Lebensdaten
1908 bis 1984
Geburtsort
Glauchau (Sachsen)
Sterbeort
Wolfshausen bei Marburg
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118759353 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schlesinger, Friedrich Walter
  • Schlesinger, Walter
  • Schlesinger, Friedrich Walter

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Zitierweise

Schlesinger, Walter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118759353.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus in Schönheide (Erzgebirge) ansässiger Fam.;
    V Friedrich Alban (1860–1946), Dr. phil., Anglist, Oberstudienrat in G., S d. August Friedrich (1824–1906), Kaufm. in Schönheide, u. d. Christiane Friederike Schlesinger (1830–1903);
    M Helene Friederike (1875–1972), T d. Friedrich Wilhelm Zschiegner (1841–1906), Stadtgutsbes. in Dahlen, u. d. Hulda Franziska Holzhausen (1847–1904);
    1) Glauchau 1938 Marie Johanna (1907–59), Apothekerin, T d. Friedrich Wilhelm Hillerdt (1871–1939), Kaufm. in G., u. d. Marie Julie Ullrich (1880–1956), 2) Marburg 1966 Johanna (1911–87), Gebrauchsgraphikerin, T d. Karl Rudolf Tode (1880–1949), Dipl.-Ing., Architekt, Päd., u. d. Wally Eleonore Emilie Gamradt (1886–1971);
    2 T aus 1) Elisabeth (1939–2000, ⚭ Heinz Grunwald, * 1936, RA u. Notar), Dr. med. vet., Dorothee (* 1942, Dr. rer. pol. Uwe Kassner, * 1940, Math.), Apothekerin.

  • Leben

    S. erfuhr als Student der Geschichte und Germanistik in Leipzig die bestimmende wiss. Prägung durch Rudolf Kötzschke (1867–1949), nachdem ihn in Tübingen zunächst Johannes Haller (1865–1947) tief beeindruckt hatte. Den Plan, sich nach Promotion (Die Schönburg. Lande bis z. Ausgang d. MA, 1934) und Staatsexamen (1935) in sächs. Landesgeschichte zu habilitieren, mußte er nach Konflikten mit Adolf Helbok (1883–1968) aufgeben, dessen nationalsozialistische Volks- und Rasselehre er ablehnte. Er wurde Assistent von Hermann Heimpel (1901–88), der S., seit 1940 im Heeresdienst, mit der viel beachteten Schrift „Die Entstehung der Landesherrschaft“ (1941, Neudr. 1964, 61983) habilitierte. 1942 wurde S. nach dem Weggang Helboks aus Leipzig als planmäßiger ao. Professor auf den Lehrstuhl|Kötzschkes berufen, konnte sein Amt aber erst 1944 – inzwischen schwer kriegsbeschädigt – antreten. Wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP wurde er im Nov. 1945 entlassen. Bis zu seiner Übersiedlung 1951 nach Marburg arbeitete er als Privatgelehrter in Glauchau, u. a. an einer „Kirchengeschichte Sachsens im Mittelalter“ (2 Bde., 1962, 21983). Den Forschungsansatz Kötzschkes, die moderne Siedlungs- und Landesgeschichte, baute S. in der Folgezeit nach vielen Seiten hin aus und bildete ihn zu einer Verfassungsgeschichte auf landesgeschichtlicher Grundlage weiter. Der weitere Weg führte ihn über Ordinariate an der FU Berlin (1954) und Frankfurt/M. (1959) 1964 zurück nach Marburg auf den neuerrichteten zweiten Mittelalter-Lehrstuhl (em. 1973). Hier arbeitete er eng mit Helmut Beumann (1912–95) zusammen. Seine letzten Lebensjahre waren von schwerer Krankheit überschattet.

    S. setzte mit großem Engagement die in der DDR weitgehend zum Erliegen gekommene Landesgeschichtsforschung im Westen fort. Mit dem interdisziplinären „Wissenschaftlichen Arbeitskreis für Mitteldeutschland“ (1953), den „Mitteldt. Forschungen“ (90 Bde., 1954–84) sowie der in Marburg errichteten „Forschungsstelle für geschichtliche Landeskunde Mitteldeutschlands“ (1960) und der damit verbundenen Spezialbibliothek schuf er den dafür geeigneten institutionellen Rahmen. Mit seinen Forschungen über Königswahlen, zum frühen Städtewesen, zur Agrarverfassung und zur Entstehung der europ. Nationen leistete er Pionierarbeit. Zusammen mit Wilhelm Berges (1909–78) konnte S. die Pfalzenforschung im Max-Planck-Institut für Geschichte verankern. Mit seiner 1963 vor dem Herder-Forschungsrat vorgetragenen scharfen Kritik der sog.dt. Ostforschung“, die er durch eine Ostmitteleuropa-Forschung ersetzt wissen wollte, wirkte S. seiner Zeit weit voraus. Seit seinem ersten Vortrag in Theodor Mayers „Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte“ (Herrschaft u. Gefolgschaft in der german.-dt. Vfg.gesch., in: HZ 173, 1953) prägte S. Programm und Verlauf der „Reichenau-Tagungen“ maßgeblich mit.

  • Auszeichnungen

    D. h. c. (Heidelberg 1968); Dr. iur. h. c. (Göttingen 1968); Brüder-Grimm-Preis d. Univ. Marburg (1983); Mitgl. u. a. d. Herder-Forschungsrat (1961), d. DAI (korr. 1961), d. Bayer. Ak. d. Wiss. (korr. 1963), d. Ak. d. Wiss. in Göttingen (1969) u. d. MPI f. Gesch. Göttingen (wiss. Beirat 1968).

  • Werke

    Weitere W Die Anfänge d. Stadt Chemnitz u. anderer mitteldt. Städte, 1952;
    Meißner Dom u. Naumburger Westchor, Ihre Bildwerke in geschichtl. Betrachtung, 1952;
    Mitteldt. Btrr. z. dt. Vfg.gesch. d. MA, 1961;
    Btrr. z. dt. Vfg.gesch. d. MA, 2 Bde., 1963;
    Ausgew. Aufss. 1965-1979, hg. v. H. Patze u. F. Schwind, 1987 (Bibliogr., P);
    Gesch. Thür., 6 Bde., hg. mit H. Patze, 1967-84;
    Die dt. Ostsiedlung d. MA als Problem d. europ. Gesch., in: Reichenau-Vortrr. 1970–72, hg. v. W. S., 1975;
    Die ma. Ostbewegung u. d. dt. Ostforsch. [Vortrag 1963], in: Zs. f. Ostmitteleuropa-Forsch. 46, 1997, S. 427-57.

  • Literatur

    FS f. W. S., 2 Bde., hg. v. H. Beumann, 1973/74 (P);
    Hist. Forsch. f. W. S., hg. v. H. Beumann, 1974;
    Gesch. u. Vfg.gefüge, Frankfurter Festgabe f. W. S., 1973;
    J. Fleckenstein, in: Jb. d. Ak. Göttingen, 1984, S. 72-81;
    K. Bosl, in: Jb. d. Bayer. Ak., 1984, S. 241-43 (P);
    H. K. Schulze, in: Zs. f. Ostforsch. 33, 1984, S. 227-43;
    ders., in: Neues Archiv f. sächs. Gesch. 65, 1994 (1995), S. 9-26;
    H. Patze, in: Ausgew. Aufss. v. W. S., 1987, S. IX-XXVIII;
    W. Schich, in: Siedlungsforsch. 6, 1988, S. 215-21;
    K. Neitmann, Landesgesch.forsch. im Zeichen d. Teilung Dtld.s, W. S. u. Hans Patze, in: Jb. f. d. Gesch. Mittel- u. Ostdtld.s 47, 2001, S. 193-300;
    Der Konstanzer Arbeitskreis f. ma. Gesch. 1951-2001, Die Mitgll. u. ihr Werk, bearb. v. J. Schwarz, 2001, S. 349-59 (Bibliogr., P);
    M. Gockel, Die Anfänge d. „Mitteldt. Arbeitskreises“ u. d. „Forsch.stelle f. geschichtl. Landeskunde Mitteldtld.s“, in: Neues Archiv f. sächs. Gesch. 64, 1994, S. 223-32;
    ders., Die Übersiedlung W. S.s nach Marburg i. J. 1951, ebd. 72, 2002, S. 215-53;
    K. Blaschke, in: Sächsisch Lebensbild(er) V, 2003, S. 493-509 (P);
    A. Ch. Nagel, Im Schatten d. Dritten Reichs, MAforsch. in d. Bundesrep. Dtld. 1945-1970, 2005; Göttinger Gel. (P);|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Hess. Landesamt f. geschichtl. Landeskunde, Marburg, Abi. Forsch.stelle f. geschichtl. Landeskunde Mitteldtld.s.

  • Autor/in

    Michael Gockel
  • Empfohlene Zitierweise

    Gockel, Michael, "Schlesinger, Walter" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 65-66 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118759353.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA