Paczensky, Gert von

Lebensdaten
1925 – 2014
Geburtsort
Hausneindorf bei Quedlinburg
Sterbeort
Köln
Beruf/Funktion
Gastronomiekritiker ; Journalist ; Publizist ; Dokumentarfilmer ; Schriftsteller ; Restaurantkritiker
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 12014414X | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Paczensky und Tenczin, Gert Franz-Joseph von
  • Franz v. Tenczin / Pseudonym (1980)
  • Paczensky, Gert von
  • Paczensky und Tenczin, Gert Franz-Joseph von
  • Franz v. Tenczin / Pseudonym (1980)
  • franz v. tenczin / pseudonym
  • Paczensky, Gert v.

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Zitierweise

Paczensky, Gert von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd12014414X.html#indexcontent [03.10.2026].

CC0

  • Paczensky, Gert von (eigentlich Gert Franz-Joseph von Paczensky und Tenczin)

    Pseudonym: Franz v. Tenczin (1980)

    1925 – 2014

    Gastronomiekritiker, Journalist, Publizist, Dokumentarfilmer

    Gert von Paczensky arbeitete als Journalist und Publizist zu wirtschaftlichen, kulturellen und politisch-historischen Themen, v. a. der Geschichte und Nachwirkung des Kolonialismus. Nach langjähriger Tätigkeit als Korrespondent und zuletzt Leiter des Ressorts Außenpolitik der Tageszeitung „Die Welt“ wurde er in den 1960er Jahren auch durch das Fernsehen bekannt und war 1972/73 Referatsleiter im Bundespresseamt. Besondere Bekanntheit erlangte Paczensky seit 1973 zudem als Gastronomiekritiker der Zeitschrift „essen & trinken“.

    Lebensdaten

    Geboren am 21. August 1925 in Hausneindorf bei Quedlinburg
    Gestorben am 1. August 2014 in Köln
    Grabstätte Melaten-Friedhof in Köln
    Konfession konfessionslos
    Gert von Paczensky, Imago Images (InC)
    Gert von Paczensky, Imago Images (InC)
  • 21. August 1925 - Hausneindorf bei Quedlinburg

    Ostern 1932 - 1936 - Hausneindorf bei Quedlinburg; seit 1935 Berlin

    Schulbesuch

    Volksschule

    1936 - 1942 - Berlin; 1938 Sagan (Niederschlesien, heute Żagań, Polen); 1938–1942 Liegnitz (Niederschlesien, heute Legnica, Polen)

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Gymnasium

    seit Sommer 1939 - Liegnitz

    Mitglied; nach eigener Aussage Austritt Anfang 1942

    Hitler-Jugend

    1.8.1942 - 16.4.1945 - Potsdam; seit April 1943 Sowjetunion; seit Ende 1944 Niederlande, v. a. Oldenzaal; München; Rheinland

    Rekrut; seit April 1943 Kriegsdienst in einer Telegrafenbau-Kompanie, als Funker und als Kraftfahrer; Februar/März 1945 Inhaftierung wegen des Vorwurfs der „Wehrkraftzersetzung“

    Luftnachrichtentruppe (Wehrmacht)

    16.4.1945 - 7.7.1945 - Sinzig bei Bonn

    US-amerikanische Kriegsgefangenschaft

    Internierungslager

    Sommer 1945 - 31.12.1945 - Heidelberg

    Dolmetscher; Küchenhelfer; Koch

    US-Army

    1.1.1946 - 15.3.1946 - Tübingen

    Nachrichtenredakteur

    Südwestdeutscher Nachrichtendienst

    15.3.1946 - Oktober 1947 - Stuttgart

    Reporter

    Deutsche Allgemeine Nachrichtenagentur

    Oktober 1947 - 1949 - Hamburg; London

    Redakteur; Assistent

    Die Welt (Tageszeitung)

    1949 - 1957 - London; seit 1952 Paris

    Korrespondent

    Die Welt

    seit November 1952 - Paris

    Korrespondent

    Wiener Kurier (Tageszeitung)

    1957 - 31.1.1960 - Hamburg

    Leiter des Ressorts Außenpolitik

    Die Welt

    10.2.1960 - Ende Juli 1960 - Hamburg

    Redakteur

    Deutsche Allgemeine Zeitung

    August 1960 - 31.10.1963 - Hamburg

    Chef der Redaktion „Spiegel der Zeit“; Leiter des Magazins „Panorama“

    Fernsehen des Norddeutschen Rundfunks

    1963 - 1964 - Hamburg

    stellvertretender Chefredakteur

    Stern (Illustrierte)

    Februar 1966 - Juni 1967 - Hamburg

    Mitherausgeber; Chefredakteur

    deutsches panorama (Monatsschrift)

    Juli 1967 - 1969 - Hamburg

    freiberuflicher Journalist und Publizist

    1969 - 1970 - Bremen

    Chefredakteur

    Radio Bremen

    1970 - 1972 - Bonn

    freiberuflicher Journalist und Publizist

    März 1972 - August 1973 - Bonn

    Leiter

    Referat „Grundsatzfragen, Inneres und Justiz“ des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung (Bundespresseamt)

    1973 - 31.3.1980 - Bremen

    Chefredakteur

    Radio Bremen

    Juni 1973 - Februar 2004

    Gastronomiekritiker

    essen & trinken (Magazin)

    1977 - 2010 - Königswinter bei Bonn; seit 1986 Köln

    Publizist; freiberuflicher Journalist

    1. August 2014 - Köln

    alternativer text
    Gert von Paczensky, Imago Images (InC)

    Herkunft und Karriere bei der Tageszeitung „Die Welt“

    Paczensky entstammte einer schlesischen Adelsfamilie und besuchte seit 1936 Gymnasien in Berlin, Sagan (Niederschlesien, heute Żagań, Polen) und Liegnitz (Niederschlesien, heute Legnica, Polen), wo er 1939 Mitglied der Hitler-Jugend wurde. Nach dem Abitur leistete er seit August 1942 Kriegsdienst in der Luftnachrichtentruppe der Wehrmacht und wurde v. a. als Funker an der Ost- und Westfront eingesetzt. Von April bis Juli 1945 befand er sich in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft, arbeitete danach als Dolmetscher und Koch einer Kompanie der US-Army in Heidelberg und war 1946/47 für den Südwestdeutschen Nachrichtendienst und die Deutsche Allgemeine Nachrichtenagentur tätig.

    Dank der Kontakte seiner ersten Ehefrau Susanne von Paczensky (1923–2010), u. a. mit dem Journalisten und britischen Kontrolloffizier Julius Hollos (1906–1983), erhielt Paczensky Ende Oktober 1947 eine Anstellung als Redakteur bei der Tageszeitung „Die Welt“ in Hamburg, wo er mit Egon Bahr (1922–2015) bekannt wurde. Gefördert von dem sozialdemokratisch orientierten Chefredakteur Rudolf Küstermeier (1903–1977) sowie von dem langjährigen Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, Bernhard Menne (1901–1968), machte Paczensky Karriere als Korrespondent in London (1949–1952) und Paris (1952–1957). Er erlebte und kommentierte in dieser Zeit den Prozess der Dekolonisation, ehe er 1957 nach Hamburg zurückkehrte, unter Hans Zehrer (1899–1966) zum Leiter des außenpolitischen Ressorts der „Welt“ avancierte und in der Folgezeit u. a. mit Kurt Becker (1920–1987) und Paul Sethe (1901–1967) eng zusammenarbeitete. Paczensky positionierte sich kritisch zur bundesdeutschen Außenpolitik der Regierung Konrad Adenauers (1876–1967) und votierte für eine Politik der Annäherung und Entspannung gegenüber den Staaten des Warschauer Pakts, da nur so die deutsche Teilung überwunden werden könne.

    Fernsehkarriere und Beschäftigung mit dem Kolonialismus

    Paczensky verließ Ende Januar 1960 die Redaktion der „Welt“, nachdem die Zeitung von Axel Springer (1912–1985) übernommen worden war, und wechselte im August 1960 zum Fernsehen des Norddeutschen Rundfunks. Hier konzipierte er mit Rüdiger Proske (1916–2010) das seit Juni 1961 mit großem Erfolg ausgestrahlte, von Paczensky moderierte, investigative Magazin „Panorama“, das sich u. a. im Kontext des Fibag-Skandals um Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß (1915–1988) und der sog. Spiegel-Affäre regierungskritisch positionierte. Große Aufmerksamkeit fand Paczensky mit seinem im Januar 1961 in der ARD ausgestrahlten Dokumentarfilm „Der siebenjährige Krieg“, in dem er die gewaltsame französische Besatzungsherrschaft in Algerien scharf kritisierte und damit einen offiziellen Protest des französischen Botschafters in Bonn, François Seydoux de Clausonne (1905–1981), hervorrief.

    Nachdem seine bis Ende Oktober 1963 befristete Stelle beim NDR nicht verlängert worden war, arbeitete Paczensky 1963/64 unter Henri Nannen (1913–1996) als stellvertretender Chefredakteur der Illustrierten „Stern“ und gab seit Februar 1966 mit Bernt Engelmann (1921–1994) in Hamburg die gewerkschaftsnahe Monatsschrift „deutsches panorama“ heraus. Trotz anfänglicher Erfolge und prominenter Mitarbeiter wie Frank Arnau (1894–1976), Sebastian Haffner (1907–1999) und Eugen Kogon (1903–1987) wurde das Blatt im Juni 1967 eingestellt. Anschließend verfasste Paczensky die kontrovers rezipierte Studie „Die Weißen kommen. Die wahre Geschichte des Kolonialismus“ (1970), mit der er dazu beitrug, die (Gewalt-)Geschichte des Kolonialismus stärker in das bundesdeutsche Geschichtsbewusstsein zu rücken und den öffentlichen Diskurs über die Rückgabe von Kulturgut kolonialer Herkunft in Gang zu setzen. Im März 1972 übernahm er auf Bitte seines Freundes Conrad Ahlers (1922–1980) interimsmäßig die Leitung des Referats „Grundsatzfragen, Inneres und Justiz“ im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

    Gastronomiekritik

    Im Sommer 1973 wurde Paczensky durch Intendant Klaus Bölling (1928–2014) zum Chefredakteur von Radio Bremen berufen. Parallel dazu begann er, Gastronomiekritiken in dem von Angelika Jahr-Stilcken (geb. 1941) herausgegebenen Magazin „essen & trinken“ zu veröffentlichen. Mit seiner kulinarischen Kolumne wurde er neben Klaus Besser (1919–1995) und Wolfram Siebeck (1928–2016) zu einem der Begründer der deutschen Gastronomiekritik. Paczensky popularisierte die Nouvelle Cuisine und bemühte sich, die globale Dimension der Ernährung sichtbar zu machen, wobei er weniger auf kulinarisch-ästhetische Unterschiede, als auf die soziale Distinktion zwischen Europa und anderen Weltregionen fokussierte. 1981/82 präsentierte Paczensky in der in „essen & trinken“ abgedruckten Serie „Astro-Gastronomie“ die Dreisternköche Frankreichs als Vorbilder kulinarischer Ästhetik und stellte ihnen für Deutschland Herbert Schönberner (geb. 1949) (Goldener Pflug, Köln), Heinz Winkler (1949–2022) (Tantris, München) und Eckart Witzigmann (geb. 1941) (Aubergine, München) an die Seite. Anerkennung fand Paczensky in der Bundesrepublik und in Frankreich zudem mit zwei mehrfach aufgelegten Büchern über Cognac (1984) und Champagner (1987) sowie mit seiner 1994 veröffentlichten „Kulturgeschichte des Essens und Trinkens“. Seit 1986 in Köln lebend, blieb er bis 2010 als Publizist und freiberuflicher Journalist aktiv.

    1985 Ehrenbürger der Stadt Cognac (Département Charente, Frankreich)

    Nachlass:

    Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V., Bonn.

    Weitere Archivmaterialien:

    Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Deutsches Archiv der Kulinarik. (u. a. Menükartensammlung von Gert von Paczensky)

    Autobiografie:

    Journalist mit Appetit, 2003. (P)

    Politische und historische Monografien:

    Die Weißen kommen. Die wahre Geschichte des Kolonialismus, 1970, überarb. Neuausg. 1979 u. d. T. Weiße Herrschaft. Eine Geschichte des Kolonialismus, Taschenbuchausg. 1982, ungar. 1974.

    Unser Volk am Jordan? Ein Beitrag zur Geschichte des Israel-Konflikts, 1971, überarb. u. erw. Neuausg. 1978 u. d. T. Faustrecht am Jordan? Zur Entwicklung des arabisch-israelischen Konflikts.

    Lokaltermin Thailand. Was tut die Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen?, 1971.

    Wieviel Geld für die dritte Welt? Entwicklungshilfe kritisch durchgerechnet, 1972.

    Über das Fernsehen. Munition gegen das öffentlich-rechtliche Komplott, 1980.

    Das Ölkomplott. Von der Kunst, uns und andere auszunehmen, 1982, überarb. Taschenbuchausg. 1984.

    Gert von Paczensky/Herbert Ganselmayr, Nofretete will nach Hause. Europa – Schatzhaus der „Dritten Welt“, 1984.

    Teurer Segen. Christliche Mission und Kolonialismus. Was im Namen Christi verbrochen wurde, 1991, Taschenbuchausg. 1994, Sonderausg. 2000 u. d. T. Verbrechen im Namen Christi. Mission und Kolonialismus.

    Monografien zu Gastronomie und Kulinarik:

    Feinschmeckers Beschwerdebuch. Brevier wider die Sünden der Gastronomie, 1976.

    Cognac, 1984, 41995, franz. 1987.

    Champagner, 1987, 31996, franz. 1988.

    Gert von Paczensky/Anna Dünnebier, Leere Töpfe, volle Töpfe. Die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, 1994, Neuausg. 2021.

    Wo Frankreich am besten isst. Aquitaine. Zwischen Pyrenäen und Atlantik, 1998.

    Dokumentarfilme:

    Der siebenjährige Krieg. Ein Bericht über das Problem Algerien, ARD, 24.1.1961. (Drehbuch/Regie) (weiterführende Informationen)

    Der unruhige Nachbar. Belgische Bilanz 1961, ARD, 5.4.1961. (Drehbuch/Regie) (weiterführende Informationen)

    Der Tod kam wie bestellt. Bericht über Verlauf und Hintergründe der Kongo-Krise, ARD, 6.2.1962. (Drehbuch: Gert von Paczensky, Regie: Klaus Wildenhahn/Werner Baecker/Fred Simson/Alexander Szombati) (weiterführende Informationen)

    Martin Eichhorn, Kulturgeschichte der „Kulturgeschichten“. Typologie einer Literaturgattung, 2002, S. 180–182.

    Alexander Krei, „Panorama“-Gründer Gert von Paczensky gestorben, in: DWDL.de (Onlinemagazin) v. 1.8.2014. (Onlineressource)

    Bénédicte Savoy, Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage, 2021, S. 76, 149 u. 180–182.

    Daniel Deckers/Josef Matzerath, Das Deutsche Küchen- und Weinwunder, 2025.

    Fotografien, seit ca. 1950, Abbildungen in: Gert von Paczensky, Journalist mit Appetit, 2003.

    Fotografie, ca. 1958, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V., Bonn. (Nachlass Paczensky, Akte 1/GPAA000 009, darin Broschüre „Es stand in der Welt“)

    Fotografie, ca. 1962, Archiv des Norddeutschen Rundfunks, Abbildung in: Gert von Paczensky, in: Haus der Pressefreiheit. Hall of Fame. (Onlineressource)

    Karikatur v. Hanno Engler (1936–1993), ca. 1990, Abbildung in: essen & trinken 3 (1990), S. 65.

    Fotografie v. Jörg Carstensen, ca. 2010, Abbildung in: N. N., Gedenken an Gert von Paczensky, in: Menschen machen Medien v. 4.9.2014. (Onlineressource)

  • Autor/in

    →Josef Matzerath (Dresden)

  • Zitierweise

    Matzerath, Josef, „Paczensky, Gert von“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd12014414X.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA