Lebensdaten
1887 bis 1945
Geburtsort
Aplerbeck (Westfalen)
Sterbeort
Flossenbürg (Oberpfalz)
Beruf/Funktion
Admiral ; Chef der deutschen Abwehr
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118518755 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Canaris, Wilhelm Franz
  • Canaris, Wilhelm
  • Canaris, Wilhelm Franz

Objekt/Werk(nachweise)

Orte

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Zitierweise

Canaris, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118518755.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    B Carl s. (1);
    Pforzheim 1919 Erika, T des Fabrikbesitzers Carl Frdr. Waag u. der Anne Dittler in Pforzheim;
    2 T.

  • Leben

    Nach Besuch des Realgymnasiums in Duisburg trat C. 1905 in die Marine ein. Frühe Dienstjahre führten ihn in die ibero-amerikanische Welt. 1914 Teilnehmer an der Schlacht bei den Falklandinseln, wurde er nach der Selbstversenkung der „Dresden“ (März 1915) in Chile interniert. Nach abenteuerlicher Flucht und Heimkehr erfüllte Kapitänleutnant C. 1915/16 einen geheimen Auftrag des Admiralstabes in Spanien, und zwar nach dem Urteil seiner Vorgesetzten „mit außerordentlicher Geschicklichkeit, mit Schneid und Umsicht“. Eigenem Wunsch entsprechend, wurde er danach in der Front verwendet und führte bei Kriegsende ein U-Boot im Mittelmeer.

    Während der Revolutionswirren 1918/19 förderte C. als Verbindungsoffizier zur Garde-Kavallerie-Schützendivision die Bildung von Einwohnerwehren. Mitglied des Kriegsgerichts, das die des Mordes an Liebknecht und Rosa Luxemburg Beschuldigten größtenteils freisprach und der Beihilfe zur Flucht des Oberleutnants Vogel verdächtig, wurde er zeitweilig festgenommen - doch verlief die Untersuchung für ihn günstig. In der Folge zur Adjutantur des Reichswehrministers Noske kommandiert, sympathisierte C. dennoch mit dem Kapp-Putsch und war vorübergehend inhaftiert, wurde jedoch im persönlichen Stabe des neuen Ministers behalten. Nach Juli 1920 Admiralstabsoffizier der Ostseestation und 1. Offizier des Kreuzers „Berlin“, 1924-28 in der Marineleitung (unter anderem für Angelegenheiten der ausländischen Attachés) verwendet, wurde C. 1928 1. Offizier des Linienschiffes „Schlesien“, 1930 Chef des Stabes der Nordseestation und 1932 als Kapitän zur See Kommandant der „Schlesien“, bevor er im Herbst 1934 den „Verabschiedungsposten“ des Festungskommandanten von Swinemünde erhielt.

    Schon die üblichen Qualifikationsberichte seiner Vorgesetzten bis zu dieser Zeit überraschen durch ihr anschauliches und differenziertes Bild von Rang und Eigenart|des vielschichtigen, für Mit- und Nachwelt so schwer erfaßbaren Mannes: Der knapp mittelgroße, leicht gebeugt gehende, doch sportfreudige, humorvoll-sarkastische C. ist keine typisch „militärische“ Natur. Obwohl in allen Frontkommandos hervorragend beurteilt, weisen ihn Anlage und Neigungen auf das militärpolitische Gebiet. Bloße Schreibtischarbeit aber liegt ihm nicht; unruhiger Geist, reizen ihn außergewöhnliche, schwierige Aufgaben. Überragende geistige Fähigkeiten und „seltene politische Begabung“ spricht man ihm zu. Von feinstem Gefühl für fremdländische Mentalität, versteht er mustergültig mit ausländischen Persönlichkeiten zu verhandeln und binnen kurzem ihr Vertrauen zu gewinnen. Bei höchsten Anforderungen an sich selbst zeigt er ein bescheidenes, zunächst fast schüchtern wirkendes Auftreten. Einhellig ist das Urteil über seine charakterliche Festigkeit und vornehme Denkungsart, seinen Takt und seine große Beliebtheit bei Kameraden und Untergebenen, die er in ihren kleinen und kleinsten Sorgen versteht. „Mit einer zähen Energie verbindet er eine weiche Gemütsart.“ Beurteilungen von 1933/34 sprechen von seinen „durch nicht alltägliche Erlebnisse bedingten skeptischen Stimmungen“.

    Am 1.1.1935 wurde C. - nachdem sein Vorgänger, Kapitän Patzig, mit der NSDAP in offenen Konflikt geraten war - als Konteradmiral zum Chef der Abwehrabteilung (ab März 1938: Amt Ausland/Abwehr des OKW) ernannt. Als solcher lag seine Stärke weniger in der organisatorisch-bürokratischen Leitung als in eigener, intuitiv bestimmter, anregender Mitarbeit, sowie vor allem in einer politischen Verwertung der Informationen. Nach seiner Vergangenheit sicherlich kein Freund der Weimarer Demokratie, ja betont „nationaler“ Offizier, stand C. der nationalsozialistischen Staatsführung nicht von vornherein ablehnend gegenüber. Weisungsgemäß trug er den expansiven Tendenzen des SD unter Heydrich geschmeidig, wenn auch praktisch mehr der Form nach, Rechnung. Sensibel, intellektuell veranlagt, evangelischer Christ, zudem weltpolitischen Zusammenhängen aufgeschlossen, geriet C. jedoch in wachsenden inneren Gegensatz zu den Machthabern, in deren verbrecherische Ziele und Methoden er dienstlich tiefen Einblick gewann. Sozialkonservativ orientiert und entschiedener Gegner des Kommunismus, hegte er lebhafte Sympathien für Franco, den Staatschef seines geliebten Spanien. Unter dem Eindruck der Fritsch-Affäre 1938 ließ C. in der großenteils von alten Offizieren geleiteten „Abwehr“ ein technisches Zentrum der Opposition gegen Hitler entstehen. Bei geflissentlicher Tarnung seiner wahren Gesinnung förderte er durch seine Informationen die Staatsstreichpläne der Generalstabschefs Beck und Halder und drängte sie zum Handeln, gewährte aber namentlich oppositionell aktiveren Untergebenen wie Hans Oster Handlungsfreiheit und schirmte sie ab. 1939 bemühte er sich auf verschiedenen Wegen, auch über Mussolini, Hitler von einem Kriege abzuschrecken, in dem C. „das Ende Deutschlands“ erblickte. Durch illusionsfreie Berichterstattung suchte er den außenpolitischen Wunschbildern der Staatsführung entgegenzuwirken. Schwer empfand Admiral (1.1.40) C. die moralische Mitverantwortung der Wehrmacht für die Gewalttaten der Parteiorgane in Polen und Rußland. Er unterzeichnete eine nachdrückliche Eingabe seines Amtes gegen die Erschießung russischer Kriegsgefangener. Zahlreichen Verfolgten verhalf er zur Flucht ins Ausland oder reklamierte sie für die „Abwehr“, wirkte auch individuellen Mordplänen der Machthaber und deren Kriegsausweitungszielen entgegen. Zum Pessimismus neigend, in steigendem Zweifel an der Handlungsbereitschaft der Generale und seit der Wendung Hitlers gegen die Sowjetunion im Vorgefühl der Katastrophe, war C. jedoch seit 1941 in abnehmendem Maße oppositionell aktiv und an der Vorbereitung des 20. Juli nicht mehr wesentlich beteiligt. Durch den Gewissenskonflikt und sein quälendes Doppelspiel seelisch zermürbt, hielt er dennoch auf verlorenem Posten aus, um das Amt und dessen Möglichkeiten vor dem Zugriff der bedenkenlosen SS-Führung zu bewahren. Längst beargwöhnt, wurde C., als einer seiner Agenten in der Türkei zu den Engländern flüchtete, im Februar 1944 seiner Stellung enthoben; das Reichssicherheitshauptamt bemächtigte sich der „Abwehr“. Drei Tage nach dem 20. Juli verhaftet, besiegelte der Zossener Aktenfund (mit den Plänen der Opposition und einer Materialsammlung über die Verbrechen des Regimes) C. Schicksal. Nach einem fragwürdigen SS-Standrechtsverfahren wurde er noch am 9.4.1945 im Konzentrationslager Flossenbürg gehängt.

    Die über den Zusammenbruch hinaus fortwirkende Verwirrung aller ethischen Begriffe durch den Nationalsozialismus, die emotionelle Abneigung zahlreicher Standesgenossen gegen den vielgewandten politischen Admiral und untypischen Einzelgänger haben das Bild C. unbewußter Verkennung und böswilliger Diffamierung ausgesetzt. Für den historischen Betrachter liegt seine Problematik jedoch nicht in dem für die Männer der Opposition weithin gegebenen Widerstreit der Ziele, Hitler zu bekämpfen und dem „Reich“ zu dienen, auch nicht in einem Konflikt zwischen Gehorsam und Verantwortung, sondern in der Spannung zwischen klarem, sittlich getragenem Wollen - und einem Mangel an konsequentem Handeln. Nach dem Urteil eines Kameraden neigte seine Natur „mehr zur konspirativen Resistenz als zur revolutionären Aktion“. Gleichwohl gebührt C., nicht nur als „einer der interessantesten Erscheinungen der Epoche“ (Weizsäcker), sondern namentlich als einem der wichtigsten militärischen Träger eines grundsätzlich orientierten Widerstandes ein Platz in der deutschen Geschichte einer Zeit, in der das wahre Wohl der Nation und die elementaren Prinzipien der Menschlichkeit mit den willkürlichen Machtzielen des Diktators immer offenkundiger divergierten.

  • Werke

    Pol. u. Wehrmacht, in: Wehrmacht u. Partei, hrsg. R. Donnevert, 1938,

  • Literatur

    H. B. Gisevius, Bis z. bittern Ende, 1946 (Neuausg. 1954);
    L. Rivet, L'énigme du service des renseignements allemands sous le régime hitlérien, in: Revue de Défense nationale, Paris, Juli 1947;
    Internat. Militärgerichtshof Nürnberg (IMT), Der Prozeß gegen d. Hauptkriegsverbrecher, 1947-49;
    F. C. Marwede, Die Wahrheit üb. Admiral C., in: Weser-Kurier v. 6.7. u. 8.12.1949;
    W. Hagen (d. i. W. Höttl), Die geheime Front, 1950;
    K. H. Abshagen, C., Patriot u. Weltbürger, 1950;
    H. Trevor-Roper, Admiral C., in: The Cornhill Magazine, Nr. 983, London 1950 (P);
    F. J. Furtwängler, Admiral C., in: Männer, d. ich sah u. kannte, 1951;
    F. v. Schlabrendorff, Offiziere gegen Hitler, Neubearb. 1951;
    J. Colvin, Chief of Intelligence, London 1951, dt. überarb. Ausg. u. d. T.: Admiral C., Chef d. Geheimdienstes, 1955 (mit Vorsicht zu benutzen);
    Pruck, Der Abwehrchef, in: Der Notweg, 1954, H. 7;
    S. Hartmann, Zwischen Staat u. System, in: Dt. Rdsch., 81. Jg., April 1955. - Qu: Archiv d. Inst. f. Zeitgesch. München.

  • Autor/in

    Helmut Krausnick
  • Empfohlene Zitierweise

    Krausnick, Helmut, "Canaris, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 116-118 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118518755.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA