Wilcken, Ulrich

Lebensdaten
1862 – 1944
Geburtsort
Stettin
Sterbeort
Baden-Baden
Beruf/Funktion
Papyrologe ; Althistoriker ; Geheimer Regierungsrat ; Historiker ; Geheimer Rat
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119220857 | OGND | VIAF: 76401079
Namensvarianten

  • Wilcken, Friedrich Wilhelm Emil Elias Ulrich
  • Wilcken, Ulrich
  • Wilcken, Friedrich Wilhelm Emil Elias Ulrich
  • Wilcken, Ulrich Emil Elias Friedrich Wilhelm
  • Wīlkin, Ūlrīš
  • Wilcken, U.

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Zitierweise

Wilcken, Ulrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119220857.html [28.01.2026].

CC0

  • Wilcken, Friedrich Wilhelm Emil Elias Ulrich

    | Papyrologe, Althistoriker, * 18.12.1862 Stettin, † 10.12.1944 Baden-Baden. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Heinrich Wil(c)ken (1833–1909), Kaufm. in St., S d. Johann Christian Wilken, Waisenhauspförtner in Rostock, u. d. Friederika Maria Dorothea Kienappel;
    M Pauline (* 1833), T d. Friedrich Wilhelm Krüger, Hofapotheker in Rostock (s. A. C. P. Callisen, Med. Schriftst.-Lex. d. jetzt lebender Aerzte …, X, 1832);
    1 B (früh †), 2 Schw;
    1891 Helena Alexandra (Ellen) (1865–1939), aus Riga, T d. Gustav Lösevitz (Lösewitz) (1830–1908), u. d. Julie Henriette Fanny Faltin (1844–1884), aus Jelgava (Lettland);
    T Veronika (1892–1973, Paul Trendelenburg, 1884–1931, o. Prof. f. Pharmakol. u. Toxikol. in Rostock, Freiburg, Br. u. Berlin, s. Fischer; Kreuter, Neurologen; Catalogus Professorum Rostochiensium), Ellen (1895–1962), Margret (1895–1985);
    E Ullrich Trendelenburg (1922–2006, ⚭ Christel Teschenmacher), o. Prof. d. Pharmakol. in Würzburg, 1975–79 Präs. d. Dt. Pharmakol. Ges. (s. Kürschner, Gel.-Kal. 2005);
    Ur-Gvm d. Ehefrau Hermann Faltin (1816–1883), Landwirt, Protokollist d. kurländ. Gouvernements-Reg., 1856–63 Gutsverw. im Gouvernement Mogilew, dann Fabrikbes. in Riga (s. Dt.balt. Biogr. Lex.).

  • Biographie

    W. besuchte das humanistische Stadtgymnasium in Stettin, wo er neben dem Latinum und Graecum auch das Hebraicum ablegte.

    Zudem spielte er Klavier und Cello. Ab 1880 studierte W. klassische und orientalische Sprachen, u. a. bei Georg Ebers (1837–1898) (Ägyptisch), Friedrich Delitzsch (1850–1922) (Assyrisch) und Ernst Windisch (1844–1918) (Sanskrit) sowie Alte Geschichte bei Eduard Meyer (1855–1930) in Leipzig, ab Sommersemester 1882 bei Alfred v. Gutschmid (1831–87) in Tübingen und ab Wintersemester 1882/83 bei Theodor Mommsen (1817–1903) in Berlin. Dieser machte W. auf die Berliner Papyri aufmerksam und betreute seine Dissertation (Observationes ad historiam Aegypti provinciae Romanae depromtae e papyris Graecis Berolinensibus ineditis, 1885). Anschließend war W. Hilfsarbeiter unter Adolf Erman (1854–1937) an der Ägyptischen Abteilung des Kgl. Museums in Berlin tätig. Mommsen verschaffte ihm ein Reisestipendium zu den Papyrussammlungen in Paris, London, Leiden, Turin, Florenz, Rom und Neapel. 1888 habilitierte sich W. für das Fach Alte Geschichte mit der Arbeit „Actenstücke aus der Königlichen Bank zu Theben in den Museen von Berlin, London, Paris“. 1889 wurde er ao., 1891, als Nachfolger Eduard Meyers, planmäßiger o. Professor für Alte Geschichte an der Univ. Breslau. 1898/99 nahm er an den Ausgrabungen des Berliner Museums im mittelägypt. Herakleopolis Magna und Hermupolis teil. 1900 ging er als Ordinarius nach Würzburg, 1903, abermals für Eduard Meyer, nach Halle, 1906 nach Leipzig, 1912 nach Bonn, 1915 nach München und 1917, als Nachfolge Otto Hirschfelds, wieder nach Berlin. An der Preuß. Akademie der Wissenschaften übernahm er die Leitung des Corpus Inscriptionum Latinarum, der Prosopographia Imperii Romani sowie der Inscriptiones Graecae. Bei der Wahl zum Rektor der Univ. Berlin für das Amtsjahr 1927/28 unterlag er Eduard Norden (1868–1941). 1931 erfolgte W.s Emeritierung.

    Aufgrund seiner bahnbrechende Leistungen auf dem Gebiet der Papyrologie wurde W. von Matthias Gelzer als „princeps papyrologorum“ (1932) gefeiert. Als „Meister und Vater der Papyrusforschung“ (W. Schubart) hat er mit Frederick Kenyon, Bernhard Pyne Grenfell, Arthur Surridge Hunt und Pierre Jouguet die Papyrologie als Wissenschaft begründet. 1901 rief er die Zeitschrift „Archiv für Papyrusforschung und verwandte Gebiete“ ins Leben, die er bis zu seinem Tod herausgab. Ziel des neuen Fachorgans war die Erfassung der seit 1877 stetig wachsenden Menge der Papyri und deren Nutzbarmachen für die Altertumswissenschaften. Damit sollte der Zersplitterung der Papyrusforschung begegnet werden, die durch die Verstreuung der Papyri auf große und kleine Sammlungen bedingt war. Im Mittelpunkt der Forschungen sollten nach W.s Meinung weniger die klassischen literarischen Texte, als vielmehr die „Urkunden“ stehen, bis hin zu so alltäglichen Zeugnissen wie Quittungen, Geburts- und Todesanzeigen, Briefen und Kaufverträgen. 1912 veröffentlichen W. und der Rechtshistoriker Ludwig Mitteis (1859–1921) die „Grundzüge und Chrestomathie der Papyruskunde“, ein Lehrbuch, das eine Auswahl von 500 der wichtigsten Papyrusurkunden von der Mitte des 3. Jh. v. Chr. bis zum 3. Jh. n. Chr. bietet und damit den Inschriftensammlungen von Wilhelm Dittenberger (1840–1906) und Hermann Dessau (1856–1931) vergleichbar ist.

    Dabei betrachtete W. die Papyrologie nicht als selbständige Wissenschaft, sondern vielmehr wie die Epigraphik als eine „historische Hilfsdisziplin“, die der Geschichte des Altertums „zu dienen“ habe (Grundzüge und Chrestomathie der Papyruskunde, Bd. I, S. XIV).

    W. war nicht nur Papyrologe, vielmehr – wie Leopold Wenger betonte – ein Universalhistoriker im Geiste seines Lehrers Eduard Meyer. So beginnt seine „Griechische Geschichte“ (1914) mit einem Blick nach Osten auf die ägypt., babylon., assyr. und kleinasiat. Kultur. Hatten die Papyri W. auf die ganze Geschichte des ptolemä. und röm. Ägyptens verwiesen, so führte ihn der weitere Weg wie|von selbst zu Alexander dem Großen, zu dem er bereits als Privatdozent eine Vorlesung hielt. In den Sitzungsberichten der Preußischen Akademie der Wissenschaften publizierte W. mehrere Schriften zu Alexander, 1931 erschien seine Alexander-Biographie.

    In einem Vortrag „Die letzten Pläne Alexanders des Großen“ versuchte W. nachzuweisen, daß der Makedonenkönig seine Westpläne bereits Ende 325 v. Chr. in Karmanien zu entwickeln begann und daß sowohl die Massenhochzeit von Susa 324 v. Chr. als auch Versöhnung und ‚Gebet‘ von Opis im folgenden Jahr durch diese letzten Pläne motiviert waren: Um die geplante Eroberung des westl. Mittelmeerraumes durchführen zu können, hätte Alexander sein asiat. Reich auf unbestimmte Zeit verlassen müssen, und so habe er die Verschmelzung von Makedonen und Iranern im Vorfeld als herrschaftsstabilisierende Maßnahme betrieben.

    Aus Anlaß des Geburtstags Ks. Wilhelms II. hielt W. 1915 in der Univ. Bonn eine Festrede „Über Werden und Vergehen der Universalreiche“, die exemplarisch die politische Haltung der monarchistisch gesinnten Professorenschaft im 1. Weltkrieg zeigt: W., der sich selbst als Nationalliberalen bezeichnete, skizzierte die Geschichte der antiken Großreiche, um vor diesem Hintergrund einem Anspruch Englands auf die maritime Weltherrschaft entgegenzutreten.

    Seit 1926 war W. gleichzeitig mit dem Botaniker Ludwig Diels (1874–1945), dem Theologen Hans Lietzmann (1875–1942), dem Politiker Johannes Popitz (1884–1945) oder dem General Ludwig Beck (1880–1944) Mitglied der Berliner Mittwochsgesellschaft. In diesem Rahmen hielt W. acht Vorträge zu Themen mit aktuellen Bezügen, etwa der röm. Diktator oder dem alexandrin. Antisemitismus. Zu seinen Schülern zählen u. a. Elias J. Bickerman (1897–1981), Matthias Gelzer (1886–1974), Walter Otto (1874–1958), Hans-Georg Pflaum (1902–1980) und Wilhelm Schubart (1873–1960).

  • Auszeichnungen

    |Dr. iur. h. c. (Königsberg 1901, Graz 1926);
    Dr. of letters h. c. (Oxford 1913);
    o. Mitgl. d. Dt. Archäolog. Inst. (1903);
    Mitgl. d. Sächs. Ges. d. Wiss. (1906), d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1915), d. Preuß. Ak. d. Wiss. (1921), d. Acc. dei Lincei, Rom (1921), d. Ak. d. Wiss. zu Göttingen (1921) u. d. Ak. d. Wiss. Wien (korr. 1923) u. v. wiss. Ges. in Amsterdam, Athen, Bologna, Krakau, St. Petersburg, London, Lund u. Oslo;
    Ehrenmitgl. d. Soc. Royale d’Archélogie d’Alexandrie;
    Geh. Reg.rat (1917);
    Goethe-Medaille (1942).

  • Werke

    |u. a. Arsinoitische Steuerprofessionen aus d. J. 189 n. Chr. u. verwandte Urkk, in: SB Preuß. Ak. d. Wiss. zu Berlin, 1883, S. 897–922;
    Gedächtnisrede auf Eduard Meyer, ebd., 1931, S. CXXXIV–CXLI;
    Actenstücke aus d. Kgl. Bank zu Theben in d. Museen v. Berlin, London, Paris, Abhh. d. Kgl. Ak. d. Wiss. zu Berlin, Phil.-hist. Kl., 1887;
    Ein Btr. z. Seleukidengesch., in: Hermes 29, 1894, S. 436–50;
    Zu d. pseudo-aristotel. Oeconomica, ebd. 36, 1901, S. 187–200;
    Griech. Ostraka aus Aegypten u. Nubien, Ein Btr. z. antiken Wirtsch.gesch., 2 Bde., 1899, Nachdr. 1970;
    Grundzüge u. Chrestomathie d. Papyruskde., 2 Bde., 1912 (mit L. Mitteis), ital. 2010;
    Über Werden u. Vergehen d. Universalreiche, 1915;
    Alexander d. Gr. u. d. hellenist. Wirtsch., in: Schmollers Jb. 45, 1921, S. 349–420;
    Griech. Gesch. im Rahmen d. Altertumsgesch., 1924, ⁹1962 durchgesehen v. G. Klaffenbach;
    Alexander d. Gr., 1931;
    Die Bremer Papyri, Abhh. d. Preuß. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl., 1936;
    Octavian after the Fall of Alexandria, in: Journal of Roman Studies 27, 1937, S. 138–44;
    Berliner Ak.schrr. z. Alten Gesch. u. Papyruskde., 2 T., 1970;
    Urkk. d. Ptolemäerzeit (ältere Funde), 2 Bde., 1927–57;
    – G. Audrig (Hg.), U. W.–Briefe an Eduard Meyer 1889–1930, 1994;
    – autobiogr. Skizze, 1941 im Archiv d. Österr. Ak. d. Wiss.;
    Nachlaß: Archiv d. Berlin-Brandenburg. Ak. d. Wiss., u. a. Taschenkal.

  • Quellen

    Qu Personalakte, Archiv d. Humboldt-Univ. zu Berlin.

  • Literatur

    |L. Wenger, in: Alm. f. d. J. 1945, 95. Jhg., 1947, S. 199–228;
    P. Fechter, Menschen u. Zeiten, Begegnungen aus fünf Jahrzehnten, ²1949;
    W. Schubart, in: Gnomon 21, 1949, S. 88–90;
    M. Gelzer, in: Jb. d. Dt. Ak. d. Wiss. zu Berlin 1946–1949, 1950, S. 244–51, erneut in: G. Audrig (s. W), 1994, S. 102–09;
    Fr. Zucker, in: Archiv f. Papyrusforsch.u. verwandte Gebiete 15, 1953, S. 1–3;
    K. Scholder, Die Mittwochs-Ges., Protokolle aus d. geistigen Dtld. 1932 bis 1944, 1982, bes. S. 87–89, 151–54 u. 242–48;
    A. Jähne, U. W. in d. Berliner Mittwochs-Ges. 1933–1943, in: M. Weißbecker, Rassismus, Faschismus, Antifaschismus, Forschungen u. Betrachtungen, 2000, S. 422–36;
    J. Seibert, in: 100 J. Alte Gesch. an d. Ludwig-Maximilians-Univ. München, hg. v. dems., 2002, S. 46–49;
    Th. Kruse, Erkenntnis aus d. kleinsten Einzelteilen. Der Althist. U. W. u. d. Papyrol. in Dtld., in: Die modernen Väter d. Antike, Die Entwicklung d. Altertumswiss. an Ak. u. Univ. im Berlin d. 19. Jh., hg. v. A. M. Baertschi u. C. G. King, 2009, S. 503–28;
    K.-G. Wesseling, in: BBKL 17;
    B. Palme, in: Gesch. Altertumswiss.

  • Porträts

    |Photogr., Abb. in: Bildnisse berühmter Mitgll. d. Dt. Ak. d. Wiss. zu Berlin, 1950, S. 105.

  • Autor/in

    Kay Ehling
  • Zitierweise

    Ehling, Kay, "Wilcken, Friedrich Wilhelm Emil Elias Ulrich" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 124-125 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119220857.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA