Lebensdaten
1886 bis 1929
Geburtsort
Kassel
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Rabbiner ; Religionsphilosoph
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118602802 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rosenzweig, Franz
  • Luo sen ci wei ge
  • Luosenciweige
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Zitierweise

Rosenzweig, Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118602802.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Georg (1857–1918), Fabr., Stadtrat in K., S d. N. N., gründete e. Drogerie in K.;
    M Adele Alsberg (1867–1933), Gr-Ov Adam (Abraham) (1826–1908), Bildschnitzer;
    1920 Edith (1895–1979, 2) Dr. Max Scheinmann), jüd. Rel.lehrerin in Berlin, emigrierte 1939 nach Palästina, T d. Rudolf Hahn (1860–1932), aus Berlin, u. d. Elise Salomon (1873–1943 Ghetto Theresienstadt);
    1 S Rafael N. (1922–2001), Wirtsch.wiss., emigrierte 1939 nach Palästina, nach Studium an d. London School of Economics Ausbildungsleiter f. agrarökonom. Entwicklungspol. in Israel, Senior Economic Advisor f. amerik.-isr. Kooperationen, hatte 1998 d. Franz-Rosenzweig-Gastprofessur an d Univ. Gesamthochschule Kassel inne, Vf. v. „The economic consequences of Zionism“, 1989, „Das Streben nach Sicherheit“, 1998, u. Hg. d. v. seinem Vater übers. „Fünfundneunzig Hymnen u. Gedichte“, dt. u. hebr., v. Yehûda hal-Lewî (s. L, W); Verwandte Hans Ehrenherg (1883–1958, jüd., seit 1909 ev.), Dr. phil., o. Prof. d. Phil. in Heidelberg, Nat.ök., 1924-37 Pfarrer in Bochum, emigrierte 1937 n. Großbritannien, 1947-54 Pfarrer in Bielefeld (s. BHdE II; Drüll, Heidelberger Gel.lex. I), S d. Otto Maximilian Ehrenberg (1849–1928), aus Braunschweig, Bankier in Kassel; Rudolf Ehrenberg (1884–1969), apl. Prof. d. Physiol. in Göttingen (s. Fischer; Wi. 1935 u. 1955; Pogg. VI-VIII), S d. Victor (1851–1929), Prof. d. Rechte an d. Univ. Leipzig. GR (s. NDB IV).

  • Leben

    R.s Eltern gehörten zum emanzipierten, liberalen Judentum. Von seinem Großonkel Adam Rosenzweig wurde R. angeregt, am traditionellen jüd. Leben teilzunehmen und die hebr. Sprache zu erlernen. Nach dem Abitur studierte er zunächst seit 1905 Medizin in Göttingen und München; 1907 wechselte er zum Studium der Geschichtswissenschaft und Philosophie nach Freiburg (Br.) und Berlin. Seine Dissertation, mit der er 1912 bei Friedrich Meinecke in Freiburg promoviert wurde, arbeitete er in den kommenden Jahren zu einer Habilitationsschrift aus (Hegel u. d. Staat, 2 Bde., 1920, Nachdr. 1962). Sie war die erste umfassende kritische Auseinandersetzung mit Hegels politischer Philosophie, die alle weiteren Auseinandersetzungen mit Hegel im 20. Jh. prägte und in ihrer staatskritischen und kulturgeschichtlichen Grundhaltung auch heute noch eigene Aussagekraft besitzt.

    R.s wichtigster phil. Lehrer war Hans Ehrenberg, der als Privatdozent in Heidelberg lehrte. Er bestärkte R. nicht nur in seiner Hegel-Kritik, sondern regte auch dessen Auseinandersetzung mit Schellings religionsphil. Spätwerk an, dem wichtigsten phil. Impuls zur späteren Konzeption von R.s glaubensphil. Hauptwerk „Der Stern der Erlösung“ (1921). Über Rudolf Ehrenberg lernte R. Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973) kennen. Im sog. „Nachtgespräch“ vom 7.7.1913 versuchten seine beiden christl. Freunde ohne Erfolg, R. zur Konversion zu bewegen. Nach dieser Entscheidung nahm er intensive jüd. Studien auf und hörte v. a. bei Hermann Cohen (1842–1918), der an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin lehrte.

    Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs meldete sich R. freiwillig zum Kriegseinsatz. Von der Balkanfront führte er seit 1916 mit Rosenstock-Huessy einen kontroversen jüd.-christl. Dialog in Briefen, den er 1917 mit dessen Frau Margrit fortsetzte. Noch im Krieg begann R. mit der Niederschrift seines Werks „Der Stern der Erlösung“, das eine grundlegende phil.-theol. Durchdringung des Glaubens zu geben versucht. Der 1. Band stellt eine phil. Vorklärung dar, die sich gegen das absolutsetzende Denken der idealistischen Philosophie richtet; der zweite entwickelt eine theol. Grundlegung der Offenbarung, die sich entschieden von der herkömmlichen Theologie abgrenzt; der dritte entwickelt eine Phänomenologie der jüd. und der christl. Glaubensgemeinschaft, die sich – bezogen auf die eine göttliche Wahrheit – als „Arbeiter am gleichen Werk“ Gottes verstehen sollten. Erst nach der Shoah an den Juden Europas setzte eine über die jüd. Diaspora hinausgehende Rezeption des „Sterns“ in der kath. und prot. Theologie sowie in der Philosophie ein, die darin eines der bedeutendsten religionsphil. Werke des 20. Jh. anerkennt.

    1920 erhielt R. den Auftrag, in Frankfurt/M. nach seiner Konzeption das „Freie Jüd. Lehrhaus“ als eine neuartige Erwachsenenbildungsstätte aufzubauen, die Wege zu einem bewußten jüd. Leben in der Moderne weisen sollte. Zu den Vortragenden am Lehrhaus zählten neben R. selbst der Frankfurter Rabbiner Nehemia A. Nobel, der Biochemiker Eduard Strauß, der Mediziner Richard Koch, der Jurist Eugen Mayer und der Religionsphilosoph Martin Buber; von den jüngeren Lehrenden sind v. a. Siegfried Kracauer, Rudolf Hallo, Ernst Simon, Nahum N. Glatzer, Martin Goldner und Erich Fromm zu nennen. Wenn sich auch die großen Erwartungen an den Erfolg des Lehrhauses nur teilweise erfüllten, so wurde doch seine Initiative und Konzeption Vorbild für eine Reihe von Folgeeinrichtungen in Deutschland, den USA und in einigen europ. Staaten.

    1922 mußte R., von einer amyotrophen Lateralsklerose als Folge einer Malaria-Erkrankung aus dem Krieg heimgesucht, die Leitung des Lehrhauses aufgeben und konnte auch die als gemeinverständliche Hinführung in sein glaubensphil. Hauptwerk gedachte Broschüre „Das Büchlein vom gesunden und kranken Menschenverstand“ nicht vollenden (engl. Übers. 1953, dt. 1964, Nachdr. 1984). Völlig gelähmt verfaßte R. noch die grundlegende phil. Abhandlung „Das neue Denken“ (1925), in der er die Absicht seiner existentiellen Glaubensphilosophie darlegt, sich in die Glaubensgemeinschaft hinein praktisch zu bewähren, aus der sie sich versteht. Hauptarbeiten seiner Krankheitszeit waren jedoch seine Übersetzungen der „Hymnen und Gedichte“ (1924, erw. Fassung 1926, 31983 u. d. T.: Fünfundneunzig Hymnen u. Gedichte) des hebr. Dichters Jehuda Halevi (1085–1141) und seit 1924 gemeinsam mit seinem engsten Freund Martin Buber (1878–1965) die „Verdeutschung der Schrift“ (Die fünf Bücher d. Weisung, 1925). Buber setzte nach R.s Tod die Übersetzungsarbeit fort, bis 1961 die letzten Teile der hebr. Bibel ins Deutsche übersetzt erscheinen konnten. Im Mai 1923 verlieh der liberale Rabbiner Leo Baeck (1873–1956) R. die Rabbinerwürde mit dem Titel Maurenu („unser Lehrer“).|

  • Auszeichnungen

    Seit 1987 F.-R.-Gastvorlesungen an d. Univ./Gesamthochschule Kassel.

  • Werke

    Das älteste Systemprogramm d. dt. Idealismus, in: SB d. Heidelberger Ak. d. Wiss., 1917;
    Hegel u. d. Staat, 1962;
    Die Schrift, 4 Bde., 1954 ff. (mit M. Buber);
    Der Mensch u. sein Werk, Ges. Schrr., 4 Bde., 1976-1984;
    Richard Koch u. F. R., Schrr. u. Briefe zu Krankheit, Sterben u. Tod, hg. v. F. Töpfer, 2000;
    Die Gritli-Briefe, Briefe an Margrit Rosenstock-Huessy, hg. v. I. Rühle u. R. Mayer, mit e. Vorw. v. Rafael Rosenzweig, 2002;
    F. R. – Margrit Rosenstock, Vollst. Briefwechsel, F. R.s Briefe an „Liebes Gritli“, hg. v. M. Gormann-Thelen, Internet-Ed. 2002;
    „Innerlich bleibt d. Welt eine“, Ausgew. Texte z. Islam, hg. v. G. Palmer u. Y. Schwartz, 2003;
    – L. Anckaert u. B. Casper, F. R., A Primary and Secondary Bibliography, 1990. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: LBI, New York.

  • Literatur

    A. Sborowitz, Offenbarung u. Offenbarungsrel. in F. R.s „Stern d. Erlösung“, 1942;
    N. N. Glatzer, F. R., His Life and Thought, 1953;
    E. Freund, Die Existenzphilos. F. R.s (1933), 1959;
    R. Horwitz, Speech and Time in the Philosophy of F. R., 1963;
    B. Casper, Das dialog. Denken, F. R., Ferdinand Ebner u. Martin Buber, 1968, 22001;
    J. Tewes, Zum Existenzbegriff F. R.s, 1970;
    R. Mayer, F. R., Eine Philos. d. dialog. Erfahrung, 1973;
    St. Mosès, Systhème et révélation, La philos. de F. R., 1982, dt. 1985;
    ders., L'Ange de l'hist., 1992, dt. 1994;
    H.-J. Goertz, Tod u. Erfahrung, 1984;
    ders., F. R.s neues Denken, 1992;
    I. Kräling (Hg.), Juden in Kassel 1808-1933, Eine Dok. anläßl. d. 100. Geb.tages v. F. R., 1986 (P);
    E. T. Charry, F. R. and the Freedom of God, 1987;
    A. Zak, Vom reinen Denken z. Sprachvernunft, 1987;
    P. Mendes-Flohr (Hg.), The Philosophy of F. R., 1988;
    P. Ricci Sindoni, Prigioniera di Dio, 1989;
    A. Fabris, Linguaggio della rivelazione, 1990;
    D. Hauck, Fragen nach dem Anderen, 1990;
    H. M. Dober, Die Zeit ernst nehmen, 1990;
    W. Schmied-Kowarzik, F. R., Existentielles Denken u. gelebte Bewährung, 1991;
    ders. (Hg.), Der Philos. F. R. (1886-1929), 2 Bde., 1988;
    ders. (Hg.), Vergegenwärtigungen d. zerstörten jüd. Erbes, 1997;
    St. Semplici, La logica e il tempo, 1992;
    A. E. Bauer, R.s Sprachdenken im „Stern d. Erlösung“, 1992;
    J. Piecuch, Das Verständnis v. Erfahrung b. F. R., 1992;
    C. Chalier, Pensées de l'éternité, 1993;
    K. Reichert, „Zeit ist's“, 1993;
    C. Hufnagel, Die kult. Gebärde, 1994;
    A. Münster (Hg.), La pensée de F. R., 1994;
    R. Burkhardt-Riedmiller, Sprachdenken u. seine Erneuerung humanist. u. jüd. Lerntraditionen, 1995;
    I. Kajon, Profezia e filosofia nel Kuzari e nella Stella della redenzione, 1996;
    F. P. Ciglia, Scrutando la „Stella“, Cinque studi su R., 1999;
    E. D'Antuono, Ebraismo e filosofia, Saggio su F. R., 1999;
    J. Valentin u. S. Wendel (Hg.), Jüd. Traditionen in d. Philos. d. 20. Jh., 2000;
    R. als Leser, Kontextuelle Kommentare z. „Stern d. Erlösung“, hg. v. M. Brasser, 2004;
    Enc. Jud. 1971;
    Metzler Philosophen Lex., 21995 (P);
    Metzler Lex. dt.-jüd. Lit. (P);
    Metzler Lex. jüd. Philos.;
    Frankfurter Biogr.;
    Ziegenfuß;
    Lex. d. Päd.;
    Killy, Kosch, Lit.-Lex.3;
    LThK;
    BBKL;
    TRE;
    zu Rafael:
    publik, Kasseler Hochschulztg., 25. Jhg., Nr. 1 v. 22.1.2002, S. 5.

  • Portraits

    Bronzegedenktafel v. G. Maniewski, 1993 (Frankfurt/Main, ehem. Wohnhaus).

  • Autor/in

    Wolfdietrich Schmied-Kowarzik
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich, "Rosenzweig, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 86-87 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118602802.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA