Lebensdaten
1865 bis 1947
Geburtsort
Keinis (Estland)
Sterbeort
Tübingen
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
zwinglianisch?
Normdaten
GND: 118701053 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Haller, Johannes
  • Haller, J.

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Zitierweise

Haller, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118701053.html [18.03.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Anton (1833–83), Pastor in K., dann Konsistorial-Assessor u. Stadtsup. in Reval, S d. Dr. med.|Anton Hermann, Kreisarzt, u. d. Amalie Paucker;
    M Amalie (v.) Sacken (1838–99);
    Basel 1904 Elisabeth (1878–1957), T d. Eduard Fueter ( 1901), Architekt, u. d. Adelheid Gelzer (T d. Historikers Heinr. G., 1889, s. NDB VI); Schwager Eduard Fueter ( 1928), Historiker (s. NDB V), Rudolf Fueter ( 1950), Mathematiker (s. NDB V);
    2 S, 2 T.

  • Leben

    Nach dem Abschluß des Geschichtsstudiums an der damals noch deutschsprachigen Universität Dorpat verließ H. 1890 die Ostseeprovinzen, in denen die Russifizierung in vollem Gang war, und war nach der Promotion (1891 in Heidelberg als Schüler von B. Erdmannsdörffer) 1892-97 und 1901-02 am Preußischen Historischen Institut in Rom tätig. Nach der Habilitation in Basel (1897) und dem Erscheinen der ersten Bände des Concilium Basiliense, das Quellenedition und kritische Studien vereinigte, wurde H. 1902 Extraordinarius in Marburg, 1904 Ordinarius in Gießen und 1913 in Tübingen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1932 als bedeutender und eindrucksvoller akademischer Lehrer gewirkt hat. – Bis zum 1. Weltkrieg stellten sich ihm die Probleme der mittelalterlichen Geschichte vornehmlich im Anschluß an seine Arbeiten zur Geschichte der Kirche, die er vor allem durch die glänzende Darstellung des avignonesischen Papsttums in „Papsttum und Kirchenreform“ (1903) beeinflußt und weitergeführt hat, wie er überhaupt durch scharfsinnige Kritik und kühne, auch eigenwillige Hypothesen ungewöhnlich anregend gewirkt hat. Seine Gesamtdarstellung „Das Papsttum, Idee und Wirklichkeit“, deren Plan ihn durch sein Leben begleitet hat, blieb Torso; sie bricht ab mit der Wahl Johannes’ XXII. 1316 (I, II 1/2, III 1, 1934-1945; 25 Bände mit Verbesserungen und zusätzlichen Nachweisen, 1950–53). Das Werk sollte, wie H. es im Vorwort aussprach, „nur der Erkenntnis dienen, die zum Verstehen der Vergangenheit führt“. Auch die katholische Kritik, die das Grundkonzept und die Darstellungsart ablehnte, hat der „oft blendenden Stilkunst“ des Verfassers die Anerkennung nicht versagt. K. Brandi sprach in seiner Würdigung (1941) von „einer gewissen rationalistischen Schärfe“, einer Urteilsweise, bei der man „den Zauber und den inneren Anruf des Problematischen“ entbehre, erkannte aber an, daß die „energische Durchleuchtung“ der Überlieferung für die Nüchternheit entschädige und die Urteile, „so einseitig sie oft in ihrer Antithese zum Hergebrachten und Nachgebeteten auch anmuten“, „durchweg wohl überlegt“ und „immer beachtenswert“ seien. Mit der Jubiläumsschrift „Die Anfänge der Universität Tübingen“ (1927) leistete H. einen lebensvollen Beitrag zur vorreformatorischen Universitätsgeschichte. – Unter dem Eindruck des Krieges und mehr noch des deutschen Zusammenbruchs 1918 wandte er sich Themen der Zeitgeschichte und politisch aktuellen Fragestellungen zu (unter anderem Die Ära Bülow, 1922; Editionen aus dem Nachlaß des Fürsten Ph. Eulenburg; Tausend Jahre deutsch-französische Beziehungen, 1930). Bei den Eulenburg-Publikationen (Aus 50 Jahren, Erinnerungen, Tagebücher und Briefe aus dem Nachlaß des Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, 1923; Aus dem Leben des Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, 1924) ging es H. unter dem Eindruck persönlicher Begegnungen zunächst um die Verteidigung eines – wie ihm schien – zu Unrecht Verfemten und Verkannten, wobei ihm dem Material gegenüber seine eigenste methodisch-kritische Schärfe nicht treu blieb. – Im Zeichen politischer Erwartungen veröffentlichte H. 1923 seine Vorlesung „Die Epochen der deutschen Geschichte“ als ein seinem Landsmann und Jugendfreund, dem Biologen Jakob Freiherr von Uexküll, gewidmetes Buch, dessen ungewöhnlich starke Wirkung (bis 1940 8 Auflagen) auf einer Verbindung verschiedener Momente beruhte: Weitgespannte Kenntnisse, die auch die soziale Welt einschlossen, wurden – scharf profiliert und geistvoll pointiert – mit dem echten Glanz der Form, als Kunstwerk des gesprochenen Worts, dargeboten, und unter dem beherrschenden Maßstab nationalstaatlicher Größe fand die zeitbedingte Klage um das in der Geschichte anscheinend Versäumte, die Bitterkeit nach dem Fall von 1918, ihren literarisch faszinierendsten Ausdruck. – Im Seminar erzieherisch wirkend durch hohe Ansprüche, strenge Kritik und herausfordernde Ermutigung selbständigen Denkens, fesselte H. – der in der Jugend Musiker werden wollte – immer, in Vorlesungen und Publikationen, durch die Kraft einer in ihrer Art vollendeten künstlerischen Darstellung.

  • Werke

    Weitere W Bibliogr. (185 Titel) in: J. H., Gedenkrede v. F. Ernst, 1949. - postum: Dante, Dichter u. Mensch, 1954;
    Lebenserinnerungen, 1960 (P);
    Heinrich VI. u. d. röm. Kirche, 1962 (photomechan. Nachdruck, erstmals MIÖG 35, 1914).

  • Literatur

    L Verz. d. Nachrufe , in: H. G. Gundel, Die Gesch.-wiss. an d. Univ. Gießen im 20. Jh., in: Ludwigs-Univ., Festschr. Gießen, 1957;
    ders., J. H. u. d. MG in Gießen, in: Nachrr. d. Gießener Hochschulges. 33, 1964, S. 179-90.

  • Autor/in

    Reinhard Wittram
  • Empfohlene Zitierweise

    Wittram, Reinhard, "Haller, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 552 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118701053.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA