Blessing, Karl

Lebensdaten
1900 – 1971
Geburtsort
Enzweihingen (heute Vaihingen an der Enz)
Sterbeort
Rasteau (Département Vaucluse, Frankreich)
Beruf/Funktion
Bankier ; Industriemanager
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 101631529 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Blessing, Karl Gottlob
  • Blessing, Karl
  • Blessing, Karl Gottlob
  • Blessing, Carl
  • Blessing, Carl Gottlob

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Zitierweise

Blessing, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd101631529.html#indexcontent [28.07.2026].

CC0

  • Blessing, Karl Gottlob

    1900 – 1971

    Bankier, Industriemanager

    Karl Blessing war ein seit den 1930er Jahren einflussreicher deutscher Zentralbankier und Industriemanager. Im NS-System wirkte er u. a. als „Wirtschaftsführer“ an der Integration der deutschen Industrie in die Kriegsökonomie mit. Als Präsident der Deutschen Bundesbank von 1958 bis 1969 verfolgte er konsequent das Ziel der Geldwertstabilität und prägte die Geld- und Währungspolitik der jungen Bundesrepublik.

    Lebensdaten

    Geboren am 5. Februar 1900 in Enzweihingen (heute Vaihingen an der Enz)
    Gestorben am 25. April 1971 in Rasteau (Département Vaucluse, Frankreich)
    Grabstätte Friedhof Neuenbürg-Waldrennach in Waldrennach (heute Neuenbürg, Nordschwarzwald)
    Konfession evangelisch
    Karl Blessing, Imago Images (InC)
    Karl Blessing, Imago Images (InC)
  • 5. Februar 1900 - Enzweihingen (heute Vaihingen an der Enz)

    1914 - 1917 - Vaihingen an der Enz

    Lehre als Textilkaufmann

    Gewerbeschule

    1917 - 1918 - Stuttgart

    Angestellter im Buchhandel; Abendkurse zum Erwerb der Mittleren Reife

    Friedrich-Eugens-Realschule

    1918 - 1919 - Stuttgart; Westfront

    Militärdienst ohne Kampfeinsatz

    Württembergische Armee

    1921 - 1925 - Berlin

    Studium der Wirtschaftswissenschaften (Abschluss: Diplom-Kaufmann)

    Handelshochschule

    1920 - Stuttgart; 1921 Berlin

    Anwärter

    Reichsbank

    1930 - 1934 - Basel

    Abteilungsleiter (entsandt durch die Reichsbank)

    Bank für Internationalen Zahlungsausgleich

    1934 - 1937 - Berlin

    Rückkehr; Generalreferent

    Reichsbank; Reichswirtschaftsministerium

    1937 - 1945

    Mitglied

    NSDAP

    1937 - 1939 - Berlin

    Mitglied (entlassen auf eigenen Wunsch)

    Direktorium der Reichsbank

    1939 - 1941 - Hamburg

    Mitglied

    Geschäftsleitung der deutschen Holdinggesellschaft des Unilever-Konzerns, Margarine-Verkaufs-Union GmbH

    1939 - 1945

    Mitglied

    Freundeskreis Reichsführer-SS

    1941 - 1945 - Berlin

    Mitglied

    Vorstand der Kontinentale Öl AG

    1945 - 1948 - Natternberg (Niederbayern); Oberursel; Darmstadt; Nürnberg; 1948 Vaihingen an der Enz

    Internierung; Spruchkammerverfahren (Urteil: entlastet)

    u. a. Zellengefängnis; Spruchkammer

    1948 - Hamburg

    Rückkehr; Mitglied

    Geschäftsleitung des Unilever-Konzerns in Deutschland, Margarine-Union GmbH

    1952 - 1958 - Hamburg

    Leitender Direktor

    Deutsche Unilever-Gruppe

    1958 - 1969 - Frankfurt am Main

    Präsident

    Deutsche Bundesbank

    25. April 1971 - Rasteau (Département Vaucluse, Frankreich)

    alternativer text
    Karl Blessing, BArch / Bildarchiv (InC)

    Ausbildung und Tätigkeit bis 1939

    Nach einer Lehre als Textilkaufmann und dem Erwerb der Mittleren Reife an der Friedrich-Eugens-Realschule in Stuttgart 1918 sowie kurzzeitigem Militärdienst ohne Kampfeinsatz bis 1919 trat Blessing 1920 als Anwärter in die Reichsbank ein. Neben seiner beruflichen Tätigkeit absolvierte er seit 1921 ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Handelshochschule Berlin, das er 1925 als Diplom-Kaufmann abschloss. In der Statistischen Abteilung der Reichsbank profilierte er sich als Experte für Devisen-, Transfer- und Reparationsfragen. Begünstigt durch die fachliche Wertschätzung von Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht (1877–1970), erhielt er seit 1929 die Gelegenheit, an internationalen Konferenzen teilzunehmen und wurde 1930 als Abteilungsleiter an die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel abgeordnet. 1934 kehrte er nach Deutschland zurück, folgte seinem Mentor Schacht als Generalreferent in das Reichswirtschaftsministerium und wurde 1937 auf dessen Veranlassung in das Direktorium der Reichsbank berufen; zuvor war er am 1. Mai 1937 in die NSDAP eingetreten. Als Mitunterzeichner eines Briefs der Reichsbankleitung an Adolf Hitler (1889–1945), worin die Methoden der Aufrüstungsfinanzierung kritisiert wurden, zog er sich Anfang Februar 1939 aus dem Direktorium zurück, nachdem zuvor die Mehrzahl der Mitglieder dieses Gremiums durch Hitler entlassen worden war.

    NS-Zeit

    In den folgenden Jahren arbeitete Blessing, der als fachlich versierter und loyaler Finanzexperte galt, in der Privatwirtschaft und der Rohstoffindustrie. Seine außenwirtschaftliche Expertise brachte er auch im neu gegründeten Beirat der Reichsbank und in verschiedenen Arbeitskreisen von NS-Ministerien ein; 1940/41 wirkte er an einer Auslandsaktion zum Rückkauf deutscher Schuldtitel mit. Hauptamtlich war er bis 1941 für eine deutsche Holdinggesellschaft des Unilever-Konzerns, die Margarine-Verkaufs-Union GmbH, tätig und arbeitete anschließend bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Aufsichtsrat bzw. als Vorstand der neu gegründeten staatlichen Erdölgesellschaft Kontinentale Öl AG. Sein Engagement zugunsten der Eigenständigkeit der deutschen Unternehmensteile des Unilever-Konzerns brachte ihn zeitweise in Konflikt mit Hermann Görings (1893–1946) Wirtschaftsapparat. Von 1941 bis 1945 war er in leitender Funktion beteiligt an Projekten zur Erschließung und Ausbeutung von Erdölreserven zugunsten der deutschen Kriegsführung in Europa und der Sowjetunion, wobei Tochtergesellschaften der Kontinentale Öl AG, darunter die Karpaten Öl AG, in Galizien Zwangsarbeiter beschäftigten.

    Spätestens seit 1943 war Blessings Haltung zum NS-Regime ambivalent. In seiner Vorstands- und Expertentätigkeit arbeitete er dem NS-Regime bis 1945 loyal und effektiv zu. Während er weiterhin die Veranstaltungen des Freundeskreises Reichsführer-SS besuchte, dem er seit 1939 angehörte, pflegte er daneben zeitweise Gesprächskontakte zum konservativen Widerstand. In den Gruppen um Carl Goerdeler (1884–1945) und Helmuth James Graf von Moltke (1907–1945) galt er als möglicher Kandidat für den Posten des künftigen Zentralbankpräsidenten oder des Wirtschaftsministers. Er war jedoch nicht eingebunden in operative Planungen zum Sturz Hitlers oder die Vorbereitungen zum Attentat vom 20. Juli 1944.

    Tätigkeit nach 1945, Präsident der Bundesbank

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verbrachte Blessing mehr als zwei Jahre in alliierter Internierung, u. a. im Nürnberger Zellengefängnis. Sein Entnazifizierungsverfahrens vor der Spruchkammer Vaihingen an der Enz endete Anfang Juni 1948 mit dem Urteil „entlastet“. Seit 1948/49 arbeitete er wieder im Vorstand der Margarine-Union GmbH, seit 1952 als Leitender Direktor der deutschen Unilever-Gruppe. Er äußerte sich weiterhin zu währungspolitischen Fragen und fungierte seit Mitte der 1950er Jahre als Mitglied eines wirtschaftspolitischen Beraterkreises um Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876–1967). Von Januar 1958 bis Ende 1969 amtierte er als Präsident der am 1. August 1957 errichteten Deutschen Bundesbank.

    In Blessings Amtszeit als westdeutscher Notenbankpräsident während einer Phase boomender Konjunktur, hoher Wachstumsraten und Vollbeschäftigung hatte eine antiinflatorische Währungs- und Wirtschaftspolitik Vorrang vor konjunktureller Expansion; Blessing wurde zum Exponenten eines bundesdeutschen Stabilitätsparadigmas. Unter den Bedingungen des Bretton-Woods-Systems fester Wechselkurse bei freier Konvertibilität der D-Mark seit 1958 und hoher Kapitalmobilität setzte die Bundesbank unter Blessings Leitung in der Geldpolitik auf die Anpassung von Diskont- und Lombardsatz, auf Mindestreserve- und Offenmarktpolitik; 1961 und 1969 akzeptierte sie nach langen Bedenken die Aufwertung der D-Mark. International vertraute Blessing bis in die späten 1960er Jahre auf die Wirksamkeit des Systems fester Wechselkurse und plädierte für das Festhalten am Gold-Devisen-Standard.

    Politisch und fachwissenschaftlich in der Bundesrepublik nie unumstritten, gerieten diese Variante der Notenbankpolitik und ihr Protagonist Blessing während der Phase der Konjunkturabflachung 1966/67 zunehmend in die Kritik, als mit den Konzepten der antizyklischen Finanzpolitik und der Globalsteuerung neue Lenkungsmodelle in den Vordergrund traten. Blessings bevorstehenden Ruhestand kommentierte „Der Spiegel“ mit dem Titel „Der Bremser geht“ (21.10.1968). Nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems wandte sich die Bundesregierung im März 1973 von dem System der festen Wechselkurse ab. Spätestens damit ging die „Ära Blessing“ in der westdeutschen Geld- und Währungspolitik zu Ende.

    1963 Goldener Ehrenring des Deutschen Museums, München
    1965 Dr. rer. oec. h. c., Universität Frankfurt am Main
    1965 Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
    1965 Ehrenbürger der Gemeinde Enzweihingen (heute Vaihingen an der Enz)
    1967 Karl-Bräuer-Preis des Bundes der Steuerzahler
    1969 Goethe-Medaille der Stadt Frankfurt am Main
    1969 Alexander-Rüstow-Plakette der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft
    1965 Mitglied des Kuratoriums der Fazit-Stiftung, Frankfurt am Main
    1970 Stiftungskommissar der Carl-Zeiss-Stiftung, Heidenheim

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Weitere Archivmaterialien:

    Bundesarchiv, Koblenz, Pers. 101/20 613. (Personalakte Karl Blessing)

    Historisches Archiv der Deutschen Bundesbank, Frankfurt am Main, B 330. (dienstlicher Briefwechsel, 1958–1969)

    Währungspolitik in der Weltkrise, in: Die Staatsbank 2 (1935), S. 307–310.

    Die internationale Währungslage, 1939.

    Die Verteidigung des Geldwertes, 1960.

    Im Kampf um gutes Geld, 1966, serbokroat. 1970.

    Willi A. Boelcke, Karl Blessing 1900–1921[!]. Der Großbankier aus Enzweihingen, in: Stadt Vaihingen (Hg.), Vaihinger Köpfe. Biographische Porträts aus fünf Jahrhunderten, 1993, S. 247–257.

    Christopher Kopper, Bankiers unterm Hakenkreuz, 2008, S. 183–205.

    Dieter Lindenlaub, Karl Blessing [1900–1971], in: Hans Pohl (Hg.), Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts, 2008, S. 13–34.

    Stefan Grüner, Karl Blessing (1900–1971). Von der Reichsbank zur Bundesbank, in: Magnus Brechtken/Ingo Loose (Hg.), Von der Reichsbank zur Bundesbank. Personen, Generationen und Konzepte zwischen Tradition, Kontinuität und Neubeginn, 2024, S. 95–104.

    Fotografien, 1957–1965, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)

  • Autor/in

    Stefan Grüner (München, Augsburg)

  • Zitierweise

    Grüner, Stefan, „Blessing, Karl“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd101631529.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA