Lebensdaten
1893 bis 1978
Geburtsort
Hamburg
Sterbeort
Liverpool
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 106386573 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Liebeschütz, Hans
  • Liebeschutz, Hans
  • Liebeschütz, H.

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Zitierweise

Liebeschütz, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd106386573.html [23.05.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Samuel Graunem (gen. John, 1858–98), Dr. med., prakt. Arzt in H., S d. Landwirts Israel Meyer in Ramutten (Ostpreußen) u. d. Taube Jordan;
    M Lizzy Olga (1867–1950), T d. Joseph Salomon Schönfeld (1824–1909), aus Malchow (Mecklenburg), 1. Vorsteher d. isr. Tempelgemeinde, Vorstand zahlr. Stiftungen in H., u. d. Mathilde Bauer;
    Hamburg 1924 Elisabeth Amalie Rahel (* 1894), Dr. med., T d. Hugo Carl Plaut (1858–1928), Prof. d. Bakteriol. in H., u. d. Adele Caroline Brach;
    2 S, 1 T, u. a. Wolfgang (* 1927), Prof. d. Alten Gesch. in Nottingham, Hugo (* 1929), Spezialarzt f. Kinderkrankheiten in Southend (Essex), Elisabeth ( Ivan Hall, Senior Lecturer d. Kunstgesch. in Hull).

  • Leben

    Nach dem Besuch des Johanneums in Hamburg studierte L. 1912-14 an der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums und an der Univ. Berlin. Nach dem Frontdienst in Frankreich 1914–16, der eine dauernde Schädigung seiner Gesundheit zur Folge hatte, bezog er 1918 die Univ. Heidelberg, wo er 1920 mit einer Dissertation über Friedrich II. und England bei Karl Hampe promoviert wurde. 1920-28 folgte eine Lehrtätigkeit an Realschulen in Hamburg, 1928-34 an der Lichtwarkschule, einer Versuchsschule. 1929 erwarb L. die Venia legendi für Mittelalterliche Philosophie an der Univ. Hamburg. 1934 wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Er widmete sich nun der jüd. Erwachsenenbildung an der Franz-Rosenzweig-Gedächtnisstiftung in Hamburg und wirkte 1936-39 als Dozent für Weltliche Fächer an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Nach mehrwöchiger Inhaftierung im Konzentrationslager Sachsenhausen emigrierte er 1939 nach England, wo er seit 1942 als Lateinlehrer und 1946-60 an der Univ. Liverpool zunächst als Assistant Lecturer, schließlich als Reader arbeitete. 1947 wurde er brit. Staatsangehöriger. Nachdem die Univ. Hamburg L. die Venia legendi zurückerstattet und den Titel eines ao. Professors verliehen hatte, hielt er dort einige Jahre Gastvorlesungen.

    L. war bis in seine letzten Jahre wissenschaftlich produktiv. Seine Arbeiten auf dem Gebiet der Geistesgeschichte beruhen auf genauer und einfühlsamer Textkenntnis. Es war sein Hauptanliegen, die Verwurzelung von Ideen in den gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Entstehungszeit aufzuzeigen. Unter dem Einfluß von Eduard Meyer und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff sowie dem Kreis des Warburg-Instituts war er besonders interessiert an dem Fortleben und der Entwicklung klassischer Ideen im Mittelalter. So wies er nach, daß die scheinbar spontanen Visionen der Hildegard von Bingen weitgehend aus Motiven bestanden, die von spätrömischen Autoren herrührten. Bei John of Salisbury untersuchte er die Adaption antiken politischen Gedankenguts in das politische Handeln seiner Zeit. In dem postum veröffentlichten Buch „Synagoge und Ecclesia im Mittelalter“ (1983, W-Verz.) beschreibt er, wie sich die Haltung der Kirche zu den Juden zumal im Zuge ihrer Reform und der Kreuzzugsbewegung zum Schlechten wandelte und der Wettbewerb des neuen christlichen Kaufmannsstandes den Juden in die verhaßte Rolle des Geldleihers zwang.

    1955 gründeten L. und Robert Weltsch mit anderen das Leo-Baeck-Institut zur Erforschung des Judentums in Deutschland. Seine Schrift „Das Judentum im deutschen Geschichtsbild von Hegel bis Max Weber“ (1967) behandelte zwei Themen, die ihn tief bewegten: das Schicksal der Juden und die Entwicklung der deutschen Historiographie, der er sich zugehörig fühlte. Er schrieb unter dem Eindruck der Hitlerkatastrophe, aber charakteristischerweise behandelte er die zu ihr führende Entwicklung nicht unmittelbar, sondern wie sie sich in der Stellungnahme bedeutender Historiker des 19. Jh. widerspiegelt. In „Von Georg Simmel zu Franz Rosenzweig“ (1970) verfolgt er Entwicklungen in der deutschen intellektuellen Atmosphäre, wie sie sich auf die Interpretation des Judentums von Seiten jüd. Autoren auswirkten. L. sah den wichtigsten Beitrag des Historikers für Erziehung und Gesellschaft darin, daß er imstande ist, auch gefühlsbelastete Probleme mit der größtmöglichen Objektivität zu behandeln.|

  • Auszeichnungen

    Korr. Mitgl. d. Monumenta Germaniae Historica, 1960.

  • Werke

    Weitere W u. a. Fulgentius Metaforalis, 1926;
    Das allegor. Weltbild d. hl. Hildegard v. Bingen, 1930, Neudr. mit Nachwort 1964 (Rezension v. H. Grundmann, in: HZ 144, 1931, S. 340-44);
    Mediaeval Humanism in the Life and Writings of John of Salisbury, 1949;
    Das 12. Jh. u. d. Antike, in: Archiv f. Kulturgesch. 35, 1953, S. 247-71;
    Texterklärung u. Weltdeutung bei Johs. Eriugena. ebd. 40, 1958, S. 66-96;
    Chartres u. Bologna, Naturbegriff u. Staatsidee bei Johs. v. Salisbury, ebd. 50, 1968, S. 3-32;
    Meister Eckhart u. Moses Maimonides, ebd. 54, 1972, S. 64-96;
    Mittelalterl. Platonismus bei Johs. Eriugena u. Meister Eckhart, ebd. 56, 1974, S. 241-69;
    MA u. Antike in Staatstheorie u. Gesellschaftslehre d. hl. Thomas v. Aquino, ebd. 61, 1979, S. 35-68;
    Western Christian Thought from Boethius to Anselm, in: Cambridge Hist. of Later Greek and Early Medieval Philos., 1967, S. 535-639.

  • Literatur

    A. Paucker, in: The Times v. 13.11.1978;
    P. Classen, in: DA 35, 2, 1979, S. 711 f.

  • Portraits

    Phot. in: Leo Baeck Inst. Year Book 24, 1979.

  • Autor/in

    Wolfgang Liebeschuetz
  • Empfohlene Zitierweise

    Liebeschuetz, Wolfgang, "Liebeschütz, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 489 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd106386573.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA