Lebensdaten
1835 bis 1912
Geburtsort
Neuhausen bei Königsberg (Preußen)
Sterbeort
Freudenstadt (Schwarzwald)
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118559125 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kähler, Martin
  • Kaehler, Martin
  • Kähler, Karl Martin August
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Zitierweise

Kähler, Martin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118559125.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Siegfried August (1800–95), Dr. phil., Mil.oberpfarrer d. I. Armeekorps in K., Oberkonsistorialrat, S d. Ludwig August (1775–1855), Prof. d. Theol., Konsistorialrat u. Sup. in K. (s. ADB 15; PRE; Altpreuß. Biogr.), u. d. Sophie Seydel;
    M Minna (1796–1857), T d. Reg.dir. Joh. Gottfried Frey ( 1831, s. NDB V);
    Ov Bernhard August (1808–90), Arzt, Mitgl. d. Nat.vslg. in Frankfut/M. (s. Altpreuß. Biogr.), B Otto (1830–85), preuß. Gen.-Major, ottoman. Muschir (s. ADB 50; Priesdorff X, S. 242-44);
    - Brandenburg/Havel 1864 Luise (1842–1929), T d. KR Joachim Gotthilf Krüger u. d. Wilhelmine Tuchen; Schwäger Konsistorialrat Hermann Krummacher (1828–90, s. ADB 51), Hofprediger Adolf Stoecker ( 1909);
    4 S, 3 T, u. a. Wilhelm (1871–1934), Prof. d. Nat.ök. in Greifswald, seit 1919 dt.nat. Abgeordneter d. Preuß. Landtags, 1932/33 komm, preuß. Kultusmin., Martin (1874–1967), Chirurg u. Gynäkol. in Duisburg-Meiderich, Walter (1877–1955), Gen.sup. in Stettin, Siegfried August (1885–1963), Prof. d. neueren Gesch., zuletzt in Göttingen (s. W, L), Minna (1867–1934), Diakonissenhausoberin in Darmstadt, Anna (1869–1956), Malerin u. Schriftstellerin.

  • Leben

    Unter den Zeugen und Erben der preuß. Erhebung geboren, unter württ. Pietisten gestorben; gesättigt mit Dichtung und Philosophie des Idealismus und der Romantik, zum scharfen Gegner des Aristokratismus dieser Bewegung geworden; ohne kirchliches Amt, aber mit Kirche und Mission sachlich und persönlich tief verbunden: in diesen und anderen Kontrasten verlief das äußerlich schlichte Leben K.s. Frühreif und von einer starken Mutterbindung bestimmt, begann er 1853 gegen den Willen des Vaters zunächst in Königsberg Jura zu studieren, bis eine Todeskrise ihm die Inhaltlosigkeit einer bloß ästhetischen Existenz enthüllte. Zum bewußten Theologen wurde er nach zwei Heidelberger Semestern 1854/55 und der Begegnung mit Rothes spekulativer Theologie durch den wichtigsten Exponenten der Erweckungstheologie, Tholuck in Halle, der ihn 1857 zu seinem Amanuensis machte, sowie durch Julius Müller. Einem Tübinger Semester, das ihn den Biblizismus J. T. Becks kennen lehrte, entstammte seine Lebensfreundschaft mit H. Cremer. Nach Halle zurückgekehrt, habilitierte er sich 1860 mit der später zu einer großen Monographie verwendeten Dissertation über „Die christliche Lehre vom Gewissen“. 1864-67 als Nachfolger A. Ritschls Extraordinarius für Neues Testament und Systematik in Bonn, wurde er in gleicher Eigenschaft nach Halle zurückberufen, um das Schles. Konvikt, eine Stiftung des Grafen Harrach, aufzubauen. Nach Jahren intensiver Arbeit mit den Konviktualen erschloß ihm 1878 die Berufung zum Nachfolger Müllers den Weg zur vollen akademischen Arbeit.

    In Wort und Schrift bis zu seinem Tode ungemindert wirksam, wurde er die zentrale Gestalt der hallischen Fakultät. – K.s Hauptwerk „Die Wissenschaft der christlichen Lehre“ (1883, 31905, P, Neudr. 1966 mit Einf. v. M. Fischer) gilt als der nach Schleiermacher geschlossenste und reichhaltigste Entwurf des Jahrhunderts für eine christliche Dogmatik; sie untersuchte und entfaltete den Rechtfertigungsglauben nach Voraussetzung, Inhalt und Betätigung. Gemeint sind damit Christliche Apologetik, Evangelische Dogmatik und Theologische Ethik. – Schon früh beunruhigte K. das Problem der Verunsicherung von Kirche und Theologie durch die historisch-kritische Forschung und seine systematisch-theologische Bewältigung. Er versuchte diese durch die Kategorie des „Übergeschichtlichen“, womit die Eigenart der Tat Gottes in Christus als zwar nicht ohne die Geschichte (wie angeblich die Ideen) denkbar, aber auch nicht in ihr aufgehend gekennzeichnet werden sollte. Die Zulänglichkeit dieser Lösung des Verhältnisses von „Glaube“ und „Geschichte“ ist freilich umstritten. Fraglos ermöglichte sie jedoch für ihre Zeit eine weitgehende Freiheit zur historisch-kritischen Forschung an der Bibel. Solcher Forschung suchte K.s berühmteste Schrift „Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche biblische Christus“ (1892, engl. 1964) ihr Recht zu geben und zugleich die Grenze ihres Leistungsvermögens zu zeigen. Die Arbeit einer ganzen Forschergeneration im Ertrag vorwegnehmend, stellte K. fest, daß die Evangelien ihrer Eigenart nach nicht Bericht, sondern kerygmatisches Zeugnis sind, das Neue Testament als ganzes „Urkunde … der kirchengründenden Predigt“. Die ungeschichtlich denkende Inspirationslehre, in der Kirche seiner Zeit noch weitgehend geteilt, war damit positiv überwunden. Einigermaßen einsam war K. in seiner Zeit auch mit seiner Einsicht in die Unaufgebbarkeit der eschatologischen Dimension des christlichen Glaubens, das heißt unter anderem, daß das Reich Gottes nicht Produkt einer Entwicklung sein könne und werde, auch nicht mit der Kirche identisch, sondern daß es von Gott im kommenden Weltgericht und der Erneuerung der Welt heraufgeführt werde. Damit widersprach er bewußt dem Kulturoptimismus seiner Zeit ebenso wie dem Traum Richard Rothes von einer spiritualistischen Weltverklärung. – Am wirksamsten war K. in seiner Zeit durch die Integration der Mission in seine theologische Arbeit; in ihr gewann die ev. Heidenmission eine umfassende Begründung ihres Selbstverständnisses. Ermöglicht durch die von Gott in Christus gestiftete Versöhnung der Welt, und das heißt der Menschheit mit Gott, gilt die Mission als Predigt des Evangeliums allen Völkern. Dabei grenzte K. diese Predigt energisch von Kulturpropaganda und Ausbreitung bestimmter Kirchentümer ab, – überaus kritisch gegenüber den „Errungenschaften“ der europ. Völker. Vom selbstwirksamen Wort des Evangeliums erwartete er eigenständige Gestaltungen in den Missionskirchen. – Durch persönliche Anlage begünstigt, vom universalgeschichtlichen Denken der Bibel erfaßt, genährt mit ausgedehnter historischer Lektüre, besaß K. einen weiten geschichtlichen Blick. Seine Skepsis gegenüber der zu erwartenden Weltentwicklung war der Jacob Burckhardts nicht unähnlich; aber ihr Ertrag war nicht Resignation. Seine früh publizierte Warnung vor einem exzessiv werdenden Nationalbewußtsein und seinen Folgen wurde erst verstanden, als es zu spät war. – Ohne Schule bilden zu wollen, hat K. namentlich auf W. Lütgert, J. Schniewind, H. E. Weber, Einar Billing und andere Skandinavier sowie P. Tillich unmittelbar gewirkt. Seine literarische Wirkung dauert an.

  • Werke

    s. Gesch. d. Protestant. Dogmatik im 19. Jh., bearb. u. mit e. Verz. d. Schrr. M. K.s hrsg. v. Ernst Kähler, 1962, S. 292-307 (nicht ganz vollst.);
    Schrr. z. Christol. u. Mission, Gesamtausg. d. Schrr. z. Mission, Mit e. Bibliogr. hrsg. v. Heinzgünter Frohnes, 1971 (L). - Zum hs. u. Briefnachlaß vgl. H. Frohnes, Der Nachlaß v. M. K., in: Zs. f. KG 80, 1969, S. 79-99. -
    Theologe u. Christ, Erinnerungen u. Bekenntnisse v. M. K., hrsg. v. Anna Kähler (T), 1926 (P: Phot., z. T. falsch datiert). -
    Zu Siegfried Aug.: Wilh. v. Humboldt u. d. Staat, 1927, Neuaufl. 1963; W-Verz.
    in: Siegfried A. Kaehler, Stud. z. dt. Gesch. d. 19. u. 20. Jh., 1961, S. 412-15.

  • Literatur

    J. Wirsching, Gott in d. Gesch., Stud. z. theol.-geschichtl. Stellung u. systemat. Grundlegung d. Theol. M. K.s, 1963;
    Ch. Seiler, Die theol. Entwicklung M. K.s bis 1869, 1966;
    H.-G. Link, Gesch. Jesu u. Bild Christi, Die Entwicklung d. Christol. M. K.s in Auseinandersetzung mit d. Leben-Jesu-Theol. u. d. Ritschl-Schule, Diss. Tübingen 1973 (ungedr.);
    RGG. - Zu S Siegfried Aug.:
    H. Heimpel, in: Jb. d. Ak. d. Wiss. in Göttingen, 1964;
    W. Bußmann, in: HZ 198, 1964, Ernst Kähler, Siegfried A. Kaehlers Randbemerkungen zu Gogartens „Einheit v. Evangelium u. Volkstum?“, in: Zeugnis u. Dienst, Festschr. G. Besch, hrsg. v. G. Sprondel, 1974.

  • Portraits

    Büste v. A. Trebst (Abgüsse in Fam.bes.).

  • Autor/in

    Ernst Kähler
  • Empfohlene Zitierweise

    Kähler, Ernst, "Kähler, Martin" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 725-726 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118559125.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA