, 1921; Gem. v. F. J. Klemm, um 1917; Gem. v. H. J. Sinkel, 1887; Kreidezeichnung v. O. Pankok, um 1922; Bronzebüste v. G. Kolbe, um 1922; Totenmaske v. G. Kolbe, 1926

  • Autor/in

    Manfred Rasch
  • Empfohlene Zitierweise

    Rasch, Manfred, "Thyssen, August" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 240-243 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119092298.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA