Lebensdaten
1837 bis 1886
Geburtsort
Heiligenstadt (Eichsfeld)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Industrieller
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117166839 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Löwe, Ludwig
  • Levi, Louis
  • Loewe, Ludwig

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Zitierweise

Loewe, Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd117166839.html [08.12.2016].

CC0

Loewe, Ludwig

* 27.11.1837 Heiligenstadt (Eichsfeld), 11.9.1886 Berlin.

  • Genealogie

    V N. N., Lehrer u. Kantor in H.; M N. N.; B Isidor (s. 2); Louise Lindenheim; 1 S, 1 T, u. a. Georg (* 1871), Dir. d. Berlin-Karlsruher Industriewerke (s. Rhdb., P).

  • Leben

    L. kam nach einer kaufmännischen Lehre 1858 nach Berlin, eröffnete hier zunächst ein Wollkommissionsgeschäft und begann dann mit der Reparatur und dem Verkauf von Maschinen. Nachrichten über neue Techniken der Metallbearbeitung in den USA regten ihn an, Maschinen nach amerikan. Erfahrungen selbst zu produzieren. Zudem sah er 1866, nach dem erfolgreichen Krieg Preußens, ein starkes Wachstum der Industrie voraus. Tatsächlich wurden viele neue Maschinenfabriken gegründet, die Ausrüstung brauchten. 1869 faßte L. den Entschluß zur Fabrikation von Haushalts-Nähmaschinen. Hierzu gründete er mit 25 000 Talern Kapital die|Ludwig Loewe & Co. KG auf Aktien in Berlin, der er selbst als einziger, persönlich haftender Gesellschafter vorstand. Nach einer Informationsreise in die USA (1870) begann L. mit amerikan. Werkzeugmaschinen von hoher Genauigkeit die Herstellung von Nähmaschinen nach der Konstruktion seines Ingenieurs Eduard Barthelmes ( 1888). L. hatte richtig erkannt, daß er mit importierten amerikan. Nähmaschinen nur konkurrieren konnte, wenn er nach amerikan. Methoden (Arbeitsteilung, hohe Stückzahlen, Austauschbau) fertigte. Zu Weihnachten 1871 brachte er sein erstes Modell auf den Markt. Bald aber zeigte sich, daß er die Verkaufsaussichten überschätzt hatte. Überangebot führte zu Preisdruck, so daß er den Plan hoher Stückzahlen aufgab und nur noch eine kleinere Menge in höherer Qualität und Preisklasse anbot. Ende der 70er Jahre stellte er die Produktion ein. Wie andere deutsche Nähmaschinenfabrikanten suchte auch L. nach weiteren Artikeln für seine Fabrik. Er entschied sich für den Werkzeug- und Werkzeugmaschinenbau, mit dem er schon 1873 für den eigenen Bedarf begonnen hatte, weil er nicht auf importierte amerikan. Maschinen angewiesen sein wollte, und fertigte zunächst Drehbänke, Schrauben-, Schleif-, Stoß- und Hobelmaschinen.

    Angeregt durch Barthelmes, der in der Waffenindustrie von Suhl (Thüringen) tätig gewesen war, fand L. einen Produktionsbereich, in dem er sein Vorhaben einer Massenfabrikation nach amerikan. Art verwirklichen konnte: Handfeuerwaffen und Munition. Nach dem günstigen Ausgang des deutsch- franz. Krieges verschaffte sich L. durch zwei Kapitalerhöhungen 1872 die Mittel, um ein Geschäft mit den Kgl. Preuß. Gewehrfabriken in Spandau abschließen zu können. Der Vertrag lautete auf Lieferung von Infanteriegewehr-Teilen nach Patenten der Brüder Wilhelm und Paul Mauser. 1874 nahm L. auch die Produktion von Artillerie-Munition auf. Dieser Fabrikationszweig rückte bald an die erste Stelle. Während damals viele Unternehmer an einen unbegrenzten Aufschwung glaubten, verzichtete L. jedoch auf eine übermäßige Erweiterung seiner Betriebe und verfolgte eine vorsichtige Finanzpolitik, durch die er den Anteil der Fremdmittel vermindern konnte. Die Produktion minderwertiger Ware zu niedrigen Preisen lehnte er ab und suchte statt dessen durch Qualität und Präzision den Ruf seiner Gesellschaft zu festigen. Mit Hilfe dieser Strategie überstand er die „Gründerkrise“ seit 1873 ohne Einbußen bei der Beschäftigung.

    Seit 1877 erhielt L. weitere große deutsche und russ. Regierungsaufträge für Waffen und Munition, die er bis 1883 abwickelte. Dann wandte er sich wieder stärker dem Werkzeugmaschinenbau zu und übernahm dafür sogar Aufträge aus den USA. Schon seit 1880 lieferte er vollständige Fabrikausrüstungen, so daß die Abteilung Maschinenbau neue Höchststände der Beschäftigung erreichte. 1882-85 kaufte L. an das Stammwerk angrenzende Grundstücke, um ein neues Fabrikgebäude zu errichten. In nur anderthalb Jahrzehnten hatte seine Gesellschaft Weltruf erlangt. Er hatte Fabrikationsverfahren von bis dahin in Deutschland nicht gekannter Genauigkeit und Güte eingeführt. Es war L.s Verdienst, den deutschen Werkzeugmaschinenbau auf das amerikan. Vorbild hingewiesen und ihn durch eigene unternehmerische Tätigkeit an dieses herangeführt zu haben.

    L. betätigte sich schon früh politisch. Nachdem er zunächst Lassalle und dem Leipziger Arbeiterkomitee nahegestanden hatte, schloß er sich der Fortschrittspartei an. Seit 1863 war er Stadtverordneter in Berlin und tat sich mit finanz- und schulpolitischen Initiativen hervor. Seit 1877 war er Mitglied des Preuß. Abgeordnetenhauses und seit 1878 Mitglied des Reichstags für den Wahlkreis Berlin I. L. war der einzige jüd. Industrielle unter den Parlamentariern der Fortschrittspartei (seit 1884 Freisinn). Er gehörte der Zolltarifkommission des Reichstags an und machte sich einen Namen als entschiedener Gegner der Schutzzollpolitik. Trotz einer fortschrittlichen Sozialpolitik in seinen eigenen Betrieben stand er der staatlichen Sozialversicherungsgesetzgebung der 80er Jahre kritisch gegenüber. In vielbeachteten temperamentvollen Reichstagsreden wandte er sich gegen den Antisemitismus. Er gehörte der Repräsentantenversammlung der Berliner jüd. Gemeinde und dem Komitee zur kulturellen Förderung der Ostjuden an.

  • Literatur

    Ludwig Loewe & Co. AG 25 J., 1895; G. Tischert, Aus d. Entwicklung d. Loewe-Konzerns, 1911; Matschoss, Technik, 1925; K. Zielenziger, Juden in d. dt. Wirtschaft, 1930, S. 99-111; E. Hamburger, Juden im öffentl. Leben Dtld.s, 1968.

  • Autor

    Hans Christoph Graf von Seherr-Thoß
  • Empfohlene Zitierweise

    Seherr-Thoß, Hans Christoph Graf von, "Loewe, Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 77-78 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd117166839.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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