Lebensdaten
1893 bis 1972
Geburtsort
Bremen
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Architekt
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118606565 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Scharoun, Bernhard Hans Henry
  • Scharoun, Hans
  • Scharoun, Bernhard Hans Henry

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Zitierweise

Scharoun, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606565.html [18.11.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Bernhard Emil (1861–1911, kath., vermutl. seit 1889 ev.), aus böhm. Fam., Kaufm. in Bremen, seit 1894 kaufm. Dir. d. neugegr. „Karlsburg-Brauerei“ in Bremerhaven, S d. Bernhard (1829–80), Postsekr. in Bremen u. Bremerhaven, u. d. Anna Elisabeth Engelke (1828–70);
    Ur-Gvv Vaclav Šaraun (Wenzel Scharoun) (1788–1860), Schuhmacher, kam zu Beginn d. 19. Jh. aus Solnice (Böhmen) als wandernder Handwerker nach Bremen, wo er d. Bürgerrecht erwarb;
    M Friederike (Frieda) (1867–1943), aus lüneburg. Fam., T d. Heinrich Carl Sevecke (1833–1907), kaufm. Leiter d. „Portland-Cementfabrik Gebr. Heyn“ in Lüneburg, u. d. Sophie Charlotte Katherine Ude (1845–1900), aus Schmiedemeisterfam. in Lüneburg;
    1) Bremerhaven 1920 1960 Anne-Marie (Aenne) (1890–1967), T d. Georg Hoffmeyer, Bauunternehmer, Architekt in Bremerhaven, 2) Berlin 1960 Margit v. Plato (1902–85), Modejournalistin; Schwager Hans Helmuth Hoffmeyer (1892–1974), Dr. iur., RA, Notar, Kommunalpol. in Bremerhaven (s. Bremerhavener Persönlichkeiten; W).

  • Leben

    S. besuchte seit 1900 das Gymnasium in Bremerhaven und begann 1912 das Studium der Architektur an der TH Charlottenburg. Von Paul Kruchen (1871–1947) an dessen Arbeiten beteiligt, wurde S., als er sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst meldete, 1915 in das Militär-Baubüro zum Wiederaufbau Ostpreußens geholt. 1917 nahm Kruchen ihn als stellvertretenden Leiter seines Bauberatungsamtes nach Insterburg mit. Seit April 1919 führte S. das ehemals staatliche Büro von Kruchen als freier Architekt; besondere Bedeutung in den folgenden Jahren gewannen die Freundschaften mit Bruno Taut (1880–1938), Walter Gropius (1883–1969), Otto Bartning (1883–1959), Mies van der Rohe (1886–1969) und Hugo Häring (1882–1958), dem Vertreter des „organhaften“ Bauen. 1919 wurde S. Mitglied der von Taut angeregten „Gläsernen Kette“ (1919-20), einer Vereinigung von Architekten, Künstlern und Kritikern, die in utopisch-expressionistischen Entwürfen über die Architektur der Zukunft nachdachte. Mit den Wettbewerbsbeiträgen der frühen 20er Jahre (u. a. Postneubau in Bremen 1921, Hochhaus in Berlin 1922, Brückenkopf in Köln 1925) fand S. zu eigenständigen, gleichermaßen aus der Analyse des Umfeldes und der Funktion des Baues entwickelten Lösungen. Er beschäftigte sich mit nahezu allen die Großstadt betreffenden Bauaufgaben: Städtebau und Verkehr, Rathaus-, Post- und Verwaltungsbauten, Handels- und Kaufhäuser, Museen, Theater, Kursaal- und Ausstellungsgebäude.

    1925 auf den Lehrstuhl für Kunstgewerbe an der Kunstakademie Breslau berufen, suchte S. von hier aus in Berlin tätig zu werden. Seit 1926 führte er mit Adolf Rading (1888–1957) und Kruchen ein Büro in der Hauptstadt und trat der avantgardistischen Architektenvereinigung „Der Ring“ bei. Seit 1925 war er Mitglied auch des Deutschen Werkbundes. Die Aufbruchstimmung des „Neuen Bauens“ inspirierte S. besonders da, wo es um neue Formen des Wohnens für den Typ des Großstadtmenschen ging – vom Wohn- und Ledigenheim in Breslau 1928/29 bis zu den Junggesellenhäusern (1928–30) und der Großsiedlung (1929–31) in Berlin. Die ersten Ideen eines Einfamilienhauses in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung (1927) setzte er im Haus Schminke in Löbau (1930–33) in eine faszinierende Offenheit und Flexibilität um.

    Nach Schließung der Kunstakademie 1932 siedelte S. endgültig von Breslau nach Berlin über. Die – quantitativ zunehmenden – Arbeiten der folgenden Jahre zeigen den Einfluß des „Dritten Reichs“: Die Einfamilienhäuser ersetzen Offenheit durch Abschirmung, die Moderne des „Neuen Bauens“ durch einen verfremdenden Heimatstil im äußeren Erscheinungsbild (Haus Baensch 1934/35, Haus Mohrmann 1938/39). Die Siedlungen unterlagen der Formensprache nationalsozialistischen Bauens (Wohnanlage in Berlin-Spandau 1930-32/1933-40). Selbst die Aquarelle und Zeichnungen, die seit 1940 entstanden, verzichteten nicht auf Monumentalismus.

    1945 wurde S. der erste Stadtbaurat des befreiten Berlin (bis 1947), 1947 Ordinarius für Städtebau an der TU Berlin (bis 1958), im Oktober desselben Jahres Direktor des neu gegründeten Instituts für Bauwesen an der Akademie der Wissenschaften (bis 1950). Den Wiederaufbau der zerstörten Stadt sahen S. und sein „Planungskollektiv“ unter dem Leitbild der „Stadtlandschaft“ als Vision von sozialer und räumlicher Neuordnung (1946 „Kollektivplan“ in d. Ausst. „Berlin plant -Erster Bericht“, 1949/50 „Wohnzelle Friedrichshain“). Mit Wils Ebert (1909–79) konkretisierte S. die Idee der Stadtlandschaft im „Hauptstadtwettbewerb 1958“ (2. Preis).

    1955 wurde S. zum Präsident der neu gegründeten Akademie der Künste ernannt. Das Wohnen und Bauen für die Gemeinschaft, bestimmend für sein Schaffen auch in der Bundesrepublik, spiegelten unter dem Eindruck des Darmstädter Gesprächs über „Mensch und Raum“ 1951 das Bemühen um eine demokratische Architektur. Von der gebauten Pädagogik der Schule (Entwurf Volksschule Darmstadt 1951) über die neue Repräsentation des Theaters als einer Konfiguration aus Orten, Wegen und Plätzen (Entwurf Staatstheater Kassel 1953/54), die Hochhäuser zum Wohnen („Romeo u. Julia“, Stuttgart 1954–71) und die Großsiedlung Charlottenburg-Nord in Berlin 1954–61, die in „Wohngehöften“ nicht nur das Verhältnis von Baukörpern und Zwischenräumen, sondern auch das von Individuum und Gesellschaft neu definierte, reichen S.s Arbeiten bis zum Meisterentwurf der Philharmonie (1957–63).

    Planung bedeutete für S., dem Nutzer privater wie öffentlicher Räume größtmögliche Freiheit anzubieten. Er war, jenseits aller Tendenzen, ein „Großmeister einer scheinbar zeitlosen Organik“ (Huse). Architekten wie Chen-Kuan Lee (1915–2003), Sergius Ruegenberg (1903–96) oder Heinz Schudnagies (1925–97) trugen Ideen S.s selbständig weiter. Eine Schülerschaft im engen Sinn gab es nicht. S.s Architektur, die Ortsbezogenheit und Individualität, soziales Anliegen und architektonische Kreativität, war nicht lehrbar. Nach einer Phase der Abwendung wird sein Werk heute wieder als Herausforderung und Orientierung verstanden.|

  • Auszeichnungen

    Fritz-Schumacher-Preis d. Frhr.-vom-Stein-Stiftung, Hamburg (1954); Dr.-Ing. E. h. (TU Berlin 1954); Berliner Kunstpreis (1954); Mitgl. d. Ak. d. Künste, Berlin (1955, Präs. 1955–68, Ehrenpräs. 1968), d. Planungsbeirats b. Senator f. Bau- u. Wohnungswesen, Berlin (1956), u. d. Ac. d'Architecture, Paris (1971); Gr. BVK (1959); Plakette d. Freien Ak. d. Künste Hamburg (1959); Ehrensenator (TU Berlin 1962); Gr. Preis d. Bundes Dt. Architekten f. d. Berliner Philharmonie (1964); Auguste-Perret-Preis der Union Internat. des Architectes, Paris (1965); Dr. h. c. (Univ. Rom 1965); Gr. Preis d. Landes NRW f. Baukunst (1968); Ehrenbürger d. Landes u. d. Stadt Berlin (1969); Praemium Erasmianum (1970); Ehrenmitgl. d. Colegio de Arquitectos del Peru (1971).

  • Werke

    Weitere W Berlin: Potsdam-Bornim, Haus Mattern;
    1932-1934;
    Wohnbebauung im Hottengrund, 1935/36;
    Haus Moll, 1936/1937;
    Haus Scharf, 1936-38;
    Wohnbebauung im Eichengrund 1936-38;
    TU, Institute d. Fak. f. Architektur, 1962-70;
    Staatsbibl. Preuß. Kulturbes., 1966-78 (mit E. Wisniewski);
    Wohnhochhaus am Zabel-Krüger-Damm, 1966-70;
    AOK-Hauptverw. am Mehringplatz, 1967-70;
    Kammermusiksaal d. Berliner Philharmon Orchesters, Skizzen 1968 (Entwurf u. Ausführung 1984-87 E. Wisniewski);
    Staatl. Inst. f. Musikforsch. Preuß. Kulturbes. mit Musikinstrumentenslg., 1969-84 (mit E. Wisniewski);
    Böblingen: Wohnquartier „Rauher Kapf“, 1963-66;
    Wohnhochhaus „Orplid“, 1966-71;
    Brasilia: Botschaftsgebäude d. BRD, 1964-71;
    Bremerhaven: Haus Hoffmeyer, 1935;
    Dt. Schiffahrtsmus., 1969-75 (mit H. Bohnsack);
    Lünen: Geschw.-Scholl-Gymn., 1955-62;
    Marl: Haupt- u. Grundschule, 1960-71;
    Stuttgart: Wohnhochhaus „Salute“, 1959-63;
    Wolfsburg: Theater d. Stadt Wolfsburg, 1966-73 (mit P.-F. Hoffmeyer-Zlotnik u. Dirk Muller);
    zahlr. Schrr. u. unveröff. Mss., ed. in: P. Pfankuch (Hg.), H. S., Bauten, Entwürfe, Texte, 1974, Neuausg. 1993 (W-Verz.);
    A. Wendschuh, H. S., Zeichnungen, Aquarelle, Texte, 1993;
    Briefe:
    I. B. Whyte (Hg.), The Crystal Cain Letters, Architectural Fantasies by Bruno Taut and his Circle, 1985, dt. Ausg. I. B. Whyte u. Romana Schneider (Hg.), Die Briefe d. Gläsernen Kette, 1986;
    dies., Die Gläserne Kette, Eine expressionist. Korr. überd. Architektur d. Zukunft, 1996;
    Krit. W-Verz.:
    Pfankuch (Hg.), H. S., 1993 (s. o.) (einschließl. d. Wettbewerbsbeitrr.);
    J. F. Geist, K. Kürvers u. D. Rausch, H. S., Chronik zu Leben u. Werk, 1993 (erw. u. korr. W-Verz. einschließl. d. Wettbewerbsbtrr);
    Zeichnungen u. Aquarelle:
    A. Tönnesmann, Architekturphantasien, in: C. Hoh-Slodczyk u. a. (s. L), S. 71-77;
    Wendschuh (Hg.), H. S., 1993 (s. o.);
    Nachlaß: Pläne, Zeichnungen, Aquarelle, Manuskripte, Photogrr., Dok.- u. Lit.slgg. in:
    Archivabt. Baukunst d. Ak. d. Künste, Berlin, Scharoun-Archiv.

  • Literatur

    Pfankuch (Hg.), H. S., 1993 (s. W);
    P. B. Jones, H. S., 1978, dt. 1979 (L);
    E. Janofske, Architektur-Räume, Idee u. Gestalt b. H. S., 1984 (L);
    J. C. Bürkle, H. S. u. d. Moderne, Ideen, Projekte, Theaterbau, 1986;
    J. F. Geist u. K. Kürvers, Gesch. d. Berliner Mietshauses 1945-1989, T. 3, 1989;
    Gh. Hoh-Slodczyk, N. Huse, G. Kühne u. A. Tönnesmann, H. S., Architekt in Dtld. 1893-1972, 1992;
    J. C. Bürkle, H. S., 1993;
    Geist u. a., H. S., 1993 (s. W) (L, P, Familien- u. zeitgenöss. Photogrr.);
    J. Kirschenmann u. E. Syring, H. S., 1993;
    E. Wisniewski, Die Berliner Philharmonie u. ihr Kammermusiksaal als Zentralraum, 1993;
    K. Kürvers, Entschlüsselung u. Bildes, Das Landhaus Schminke v. H. S., Diss. Hochschule d. Künste Berlin 1996;
    ders., H. S. u. d. Entwurfsprozeß zum Haus Schminke, in: Funktionalismus 1927-1961, H. S. versus die Opbouw, 1997, 21999, S. 55-83;
    M. Risselada, Die Wohnung als Landschaft, ebd., S. 85-105;
    N. Huse (Hg.), Haus Schminke, Die Gesch. e. Instandsetzung, ‚Baudenkmale d. Moderne' d. Wüstenrot Stiftung, 2002;
    ThB;
    Vollmer;
    Die gr. Deutschen, 1995 (P);
    Dict. of Art;
    Bremerhavener Persönlichkeiten (P).

  • Autor/in

    Christine Hoh-Slodczyk
  • Empfohlene Zitierweise

    Hoh-Slodczyk, Christine, "Scharoun, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 576-578 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118606565.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA