Lebensdaten
1869 bis 1937
Geburtsort
Peine
Sterbeort
Marburg/Lahn
Beruf/Funktion
Religionsforscher ; evangelischer Theologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118590871 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Otto, Karl Louis Rudolph
  • Otto, Rudolf
  • Otto, Karl Louis Rudolph

Objekt/Werk(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie
Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Otto, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118590871.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich Wilhelm (1809–82), aus Hoheneggelsen, Essig-, später Malzfabr. in P. u. Hildesheim, S d. Tabakfabr. Friedrich Ernst in P.;
    M Katharina Karoline Henriette Sophie (1828–1911), aus Wathlingen b. Celle, T d. Organisten u. Lehrers Heinrich Christoph Reupke in Wathlingen; ledig.

  • Leben

    O. studierte 1888-92 ev. Theologie in Erlangen und Göttingen. Zunächst beeindruckt von der konservativen Erlanger Schule, entwickelte er sich in Göttingen zu einem liberalen Theologen eigenen Charakters, der in seine Arbeit Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse anderer Disziplinen selbstverständlich einbezog. 1898 promovierte er zum Lic. theol. mit der Arbeit „Geist und Wort nach Luther, Eine historisch-dogmatische Untersuchung“, erhielt nach einer Vorlesung über Kants Religionsbegriff die venia legendi für Geschichte der systematischen Theologie, zugleich auch für angrenzende Gebiete der Religionsgeschichte und Religionsphilosophie, und war gleichzeitig ein Semester lang Student der Philosophie. 1904 veröffentlichte er die Schrift „Naturalistische und religiöse Weltansicht“ (31929, engl. 1907), mit der er 1905 in Tübingen zum Dr. phil. promoviert wurde. Eingeschrieben als cand. med. hörte er im Sommer 1905 in München bei Röntgen „Experimentalphysik, II. Teil“. Nach intensiven Gesprächen mit Leonard Nelson (1882–1927) veröffentlichte O. 1909 als „Einleitung in die Glaubenslehre für Studenten der Theologie“ das Werk „Kantisch-Fries'sche Religionsphilosophie und ihre|Anwendung auf die Theologie“ (21921, engl. 1931). Die Religionsgeschichte förderte er mit dem Plan, deutsche Übersetzungen von Quellentexten der Religionen herauszubringen (Qu. d. Religionsgesch., 15 Bde. ersch.). Später erarbeitete er auch eigene Übersetzungen von Hindu-Texten. Als o. Professor für systematische Theologie und Religionsphilosophie wurde O. 1915 nach Breslau, 1917 nach Marburg berufen. Ende 1916 lagen die ersten Exemplare des Werkes vor, das ihn sofort weit über Deutschland hinaus bekannt machte und bis heute jede Darstellung und Diskussion O.s dominiert: „Das Heilige“, eine Studie, die psychologisch von menschlichem Erfahren ausgeht, das Agens der Erfahrung theologisch deutet, es im Blick auf religionsgeschichtliche Vielfalt entpersonalisiert und das alles eingespannt in die Komplikationen philosophischen Argumentierens faßt. Als Grenzgänger zwischen den Disziplinen fand O. mit seinem Programm Zustimmung im Bildungsbürgertum und bei religiös persönlich engagierten Religionsforschern, die Religion als „Begegnung mit dem Heiligen“ definierten. Die konservative und schließlich die gegen Ende seines Lebens vorherrschende dialektische Theologie wandten sich dagegen, daß er beim Menschen und seiner Erfahrung ansetzte. Methodisch distanziert arbeitende Religionsforscher erkennen gerade in diesem Ansatz eine Befreiung von monotheistisch-dogmatischen Vorgaben, sehen diese aber im Ganzen der Untersuchung nicht realisiert und setzen dem die disziplinär spezialisierte Einzelforschung entgegen. Dem gegenständlichen Aspekt von Religionen gewidmet ist die 1927 an der Univ. Marburg von ihm gegründete „Religionskundliche Sammlung“, die bis heute der religionsgeschichtlichen Forschung, Lehre und Präsentation dient. Im Fokus weiterer religionsgeschichtlicher, auch vergleichender Arbeiten stehen die Religionen Indiens. O., der mehrmals Reisen im Orient unternommen hat (1895 in Ägypten u. Palästina, 1911/12 in Indien, Birma, Japan u. China, 1927/28 in Ceylon, Indien u. durch d. Nahen Osten), wurde 1929 vor allem wegen einer Malaria-Erkrankung auf eigenen Wunsch vorzeitig emeritiert. In den 20er Jahren besonders mit der Entwicklung neuer liturgischer Formen beschäftigt, widmete er sich in den 30er Jahren vor allem Problemen der Ethik.

    O. trat auch politisch für seine Vorstellungen ein. Er nutzte die ihm als Abgeordnetem der Nationalliberalen Partei im Preuß. Abgeordnetenhaus (1913) gebotenen Möglichkeiten, um deutsche Kulturpolitik im Ausland zu fördern, auch in Verbindung mit religionsgeschichtlichen sowie missionarischen Interessen. 1920 gründete er den Religiösen Menschheitsbund, der als ein moralisch wirksames Pendant zum Völkerbund gedacht war, sich aber nicht durchsetzen konnte.

    O.s Ideen sind von jeder Generation aufs neue diskutiert worden, allerdings kontrovers, vor allem im Blick auf die Brauchbarkeit der Kategorie des Heiligen oder Numinosen für die Religionsforschung. Heute wird in Deutschland die Zulässigkeit seiner Methoden theoretisch eher bestritten, im Ausland dagegen mit seinen Anregungen experimentiert. Aber jede aktuelle Untersuchung über die Religion schlechthin oder die religiöse Erfahrung, sei sie religionswissenschaftlich, religionsphilosophisch oder theologisch ausgerichtet, setzt sich auch mit O.s Werk auseinander.|

  • Auszeichnungen

    D. theol. (Gießen 1907, Uppsala 1932), Senator d. Dt. Ak. München (1925).

  • Werke

    u. a. Die Anschauung v. Hl. Geiste bei Luther, 1898;
    Die hist.-krit. Auffassung v. Leben u. Wirken Jesu, 1901, 41905 (engl. 1908);
    Dipika des Nivasa, Eine ind. Heilslehre, Aus d. Sanskrit, 1916 (Übers.);
    Das Heilige, Über d. Irrationale in d. Idee d. Göttlichen u. sein Verhältnis z. Rationalen, 1917, 54.-56. Tsd. 1997 (engl. 1923;
    franz. 1929;
    ital. 1926;
    japan. 1927;
    korean. 1962, Nachdr. 1987;
    niederl. 1928;
    poln. 1993;
    schwed. 1924;
    serbokroat. 1983;
    span. 1925;
    ungar. 1997);
    Aufss., d. Numinose betreffend, 1923, 41929;
    Zur Erneuerung u. Ausgestaltung d. Gottesdienstes, 1925;
    West-Östl. Mystik, 1926, 31971 (engl. 1932;
    franz. 1951;
    ital. 1985;
    Japan. 1993);
    Die Cnadenrel. Indiens u. d. Christentum, Vergleich u. Unterscheidung, 1930 (engl. 1930;
    ital. 1932;
    japan. 1988);
    Das Gefühl d. Überweltlichen (Sensus Numinis), 1932;
    Sünde u. Urschuld u. a. Aufss. z. Theol., 1932;
    Gottheit u. Gottheiten d. Arier, 1932;
    Reich Gottes u. Menschensohn, Ein rel.geschichtl. Versuch, 1934, 31954 (engl. 1943);
    Die Urgestalt d. Bhagavad-Gita, 1934 (engl. 1939);
    Die Lehrtraktate d. Bhagavad-Gita, 1935 (engl. 1939);
    Aufss. z. Ethik, hg. v. J. Boozer, 1981;
    Autobiographical and Social Essays, translated and ed. G. D. Alles, 1996. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Univ. Marburg, Rel.kundl. Slg. u. Univ. Bibl.

  • Literatur

    H. Frick (Hg.), R. O.-Ehrung, Aus d. Welt d. Rel., Rel.wiss. Reihe. NF 1-3, 1940 (FS). – Biogrr.: R. Boeke, in: Numen 14, 1967, S. 130-43;
    R. Schinzer, in: E. Benz (Hg.), R. O.s Bedeutung f. d. Rel.wiss. u. d. Theol. heute, 1971, S. 1-29;
    J. S. Boozer, in: I. Schnack (Hg), Marburger Gel. in d. ersten Hälfte d. 20. Jh., 1977, S. 362-82. – Unterss.: W. Haubold, Die Bedeutung d. Rel.gesch. f. d. Theol. R. O.s, Diss. Marburg 1940 (W-Verz., L);
    H.-W. Schütte, Rel. u. Christentum in d. Theol. R. O.s, 1969 (W-Verz., L);
    S. P. Dubey, R. O. and Hinduism, 1969;
    R. Schinzer, Wert u. Sein in R. O.s Gotteslehre, in: Kerygma u. Dogma 16, 1970, S. 1-31;
    A. Gibbons, Rel. u. Sprache, Eine Unters. üb. R. O.s Buch „Das Heilige“, 1970;
    J. L. Emporeur, A Critical Evaluation of|R. O.s Liturgical Theology and Practice, Diss. Berkeley 1972;
    C. Colpe (Hg.), Die Diskussion um „das Heilige“, 1977;
    A. N. Terrin, Scienca delle religioni e teologia nel pensiero di R. O., 1978;
    Ph. C. Almond, R. O., An Introduction to His Philosophical Theology, 1984;
    D. Kamper u. Ch. Wulf (Hg). Das Heilige, Seine Spur in d. Moderne, 1987;
    R. Minney, The Development of O.s Thought 1898-1917, From „Luther's View of the Holy Spirit“ To „The Holy“, in: Religious Studies 26, 1990, S. 505-24;
    G. Pfleiderer, Theol. als Wirklichkeitswiss., Stud. z. Rel.begriff b. Georg Wobbermin, R. O., Heinrich Scholz u. Max Scheler, 1992;
    St. Raueiser, Schweigemuster, Üb. d. Rede v. Hl. Schweigen, 1996;
    R. Wiefel-Jenner, R. O.s Liturgik, 1997;
    G. D. Alles, in: A. Michaels (Hg.), Klassiker d. Rel.wiss., 1997, S. 198-210;
    D. Capps, Men, Religion and Melancholia, James, O., Jung and Erikson, 1997;
    M. Raphael, R. O. and the Concept of Holiness, 1997;
    RGG, LThK, Killy;
    BBKL;
    TRE.

  • Portraits

    aquarellierte Kohlezeichnung v. K. Doerbecker (Univ. Marburg, R. O.-Archiv, Rel.kundl. Slg.).

  • Autor/in

    Martin Kraatz
  • Empfohlene Zitierweise

    Kraatz, Martin, "Otto, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 709-711 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118590871.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA