Lebensdaten
1869 bis 1954
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Völkerkundler ; Ethnologe ; Soziologe ; Sozialpsychologe ; Rechtswissenschaftler ; Wirtschaftswissenschaftler
Konfession
katholisch,evangelisch
Normdaten
GND: 118757431 | OGND | VIAF: 27149253
Namensvarianten
  • Thurnwald, Richard Christian
  • Thurnwald, Richard
  • Thurnwald, Richard Christian
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Zitierweise

Thurnwald, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118757431.html [27.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    Väterlicherseits aus Bauern- u. Juristenfam., mütterlicherseits aus Fabrikanten- u. Ärztefam.;
    V Peter (1835–v. 1935), Hauptmagazineur in Tuschkau/Mies;
    M Ernestine Groll (1842–v. 1935), in W.;
    Gleschendorf b. Klingberg (Oldenburg) 1923 Hilde (Eva Hildegard) Schubert (s. 2).

  • Leben

    Nach Abschluß des Humanistischen Gymnasiums in der Wasagasse 1888 und einjährigem Militärdienst studierte T. seit 1890 an der Univ. Wien zunächst Geschichte und Jurisprudenz (bei Adolf Exner, 1841–94, u. Heinrich Lammasch, 1853–1920) und belegte Vorlesungen zur Nationalökonomie (bei Carl Menger, 1840–1921). Orientalistische und Sprachstudien (Türkisch, Arabisch) rundeten sein Studium ab. 1895 wurde er ohne Dissertation zum Dr. iur. promoviert.

    T., ein aktiver Sportler und Bergsteiger, beherrschte acht Sprachen. 1896 trat er in die bosn.-herzegovin. Landesregierung ein, wo er seine erste offizielle Feldforschung zum Kulturwandel durchführte. Nach eigener Aussage führte ihn die Zadruga, das traditionelle Netzwerk der Bewohner dieser Region, zur Ethnologie. Entscheidenden Einfluß auf die Fortsetzung seiner orientalistischen und ethnologischen Studien hatte 1899 die Begegnung mit dem Soziologen Ludwig Gumplowicz (1838–1909) in Graz.

    Bevor er 1906 zu von europ. Einflüssen noch wenig berührten Kulturen in Neuguinea aufbrach, arbeitete er u. a. über die Sozialstruktur im alten Ägypten und war wiss. Hilfsarbeiter am kgl. Museum für Völkerkunde in Berlin (1901) unter Felix v. Luschan (1854– 1924) in der Afrikanisch-Ozeanischen Abteilung. Daneben widmete er sich sozialpolitischen Themen und schrieb für das Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie. 1905 wurde er Mitbegründer der Gesellschaft für Rassenhygiene (mit Alfred Ploetz u. Ernst Rüdin). 1906–09 und nochmals 1912–15 hielt er sich als Feldforscher, der gleichzeitig psychologisch, linguistisch, anthropologisch und kartographisch arbeitete, im damaligen Dt. Südsee-Schutzgebiet auf. Teilergebnisse der ersten Reise erschienen fachübergreifend in zahlreichen Publikationen, auch zur Verwaltung der Kolonien äußerte er sich mehrfach. In „Forschungen auf den Salomo-Inseln und dem Bismarck-Archipel, Lieder und Sagen aus Buin“ (Bd.I, 1912) ließ er erstmals die indigene Bevölkerung selbst zu Wort kommen, um deren Meinungen und Denken wiederzugeben. Als verspäteter Teilnehmer der Kaiserin-Augusta-Fluß-Expedition erreichte T. 1914, bei Ausbruch des 1. Weltkriegs, als erster Weißer das Quellgebiet des Sepik in Neuguinea. Über Berkeley (Kalifornien, USA), wo er mit den US-amerik. Kollegen zusammenarbeitete, kehrte er nach Deutschland zurück. Der größte Teil seiner Feldnotizen über bislang nicht kontaktierte Bevölkerungsgruppen ging durch die Kriegsereignisse verloren. Mit der Erörterung der Einwirkung komplexer sozialer Strukturen auf die Psyche ihrer Individuen verfaßte T. eine der ersten Monographien über eine melanesische Kultur: „Die Gemeinde der Bánaro“ (1916 u. in erweiterter Form 1920/21). Er analysierte darin sowohl melanesische, als auch für die europ. Entwicklung relevante Formen der Ehe und hob das Prinzip der Gegenseitigkeit hervor. Dieses Werk markiert den Paradigmenwechsel der Ethnologie aus den Naturwissenschaften zu einer Sozialwissenschaft.

    Kurzzeitig Privatdozent an der Univ. Halle (1919–23), habilitierte sich T. mit „Psychologie des Totemismus“ 1923 in Berlin für Völkerpsychologie, Soziologie und Ethnologie. Im selben Jahr heiratete er Hilde Schubert. Als nichtbeamteter ao. Professor lehrte T. in Berlin. 1924 nahm er eine klare Trennung zwischen biologischen und soziologischen Begriffen in den Geisteswissenschaften vor (Zur Kritik der Gesellschaftsbiologie, 1924) und formulierte sein Konzept der „sozialen Siebung“ (heute Siebungstheorie). 1925 gründete er die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie“ (seit März 1932 „Sociologus“). In den zwanziger Jahren arbeitete er u. a. an einer Enzyklopädie der Sozialanthropologie, die in sein Hauptwerk „Die menschliche Gesellschaft in ihren ethnosoziologischen Grundlagen“ (5 Bde., 1931–35) einfloß. 1931 erschien in Oxford „Economics in Primitive Communities“, ein Klassiker der Wirtschaftsethnologie. Gemeinsam mit seiner Frau führte er, finanziert vom International Institute of African Languages and Cultures, 1930–31 Feldforschungen zum Kulturwandel in Tanganyika durch. Danach hatte er Gastprofessuren in Yale and Harvard inne, unterbrochen durch neuerliche Feldforschung in Bougainville 1933 (im Auftrag des Australian National Research Council). Nachdem eine Übersiedlung in die USA vornehmlich aus Altersgründen gescheitert war, wurde T. 1935 Honorarprofessor an der Univ. Berlin. Nach dem Tod von Konrad Theodor Preuß (1869–1938) übernahm er 1939 die Herausgeberschaft des „Lehrbuchs der Völkerkunde“. 1946 zum o. Professor an der Humboldt-Univ. berufen, wechselte T. 1948/49 an die neugegründete Freie Universität Berlin.

    T. stand in stetigem Dialog mit führenden Wissenschaftlern seiner Zeit, so konnte er etwa Bronisław Malinowski, Friedrich Alverdes, William Fielding Ogburn, Sebald Rudolf Steinmetz, Pitirim Aleksandrovich Sorokin, Edward Sapir und Alfred Vierkandt zur Mitarbeit an der „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie“ gewinnen. Im Zentrum von T.s zukunftsweisendem Werk standen die Prozesse des sozialen Wandels und die diesem zugrundeliegenden Phänomene. „Black and White in East Africa“ (1935) ist ein Beitrag zur modernen Entwicklungssoziologie. T. wandte sich gegen die mechanistische Sicht des Kulturkontaktes der Kulturkreislehre P. Wilhelm Schmidts (1868–1954) und lehnte auch die Weberschen Idealtypen ab, die keine Entsprechung in der Wirklichkeit hätten. T.s Ansatz entspricht am ehesten dem gesamtanthropologischen der amerik. Cultural Anthropology, mit deren führenden Vertretern er im Austausch stand (Franz Boas, Alfred Louis Kroeber, Edward Winslow Gifford, Robert Harry Lowie). Stets bestrebt, die sozialen und psychischen Determinanten der menschlichen Gesellschaftsordnungen unter Einbeziehung historischer Entwicklungen zu analysieren und für die Gegenwart nutzbar zu machen, war T. ein Vorläufer des systemtheoretischen Denkens. Sein Lebenswerk fand seinen Abschluß in der Gründung des Instituts für Soziologie und Ethnologie 1946 (seit 1951 FU Berlin) und der Wiederbegründung des „Sociologus“ (N. F., Forschungen zur Ethnologie und Sozialpsychologie) 1951. International anerkannt sind T.s Pionierarbeiten auf dem Gebiet der Rechts- und Wirtschaftsethnologie, der Sozialpsychologie, der Ethnosoziologie und seine Beiträge zur Landeserkundung Neuguineas, die zunehmend in aktuelle Forschungen einfließen.

  • Auszeichnungen

    A Kronen-Orden IV. Kl. (1911); Mitgl. d. Berliner Ges. f. Anthropol., Ethnol. u. Urgesch. (1901) u. d. Leopoldina (1932); Ehrenmitgl. d. Royal Anthropological Inst. of Great Britain and Ireland (1925); 1950 Ehrenvizepräs. d. Inst. of Ethnic Affairs, Washington D. C. (1950) u. d. Inst. Internat. de Sociologie (1950); – Benennung e. Bergkette in Neuguinea.

  • Werke

    Weitere W Ethno-psychol. Studien an Südseevölkern, 1913;
    The Psychology of Acculturation, in: American Anthropologist 34, 1932, S. 557–69;
    Des|Menschengeistes Erwachen, Wachsen u. Irren, Versuch e. Paläopsychol. v. Naturvölkern mit Einschluß d. archaischen Stufe u. d. allg. menschl. Züge, 1951, franz. u. d. T. L’Esprit Humain, 1953;
    W-Verz.: Melk-Koch, 1989 (s. L), S. 326–51.

  • Literatur

    L L. Adam, in: Oceania, 1955, S. 145–55;
    R. H. Lowie, in: American Anthropologist, N. S. 56 (5,1), Okt. 1954, S. 863–67;
    M. Melk-Koch, Auf der Suche nach d. menschl. Ges., R. T., Diss. Berlin 1989 (P); dies., R. T. u. d. Siebungstheorie, in: Anthropol. Anz. 54, 1996, S. 71–81;
    dies., in: Hauptwerke d. Ethnol., hg. v. Ch. Feest u. K.-H. Kohl, 2001, S. 480–84;
    dies., Remembering Bernard Juillerat, Visting the Bánaro after R. T., in: Journ. de la Société des Océanistes, 2010, S. 130 f.;
    Eigene Archivstud.: Berlin, HU, FU, Mus. f. Völkerkde., BA Aktenbestand Reichskolonialamt; Nat. Archives of Australia, Manuscripts and Archives, Yale Univ.

  • Autor/in

    Marion Melk-Koch
  • Empfohlene Zitierweise

    Melk-Koch, Marion, "Thurnwald, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 235-237 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118757431.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA