Lebensdaten
1885 bis 1948
Sterbeort
Prag
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
jüdische Familie
Normdaten
GND: 118562533 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kisch, Egon Erwin

Objekt/Werk(nachweise)

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Kisch, Egon Erwin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118562533.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann, Tuchhändler in P., S d. Kaufm. Jonas;
    M Ernestine Kuh; Vt 2. Grades Bruno (s. 1);
    - Gisela N. N.; kinderlos.

  • Leben

    K. besuchte in Prag die deutsche Staatsrealschule, immatrikulierte sich 1903 zunächst an der Technischen Hochschule, dann an der Deutschen Universität Prag, brach das Studium ab und meldete sich 1904 als Einjährig-Freiwilliger, bevor er 1905 mit einem Volontariat beim „Prager Tageblatt“ und dem Besuch einer Fachschule in Berlin seine publizistische Laufbahn begann. 1906-13 arbeitete er als Lokalreporter bei der deutschen Tageszeitung „Bohemia“, wo er in einer Feuilletonserie aus dem Milieu der Armenviertel und der Bohème („Prager Streifzüge“) seine ersten Reportagen veröffentlichte. Die Elendsquartiere und Randgruppen der niedergehenden kaiserlichen und königlichen Monarchie stehen auch im Mittelpunkt seiner ersten belletristischen Arbeiten: Neben Lyrik- und Erzählungsbänden erschien 1914 der Roman „Der Mädchenhirt“.

    Bei Kriegsausbruch wurde K., der inzwischen als Dramaturg und Zeitungsreporter in Berlin arbeitete, zur österreichischen Armee eingezogen. Zunächst als Teilnehmer am serbischen Feldzug (Kriegstagebuch „Soldat im Präger Korps“, 1922, Neuauflage unter dem Titel „Schreib“ das auf, Kisch!“, 1929), dann als Presseoffizier beim Oberkommando in Wien entwickelte er sich im Verlaufe des Krieges zum Antimilitaristen und Revolutionär. 1918 beteiligte er sich an den Januarstreiks, wurde Mitglied illegaler Soldatenräte und im November Führer der Roten Garden in Wien. Nach dem Eintritt in die neugegründete KPÖ (aus der er 1925 in die KPD übertrat) und der Ausweisung aus Wien kehrte K. zunächst nach Prag zurück. 1921 siedelte er erneut nach Berlin über, wo er, weiterhin tschechischer Staatsbürger, bis 1933 als freier Schriftsteller lebte und als Mitarbeiter an den wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften linksbürgerlicher bis kommunistischer Couleur eine reiche publizistische Tätigkeit entfaltete.

    In den Jahren der Weimarer Republik unternahm K. ausgedehnte Reisen durch Mitteleuropa und Nordafrika (1922–24), in die Sowjetunion (1925/26 und 1931/32) sowie, jeweils mit gefälschten Pässen, in die USA (1928/29) und in die von Tschiang Kai Schek kontrollierten Provinzen Chinas (1932) Literarischer Niederschlag dieser Reisen waren die Reportagenbände „Der rasende Reporter“ (1925), „Hetzjagd durch die Zeit“ (1926), „Wagnisse in aller Welt“ (1927), „Zaren, Popen, Bolschewiken“ (1927), „Asien gründlich verändert“ (1932), „Paradies Amerika“ (1930) und „China geheim“ (1933), in denen K. die Gattung der Reportage thematisch und formal kontinuierlich weiterentwickelte. Ihr sozialer Gehalt verlagerte sich von der Schilderung lumpenproletarischen Elends zur Illustrierung des kapitalistischen Produktionsprozesses, der Ausbeutungsverhältnisse, der entfremdeten Arbeit; an die Stelle der sensationellen oder kuriosen Lokalbegebenheit trat mehr und mehr das für ökonomische und politische Gesetzmäßigkeiten signifikante Detail; gegenüber der noch um 1920 festgehaltenen Definition der Reportage als einer neutralen Tatsachenberichterstattung setzte sich bei K. ein klares Bekenntnis zum leninistischen Prinzip der Parteilichkeit und zum operativen Charakter der Reportage durch; entsprechend veränderten sich seine Reportagenbücher von bloßen Sammlungen zu zyklisch geordneten und kompositorisch geschlossenen Einheiten, die, etwa in den Bänden über die Sowjetunion und die USA, eine gesellschaftliche Totalität erkennbar machen wollten.

    Dieser Entwicklung von K.s Reportagen zu einer eigenständigen Form proletarisch-revolutionärer Literatur entsprachen seine politischen Aktivitäten: 1924 trat er dem „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ (SDS) bei (zu dessen linker Oppositionsgruppe er später gehörte), ein Jahr darauf der „Gruppe 1925“, 1926 beteiligte er sich im Rahmen der „Roten Hilfe“ führend an der Kampagne für die Freilassung von Max Holz (Sieben Jahre Justizskandal Max Hoelz, 1928) und edierte 1927 dessen „Briefe aus dem Zuchthaus“. Seit 1928 hielt er Vorträge an der „Marxistischen Arbeiter-Schule“ (MASCH) der KPD, 1929 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ (BPRS), 1930 nahm er am 2. Kongreß der „Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller“ (IVRS) in Charkov teil, wo er anschließend ein Jahr lang eine Professur für Journalistik übernahm.

    1933 wurde K., einen Tag nach dem Reichstagsbrand, verhaftet, später nach Prag abgeschoben, von wo er nach Paris emigrierte und aktiv im Exil-SDS und in der „Internationalen Arbeiter-Hilfe“ (IAH) mitarbeitete. 1934/35 reiste er unter abenteuerlichen Umständen illegal nach Australien, um an einem internationalen Antifaschistenkongreß teilzunehmen (Landung in Australien, 1937). 1935 formulierte K. auf dem Pariser Kongreß zur Verteidigung der Kultur seine Auffassung von der „Reportage als Kunstform und Kampfform“. 1937/38 wirkte er als Agitator in den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg und nahm am Madrider Schriftstellerkongreß 1938 teil. Im selben Jahr wurde er in Abwesenheit zum einzigen kommunistischen Stadtrat in Prag gewählt. Bei Kriegsbeginn floh K. über Südfrankreich und die USA nach Mexiko, wo er im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ mitarbeitete und neben dem autobiographisch gehaltenen Buch „Marktplatz der Sensationen“ (1942) den Reportagenband „Entdeckungen in Mexiko“ veröffentlichte. 1946 kehrte K. über New York und London nach Prag zurück.

  • Werke

    Weitere W u. a. Die gestohlene Stadt, 1922;
    Der Fall d. Gen.stabschefs Redl, 1924;
    Kriminalist. Reisebuch, 1927;
    Prager Pitaval, 1931;
    Eintritt Verboten, 1934;
    Geschichten aus sieben Ghettos, 1934;
    Abenteuer in fünf Kontinenten, 1935;
    Ges. Werke in Einzelausgg., 1961 ff. -
    Hrsg. Klass. Journalismus, Die Meisterwerke d. Ztg., 1923.

  • Literatur

    E. Utitz, E. E. K., Der klass. Journalist, 1956;
    D. Schlenstedt, Die Reportage b. E. E. K., 1959;
    ders., E. E. K., Leben u. Werk, 1963, 21968;
    J. Poláček, Der junge K., in: Philologica Pragensia VIII, 1965, IX, 1966;
    ders., E. E. K. 1914-20, Bausteine e. Biogr., ebd. X, 1967;
    Ch. E. Siegel, E. E. K., 1973 (W-Verz., L);
    E. H. Schütz, Reporter u. Reportagen, Texte z. Theorie u. Praxis d. Reportage in d. 20er J., 1974;
    Enc. Jud. X. 1971 (P).

  • Autor/in

    Martin Rector
  • Empfohlene Zitierweise

    Rector, Martin, "Kisch, Egon Erwin" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 682 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118562533.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA