Wittram, Reinhard
- Lebensdaten
- 1902 – 1973
- Geburtsort
- Bilderlingshof (Bulduri) bei Riga
- Beruf/Funktion
- Historiker
- Konfession
- evangelisch
- Namensvarianten
-
- Wittram, Reinhard Alfred Theodor
- Wittram, Reinhard
- Wittram, Reinhard Alfred Theodor
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Wittram, Reinhard Alfred Theodor
| Historiker, * 27. 7./9.8.1902 Bilderlingshof (Bulduri) bei Riga, † 16.4.1973 Meran. (evangelisch)
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Genealogie
Aus ursprüngl. in Einbeck (Südniedersachsen) beheimateter Färber-, seit 1839 in R. ansässiger →balt. Literatenfam.;
V →Alfred (1856–1912), Jur., Ratsadvokat u. RA in R., S d. →Johann Friedrich (1807–1863), wanderte 1832 n. Pelzen (Kurland) aus, 1839 Gymn.lehrer in R., u. d. Caroline Hollmann (1825–1877);
M Martha (1864–1921), T d. →Friedrich Hollmann (1833–1900), ev. Theol., 1859 Pastor in Rauge (Livl.), 1873 Dir. d. ritterschaftl. estn. Schullehrerseminars in Dorpat, 1889 Gen.sup. u. Vizepräses d. Livl. Konsistoriums in R. (s. Dt.balt. Biogr. Lex.), u. d. →Caroline Masing, adopt. Gutglück (1841–82);
Ov →Theodor (1854–1914), Astronom, 1878 an d. Sternwarte in Pulkovo, 1886 o. Prof. f. prakt. Astronomie u. Geodäsie an d. Nikolai-Ak. d. Gen.stabs in St. Petersburg, Wirkl. Staatsrat (s. Dt.balt. Biogr. Lex.), Om →Rudolf Hollmann (1866–1928), ev. Theol., Päd., 1900 Leiter e. Privatschule in Goldingen, 1906 Dir. d. Landesgymn. in Birkenruh (Livland) (s. Dt.balt. biogr. Lex.), →Reinhard Hollmann (1877–1921), Chemiker, 1912 ao., 1916 o. Prof. f. Chemie in Saratov, 1918 Prof. f. anorgan. Chemie in Dorpat, emigrierte 1919 n. Dtld., Leiter d. wiss. Labor. d. Ver. f. chem. Industrie, Mainz (s. Pogg. IV-V; Dt.balt. Biogr. Lex.);
Schw →Lisbette (* 1889, ⚭ →Herbert Johann Alexander v. Hueck,* 1889, Kaufm. in R.), Lehrerin in Reval;
– ⚭ Riga 1930 →Ilse (* 1908), T d. →Hermann Koch, Zahnarzt in Pernau (Pärnu);
5 K u. a. →Heinrich (1931–2018), Dr. theol., ev. Theol., Kirchenhist., Sup. in Stade, Vors. d. Carl-Schirren-Ges. -
Biographie
Nach dem Besuch des Ritterschaftlichen Landesgymnasiums Birkenruh und des Dt. Stadtgymnasiums in Riga studierte W. seit 1920 Geschichte, Geographie und Religionsgeschichte in Jena und Tübingen. Hier wurde er 1925 bei →Johannes Haller (1865–1947) mit der Dissertation „Die französische Politik auf dem Basler Konzil während der Zeit seiner Blüte“ zum Dr. phil. promoviert. 1928 an der Herder-Hochschule in Riga habilitiert, war er dort seit 1935 ao., seit 1938 o. Professor für Geschichte.
W.s rascher Aufstieg in der geistigen Elite der Dt.balten beruhte ebenso auf seiner geschichtswissenschaftlichen Interpretations- und Darstellungskunst wie auf seiner historisch-politischen Publizistik. Mit Spezialstudien zu den Meinungskämpfen zwischen Liberalen und Konservativen innerhalb der livl. Standschaften um die Verfassungsfrage und zu ihren politischen Haltungen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. erschloß er der Geschichtsschreibung das neue Themenfeld der inneren Landespolitik. W.s Fähigkeit zur Herausarbeitung großer historischer Linien, zur Deutung von Personen und Vorgängen und zur Analyse aktueller Forschungsdebatten verschafften ihm Aufmerksamkeit in der reichsdt. Historikerzunft und führten 1935–38 zu Gastprofessuren an der Univ. Göttingen. 1939 legte er seine „Geschichte der baltischen Deutschen, Grundzüge und Durchblicke“ vor, deren unter gewandelten politischen Vorzeichen überarbeitete Fassung er 1954 u. d. T. „Baltische Geschichte, Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180–1918, Grundzüge und Durchblicke“ neu herausbrachte und die jahrzehntelang als vorzügliche Einführung in den Gegenstand galt.
W., der seit 1928 als Chefredakteur der „Baltischen Monatsschrift“ (seit 1932 Balt. Mhh.) fungierte, veröffentlichte hier neben tagespolitischen Stellungnahmen zu den Konflikten der dt.balt. Minderheit mit dem lett. Nationalstaat v. a. Analysen zu ihrem Ringen um nationale Selbstbehauptung. Die NS-Machtübernahme 1933 empfand er als „Zeitwende“, von der er eine Stärkung der dt.balt.|„Volksgemeinschaft“ als Teil der dt. „Gesamtvolksgemeinschaft“ erhoffte. Der von →Erhard Kroeger (1905–1987) geleiteten NS-Bewegung in Lettland politisch nahestehend, erhob er mit seiner Wendung zur „Volksgeschichte“ den auch rassisch-biologisch verstandenen dt. „Volkskörper“ zum Zentrum der Historiographie und richtete seine Forschungsthemen auf die Verbindung der Dt.balten mit Deutschland und dt. Machtideen aus. Die von ihm befürwortete Umsiedlung der Dt.balten in den Warthegau 1939 führte ihn 1941 als o. Professor für neuere und neueste Geschichte mit besonderer Berücksichtigung Osteuropas an die neugegründete Reichsuniv. Posen. Nach dem dt. Angriff auf die Sowjetunion befürwortete er die vollständige Neuordnung Ostmittel- und Osteuropas unter dt. Hegemonie.
Im Jan. 1945 floh W. mit seiner Familie nach Göttingen, wo er an der Universität seit 1946 als Lehrbeauftragter, seit 1955 als o. Professor für Mittlere, Neuere und Osteurop. Geschichte tätig war (em. 1970). W.s geschichtswissenschaftliche Arbeit der Nachkriegszeit war geprägt von der selbstkritischen Auseinandersetzung mit seiner Teilhabe an NS-Ideologie und Führerglauben. In Untersuchungen und methodischen Reflexionen suchte er – den aufklärerischen Fortschrittsgedanken ebenso ablehnend wie den marxistischen Materialismus – im Gespräch mit der luth. Theologie und Kirchengeschichtsschreibung nach einem neuen tragfähigen Fundament, das „mythologischen“ Versuchungen auf dem Boden einer christlichen Anthropologie zu widerstehen vermochte. Dabei verwarf er den bisherigen Vorrang des aus dem 19. Jh. überkommenen Nationalismus und Nationalstaats und analysierte zwecks seiner Überwindung, unter welchen Voraussetzungen und in welchen Formen Nationalitäten in einem bestimmten Raum miteinander gelebt hatten und lebten und wie gerade nach den ostmitteleurop. Erfahrungen eine künftig friedliche europ. Völkerordnung bestehen könne. 1947 gehörte W. zu den Gründern der jährlichen „Baltischen Historikertreffen“ in Göttingen, aus denen 1951 die „Baltische Historische Kommission“ hervorging, der W. als Vorsitzender bis zu seinem Tod die Richtung vorgab, u. a. indem er die Zusammenarbeit mit (exil-)lett. und estn. Historikern pflegte, sie als korr. Mitglieder in die Kommission aufnahm, nationenübergreifende Sammelwerke zur Reformationsgeschichte und zur Entstehung der Republiken Estland und Lettland 1917/18 anregte sowie sozialgeschichtliche statt nationalpolitische Untersuchungen anstieß.
Bleibende Anerkennung erwarb W. mit Arbeiten zur russ. Geschichte der Neuzeit, v. a. seinem von der Kritik hochgeschätzten Hauptwerk „Peter I. Czar und Kaiser, Zur Geschichte Peters des Großen in seiner Zeit“ (2 Bde., 1964), in der er Peter als frühaufklärerischen, Glauben und Vernunft widerspruchsfrei miteinander verbindenden Selbstherrscher skizzierte, der Rußland in das europ. Mächtesystem wie in die neuzeitliche Lebens- und Geisteswelt eingefügt habe. W.s nationalsozialistische Bekundungen nach 1933 und seine tiefgründigen Reflexionen nach 1945 über nationalistische und NS-Ideologien haben in den letzten Jahrzehnten in kontroversen Debatten wiederholt Aufmerksamkeit gefunden.
Zu W.s Schülern zählten u. a. →Karl-Heinz Ruffmann (1922–1996), →Rudolf v. Thadden (1932–2015), →Manfred Hagen (* 1934) und →Gert v. Pistohlkors (* 1935).
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Auszeichnungen
|korr. Mitgl. d. Ak. d. Wiss. zu Göttingen (1943, o. 1955);
o. Mitgl. d. Hist. Komm. b. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1965), d. Johann-Gottfried-Herder-Forsch.rats u. d. Soc. Historica Turkuensis in Turku (Abo). -
Werke
Weitere W Meinungskämpfe im balt. Dt.tum während d. Reformepoche d. 19. Jh., 1934;
Rückkehr ins Reich, Vortrr. u. Aufss. aus d. J. 1939/40, 1942;
Drei Generationen, Dtld., Livl., Rußland 1830–1914, Gesinnungen u. Lebensformen balt.-dt. Familien, 1949;
Das Nationale als europ. Problem, Btrr. z. Gesch. d. Nationalitätenprinzips vornehml. im 19. Jh., 1954;
Das Interesse an d. Gesch., Zwölf Vorll. über Fragen d. zeitgenöss. Gesch.verständnisses, 1958;
Stud. z. Selbstverständnis d. 1. u. 2. Kab. d. russ. Provisor. Reg. (März bis Juni 1917), 1971;
– Hg.: Balt. KGesch., 1956;
Johannes Haller, Lebenserinnerungen, 1960;
– Auswahlbibliogr.: J. G. Herder-Forsch.rat (Hg.), Fünfunddreißig J. Forsch. über Ostmitteleuropa, 1985, S. 418 f.;
– Nachlaß: BA Koblenz. -
Literatur
|G. v. Pistohlkors, in: Zs. f. Ostforsch. 22, 1973, S. 698–703;
M. Garleff (Hg.), Zw. Konfrontation u. Kompromiß, Oldenburger Symposium „Interethn. Beziehungen in Ostmitteleuropa als historiogr. Problem d. 1930er/1940er J.“, 1995;
K. Neitmann, R. W. u. d. Wiederbeginn d. balt. hist. Stud. in Göttingen n. 1945, in: Nordost-Archiv NF 7, 1998, S. 11–32;
B. Białkowski, Utopie e. besseren Tyrannis, Dt. Hist. an d. Reichsuniv. Posen (1941–1945), 2011;
P. Kaegbein u. W. Lenz, Fünfzig J. balt. Gesch.forsch. 1947–1996, 1997, S. 179;
Biogr. Lex. Gesch.wiss.;
Historikerlex.;
Personenlex. Drittes Reich;
BBKL 25 (W, L);
Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
Göttinger Gel. (P). -
Porträts
|Photogr., Abb. in: R. v. Thadden u. a. (Hg.), Das Vergangene u. d. Gesch., FS f. R. W. z. 70. Geb.tag, 1973, S. 179 (u. weitere P-Nachweise).
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Autor/in
Klaus Neitmann -
Zitierweise
Neitmann, Klaus, "Wittram, Reinhard Alfred Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 355-356 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142925.html#ndbcontent