Lebensdaten
1874 bis 1958
Geburtsort
Hechingen (Hohenzollem)
Sterbeort
Tübingen
Beruf/Funktion
Altphilologe ; Philosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117189871 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Otto, Walther Friedrich
  • Otto, Walter
  • Otto, Walther Friedrich
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Otto, Walter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117189871.html [16.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann Ernst, Apotheker in H.;
    M Elisabeth Becker aus Beuren;
    1) Margarete Floerke, Malerin, 2) Kete Parsenow (1880–1960), Schausp.;
    1 T aus 1) Eva (1905–94, 1] Max Kommerell, 1902–44, Lit.hist., s. NDB XII).

  • Leben

    O. wuchs in Stuttgart auf, wo er 1892 am humanistischen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium das Abitur ablegte. In Tübingen begann er das Studium der ev. Theologie (1892/93), wechselte aber zur klassischen Philologie (1893/94). Neben Otto Crusius (1857–1918), der ihn später in München förderte, studierte er bei Wilhelm Schmid und Ludwig Schwabe, 1894-97 in Bonn bei Hermann Usener, Georg Löschke, Heinrich Nissen und Franz Bücheler. In Bonn wurde O. mit einer Arbeit über die Bildung lat. Namen promoviert und bestand das Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen. Diesen Beruf übte er nur kurze Zeit in Bonn und München aus. Die lat. Namenskunde blieb O.s Forschungsfeld in seiner Münchener Zeit (seit 1898), wo er am Thesaurus linguae Latinae arbeitete. Nach der Habilitation im Sommer 1905 über „Juno“ erhielt er 1907 einen Lehrauftrag für lat. Stilübungen und wurde 1910 zum ao. Professor ernannt. Nicht zuletzt dank seiner ersten Frau fand O. fruchtbare Beziehungen zum Münchener Kulturleben (J. Derleth, L. Frobenius, L. Klages, M. Scheler, A. Schuler, K. Wolfskehl). Er hielt Vorträge im Volksbildungsverein und beschränkte sich keineswegs auf lat. Philologie, sondern las an der Universität auch über Religionswissenschaft und griech. Mysterien. Die Grundlagen für die großen Bücher der Weimarer Epoche – „Geist der Antike“, „Götter Griechenlands“, „Dionysos“, „Der junge Nietzsche“ – wurden in der Münchener Zeit gelegt. Nach Stationen als o. Professor in Wien (1911–13) und in Basel (1913) fand O. als Latinist an der neugegründeten Univ. Frankfurt/M. seine fruchtbarste Wirkungsstätte (1914–34). Er war das Haupt einer „Frankfurter Schule“ (Franz Altheim, Carl Koch, Kurt Riezler, Karl Schlechta), die in der Reihe „Frankfurter Studien zur Religion und Kultur der Antike“ wichtige Forschungen zur griech. und röm. Religion veröffentlichte. O. gehörte zu dem gelehrten Kreis um den nach Doorn geflohenen letzten deutschen Kaiser und stand in Kontakt mit Frankfurter Künstlern und Gelehrten (Karl Reinhardt, Ernst Kantorowicz, Leo Frobenius, Max Kommerell, Hermann Lommel, Theodor Wiesengrund-Adorno). Über Adalbert Oehler geriet er 1933 in eine engere Beziehung zum Nietzsche-Archiv in Weimar (1933–45 Mitglied d. wiss. Ausschusses) und war stark an der Planung der historisch-kritischen Gesamtausgabe von Nietzsches Werken und Nachlaß beteiligt. 1934 hielt er die Festrede zu dessen 90. Geburtstag, 1935 schrieb er den Nekrolog auf die Schwester des Philosophen (Kant-Stud. 40, H. 4).

    Von der nationalsozialistischen Regierung, welche die konservative Gruppe um Kurt Riezler an der Univ. Frankfurt auflösen wollte, wurde O. anstelle des im Herbst 1934 aufgrund der Rassegesetze von seiner Stelle vertriebenen Graecisten Paul Maas (1880–1964) nach Königsberg versetzt. Zum Unwillen der Nationalsozialisten wurde ihm 1943 der Kant-Preis zugesprochen. 1944 aus Königsberg entkommen, war O., da er als unbelastet galt, nach Kriegsende ein gefragter Mann. Er vertrat die graecistischen Lehrstühle in München und Göttingen (1945/46) und war anschließend in Tübingen, zunächst als Gastprofessor (Herbst 1946), dann Vertreter des amtsenthobenen Friedrich Focke (1890–1970). Hier erreichte O. vor allem mit seinen „Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten“ eine breitere Öffentlichkeit (u. a. „Sinn und Bedeutung des Humanismus“, „Die griech. Gestalten in Goethes Dichtung“). 1955 wurde er emeritiert.

    O. wirkte als Latinist, als Erforscher der röm. und Theologe der griech. Religion sowie als Vermittler des Philhellenismus in der Tradition von Winckelmann, Goethe, Hölderlin und Nietzsche. Ein Aufsatz in „Die Tat“ (12, 1920/21, S. 123-34) entwickelt anhand eines Gedichts von Karl Bröger („Phallos“) „das Weltgefühl des klassischen Heidentums“. In „Geist der Antike“ (1923) setzte O. Nietzsches Kritik am Christentum fort: jüd. und christl. Religion erschienen ihm „weiblich“, „krank“, „plebeisch“ und tendentiell nihilistisch, die antike dagegen „männlich“, „aristokratisch“ und „schöpferisch“. Im Anschluß an die zeitgenössischen Formen der Phänomenologie (Max Scheler, Gerardus van der Leeuw, Martin Heidegger) und in Fortsetzung antiker Mythologie und Hymnik rühmte O. die „Götter Griechenlands“ (1929) und „Dionysos“ (1933). Zumal im Zusammenhang mit der zeitgeschichtlich aufschlußreichen Feier des „jungen Nietzsche“ (1936) sind diese Bücher sowohl Beiträge zur Erforschung der griech. Religion, als auch Dokumente der Religionsgeschichte der Weimarer Republik und ihres Untergangs. Die Kritik von Historismus und Christentum legitimierte sich mit einer partiellen Nietzsche-Rezeption („Geburt der Tragödie“, „Nutzen und Nachteil der Historie“ und „Antichrist“), führte jedoch nicht zu Erkenntniskritik, Psychologie oder Soziologie, sondern philosophisch zu Gestaltpsychologie, Phänomenologie, Ontologie und literarisch zurück zur deutschen Klassik. O. übertrug Traditionen der Wilhelminischen Epoche über zwei Weltkriege hinweg in die frühe Bundesrepublik, aktualisierte jeweils die spezifische Form des deutschen Philhellenismus und verhalf ihr auch außerhalb der Fächergrenzen zu Wirksamkeit („Theophania“, 1956).|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. in Straßburg, d. Königsberger Gel. Ges. u. d. Dt. Archäol. Inst.

  • Werke

    Nomina propria Latina oriunda a participiis perfecti, Particula prima, Diss. Bonn 1897, in: Jb. f. dass. Philol. 24, 1898, S. 743-932;
    Juno, Btrr. z. Verständnisse d. ältesten u. wichtigsten Thatsachen ihres Kultes, in: Philologus 64, 1905, S. 161-223 (Habil.schr.);
    Der Geist d. Antike u. die christl. Welt, 1923 (ital. 1973);
    Die Manen od. v. d. Urformen d. Totenglaubens, 1923, 21958;
    Die Götter Griechenlands, 1929, 61970 (ital. 1941, engl. 1954, franz. 1981);
    Dionysos, Mythos u. Kultus, 1933, 21938 (franz. 1969);
    Der junge Nietzsche, 1936;
    Der griech. Göttermythos b. Goethe u. Hölderlin, 1939;
    Der Dichter u. d. alten Götter, 1942;
    Mythos u. Welt, hg. v. K. v. Fritz, 1962 (W-Verz.);
    Die Gestalt u. das Sein, Ges. Aufss. üb. d. Mythos u. seine Bedeutung f. d. Menschheit, 1955;
    Theophania, Der Geist d. altgriech. Religion, 1956, 21959 (ital. 1983);
    Die Wirklichkeit d. Götter, Von d. Unzerstörbarkeit griech. Weltsicht, hg. v. E. Grassi, 1963;
    Aufss. z. Rom. Rel.gesch. (1905–1916), 1975 (darin u. a.: Juno, Mania u. Lares, Röm. Sondergötter, lustrum);
    Teilnachlaß:
    Dt. Lit.archiv Marbach (Wiss. Mss., Korr.).

  • Literatur

    K. Kerényi, in: Paideuma 6, 1954, S. 1-5;
    O. Weinreich, in: Attempto 7, 1958, S. 44-46;
    W. Theiler, in: Gnomon 32, 1960, S. 87-90;
    J. Dannenberg, Die Götterlehre W. F. O.s, Diss. Innsbruck 1961 (masch);
    K. Reinhardt, Akademisches aus zwei Epochen, in: ders., Vermächtnis d. Antike, 21989, S. 377-79;
    G. Perl, W. F. O. in Königsberg, in: Eikasmos, Festgabe f. Ernst Vogt, 1993;
    M. Lossau, in: Jb. d. Albertus-Univ. zu Königsberg/Pr. 29, 1994, S. 309-15;
    H. Cancik, Die Götter Griechenlands 1929 – Dionysos 1933, in: ders., Antik – Modern, 1998, S. 139-86;
    A. Stavru, Die wiss. Laufbahn u. d. Nachlaß v. W. F. O., in: Mitt. d. Arbeitsstelle f. d. Erforsch. d. Gesch. d. Germanistik 13/14, 1998, S. 48-52.

  • Portraits

    Phot. im Philol. Seminar d. Univ. Tübingen.

  • Autor/in

    Hubert Cancik
  • Empfohlene Zitierweise

    Cancik, Hubert, "Otto, Walter" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 713 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117189871.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA