Lebensdaten
1789 bis 1866
Geburtsort
Bruchhausen (Westfalen)
Sterbeort
Zürich
Beruf/Funktion
Arzt ; Dichter ; Philosoph ; jüdischer Theologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118753290 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Steinheim, Salomon Ludwig
  • Steinheim, Salomon Levi
  • Abadjah, Ben Amos (Pseudonym)
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Zitierweise

Steinheim, Salomon, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118753290.html [22.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit 1648 in Ottbergen (Kr. Höxter, Westfalen) u. B. ansässiger jüd. Kaufmannsfam.;
    V Levi Abraham (1767 oder 1769–99), Kaufm. in B., S d. Abraham Levi (Abraham Leiffmann) (um 1727–93) u. d. Schöne Itzig (* 1744);
    M Sara, T e. Rabbiners;
    Ururur-Gvv Jakob Bassevi v. Threwenberg bzw. Treuenberg (bis 1622 Jakob Basch) (1570–1634), Hofjude, ksl. Hofbankier, Finanzier v. Wallenstein (s. NDB I);
    Urur-Gvv Marcus Jakob, Kaufm. aus Prag;
    Ur-Gvv Ahron Bassevi ( Channa, T d. Dr. Salomon del Medico, aus Candia), aus Prag;
    1 B Herz (* 1793);
    Altona 1814 Johanna (Hinde, Hanna) (1792–1882), aus Altona (s. W), T d. N. N. Matthiessen († 1841), aus Altona; kinderlos;
    Gr-N Leopold Lucas (1872–1943 Theresienstadt, Dorothea Janower, 1944 Theresienstadt), Dr. phil., Rabbiner in Glogau, Rel.wiss., 1902 Gründer d. Ges. z. Förderung d. Wiss. d. Judentums, 1911 Mitgl. d. byzantin. Ges. in Athen;
    Ur-Gr-N Werner Lucas, Dr., aus Glogau, Franz D. Lucas (1921–98), Kaufm. in London, Gen.konsul, Ehrensenator d. Univ. Tübingen, stiftete 1972 d. Dr. Leopold-Lucas-Preis.

  • Leben

    S. wuchs in Bruchhausen auf, ging 1804 mit seinem Lehrer Salomon S. Meier nach Altona und besuchte das Christianeum in Hamburg. Ein 1807 in Kiel begonnenes Medizinstudium setzte er 1810 in Berlin bei Christoph Wilhelm Hufeland fort, bevor er 1811 in Kiel mit einer Arbeit „Über die Ursachen der Krankheiten“ zum Dr. med. promoviert wurde. 1812 ließ er sich als praktischer Arzt in Altona nieder und wirkte seitdem ehrenamtlich als Armenarzt der dortigen jüd. Gemeinde. Neben seiner praktischen Arbeit veröffentlichte S. zu naturwiss. und med. Themen, v. a. zur Epidemiologie und Humoralpathologie.

    Seit den 1830er Jahren beschäftigte sich S. mit der Frage der Selbstbestimmung des Menschen (Über Zurechnungsfähigkeit, 1832), die sich für ihn nicht nur als medizinisches, ethisches und religiöses, sondern – in der Auseinandersetzung um die bürgerliche Gleichstellung der Juden in Schleswig und Holstein – auch als politisches Problem stellte. Er engagierte sich mit Gabriel Riesser (1806–63) im „Verein für die Emanzipation der Juden“ und schuf mit den „Meditationen über die Verhandlungen der holstein. Ständeversammlung“ bzw. „Ständekammer“ (1838/39) wichtige Streitschriften zur Emanzipation der Juden im 19. Jh.

    S. stand mit bedeutenden Persönlichkeiten in brieflichem Kontakt (u. a. August Detlev Twesten, Leopold Zunz, E. Collin, Ottilie u. Ludmilla Assing) und zählte u. a. Ludwig Uhland, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel, Karl Gutzkow, David Assing, Meier Isler und Moritz Wolf Warburg zu seinen Freunden. Er selbst trat mit Gedichtsammlungen hervor, die das Leben der Juden in der Diaspora thematisieren, komponierte, versuchte sich als Maler (Radierungen) und schuf phil. Werke. 1844 gab S. seine Arztpraxis auf und lebte bis zu seinem Tod in Rom und Sorrent. Hier vollendete er sein bedeutendstes Werk, „Die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge“ (4 Bde., 1835–65, Nachdr. 1986, P), in dem er anknüpfend an aufklärerische, rationalistische, postkantianisch-idealistische Positionen und sich abgrenzend gegen postspinozistisches und romantisches Immanenzdenken sowie Gefühls- und Erlebnistheologie eine suprarationale Offenbarungslehre entwickelte.

    Ganz im Sinne seiner Zeit glaubte S. an den humanen Fortschritt des Menschen. Er war kein Gegner des Reformjudentums, wohl aber des metaphysischen Rationalismus der Leibniz-Wolffschen Schule. An Moses Mendelssohn kritisierte er, daß dieser die Offenbarung Gottes in den biblischen Schriften nicht beachte. Die Trennung von Staat und Religion sei hingegen das große Verdienst Mendelssohns (Moses Mendelssohn u. seine Schule, 1840). Der rabbinischen Orthodoxie warf S. vor, sie habe den Gehalt der Offenbarungslehre durch „heidnisch philosophische Vermischung verfälscht und verdorben“. Während Reformer wie Abraham Geiger, Salomon Formstecher, Samuel Hirsch und Zacharias Frankel S. die Kompetenz eines jüd. Gelehrten nur bedingt zugestanden, fand dieser Anerkennung durch Leopold Zunz.

    S. setzte sich nicht mit der Halacha und der geschichtlich gewachsenen normativen jüd. Tradition auseinander. Seine systematische Form der Erneuerung des Judentums wurde von seinen Zeitgenossen vielfach kritisiert und von späteren Generationen kaum rezipiert. Zwar blieben Hermann Cohen und Franz Rosenzweig von S. nicht unbeeinflußt, doch wurde er erst Mitte des 20. Jh. von Hans Joachim Schoeps, Jacob Petuchowski, Joshua O. Haberman und A. Shear Yashuv wiederentdeckt. Aufmerksamkeit verdient besonders S.s Engagement für die Freiheit der Menschen (gegen Sklaverei und Zwangstaufe) und seine ethische Fundierung medizinischen Handelns. Beachtenswert bleibt seine Lehre auch, weil sie nicht auf dogmatischem sacrificium intellectus, sondern auf der kantisch-kritischen Selbstbegrenzung der Vernunft beruht. – Das an S. erinnernde Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut in Duisburg (seit 1986) ist eine Forschungseinrichtung für dt.-jüd. Geschichte von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart.

  • Auszeichnungen

    A Vorstandsmitgl. d. jüd. Gde. Hamburg (Armenarzt, 1812–44); Mitgl. d. Ärztl. Ver. zu Hamburg (1823–44, zeitweise Präses d. Sektion f. Zool.), d. Ver. f. Natur- u. Heilkde. in d. Hzgt. Schleswig, Holstein u. Lauenburg u. d. Ver. f. Heilkde. in Preußen; korr. Mitgl. d. k. u. k. Soz. d. Ärzte in Wien; Mitbegr. u. Vorst. d. Lehrlingsver. z. Beförderung zünftiger Handwerke unter d. isr. Glaubensgenossen (um 1829–37).

  • Werke

    De causis morburum. Dissertatio medica inauguralis quam pro summis in medicina honoribus rite adipiscendis defendet publice, 1811;
    Ueber d. Typhus im J. 1814 in Altona, 1815;
    Sinai, Gesänge v. Obadiah, dem Sohne Amos, 1822;
    Die Entwicklung d. Frösche, 1820;
    Die Humoralpathol., 1826;
    Bau- u. Bruchstücke e. künftigen Lehre v. d. Epidemieen u. ihrer Verbreitung, 3 Bde., 1831/32;
    Gesänge aus d. Verbannung, welche sang Obadiah ben Amos im Lande Ham, 1829, 21837;
    Moses Mardochai Büdinger, 1844;
    Die Zerstörung Jerusalems, Oratorium in zwei T. nach d. hl. Schr., Musik v. F. Hiller, 1844;
    Die Pol. nach d. Begriff d. Offenbarung, als Theokratie, 1845;
    Aristoteles über d. Sklavenfrage, 1853;
    Biogr. Bruchstücke, Kindheitserinnerungen, [Zürich 1865], in: H.-J. Schoeps u. a. (Hg.), S. L. S. z. Gedenken, 1966, Nachdr. 1987, S. 181–222 (W, L, P);
    S. L. S. u. Johanna S., Briefe, hg. v. J. Dick u. J. H. Schoeps, 1996;
    Bibliogr.:
    Bibliogr. d. gedr. u. ungedr. Arbb. v. S. L. S., in: Schoeps, 1966 (s. o.), S. 344–52;
    Bibliogr. d. med. u. naturwiss. Veröff. v. S. L. S., in: Stoll, 1994 (s. L), S. 130–37;
    Nachlaß:
    StA u. Kunsthalle Hamburg;
    Nat.- u. Univ.bibl. Jerusalem.

  • Literatur

    ADB 35;
    S. L. S., 100. Todestag, Gedenkfeier im Christianeum am 23. Mai 1966 (Christianeum,|Mitt.bl. d. Ver. d. Freunde d. Christianeums 22, 1966, H. 2, P);
    A. Shear-Yashuv, The Theology of S. L. S., 1986 (P);
    ders., S.s Beziehung z. jüd. Tradition, in: Zs. f. Rel.- u. Geistesgesch. 46, 1994, H. 1, S. 1–14;
    ders., Die Stellung d. S. L. S. z. Christentum, in: Die Entdeckung d. Christentums in d. Wiss. d. Judentums, hg. v. G. K. Hasselhoff, 2010, S. 197–212;
    „Philo d. 19. Jh.“, Stud. zu S. L. S., hg. v. J. H. Schoeps u. a. 1993 (P);
    C. Stoll, S. L. S. u. sein Konzept d. Humoralpathol., 1994 (W, L);
    BLÄ;
    Enc. Jud.2;
    Westfäl. Autorenlex. (W, L);
    Kosch, Lit.Lex.3 (W, L);
    Metzler Lex. jüd. Philosophen;
    Killy;
    Schleswig-Holstein. Biogr. Lex. II (W, L);
    Das Jüd. Hamburg, 2006 (P);
    Lex. dt.-jüd. Autoren (W, L, Qu);
    Heuer.

  • Portraits

    Zeichnung v. N. N. Ckroymann, 1837, mit e. Widmung f. G. Riesser (Privatbes. U. Ruge, Krefeld);
    Gem. (Verbleib unbekannt, Foto im S. L. S.Inst., Duisburg).

  • Autor/in

    Margret Heitmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Heitmann, Margret, "Steinheim, Salomon" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 198-200 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118753290.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Steinheim: Salomon Ludwig St., geboren im J. 1789 in Altona, nach anderen in der kleinen westfälischen Stadt Bruchhausen, am 19. Mai 1866 in Zürich, war seinem äußeren Berufe nach Arzt, seinem inneren nach, gleich Jehuda Halewi, ein Dichter und Denker. Seine Gesänge im „Sinai“ und in „Obadjah Sohn Amos aus der Verbannung“ zeugen von edlem poetischem Feuer und einem Herzen voll Theilnahme an seiner Glaubensgenossen Geschick, das er gleich seinem Freunde Gabriel Rießer zu verbessern strebt. Seine Bemühungen um Besserung der Lage der Juden in seiner engeren Heimath, namentlich um Zulassung zu zünftigem Handwerk, scheiterten zwar an der Engherzigkeit der holsteinischen Provinzialstände; aber das hinderte ihn nicht, fort und fort seine Feder in den Dienst der Emancipationsbewegung zu stellen, wie in seinen „Meditationen“ und verschiedenen Aufsätzen in den Kieler Blättern. Als Philosoph glänzt St. durch große Gelehrsamkeit und kühne Originalität. Insbesondere ist es ein Gedanke, den er in seinem mehrbändigen Werke „Die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge“ ins Licht zu setzen sucht. Das Merkmal der Offenbarung bestehe in dem der natürlichen Denkungsart zuwiderlaufenden Charakter, welcher den biblischen Mittheilungen über Gott, Schöpfung, Freiheit etc. anhängt, und doch den menschlichen Geist, sowie er davon erfährt, gefangen nimmt, so daß er sich der fremdartigen, seinem natürlichen Calcül widerstrebenden Erkenntniß nicht erwehren kann. Das Offenbarte wirke wie das Gewahrwerden eines realen Dinges, dessen Möglichkeit vordem paradox geschienen, das man aber als Thatbestand nicht wegleugnen kann. Die Ausführung dieses Gedankens fällt in die Zeit seines Aufenthaltes in Rom, wohin er sich, da er in der Heimath sich nicht glücklich fühlte, bereits im vorgerückten Alter begab und woselbst er — etwa 23 Jahre — bis in die Nähe seines Todes verweilte. Im Sommer 1866 ging er zu längerer Erholung nach Zürich, wo er nach bloß achttägigem Aufenthalte verstarb.

  • Autor/in

    Steckelmacher.
  • Empfohlene Zitierweise

    Steckelmacher, "Steinheim, Salomon" in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), S. 725 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118753290.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA