Lebensdaten
1893 bis 1947
Geburtsort
Budapest
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
Soziologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118577190 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mannheim, Karl
  • Manchejm, Karl
  • Manhajm, Karl
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Mannheim, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118577190.html [24.02.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gusztáv, aus Ada, Kaufm., Agent e. engl. Textilfabrik in B.;
    M Rosa Eylenburg aus Breslau;
    1921 Juliska Láng (1893–1955), Dr., Psychologin, Psychoanalytikerin; kinderlos.

  • Leben

    M. studierte seit 1911 Philosophie, Pädagogik und Deutsche Literaturgeschichte an den Universitäten Budapest (1911/12), Berlin (1913–15), Paris (1914) und wieder Budapest (1915–18). Er legte das Staatsexamen für Deutsche und Franz. Sprachwissenschaft und Literaturgeschichte an der Univ. Budapest ab und promovierte dort 1918 zum Dr. phil. mit einer vor allem von Ákas Pauler angeregten Arbeit über „Die Strukturanalyse der Erkenntnistheorie“ (Budapest 1918, dt. 1922). 1915-19 gehörte M. zu den zentralen Mitgliedern des Budapester „Sonntagskreises“ um seine damals engsten Freunde Georg Lukács, Béla Balázs, Anna Lesznai, Lajos Fülep, Emma Ritoók und Zoltán Kodály sowie zu den Aktivisten der daraus entstandenen privaten „Freien Schule für Geisteswissenschaften“, an der er 1917/18 Vorlesungen über Erkenntnistheorie hielt (Lélek és Kultura, 1917, dt. Seele und Kultur). Nach kurzer Unterrichtspraxis an der Höheren Handelsschule in Budapest lehrte M. während der ungar. Räterepublik von Mai bis Juni 1919 als Professor für Kulturphilosophie am Pädagogischen Seminar der Lehrerfortbildungshochschule der Univ. Budapest. Nach dem Ende der ungar. Revolution emigrierte er, zusammen mit seiner späteren Ehefrau, über Wien nach Deutschland und setzte als Privatgelehrter seine Studien an den Universitäten Freiburg (1920/21), Berlin (1921) und Heidelberg (1921–26) fort. Als einflußreichste akademische Lehrer, Kollegen und Freunde während dieser langjährigen akademisch-politischen Entwicklung können genannt werden die Ungarn Georg Lukács, Béla Zalay, Bernát Alexander, Ákas Pauler, Géza Révész und Arnold Hauser und die Deutschen Emil Lask, Georg Simmel, Heinrich Rickert, Edmund Husserl und Martin Heidegger.

    Als Abschluß seiner jahrelangen Existenz als Privatgelehrter, begleitet durch die Abhaltung von Privatseminaren in der eigenen Wohnung und von Kursen an der Volkshochschule Darmstadt, wurde M. mit einer Untersuchung des „Altkonservatismus“ und durch die engagierte Unterstützung der Nationalökonomen und Soziologen Alfred Weber, Emil Lederer und Carl Brinkmann an der Univ. Heidelberg im Sommersemester 1926 für Soziologie habilitiert. Im Anschluß daran erlangte M. die deutsche Staatsbürgerschaft und lehrte 1926-30 als Privatdozent für Soziologie an der Univ. Heidelberg. Zum Sommersemester 1930 wurde M. auf den o. Lehrstuhl für Soziologie und zum Direktor des Seminars für Soziologie an der Univ. Frankfurt, als Nachfolger von Franz Oppenheimer, berufen. Von seinen Lehraufgaben beurlaubt wurde M. aus rassischen Gründen zum 13.4.1933; in den vorzeitigen Ruhestand wurde er am 1.9.1933 versetzt.

    Nach seiner zweiten erzwungenen Emigration im April 1933 über Amsterdam und Paris erhielt M. durch die Initiative des Politologen Harold Laski und des Soziologen Morris Ginsberg im Oktober 1933 eine Stelle als „Lecturer“ für Soziologie an der London School of Economics and Political Science, an der er bis 1944 lehrte. Seit 1941 war er zusätzlich Lecturer am Institute of Education der University of London, die ihn im Oktober 1945 auf einen neugeschaffenen Lehrstuhl für Sociology of Education berief. Seit 1938 engagierte sich M. in einer Gruppe anglikanisch-presbyterianischer Männer, zu denen insbesondere Joseph H. Oldham, William Temple, John Middleton Murray, T. S. Eliot, Adolph Löwe, H. A. Hodges, Fred Clarke, Alex Vidler und Michael Polany gehörten, die sich „The Moot“ nannte und sich mit der Bedeutung von Religion in der künftigen Gesellschaft auseinandersetzte. Anfang 1940 erlangte M. die brit. Staatsbürgerschaft. Nachhaltige Bedeutung erwarb er sich als Begründer und Herausgeber der „International Library of Sociology and Social Reconstruction“ beim Verlag Routledge & Kegan Paul, London, seit 1942. Kurz vor seinem Tod, und ohne darauf noch eingehen zu können, bekam M. das Angebot der Position des Direktors der europ. Abteilung der UNESCO und die Einladung, die Universität von Canberra (Australien) neu zu organisieren.

    Die Schwerpunkte des wissenschaftlichen Werkes von M. und deren Verlagerung waren bestimmt durch seine zweimalige geographisch-politisch-kulturelle Emigration. – In der „ungar. Phase“ dominierte die kulturphilosophische Ausrichtung und Problemstellung. Mit seinen Arbeiten zur Strukturanalyse der Erkenntnistheorie bemühte sich M. um Beiträge zu einer „Logik der Philosophie“, um die Erarbeitung einer Systematik, die die, dem historischen Wandel des Erkenntnisproblems nicht unterworfenen, konstitutiven sozialen Elemente der Erkenntnistheorie aufzeigen sollte.

    In seiner „deutschen Phase“, beeinflußt insbesondere durch Marx, Dilthey, Scheler und Max Weber, gelangte M. von einer philosophischen Analyse der Erkenntnistheorie zur allmählichen Entwicklung seiner Wissenssoziologie. Anknüpfend an wissenssoziologische Ansätze in der marxistischen Ideologiekritik, in der Durkheim-Schule, bei Nietzsche und Pareto, verdankt die Wissenssoziologie in den 20er Jahren ihre entscheidende Entwicklung den deutschen Soziologen Wilhelm Jerusalem, Max Scheler und insbesondere M. Dabei hob M. hervor, daß sich menschliches Denken und Erkennen nicht im Rahmen eines rein theoretischen Bewußtseins vollziehen, sondern von Einflußkräften des geschichtlich-gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs geformt werden. Wissen und Bewußtsein, so der Kerngedanke, sind immer soziales Wissen und Bewußtsein. Diese generelle soziale „Seinsverbundenheit des Denkens“ beeinflußt selbst die „Kategorialstruktur“ des Bewußtseins und die Kriterien der Erkenntnis. Die Abhängigkeit des Bewußtseins und Denkens der Menschen von ihrem jeweiligen sozialen Standort ist nicht aufhebbar. Mit dieser Konzeption des „totalen Ideologiebegriffs“ nimmt M. eine „radikale“ wissenssoziologische Position ein, der stereotyp vorgeworfen wurde, „Relativismus“ und „Nihilismus“ zu begünstigen. Es war M.s unablässiges Bestreben klarzustellen, daß der Gedanke der „Seinsverbundenheit“ keineswegs einen „Relativismus“ begründen solle, „bei dem jeder bzw. keiner Recht hat“, sondern „Relationismus“, „wonach bestimmte (qualitative) Wahrheiten gar nicht anders als seinsrelativ erfaßbar und formulierbar sind“. In Abgrenzung zur marxistischen Ideologiekritik, die darum bemüht ist, „falsches Bewußtsein“ als solches zu „entlarven“, geht es der M.schen Wissenssoziologie darum, die Sozialstandortgebundenheit des Denkens aufzuzeigen und bewußt zu machen. Es ist die Aufgabe der „sozial freischwebenden Intelligenz“ (Alfred Weber) – einer „relativ klassenlosen Schicht“ mit minimaler Abhängigkeit von bestimmten Interessen –, die mannigfaltigen sozialen Bedingtheiten des Denkens zu durchleuchten und somit Träger der Kultursynthese zu sein.

    Das bedeutendste Beispiel der empirischen Anwendung seines wissenssoziologischen Programms ist M.s Habilitationsschrift über den „konservativen Denkstil“, wie er sich zu Beginn des 19. Jh. herausgebildet hat („Altkonservatismus, Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens“ – teilw. publ. als: „Das konservative Denken, Soziologische Beiträge zum Werden des politisch-historischen Denkens in Deutschland“, 1927). Darin ging es M. um den Nachweis der „Seinsgebundenheit“ allen Denkens und Erkennens am Beispiel der Arbeiten von Justus Möser, Adam Müller und Friedrich Carl v. Savigny sowie um den Nachweis des Ursprungs des modernen Historismus in der „konservativen Bewegung“. Das international bekannteste Werk der Zeit als akademischer Lehrer in Heidelberg und Frankfurt wurde das Buch „Ideologie und Utopie“ (1929), das als Programmschrift der M.schen Wissenssoziologie angesehen werden kann und seinen Autor, spätestens seit der (veränderten) engl. Übersetzung von 1937, zum „Klassiker“ der internationalen Soziologie gemacht hat.

    In seiner „engl. Phase“, in der M. immer stärker unter den Einfluß der durch Pragmatismus, Behaviorismus, eine soziologisch gewendete Psychoanalyse und die empirische Sozialforschung geprägten anglo-amerikanischen Soziologie geriet, verbunden mit der distanzierten Betrachtung der Entwicklungen im NS-bestimmten Deutschland, befaßte M. sich zunehmend mit politischen Krisenerscheinungen in der Massendemokratie. Im Gegensatz zur einseitig zentral geleiteten Gesellschaft und zur „laisser-faire“-liberalen Demokratie, die die Gefahren des Umschlagens in eine totalitäre Diktatur einschließt, empfahl M. als „dritten Weg“ die „geplante Demokratie“. Planung vollzieht sich „als rationale Beherrschung der irrationalen Kräfte“. Die Gesellschaft der „geplanten Freiheit“ einer „streitbaren Demokratie“, die gegenüber dem Totalitarismus widerstandsfähig ist, setzt die Umformung des Menschen voraus, insbesondere durch Erziehung, Ausbreitung eines substantiellrationalen Denkstils und durch das Wirken sozial verantwortungsbewußter Eliten, die demokratische Verhaltensnormen und -weisen durchsetzen. Für die Herausbildung einer demokratisch geplanten Gesellschaft ist nach M.s Überzeugung die Zusammenarbeit von Soziologen und Theologen, die eine pragmatische Planungswissenschaft bzw. ein reformiertes Christentum repräsentieren, von großer Bedeutung.

    Die überdauernde Bedeutung M.s liegt in seinen Beiträgen zur Begründung der Wissenssoziologie und in seiner Entwicklung zu einem repräsentativen Kultur- und Gesellschaftskritiker seiner Zeit und einem intellektuellen Analytiker der modernen Demokratie. Durch seine ehemaligen Assistenten in Heidelberg (Hans Heinrich Gerth) und Frankfurt (Norbert Elias) und seine Schüler Kurt H. Wolff, Jean Floud und W. A. C. Stewart wurden diese Fragestellungen auch in die heutige internationale Soziologie mit bleibender Wirkung hineingetragen.

  • Werke

    Weitere W u. a. Das Problem d. Generationen, in: Kölner Vj.-Hh. f. Soziol. 7, 1928, S. 157-85, 309-30;
    Die Bedeutung d. Konkurrenz im Gebiete d. Geistigen, in: Verhh. d. 6. dt. Soziologentages, 1929, S. 35-83;
    Wissenssoziol., in: Hdwb. d. Soziol., hrsg. v. A. Vierkandt, 1931, S. 659-80;
    Die Gegenwartsaufgaben d. Soziol., Ihre Lehrgestalt, 1932;
    German Sociology (1918–33), in: Politica, 1, Febr. 1934, S. 12-33;
    Mensch u. Gesellschaft im Za. d. Umbaus, 1935 (erweitert, engl.: Man and Society in an Age of Reconstruction, 1940);
    Diagnosis of Our Time: Wartime Essays of a Sociologist, 1943 (dt.: Diagnose unserer Zeit, 1951);
    Freedom, Power and Democratic Planning, hrsg. v. E. K. Bramsted u. H. Gerth, 1950 (dt.: Freiheit u. geplante Demokratie, 1970);
    Essays on the Sociology of Knowledge, hrsg. v. P. Kecskemeti, 1952;
    Essays on Sociology and Social Psychology, hrsg. v. P. Kecskemeti, 1953;
    Essays on the Sociology of Culture, hrsg. v. E. Manheim u. P. Kecskemeti, 1956;
    Systematic Sociology, An Introduction to the Study of Society, hrsg. v. J. S. Erös u. W. A. C. Stewart, 1957;
    An Introduction to the Sociology of Education, 1962 (mit W. A. C. Stewart;
    dt.: Einführung in d. Soziol. d. Erziehung, 1973);
    Wissenssoziol., Ausw. aus d. Werk, eingel. u. hrsg. v. K. H. Wolff, 1964 (P);
    From Karl Mannheim, hrsg. v. K. H. Wolff, 1971;
    Strukturen d. Denkens, hrsg. v. D. Kettler, V. Meja u. N. Stehr, 1980 (engl.: Structures of Thinking, 1982);
    Konservatismus, Ein Btr. z. Soziol. d. Wissens, hrsg. v. D. Kettler, V. Meja u. N. Stehr, 1984 (engl.: Conservatism, 1986);
    Heidelberger Briefe, in: É. Karádi u. E. Vezér, Georg Lukács, K M. u. d. Sonntagskreis, 1985, S. 73-91.

  • Literatur

    M. Horkheimer, Ein neuer Ideologiebegriff?, in: Archiv f. d. Gesch. d. Sozialismus u. d. Arbeiterbewegung 15, 1930, S. 33-56;
    Th. W. Adorno, Über M.s Wissenssoziol., 1953/55;
    J. Floud, in: A. V. Judges (Hrsg.), The Function of Teaching, 1959, S. 40-66;
    F. W. Rempel, The Role of Values in K. M.s Sociology of Knowledge, 1965;
    D. Kettler, Marxismus u. Kultur, M. u. Lukács in d. ungar. Revolutionen 1918/19, 1967;
    W. A. C. Stewart, K. M. on Education and Social Thought, 1967;
    A. Neusüß, Utopisches Bewußtsein u. Freischwebende Intelligenz, Zur Wissenssoziol. K. M.s, 1968;
    G. W. Remmling, Wissenssoziol. u. Gesellschaftsplanung, Das Werk K. M.s, 1968;
    ders., The Sociology of K. M., With a Bibliographical Guide to the Sociology of Knowledge, 1975;
    E. Shils, in: Internat. Enc. of the Social Sciences IX, 1968, S. 557-62;
    R. K. Merton, K. M. and the Sociology of Knowledge, in: ders., Social Theory and Social Structure, 1968, S. 543-62;
    J. Floud, in: The Founding Fathers of Social Sciences, hrsg. v. T. Raison, 1969, S. 204-13;
    D. Boris, Krise u. Planung, Die pol. Soziol. im Spätwerk K. M.s 1971;
    D. Corradini, K. M., 21976;
    L. Coser, K. M., in: ders., Masters of Sociological Thought, 21977, S. 429-63;
    G. Baum, Truth Beyond Relativism: K. M.s Sociology of Knowledge, 1977;
    K. H. Wolff, in: Klassiker d. soziolog. Denkens, hrsg. v. D. Käsler, II, 1978, S. 286-387, 489-92, 545-65 (W-Verz. S. 410-19);
    A. P. Simonds, K M.s Sociology of Knowledge, 1978;
    H.-J. Lieber, in: Internat. Soziologenlex., hrsg. v. W. Bernsdorf u. H. Knospe, 21980;
    É. Karádi u. E. Vezér, A vasárnapi kör, 1980 (dt.: Georg Lukács, K. M. u. d. Sonntagskreis, 1985);
    G. Hartfiel u. K.-H. Hillmann, Wb. d. Soziol., 31982;
    Der Streit um d. Wissenssoziol., hrsg. v. V. Meja u. N. Stehr, 2 Bde., 1982;
    D. Kettler, V. Meja u. N. Stehr, K. M., 1984;
    D. Käsler, Die frühe dt. Soziol. 1909-34 u. ihre Entstehungs-Milieus, Eine wiss.soziolog. Unters., 1984;
    ders., Soziolog. Abenteuer, Earle Edward Eubank besucht europ. Soziologen im Sommer 1934, 1985 (P);
    C. Loader, The Intellectual Development of K. M., Culture, Politics, and Planning, 1985;
    M. Sárközi, The Influence of Georg Lukács on the Young K. M. in the Light of a Newly Discovered Diary, in: The Slavonic and East European Review 64, 3, 1986, S. 432-39;
    H. E. S. Woldring, K. M., the Development of his Thought: Philosophy, Sociology and Social Ethics, with a Detailed Biography, 1986 (W-Verz., P);
    Enc. Jud. 1971.

  • Autor

    Dirk Käsler
  • Empfohlene Zitierweise

    Käsler, Dirk; Kaesler, Dirk/später, "Mannheim, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 67-69 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118577190.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA