Lebensdaten
1879 bis 1969
Geburtsort
Werl (Westfalen)
Sterbeort
Obersasbach (Baden)
Beruf/Funktion
Politiker ; Reichskanzler
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118591649 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Papen, Franz von
  • Papen, Franz Joseph Hermann Michael Maria von
  • Papen, Phrants phon

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Zitierweise

Papen, Franz von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118591649.html [22.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus alteingesessenem Landadel in Westfalen;
    V Friedrich (1839–1906), auf Koeningen, Sälzeroberst, Rittmeister a. D., S d. Franz Joseph (1810–52), auf Koeningen u. d. Casparine v. P.-Wilbringen (1815–91);
    M Anna v. Steffens-Drimborn (1852–1939);
    Mettlach 1905 Martha (1880–1961), T d. René v. Boch-Galhau (1843–1908), Industr., u. d. Marie Pescavore (1847–1929);
    1 S Friedrich Franz (* 1911), Jurist, 4 T, u. a. Antoinette (* 1906, Dr. iur. Max v. Stockhausen, 1890–1971, Landrat, dann Reg.präs.).

  • Leben

    P. diente als Berufsoffizier (Kavallerist) in Berlin, Düsseldorf und Hannover. Durch Heirat gewann er Verbindung zur Saarländ. Schwerindustrie und Beziehungen nach Westeuropa. Nach dem Besuch der Kriegsakademie seit 1914 Militärattache in Washington und in Mexiko, mußte P. Ende 1915 wegen Verwicklung in Spionage- und Sabotageaffären die USA verlassen. Bis Sommer 1917 war er Bataillonskommandeur an der Westfront, dann Leiter der Operationsabteilung der Heeresgruppe Erich v. Falkenhayn in Mesopotamien, anschließend Generalstabschef der 4. türk. Armee in Palästina. Ende 1918 kehrte er zurück und verließ im März 1919 als Major die Armee. Zunächst bewirtschaftete P. ein in der Nähe von Dülmen (Westfalen) gepachtetes Gut (Haus Merfeld). Als Interessenvertreter seiner adlig-agrarischen Umwelt für die Deutsche Zentrumspartei in den Preuß. Landtag gewählt (1921-28, 1930-32), blieb er – nach eigener Einschätzung von 1925 – ein „Deutschnationaler im Zentrumslager“. Auch durch seine Mitgliedschaft im Berliner „Herrenclub“ und als Vorsitzender des Aufsichtsrats der Berliner Zentrumszeitung „Germania“ (seit 1925) baute der erfolgreiche „Herrenreiter“ seine politischen und gesellschaftlichen Beziehungen aus, vor allem zum Reichspräsidenten Paul v. Hindenburg, den er 1925 – im Gegensatz zu seiner Partei – gewählt hatte, sowie zur Reichswehrführung um Generalmajor Kurt v. Schleicher, dem Leiter des Ministerbüros im Reichswehrministerium. Seit 1929 bewirtschaftete er in Wallerfangen (Saargebiet) einen dort seiner Frau zugefallenen landwirtschaftlichen Besitz.

    Am 2.6.1932 wurde P. als Nachfolger Heinrich Brünings, auf Betreiben Schleichers, von Reichspräsident Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Dieses Amt übernahm er gegen den Willen der Zentrumspartei, aus der er daraufhin austrat. Sein „Kabinett der nationalen Konzentration“ („Präsidialkabinett der Barone“) besaß keinerlei parlamentarischen Rückhalt und blieb auf das Vertrauen des Reichspräsidenten angewiesen. Der Versuch, die NSDAP zu gewinnen und gleichzeitig zu „zähmen“, mißlang. Die Auflösung des Reichstags am 3.6.1932, die Aufhebung des SA-Verbots am 16. Juni und die vier Tage später erfolgte Absetzung der Regierung Otto Braun (SPD) in Preußen durch eine staatsstreichähnliche Aktion („Preußenschlag“) – woraufhin P. als Reichskommissar eingesetzt wurde – verschärften die innenpolitische Krisensituation bis zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Die Neuwahl des Reichstags am 31.7.1932 brachte NSDAP und KPD enorme Stimmengewinne und eine „negative“ Mehrheit im Reichstag. Der außenpolitische Erfolg der Regierung durch Lösung der Reparationsfrage auf der Konferenz von Lausanne (12.6.-9.7.1932) führte genauso wenig wie eine erneute Auflösung des Reichstags am 12. September und dessen Neuwahl am 6.11.1932 zur innenpolitischen Beruhigung, auch nicht zum Eintritt der NSDAP in die Regierung. Eine Verfassungsreform im Sinne autoritärer Staatsvorstellungen kam nicht zustande. Die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit begann, machte allerdings nur geringe Fortschritte. Am 17.11.1932 trat P. zurück, führte die Geschäfte aber noch bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers Schleicher, der ihn ausmanövriert hatte. Da P. aber weiterhin das Vertrauen Hindenburgs behielt, vermochte er seinen Konkurrenten – nach einer geheimnisumwitterten Verständigung mit Adolf Hitler im Hause des Kölner Bankiers Kurt Frhr. v. Schröder (1889–1966) am 4.1.1933 – durch Zusammenarbeit mit der NSDAP zu entmachten.

    Als Vizekanzler der von ihm vorbereiteten Regierung Hitler (seit 30.1.1933) und (bis 1.4.) Reichskommissar für Preußen vermochte P. nicht mäßigend zu wirken. Nach Abschluß des Reichskonkordats vom 20.7.1933, an dem P. maßgeblich beteiligt war, verlor er als national-konservatives Aushängeschild jeden Einfluß („Reichsbeschwerdestelle“). Eine – von Edgar J. Jung (1894–1934) entworfene – regimekritische Rede am 17.6.1934 in Marburg blieb wirkungslos. Bei der Niederschlagung des „Röhm-Putsches“ vom 30.6.1934 wurden neben Jung weitere enge Mitarbeiter des Vizekanzlers ermordet; er selbst, für einige Tage mit Hausarrest „bestraft“, verlor sein Regierungsamt. Dennoch ging P. Ende Juli 1934 als ao. Gesandter nach Wien, wo er (seit 1936 Botschafter) den „Anschluß“ Österreichs an das Reich tatkräftig mit vorbereitete. Kurz vor dessen Vollzug wurde er abberufen (Febr. 1938).

    Im April 1939 zum Botschafter in Ankara ernannt, stützte P. nach Ausbruch des 2. Weltkriegs erfolgreich die türk. Neutralitätspolitik bis zu deren Preisgabe im August 1944. Künftig erhielt er keine Gelegenheit mehr, seine „Pflicht für Deutschland“ zu tun, wie er später kommentierte. Im April 1945 verhaftet und im Nürnberger „Hauptkriegsverbrecher-Prozeß“ von 1945/46 freigesprochen, wurde P. durch Spruchkammerverfahren zu achtjähriger Haft verurteilt, die 1949 als verbüßt galt; er verlor seinen Pensionsanspruch. Die Veröffentlichung seiner Memoiren („Der Wahrheit eine Gasse“) löste 1952 ebenso heftigen Widerspruch aus wie die ihm 1959 von Papst Johannes XXIII. erneuerte Würde eines Päpstl. Kammerherrn. Seit 1963 lebte er in Obersasbach und betrieb seine politische und moralische Rehabilitierung.

    P., der von begrenzter politischer Einsichts- und Urteilsfähigkeit war. machte sich 1933 illusionäre Vorstellungen über eine Verbindung von Kreuz, Preußentum und deutschem Nationalismus. Von übersteigertem Ehrgeiz getrieben, ist es P. nicht gelungen, durch „Zähmung“ der Nationalsozialisten „Schlimmes“ zu verhindern. Auch nach 1945 fehlte ihm die Einsicht in eigenes Versagen.

  • Werke

    Die Parteien, in: Die Einheit d. nat. Pol., hg. v. A. Bozi u. A. Niemann. 1925, S. 221 ff.;
    Die dt. Katholiken u. d. Siedlungsfrage, in: Jb. d. Reichsverbandes f. d. kath. Auslandsmissionen 1, 1926, S. 96 ff.;
    An d. dt. Studenten, Rede, gehalten am 21. Febr. 1933, 1933;
    Appell an d. dt. Gewissen, Reden z. nat. Rev., 1933;
    Der 12. Nov. 1933 u. d. dt. Katholiken, 1934;
    Memoirs, London 1952 (dt.: Der Wahrheit eine Gasse, 1952);
    Europa was nun?, Betrachtungen z. Pol. d. Westmächte, 1954;
    Vom Scheitern e. Demokratie 1930-1933, 1968;
    Akten d. Reichskanzlei: Das Kabinett v. P., 2 Bde., bearb. v. K.-H. Minuth, 1989, Reg. Hitler 1933, T. I: 1933/34, 2 Bde., bearb. v. K.-H. Minuth, 1983.

  • Literatur

    F. v. Klocke, Das Geschl. v. P. u. d. Werler Erbsälzertum, 1933;
    G. Buchheit, F. v. P, 1933 (P);
    H. Schnee, F. v. P, 1934 (P);
    K. M. Graß, Edgar Jung, Papenkreis u. Röhmkrise 1933/34, Diss. Mainz 1966;
    H. Brathe, F. v. P. in seinen Beziehungen zu Merfeld u. Dülmen, in: Dülmener Heimatbl. 1969, S. 28 ff, 1970, S. 10 ff., 1971, S. 14 ff. (P);
    H. Gottwald, F. v. P. u. d. „Germania“, in: Jb. f. Gesch. 6, 1972, S. 539 ff.;
    R. Morsey. in: Zeitgesch. in Lb. II, hg. v. dems., 1975, S. 75-87 (P);
    J. A. Bach, F. v. P. in d. Weimarer Rep., 1977;
    H. Rein. F. v. P. im Zwielicht d. Gesch., 1979;
    H. M. u. R. K. Adams, Rebel Patriot: A Biography of F. v. P., 1987 (P);
    F. Müller, Ein „Rechtskatholik“ zw. Kreuz u. Hakenkreuz: F. v. P. als Sonderbevollmächtigter Hitlers in Wien 1934-1938, 1990;
    E. Kolb u. W. Pyta, Die Staatsnotstandsplanungen unter d. Regierungen P. u. Schleicher, in: Die dt. Staatskrise 1930-1933. Handlungsspielräume u. Alternativen, hg. v. H. A. Winkler, 1992, S. 153 ff.;
    J. Petzold, F. v. P, 1995 (P);
    R. W. Rolfs, The Sorcerer's Apprentice, The Life of F. v. P., 1995.

  • Autor/in

    Rudolf Morsey
  • Empfohlene Zitierweise

    Morsey, Rudolf, "Papen, Franz von" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 46-48 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118591649.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA