Lebensdaten
1880 bis 1938
Geburtsort
Königsberg (Preußen)
Sterbeort
Istanbul
Beruf/Funktion
Architekt ; Architekturtheoretiker ; Designer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118621041 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Taut, Bruno Julius Florian
  • Taut, Bruno
  • Taut, Bruno Julius Florian
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Taut, Bruno, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118621041.html [24.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Julius Josef (1844–1907, Kaufm. in K., S d. Carl Wilhelm (Tautt) (1796–1870), Müller in Penza (russ. Polen), u. d. Helene Eva Sieczkowna Pelny (1817–50);
    M Henriette Auguste Bertha (1858–1933 aus Nickolsdorf (Wehlau), T d. Eduard Johann Müller (* 1820), Bauer, u. d. Wilhelmine Justine Will (* 1823) aus Petersdorf (Ostpreußen);
    Ur-Gvv Andreas (Tauth) (1757–1837), Müller in Radziłów (russ. Polen);
    2 B Richard Carl Eduard (1876-um 1927), Max (s. 2), 2 Schw (beide früh †);
    Chorin 1906 Hedwig (1879–1968, T d. Carl Ludwig Gustav Wollgast (1842–1927, Hufschmied, Bauer u. Gastwirt d. Klosterschenke in Chorin, u. d. Alma Auguste Alexandrine Schön (1850-um 1909);
    1 S Heinrich (1907–95, Prof. f. dialekt. u. hist. Materialismus an d. HU in Berlin (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1970), 1 T Elisabeth (1908–99, Sekr.; 1918 Erica (nannte sich seit 1933 Erica Taut, seit 1954 amtl.) (1893–1975), T d. Christoph Wittich (1859–1903, Prof. f. Philos., u. d. Emma Johanna|Schinkel (1859–1946); aus Verbindung mit Erica Wittich (Taut) 1 T Clarissa Taut (1918–98, ⚭ N. N. Bastian); Schwägerin Hanna Wollgast ( Hans Kaiser, 1874–1952?, Schriftst.);
    E Susanne Kiefer-Taut (* 1939).

  • Leben

    Nach dem Abitur am Gymnasium in Königsberg 1897 besuchte T. 1897–1901 die Baugewerkschule und absolvierte eine Maurerlehre. 1902 war er Mitarbeiter in Architekturbüros in Altona und in Wiesbaden, 1903 bei Bruno Möhring (1863–1929) in Berlin, der ihn zu Landschafts- und Farbstudien mit Pastellkreide anregte. Seit 1904 war T. bei Theodor Fischer (1862–1938) in Stuttgart, wo er 1906 seinen ersten Farbenraum in der Kirche in Unterriexingen ausführte. Seit 1908 arbeitete er in Berlin mit Heinrich (Heinz) Lassen (1864–1953) zusammen und besuchte Vorlesungen über Städtebau an der TH Charlottenburg. 1909 gründete er ein Architekturbüro in Partnerschaft mit Franz Hoffmann (1884–1951) für den Bau des Siemens-Erholungsheimes „Ettershaus“ in Bad Harzburg (1909–10). Die reichen Fassadengestaltungen großer Berliner Mietshäuser wie z. B. Kottbuser Damm 90 und 2–3 (1909–10 u. 1910–11) oder Nonnendammallee (1911) vermitteln das Bild eines Reformarchitekten, der jedem Bau einen anderen Charakter gab. 1912 assoziierte er sich mit seinem Bruder Max zu der Firma „Gebrüder Taut und Hoffmann“. 1913 Architekt der Dt. Gartenstadtgesellschaft, baute T. zwei Abschnitte der Gartenstadt „Falkenberg“ bei Berlin (1913–15), die wegen ihrer Farbigkeit „Tuschkastensiedlung“ genannt wurde; gleichzeitig begann er mit der Siedlung „Reform“ in Magdeburg (1911–33). T. war überzeugt, daß jede Siedlung auf genossenschaftlicher und funktionaler Grundlage entwickelt werden, zugleich aber unverwechselbar und ein Kunstwerk sein müsse, um auch die Gefühlswelt ihrer Bewohner zu befriedigen. Als Mittel dazu wählte er eine dörfliche Struktur, starke Farben und eine abstrakte Ornamentik. Das oktogonal-stufenförmige „Monument des Eisens“, der Pavillon der Eisenindustrie auf der Internationalen Bauausstellung in Leipzig 1913, auch die Netzwerkkuppel in Eisenbeton für das „Glashaus“ auf der Dt. Werkbundausstellung 1914 in Köln lassen eine Affinität zu orientalischer Baukunst erkennen.

    Während des 1. Weltkriegs leistete T. Ersatzdienste. 1916 reiste er nach Konstantinopel als Teilnehmer an dem Wettbewerb des Werkbundes für das „Haus der Freundschaft“ und entwarf dafür eine weitspannende Leichtbaukuppel. Sein Buch „Die Stadtkrone“ (1917) zeigte als utopische Lösung für eine Welt ohne Kriege eine riesige Kristallkonstruktion als künstlerische Mitte der Stadt, in der Grafik-Mappe „Alpine Architektur“ (1918) waren solche architektonischen Kunstwerke über den Bergen als gemeinsames Projekt aller Staaten vorgestellt. Zur selben Zeit baute er Arbeiterhäuser für die „Oheimgrube“ in Kattowitz (Oberschlesien) (1915–20).

    Mit Kriegsende 1918 wurde T. kurzzeitig führender Aktivist der Revolution und gründete zusammen mit Walter Gropius (1883–1969) u. a. den Berliner „Arbeitsrat für Kunst“. Seine utopischen Visionen vollendete er mit den Zeichnungen zu seinem Schauspiel „Der Weltbaumeister“ (1920, Neudr. 1999) und dem Buch „Die Auflösung der Städte oder die Erde eine gute Wohnung oder auch: Der Weg zur Alpinen Architektur“ (1920). T. initiierte den geheimen Briefwechsel „Die Gläserne Kette“ (1919–20), um mit befreundeten Architekten, Künstlern und Kritikern Gedanken zu phantastischer Architektur auszutauschen. Ihr Sprachrohr war T.s „Frühlicht“, eine Beilage zu der Zeitschrift „Stadtbaukunst alter und neuer Zeit“ (1920–22, Neudr. 2000).

    Als Stadtbaurat von Magdeburg (1921–24) wollte T. die zergliederte Industriestadt durch Wohnbauten, Bürohäuser und Messehallen zusammenschließen und ihr mit Rathaus und Kristallturm eine „Stadtkrone“ als neue Mitte geben. Die bunte Fassung der grauen Stadthäuser sollte den Umbau einleiten, löste aber heftigen Streit aus. In der Inflationszeit konnten nur die Halle „Land und Stadt“ (1921–23) und ein Generalsiedlungsplan für die Stadtentwicklung (1922–23) vollendet werden. Ende 1923 verfaßte T. das programmatische Buch „Die neue Wohnung, Die Frau als Schöpferin“ (1924, 51928, Neudr. 2001) in Hinblick auf die kommenden Aufgaben im Siedlungsbau.

    Im April 1924 wurde T. zum Architekten des Baubetreuungsunternehmens der Gewerkschaften, der GEHAG (Gemeinnützige Heimstätten Spar- u. Bau-Aktiengesellschaft), in Berlin berufen. Unter seiner Leitung entstanden zwischen 1924 und 1931 zahlreiche Streusiedlungen am Rande Berlins, Ergänzungen innerstädtischer Baublöcke und Großsiedlungen mit insgesamt mehr als 10 000 Wohnungen. Zudem engagierte sich T. im Schulbau. Entwürfe für die „Folkwang-Schule“ in Hagen (1920) und die „Gemeinschaftsschule Am Dammweg“ in Berlin-Neukölln (1926–28), letztere für das Reformkonzept von Fritz Karsen (1885–1951), sollten|zugleich räumlicher und geistiger Mittelpunkt ihrer Stadtteile werden. Gebaut wurde das Gymnasium und Lyzeum in Senftenberg (1931–32) als Teil eines „Pädagogischen Forums“, das den Auftakt zu einer Platzfolge für ein neues Zentrum der Stadt bilden sollte.

    1930 wurde T. an die TH Charlottenburg als Honorarprofessor für Wohnungs- und Städtebau berufen, wo er systematische Untersuchungen von Wohnungen und Siedlungen durchführte. Seit 1926 reiste er häufig nach Moskau zu Beratungen für den Wohnungsbau der wachsenden Metropole. Ein Aufenthalt in Moskau von April 1932 bis Febr. 1933 galt der Planung dreier großer Hotelbauten und eines Wohnblocks für „Mossowjet“ und „Intourist“.

    Wieder zurückgekehrt, verließ T. mit seiner Lebensgefährtin am 1.3.1933 fluchtartig Berlin, um über die Schweiz, Frankreich, das Mittelmeer und die Sowjetunion nach Japan zu emigrieren (1933–36). Dort wurde er Berater am Staatl. Lehr- und Gewerbeinstitut in Sendai (1933–34), entwarf Gebrauchsgegenstände für das Kunstgewerbeinstitut der Präfektur Gumma in Takasaki (1934–36) und schrieb vier Bücher über japan. Kultur. Die Innenräume der Hyuga Villa in Atami (1935) gehören zu seinen besten Arbeiten und waren zugleich Beispiel für eine Verknüpfung von östlicher und westlicher Raumgestalt.

    Im Nov. 1936 siedelte T. in die Türkei über, wurde Dekan der Architekturabteilung an der Akademie der Künste in Istanbul und übernahm die Leitung des Architekturbüros im türk. Unterrichtsministerium. Von seinen Planungen für Schulen und Universitätsbauten wurden fünf verwirklicht. Wie in Japan suchte T. örtliche Traditionen in die Baugestalt einzubeziehen, die sich damit von der abstrakt-kubischen Moderne unterschieden. Mit der für den Unterricht geschriebenen, groß angelegten „Architekturlehre“ schloß er 1938 sein vielseitiges Werk ab.

    T.s Motto seit 1913 lautete: „Widerstehe den Prinzipien“. Sein Werk blieb stilistisch uneinheitlich. Er folgte weder den um 1910 vorherrschenden Tendenzen des Neoklassizimus noch später denen einer abstraktkubischen Moderne. In den Siedlungen verwirklichte er dafür gut proportionierte Wohnungen und charaktervolle Stadtteile in dem Bestreben, auch in den Außenbereichen „Wohnlichkeit“ zu schaffen. Plätzen und Straßen gab er Intimität durch plastische Formung ihrer Kopfbauten. Starke Farbgebung unterstrich die Eigenständigkeit jedes Siedlungsteiles. Die farbigen Wohnräume allerdings fanden kein Verständnis. Vier der Siedlungen wurden 2008 in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. T.s romantisches Ideal einer menschlichen Umwelt, die als geistige Mitte ein „zweckfreies architektonisches Kunstwerk“ haben müsse, blieb unerfüllt. Seine architekturtheoretischen Schriften sind bis heute aktuell.

  • Auszeichnungen

    A Mitgl. d. Bunds Dt. Architekten (1909?), d. Vereinigung Berliner Architekten (1914?), d. Dt. Werkbunds (1914) u. d. Preuß. Ak. d. Künste (1931, ausgeschlossen 1934); Bürgerdeputierter f. Kunst d. Stadt Berlin (1919); korr. Mitgl. d. Bundes Österr. Architekten (1920); Ehrenmitgl. d. japan. Internat. Architektenbundes (1930) u. d. American Inst. of Architects.

  • Werke

    Weitere W u. a. Berlin: Großsiedlungen: „Freie Scholle“ in Tegel, 1925–32;
    „Onkel-Toms-Hütte“ in Zehlendorf, 1926–31;
    Wohnanlage am Schillerpark, 1924–28;
    „Hufeisensiedlung“ in Britz, 1925–31 (mit M. Wagner);
    Wohnstadt „Carl Legien“ am Prenzlauer Berg, 1928–30;
    Gartensiedlung „Falkenberg“ (letztere vier 2008 in d. Weltkulturerbe d. UNESCO aufgenommen);
    Kleinsiedlungen: „Freie Scholle“, Trebin, 1924–26;
    Mahlsdorf, 1925–28, Hohenschönhausen, 1926–27;
    Wohnblöcke: u. a. Paul-Heyse-Straße, 1926–27;
    Wohnanlage Grellstraße, 1927–28;
    Buschallee, 1926–30;
    Bürohaus: Haus d. Dt. Verkehrsbundes, Michaelkirchplatz, 1927–32;
    Wohnhäuser: Dahlewitz: Wohnhaus Taut, 1926–27;
    Leipzig-Markkleeberg: Haus Berthold, 1924–27;
    – Nieden (Uckermark): Erneuerung d. Dorfkirche, 1911;
    – Tokyo: Okura Villa, 1936 (mit G. Kume) (abgebrochen);
    – Ankara: Fak. f. Sprache, Gesch. u. Geogr. d. Univ., 1936–40;
    Atatürk Lyzeum, 1937–39;
    Hamam Önü Mittelschule, Cebeci, 1938–39 (verändert);
    Trabzon: Gymnasium u. Lyzeum, 1937–39;
    – Istanbul: Wohnhaus Taut, Ortaköy, 1937–38;
    – Izmir: Cumhuriyet-Inst., 1938–42;
    Schrr.
    u. a. Alpine Architektur, 1919, Neudr. hg. v. M. Schirren, 2004;
    Die Stadtkrone, 1919, Neudr. 2002;
    Ein Wohnhaus, 1927, Neudr. mit e. wiss. Essay hg. v. R. Jäger, 1995;
    Das japan. Haus u. sein Leben, 1937, Neudr. hg. v. M. Speidel, 1997;
    Architekturlehre, arch+ Nr. 194, 1938, Neudr. 2009;
    Nippon mit europ. Augen gesehen, japan. 1934, hg. v. M. Speidel, dt. 2009;
    Japans Kunst mit europ. Augen gesehen (1936), hg. v. M. Speidel, 2011;
    Gesammelte Essays:
    Ich liebe d. japan. Kultur, hg. v. M. Speidel, 2003;
    Ex Oriente Lux, Die Wirklichkeit e. Idee, Eine Slg. v. Schrr. 1904–1938, hg. v. dems., 2007;
    Briefe:
    Die Briefe d. gläsernen Kette, hg. v. I. B. Whyte u. R. Schneider, 1986;
    Moskauer Briefe 1932–1933, Schönheit, Sachlichkeit u. Sozialismus, hg. v. B. Kreis, 2006;
    M. Speidel, K. Kegler u. P. Ritterbach, Wege zu e. neuen Baukunst, 2000 (Kommentarbd. zu Frühlicht);
    Nachlaß:
    Pastelle, Zeichnungen, Pläne, Manuskrr., Photogrr. in: Baukunst Archiv d. Ak. d. Künste, Berlin, Slg. Bruno Taut (P);
    Theatermus. d. Univ. Köln;
    Planslg. d. TU Berlin: Slg. Bruno Taut (P) im Iwanami Verlag Tokyo;
    Slg. Taut b. Tokugen Mihara, Privatbes., Takasaki;
    Slg. v. Gebrauchsgegenständen im Gumma-Landesmus. f. Gesch., Takasaki.

  • Literatur

    L Ausst.kat.: Ak. d. Künste, Berlin (Hg.), B. T. 1880–1938, 1980 (P);
    M. Speidel, B. T. – Natur u.|Fantasie, 1995 (P);
    K. Junghanns, B. T. 1880–1938, Architektur u. soz. Gedanke, (1970) 1998;
    O. Gisbertz, B. T. u. J. Göderitz in Magdeburg, 2000;
    W. Nerdinger, K. Hartmann, M. Schirren u. M. Speidel, B. T. 1880–1938, Architekt zw. Tradition u. Avantgarde, 2001 (krit. W-Verz. S. 310–35, Verz. d. Schrr. u. Mss. S. 404–15, Bibliogr. S. 416–33, P);
    W. Brenne, B. T., Meister d. farbigen Bauens in Berlin, 2005;
    ThB;
    Altpreuß. Biogr. II;
    BHdE II;
    Dict. of Art.

  • Autor/in

    Manfred Speidel
  • Empfohlene Zitierweise

    Speidel, Manfred, "Taut, Bruno" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 814-817 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118621041.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA