Lebensdaten
1886 bis 1965
Beruf/Funktion
evangelischer Treligiöser Sozialist ; evangelischer Theologe ; Religionsphilosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118622692 | OGND | VIAF: 76323576
Namensvarianten
  • Tillich, Paul Johannes Oskar
  • Tillich, Paul
  • Tillich, Paul Johannes Oskar
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Tillich, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622692.html [15.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes Oskar (1857–1937), luth. Pfarrer in St., 1891 in Schönfließ (Neumark), 1901 an d. Bethlehemsgde. in Berlin, 1891 Sup., Geh. Konsistorialrat, S d. Oskar (1828–1914), Silberfabr.;
    M Wilhelmine Mathilde (1860–1903), T d. Gustav Dürselen (* 1837, ref.), aus Odenkirchen b. Mönchengladbach, u. d. Amalia N. N.;
    2 Schw Johanna Maria (1889–1920, Alfred Fritz, 1886–1963, aus Stuttgart, 1912 Pfarrer in Butterfelde, 1916 Missionsinsp. in Bremen, 1922 an d. franz.ref. Gde. in Frankfurt/M., Leiter d. Magdalenenstifts, zuletzt Leiter d. Fürsorgearb. im Diakonissenhaus Teltow, S d. Gottlieb Fritz, Missionsinsp.), Elisabeth Johanna Mathilde (* 1893);
    1) Butterfelde (Neumark) 1914 1921 Margarethe (Greti) (1888–1968), aus Lietzen, T d. Wilhelm Wever, preuß. Gutsverw., u. d. Mathilde N. N., 2) Friedersdorf (Oberlausitz) 1924 Hannah Werner (1896–1988, 1] 1920–22 Albert Gottschow, wohl 1891–1977, Maler, Graphiker, Bildhauer, Kunsterzieher, s. AKL), Zeichenlehrerin (s. L), T e. Schulrektors in Marburg;
    1 S René Johannes Stefan (Rene Stephen) (* 1935, Linda Meyerson, 1941–81, Psychol.), Dr. phil., Psychol. an d. Univ. of California in Berkeley, gründete mit seiner Frau d. King Kalakaua Center for Humastic Psychotherapy in Honolulu;
    1 T Erdmuthe (Mutie) (* 1926, Theodore N. Farris), Dr.;
    E Theodore (Ted) N. Farris (* 1953), Madeleine (* 1956).

  • Leben

    T. besuchte seit 1898 das Gymnasium in Königsberg (Neumark) und nach dem Umzug der Familie nach Berlin 1900 das dortige Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. Im Anschluß an das Abitur 1904 studierte er ev. Theologie in Berlin, 1905 in Tübingen und 1905/06 in Halle/Saale. Dort engagierte sich T. in der christlichen Studentenverbindung „Wingolf“ und fand in den positiven Theologen Wilhelm Lütgert (1867–1938) und Martin Kähler (1835–1912) seine wichtigsten Lehrer. Der Philosoph Fritz Medicus (1876–1956) brachte T. den Dt. Idealismus nahe. Seit 1907 zurück in Berlin, legte T. hier 1909 sein 1. theol. Examen ab. 1910 wurde er mit der Arbeit „Die religionsgeschichtliche Konstruktion in Schellings positiver Philosophie, ihre Voraussetzungen und Prinzipien“ bei Eugen Kühnemann (1868–1946) in Breslau zum Dr. phil. promoviert. 1912 folgte die Promotion zum Lic. theol. in Halle mit der von Lütgert betreuten Dissertation „Mystik und Schuldbewußtsein in Schellings philosophischer Entwicklung“. Ein plastisches Panorama seiner Studienzeit entfaltete T. 1943 brieflich gegenüber Thomas Mann, der sich für seine Arbeit am „Doktor Faustus“ Informationen über das Theologiestudium zu Jahrhundertbeginn erbeten hatte (s. Th. Mann, Ges. Werke XIII, S. 22–27). Nach dem 2. theol. Examen wurde T. 1912 zum Pastor der Ev. Kirche der Altpreuß. Union ordiniert und wirkte bis 1914 als Hilfsprediger in Berlin-Moabit.

    1914–18 diente T. als Feldprediger an der Westfront. Nach anfänglicher Kriegsbegeisterung stellte sich bei ihm allmählich Ernüchterung ein, die in Nervenzusammenbrüche mündete. 1916 habilitierte er sich in Halle mit der Schrift „Begriff des Übernatürlichen, sein dialektischer Charakter und das Prinzip der Identität, dargestellt an der supranaturalistischen Theologie vor Schleiermacher“. Anschließend an die Umhabilitation nach Berlin 1919 arbeitete T. hier als Stadtvikar. Mit gleichgesinnten Freunden wie Günther Dehn (1882–1970), Carl Mennicke (1887–1958), Alexander Rüstow (1885–1963) und Adolf Löwe (1893–1995) begründete er 1919 den „Kairos-Kreis“, doch gelang es der Gruppe nicht, den Anspruch einer kairoshaften Übereinstimmung von gegenwärtiger politisch-sozialer Lage und Reich-Gottes-Vorstellung in breitere, revolutionär zu begeisternde Schichten zu übertragen. Rezeptionslenkend stilisierte sich T. als Schüler Ernst Troeltschs (1865–1923) und widmete diesem 1923 sein „System der Wissenschaften nach Gegenständen und Methoden“. Darin bemühte er sich um eine wissenschaftstheoretische Klärung des Verhältnisses von Theologie und Philosophie und legte die Grundlagen für spätere Theoriebildungen.

    1924 folgte T. dem Ruf auf eine ao. Professur nach Marburg. 1925 wechselte er auf eine o. Professur für Religionswissenschaften und Sozialphilosophie an die TH Dresden. 1927–29 lehrte er zugleich an der Univ. Leipzig als Honorarprofessor für Systematische Theologie. 1929 nahm er mit Unterstützung des sozialdemokratischen preuß. Kultusministers Carl Heinrich Becker (1876–1933) einen Ruf als Nachfolger von Hans Cornelius (1863– 1947) auf den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie nach Frankfurt/M. an. Hier stand er in enger Verbindung zu Leitfiguren der Kritischen Theorie, wie Max Horkheimer (1895– 1973), Leo Löwenthal (1900–93), Friedrich Pollock (1894–1970), Herbert Marcuse (1898– 1979) und Theodor W. Adorno (1903–69), der sein Assistent war.

    In der Anfangsphase des Nationalsozialismus schwankte T. zwischen der Erwartung, an einem möglichen staatlichen Umbau gestaltend mitwirken zu können, und harscher Ablehnung völkisch-nationalen Gedankenguts. Am 13. 4. 1933 wurde er, seit 1929 SPD-Mitglied, von Reichskommissar Bernhard Rust beurlaubt (offizielle Entlassung 20. 12. 1933). T.s programmatische Schrift „Die sozialistische Entscheidung“, die kurz nach ihrer Veröffentlichung im Jan. 1933 verboten worden war, gehörte zu den am 10. 5. 1933 verbrannten Büchern.

    1933 ging T. nach New York, um an der Columbia Univ. und am Union Theological Seminary zu lehren. Hier erhielt er 1940 eine Professur für Philosophische Theologie (amerik. Staatsbürger 1940). T. war vielfach eingebunden in den Kampf gegen den Nationalsozialismus, in die Unterstützung anderer Exilanten und die theoretische Standortbestimmung der dt. Emigration in den USA. Die kritische Auseinandersetzung mit seinem einst engen Freund, dem nationalsozialistisch ausgerichteten Göttinger Theologen Emanuel Hirsch (1888–1972), dokumentiert T.s Verurteilung des NS-Staats. 1936 half er, die „Self-Help for Emigrees“ in New York zu gründen und wurde deren erster Vorsitzender. 1944 übernahm er den zuvor von Thomas Mann ausgeschlagenen Vorsitz des „Council for a Democratic Germany“, von dessen Vorstellungen zu einer Umgestaltung des von den Alliierten besiegten Deutschlands T. die Eliten der USA jedoch nicht überzeugen konnte. Nach 1945 ließ T.s politisches Engagement zunehmend nach.

    T.s Hauptwerk, seine „Systematic Theology“ (3 Bde., 1951–63, dt. 1955–66), weist Theologie als „eine Funktion der christlichen Kirche“ aus, deren Erfordernissen sie zu entsprechen habe. Konsequent bemühte sich T. in seiner „Korrelationsmethode“, theologische, religiöse und philosophische Aussagen mit zeitgebundenen, aktuellen Fragen zu verbinden und sie in einen umfassenderen kulturellen und politischen Kontext einzubetten. Verstärkt durch mehrere eigene Analyseerfahrungen entwickelte T. ein Interesse an der Tiefenpsychologie, durch deren Einbezug er die existentielle Dimension seiner Theologie verstärkte. 1955 folgte er einem Ruf als University Professor nach Harvard. Nach seiner Pensionierung 1962 ging er als „John Nuveen Professor“ an die Theol. Fakultät nach Chicago. Mit vielfach in andere Sprachen übersetzten Abhandlungen wie „The Courage to Be“ (1952, dt. 1953) und „The Protestant Era“ (1948, dt. 1950) sowie Predigtsammlungen (The Shaking of the Foundations, 1948, dt. 1952; The New Being, 1955, dt. 1957; The Eternal Now, 1963, dt. 1964) erreichte er ein weltweites Lesepublikum. 1960 unternahm T. eine Reise nach Japan, die er zur Revision seiner bisherigen Theologie nutzte. In den Mittelpunkt trat nun, auch im Dialog mit Mircea Eliade (1907–86), die religionswissenschaftlich orientierte Untersuchung des Verhältnisses zwischen dem Christentum und anderen Weltreligionen.

    Anders als sein großer Antipode Karl Barth (1886–1968) begründete T. keine Schule im engeren Sinne, doch ist sein Einfluß auf Theologie und Religionsphilosophie, insbesondere in Nordamerika, Deutschland und Japan, bis heute enorm. T. gilt als wirkmächtiger Impulsgeber einer Verbindung von religiösen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisbemühungen mit einer kritischen Politischen Theologie.

  • Auszeichnungen

    A Dr. theol. h. c. (Halle/Saale 1925); Dr. of Divinity (Glasgow 1951 u. Harvard 1954); Dr. phil. h. c. (FU Berlin); 10 Ehrendoktorwürden in d. USA; GoetheMedaille d. Stadt Frankfurt/M. (1956); Gr. Verdienstorden d. Bundesrep. Dtld. (1956); Hanseat. Goethepreis d. Stadt Hamburg (1958); Friedenspreis d. dt. Buchhandels (1962); – Kr. d. Freunde P. T.s e. V. (1960), seit 1969 P. T.-Ges., seit 1980 Dt. P. T.-Ges.; T.-Park, New Harmony (1963); North American P. T. Soc. (1975); L’association P. T. d’expression française (1978); T. Forsch.zentrum, Quebec (1983); P. T. genootschap Nederland/Belgie (1993).

  • Werke

    W u. a. Kairos, in: Die Tat 14, 1922/23, S. 330–50;
    Masse u. Geist, Stud. z. Philos. d. Masse, 1922;
    Kirche u. Kultur, 1924;
    Rechtfertigung u. Zweifel, 1924;
    Das Dämonische, Ein Btr. z. Sinndeutung d. Gesch., 1926;
    Die rel. Lage d. Gegenwart, 1926;
    Kairos, Zur Geisteslage u. Geisteswendung, 2 Bde., 1926/29 (Hg.);
    Die rel. Verwirklichung, 1930;
    Hegel u. Goethe, 1932;
    Die Theol. d. Kairos u. d. gegenwärtige geist. Lage, Offener Brief an Emanuel Hirsch, in: Theol. Bll. 13, 1934, Nr. 11, S. 305–28;
    The Interpretation of Hist., 1936;
    Love, Power, and Justice, 1954, dt. 1955;
    Dynamics of Faith, hg. v. R. N. Anshen, 1957, dt. 1961;
    Theology of Culture, hg. v. R. C. Kimball, 1959;
    Morality and Beyond, hg. v. R. N. Anshen, 1963;
    Ultimate Concern, T. in Dialogue, hg. v. D. Mackenzie Brown, 1965;
    The Future of Religions, hg. v. J. C. Brauer, 1966;
    My Travel Diary, 1936, Between two Worlds, hg. v. J. C. Brauer, 1970;
    – Gesammelte Werke (GW), hg. v. R. Albrecht u. a., 14 Bde., 1959–75;
    Gesammelte Werke, Erg.- u. Nachlaßbde. (GWE), hg. v. R. Albrecht u. a., seit 1971, bisher 18 Bde.;
    Main Works/Hauptwerke [MW/HW], hg. v. C. H. Ratschow, 6 Bde., 1987–98;
    Bibliogr.: R. Albrecht u. W. Schüßler (Hg.), Schlüssel z. Werk v. P. T., Textgesch. u. Bibliogr. sowie Reg. zu d. Gesammelten Werken, GW 14, 2 1990 (Ergg. im Internetangebot d. Dt. P. T. Ges.);
    Nachlaß: Andover-Harvard Theological Library;
    Univ.bibl. Marburg.

  • Literatur

    L J. Radkau, Die dt. Emigration in d. USA, Ihr Einfluß auf d. amerik. Europapol. 1933–1945, 1971;
    Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, dt. u. d. T. Ich allein bin, Mein Leben, 1993;
    R. May, Paulus, Reminiscences of a Friendship, 1973;
    W. u. M. Pauck, P. T., His Life and Thought, 1976, dt. u. d. T. P. T., Sein Leben u. Denken, 1978 (P);
    G. Wenz, Subjekt u. Sein, Die Entwicklung d. Theol. P. T., 1979;
    G. Wehr, P. T., in Selbstzeugnissen u. Bilddok., 1979 (P);
    C. H. Ratschow, Einf. P. T., Ein biogr. Bild seiner Gedanken, in: T.-Auswahl, Bd. 1, hg. v. M. Baumotte, 1980, S. 11–104;
    H. Fischer (Hg.), P. T., Stud. zu e. Theol. d. Moderne, 1989;
    C. Danz, Rel. als Freiheitsbewußtsein, Eine Stud. z. Theol. als Theorie d. Konstitutionsbedingungen individueller Subjektivität b. P. T., 2000;
    A. Christophersen u. C. Schulze, Chronol. e. Eklats, Hannah Arendt u. P. T., in: Zs. f. Neuere Theol.gesch., 2002, S. 98–130;
    dies. (Hg.), Hannah Arendt, P. T., Briefwechsel, ebd., S. 131–56;
    A. Christophersen, Rudolf Bultmann u. P. T., in: F. W. Graf (Hg.), Klassiker d. Theol., Bd. 2, 2005, S. 190–222;
    ders., Kairos, Prot. Zeitdeutungskämpfe in d. Weimarer Rep., 2008;
    W. Schüßler u. E. Sturm, P. T., Leben, Werk, Wirkung, 2007 (P);
    G. Neugebauer, T.s frühe Christol., Eine Unters. zu Offenbarung u. Gesch. b. T. vor d. Hintergrund seiner Schellingrezeption, 2007;
    F. W. Graf, Der Hl. Zeitgeist, Stud. z. Ideengesch. d. prot. Theol. in d. Weimarer Rep., 2011;
    T. Fukai (Hg.), P. T., Journey to Japan in 1960, 2013;
    BHdE I;
    BBKL XII (W, L);
    LThK3;
    RGG3+4;
    TRE 33;
    Kosch, Lit.-Lex. 3 (W, L);
    Killy;
    Professoren Theol. Leipzig; Munzinger.

  • Portraits

    P Bronzebüste v. J. Rosati, 1967 (New Harmony, T.Park)

  • Autor/in

    Alf Christophersen
  • Empfohlene Zitierweise

    Christophersen, Alf, "Tillich, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 281-283 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622692.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA