Lebensdaten
1890 bis 1955
Geburtsort
Calw
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Maler ; Graphiker ; Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118759388 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schlichter, Rudolf
  • Schlichter, R.
  • Schlichter, Rudolph
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Zitierweise

Schlichter, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118759388.html [22.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Franz Xaver (1852–1893, kath.), Lohngärtner in C.;
    M Rosine Pauline Schmalzried (1857–1942, ev.), Näherin;
    B Max (1882–1933), gründete 1917 d. Künstlerlokal „Schlichter“ in Berlin (s. L);
    Berlin 1929 Elisabeth (Speedy) Koohler (1902–75), aus Genf, Schriftst. (s. R. S., Bibliogr., hg. v. D. Heißerer, 1998, S. 92; W); kinderlos.

  • Leben

    S. besuchte die Volks- und Lateinschule in Calw und war seit 1904 als Emailmaler in einer Pforzheimer Fabrik tätig. Nach dem Besuch der Stuttgarter Kunstgewerbeschule 1907, eines Vorbereitungskurses 1909 sowie kurzzeitig der Karlsruher Kunstschule von Wilhelm Pock studierte er seit 1911 an der Karlsruher Kunstakademie. Er lernte u. a. bei Walter Georgi, Kaspar Ritter, Hans Thoma und Walter Conz und wurde Meisterschüler von Ritter und Wilhelm Trübner. 1916-18 diente S. als Munitionsfahrer in Frankreich und dann in einem Heimatlazarett. Nach dem Krieg engagierte er sich politisch, wurde Mitglied im Berliner „Arbeitsrat für Kunst“ und begründete Ende 1918, zu dieser Zeit mit ironischer Geste an der Verbesserung antiker Meisterwerke interessiert, die dadaistische, nach Karl Mav benannte Künstlergruppe „Rih“ in Karlsruhe mit. Noch im selben Jahr siedelte er nach Berlin über, wurde Mitglied der „Novembergruppe“ sowie bis 1927 der KPD, und lernte George Grosz und John Heartfield kennen. Mit ihnen nahm er 1920 an der 1. Internationalen Dada-Messe bei Otto Burchard in Berlin teil, die v. a. den dt. Militarismus polemisch attackierte. S. perfektionierte in diesen Jahren seinen zunehmend scharfen veristischen Zeichenstil, der Anleihen bei der italien. Pittura metafisica von Giorgio de Chirico machte („DA-DA-Dachatelier“, um 1920, Slg. Florian u. Inge Karsch, Berlin) und erotische, exotische und Wildwestthemen mit zeitgenössischer Gesellschaftskritik verschränkte.

    In der Folge arbeitete S. als Illustrator und als Porträtist („Margot“, um 1924, Berlin, Stadtmus.; Bert Brecht, um 1926, München, Städt. Gal. im Lenbachhaus; Egon Erwin Kisch, 1928, Mannheim, Städt. Kunsthalle) und wurde zu einer führenden Figur der Neuen Sachlichkeit. 1925 nahm er an deren namengebender Ausstellung in Mannheim teil, 1928 erhielt er die erste Einzelausstellung bei Neumann-Nierendorf in Berlin.

    In der zweiten Hälfte der Weimarer Epoche (seit 1927) vollzog S. unter dem Einfluß seiner Frau eine für viele Zeitgenossen überraschende Wendung zum Katholizismus und trat in Verbindung zu Vertretern der antidemokratischen sog. Konservativen Revolution. So entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft mit Ernst Jünger, den er zweimal porträtierte (um 1929, Berlin, Nat.gal., u. 1937/40, Privatbes.); außerdem pflegte er Kontakte zu Ernst Niekisch und Ernst v. Salomon. Zugleich blieb S. ein Leben lang mit Grosz befreundet.

    „Blinde Macht“, sein allegorisches Hauptwerk (1932–36/37, Berlin. Gal.), lange als antinazistisch intendierte Arbeit fehlgedeutet und falsch datiert, muß zunächst im Kontext der Endphase der Weimarer Republik gelesen werden. Es wurde 1932 als eine Allegorie des Widerstandes gegen die liberale Demokratie von Weimar begonnen und erst später, nach kleineren Veränderungen, 1936 ausgestellt und nun gegen das NS-Regime instrumentalisiert. S. hatte sich 1932 mit seiner Frau in die Provinz nach Rottenburg/Neckar zurückgezogen, wo er u. a. an einer unveröffentlicht gebliebenen kunstpolitischen Denkschrift, Gedichten und den beiden ersten Bänden seiner Autobiographie arbeitete. Nach deren Erscheinen 1932/33 diffamiert und zeitweilig mit Arbeitsverbot belegt, wurde S. vorübergehend aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen und 1938 nach einer anonymen Denunziation für drei Monate inhaftiert.

    Nach dem Krieg lebte S. in München, wohin er 1939 übergesiedelt war und Kontakte zu Carl Muth, Theodor Haecker und Alois Dempf unterhielt; in seinen zunehmend phantastisch-surrealen Bildwelten reflektierte er als einer der wenigen bekannten Nachkriegskünstler den Mord an den Juden als eines der Verbrechen des Nationalsozialismus. Der aufkommenden malerischen Abstraktion (Informel) widersetzte er sich auch theoretisch-publizistisch vehement und stimmte damit ganz mit der restaurativen Haltung des Kunsthistorikers Hans Sedlmavr überein, der in „Die Revolution der modernen Kunst“ (1955) S. als Kronzeugen zitierte.

  • Werke

    Weitere W u. a. Porträts: Oskar Maria Graf. 1927 (Privatbes.);
    Arnolt Bronnen, um 1929 (DLA Marbach);
    Ernst v. Salomon, um 1930;
    Luigi Pirandello, um 1930 (beide verschollen);
    Stillgelegte Fabrik, 1932 (Privatbes.);
    Speedy stehend, um 1934 (Kunsthandel);
    An d. Schönheit, 1935;
    Friedrich Georg Jünger, 1937 (beide Privatbes.);
    Reptilien, um 1948 (Kunsthandel) (alle abgeb. in: Ausst.kat. 1997/98, s. L); Schrr.:
    Kl. Stadt, in: Das Kunstbl. 12, H. 12 v. Dez. 1928, S. 373-78;
    Zwischenwelt, Ein Intermezzo, 1931;
    Das Abenteuer d. Kunst, 1949;
    Autobiogr.
    in 2 Bdn.: Das widerspenstige Fleisch, 1932, hg. u. mit e. Nachw. v. C. Grützmacher, 1991 (mit 11 Zeichnungen v. R. S.);
    Tönerne Füße, 1933, hg. v. dems. mit e. Btr. v. G. Metken, 1991 (mit 10 Zeichnungen v. R. S.);
    Die Verteidigung d. Panoptikums, autobiogr., zeit- u. kunstkrit. Schrr. sowie Briefe 1930-1955, hg. v. D. Heißerer,|1995 (mit 13 Zeichnungen v. R. S.);
    Drohende Katastrophe, Gerlichte 1931-1936, hg. v. dems., 1997;
    Briefwechsel:
    Ernst Jünger – R. S., Briefe 1935-1955, hg. v. D. Heißerer, 1997 (P);
    Friedrich Georg Jünger, „Inmitten dieser Welt der Zerstörung“, Briefwechsel mit R. S., Ernst Niekisch u. Gerhard Nebel, Mit Einl. u. Kommentar, hg. v. U. Fröschle u. V. Haase, 2001;
    Nachlaß (Korr., Skizzen- u. Tagebücher, Photogrr.):
    Gal. Viola Roehr-v. Alvensleben, München, z. T. seit 1999 im DLA Marbach.

  • Literatur

    C. Einstein, in: Das Kunstbl. 4, 1920, S. 105-08;
    H. Graumann, in: Die Horen, 1927/28, S, 427-32;
    R. S., Ausst.kat. Berlin 1984;
    G. Metken, R. S., Blinde Macht, 1990;
    U. Rothfuss (Hg.), Zw. d. Fronten, 1990;
    Tausendundeine Nacht, Federzeichnungen aus d. J. 1940-1945, hg. v. G. Metken, 1993;
    C. Granof, Obstinate Flesh, Diss. Univ. of Chicago 1995;
    R. S., Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Ausst.-kat. Tübingen, Wuppertal u. München 1997/98 (P);
    R. S., Bibliogr., Lit., zeit- u. kunstkrit. Publl., ill. Bücher, Schriftst.portraits, Sekundärlit., Briefe, Schrr. v. Speedy S., hg. v. D. Heißerer, 1998 (P);
    O. Peters, Neue Sachlichkeit u. NS, 1998;
    Jürgen Schmid, Orwell, S., Haindl, Die Ill. d. „Animal farm“ in e. Werkztg., 2000;
    Vollmer;
    Dict. of Art; zu Max: J. Schebera, Damals im Roman. Café, 22005, S. 115-33 (P).

  • Portraits

    Photogr. v. Hugo Erfurth, 1924 (Gal. Alvensleben, München);
    Selbstbildnis als Grün fressender Mann, Aquarell, um 1928 (Berlin, Berlin. Gal.);
    Selbstbildnis, Öl/Lwd., 1936 (Privatbes.), beide abgeb. in: Ausst.kat 1997/98 (s. L).

  • Autor/in

    Olaf Peters
  • Empfohlene Zitierweise

    Peters, Olaf, "Schlichter, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 73-75 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118759388.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA