Lebensdaten
1869 bis 1941
Geburtsort
Budapest
Sterbeort
Genf
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Publizist
Konfession
jüdisch,Dissident
Normdaten
GND: 118973096 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Holitscher, Arthur
  • Holitscher, Arth.
  • Holitscher, Artur
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Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Holitscher, Arthur, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118973096.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus jüd. Kaufm.fam.;
    V Eduard, Getreidehändler in B.;
    M Hermine Altstätter;
    1913 Helene, T d. Woldemar Pierre Mödler, Kaufm. in G. u. Hamburg.

  • Leben

    In der widerspruchsvollen Atmosphäre einer jüdisch-bürgerlichen Familie aufgewachsen, die zur Assimilation zum bewunderten „Deutschtum“ Österreich-Ungarns neigt, die magyarische Umwelt als feindlich empfindet, sich aber nicht völlig aus der jüdischen Tradition lösen kann, erhält H. eine betont deutsche Erziehung (zuletzt im Evangelischen Gymnasium in Budapest). Er findet in intensiver Beschäftigung mit deutscher Literatur, Kunst und Philosophie Zuflucht vor der ihm seiner Herkunft nach drohenden kulturellen Isolation und der Enge merkantilen Denkens, mit dem ihn der Vater zwingt, eine Banklehre zu absolvieren. Nach 6 „verlorenen“ Jahren als Bankkaufmann in Budapest, Fiume und Wien geht H., der um 1890 zu schreiben begonnen und in Wien Kontakt zur Sozialdemokratie aufgenommen hat, 1894 nach Paris, wo er in Anarchistenkreisen unter den Einfluß Krapotkins gerät und wo er versucht, seine literarischen Pläne zu verwirklichen. Er lernt hier Albert Langen kennen und ist dann in München 1896 einen Sommer lang Redakteur des „Simplicissimus“, um in den folgenden 4 Jahren unruhig zwischen Paris und München hin und her zu pendeln, durch halb Europa zu reisen und an den Universitäten Brüssel und Heidelberg Philosophie und Kunstgeschichte zu hören. 1900-05 lebt er in der Münchener Bohème, schließt Freundschaft mit Wedekind und Wassermann, Bekanntschaft mit Thomas Mann und träumt mit Dauthendey und anderen Künstlern von einer „ästhetischen Kolonie“ fern aller Bürgerlichkeit auf Gotland. 1907 übersiedelt er nach Berlin und wird Lektor beim Verlag Bruno Cassirer. 1911 unternimmt er eine Reise nach Kanada und den USA. Mit dem Reisebericht „Amerika heute und morgen (1912, 141923) schafft er einen neuen Typus kulturpolitischer Reportage und erringt erste öffentliche Anerkennung. Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges aus London nach Deutschland abgeschoben, lebt H. eine Zeitlang in Ostpreußen, wird Mitarbeiter des „Berliner Tageblatts“ und der „Aktion“ und nimmt 1917 als Korrespondent der Wiener „Neuen Freien Presse“ am Weltkongreß der II. Internationale in Stockholm teil. Durch den Krieg und die russische Oktoberrevolution wird er zum radikalen Pazifisten (Mitglied im Bund „Neues Vaterland“) und Sozialisten. Während der Novemberrevolution ist er Beauftragter des „Arbeiter- und Soldatenrates“ und Mitglied des „Rates geistiger Arbeiter“ in Berlin. 1919 gründet er zusammen mit Piscator, R. Leonhard, L. Rubiner und anderen das „Proletarische Theater“.

    H. wird zum leidenschaftlichen Agitator für die junge Sowjetrepublik, auf die sich seine sozialistischen Hoffnungen stützen und die er 1920 (im Auftrag von United Telegraph) und 1922 (Teilnahme am III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale) bereist. Mit der Reportage „Stromab die Hungerwolga“ (1922) und mit Vorträgen im Auftrag der „Arbeiterhilfe“ in Deutschland und der Schweiz ruft er zur Hilfe für die von Hungersnot bedrohte Bevölkerung an der Wolga auf. In der „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland“ gehört er zu den aktivsten Förderern der neuen proletarischen Kultur Sowjetrußlands. H. engagiert sich auch für deutsche kommunistische Schriftsteller und Publizisten (unter anderem für den 1928 von einem Hochverratsprozeß bedrohten J. R. Becher) und nimmt 1927 am „Ersten Internationalen Kongreß proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ in Moskau teil, doch wird er nie Mitglied der KPD. Durch Reisen nach Palästina (1921), Frankreich, England, Indien, China und Japan (seit 1924), durch Südwesteuropa (1927) und besonders durch eine zweite Amerikareise (1929), über die er vielgelesene Reportagen veröffentlicht, behält er einen offenen Blick für die sozialen Realitäten, auch im Vergleich zur bewunderten, seit den späten 20er Jahren auch kritisierten Sowjetunion. Pazifistisch gesinnt, von Freudschen Gedanken beeinflußt und stark gefühlsmäßig engagiert, bleibt er stets Sozialist, steht aber während der letzten Jahre der Weimarer Republik zwischen Partei-Kommunisten und dem von ihm scharf bekämpften Bürgertum. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehört er sofort zu den Verfemten, er muß in die Schweiz emigrieren, 35 seiner Schriften werden verboten und verbrannt. In der Isolation der Emigration versucht H. zwar noch, über die antifaschistische Emigrantenpresse publizistisch zu wirken, kann jedoch kein literarisches Werk mehr schaffen. Seine letzten Jahre in Ascona und Genf sind von Armut und Einsamkeit bestimmt.

    H.s erste erzählerische Versuche (unter anderem „Von der Wollust und dem Tode“, 1902) sind im impressionistischen Stil bei psychologisch differenzierender Entwicklung der Charaktere gehalten und finden bei der Kritik als „formlos“ und „verworren“ wenig Anklang. Auch sein Prager Getto-Drama „Der Golem“ (1908) erreicht erst in der expressionistischen Verfilmung durch und mit Paul Wegener eine größere Wirkung. Seine Romane und Novellen zeigen starke Einflüsse der französischen Symbolisten und sind zumeist Verarbeitungen eigener Erlebnisse und Anschauungen. Seine erlebnis- und materialreichen Autobiographien sind schonungslose Selbstenthüllungen nach Rousseauschem Vorbild mit psychoanalytischem Einschlag und politischem Engagement. Den wichtigsten Beitrag zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts leistet H. mit seinen zahlreichen Reportagebüchern, mit denen er große Popularität erzielt. Sie gehen über den bloßen Bericht des Erlebten weit hinaus und sind gesellschaftskritische Darstellungen historischer und politischer Zusammenhänge. Temperamentvoll geschrieben, gehören sie neben denen E. E. Kischs zu den besten dieser neuen, von H. mitgeschaffenen Gattung politisch-literarischer Publizistik.

  • Werke

    Weitere W Autobiogrr.: Lebensgesch. e. Rebellen, 1924 (P), 2. Bd. u. d. T. Mein Leben in dieser Zeit, 1907–25, 1928;
    Autobiogr. Skizze, in: Die Lit. 28, 1925/26, S. 585. -
    Reiseberr.: In England. Ostpreußen, Südösterreich, 1915;
    Drei Monate in Sowjet-Rußland, 1921;
    Reise durch d. jüd. Palästina, 1922;
    Der Narrenbaedeker, 1925;
    Das unruhige Asien, 1926;
    Reisen, 1928;
    Wiedersehen mit Amerika, 1930. -
    Erzz. u. Novellen: Leidende Menschen, 1893;
    Das sentimentale Abenteuer, 1905;
    Geschichten aus zwei Welten, 1914;
    Ekstat. Geschichten, 1923. -
    Romane: Weiße Liebe, 1896;
    Der vergiftete Brunnen, 1900;
    Worauf wartest du?, 1910;
    Schlafwandler, 1918;
    Adela Bourkes Begegnung, 1920;
    Es geschah in Moskau, 1929;
    Ein Mensch ganz frei, 1931;
    Es geschah in Berlin, 1931. -
    Dramen: An die Schönheit, 1897;
    Das andere Ufer, 1901. - Schrr.:
    Charles Baudelaire, 1905;
    Leben mit Menschen, 1906;
    Das amerikan. Gesicht, 1916;
    Ideale an Wochentagen, 1920;
    Frans Masareel, 1923;
    Das Theater im revolutionären Rußland, 1924;
    Ravachol u. d. Pariser Anarchisten, 1925. -
    Übers.: O. Wilde, Ballade d. Zuchthauses zu Reading, 1917.

  • Literatur

    S. Großmann, A. H. -
    der Leninist, in: Das Tagebuch, 1921, Nr. 11;
    K. Tucholsky, Lebensgesch e. Rebellen, in: Die Weltbühne, 1925, Nr. 26;
    A. Goldschmidt, H. u. Dreiser, ebd., 1929, Nr. 34;
    A. H., in: Die Neue Weltbühne, 1939, Nr. 34;
    H. Stöcker, Der Weltenwanderer, in: Neue Zürcher Ztg. v. 11.9.1939;
    A. Klein, Der Hochverratsprozeß gegen J. R. Becher u. d. Herausbildung d. proletar.-rev. Lit., in: Aktionen, Bekenntnisse, Perspektiven, hrsg. v. d. Dt. Ak. d. Künste zu Berlin, 1966;
    R. Greuner, A. H. -
    Unterwegs zur Rev., in: dies., Gegenspieler, Profile linksbürgerl. Publizisten aus Kaiserreich u. Weimarer Republik, 1969 (P);
    Kosch, Lit.-Lex.;
    G. v. Wilpert, Literatur in Bildern, Dt. Dichterlex., 1963;
    Lex. sozialistischer dt. Lit., 21964;
    Lex. deutschsprachiger Schriftsteller v. d. Anfängen b. z. Gegenwart I, 1967.

  • Autor/in

    Eckhard Schulz
  • Empfohlene Zitierweise

    Schulz, Eckhard, "Holitscher, Arthur" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 528-530 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118973096.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA