Lebensdaten
1904 – 1974
Geburtsort
Arnsberg
Sterbeort
Müllheim (Baden)
Beruf/Funktion
Politiker ; Widerstandskämpfer ; Beamter ; Jurist ; Widerstandskämpfer
Normdaten
GND: 123431603 | OGND | VIAF: 47668888
Namensvarianten
  • Gisevius, Gustav-Adolf Timotheus Hans Bernd
  • Gisevius, Hans Bernd
  • Gisevius, Gustav-Adolf Timotheus Hans Bernd
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Gisevius, Hans Bernd, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd123431603.html [18.05.2024].

CC0

  • Hans Bernd Gisevius war ein rechtskonservativer Gegner der Weimarer Republik und beteiligte sich seit 1938 am Widerstand gegen das NS-Regime. Während des Zweiten Weltkriegs war er für das Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht tätig und versorgte als Kontaktmann den US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) mit Informationen über den Widerstand.

    Lebensdaten

    Geboren am 14. Juli 1904 In Arnsberg
    Gestorben am 23. Februar 1974 in Müllheim (Baden)
  • Lebenslauf

    14. Juli 1904 - Arnsberg

    - 1924 - Arnsberg; Berlin; Luckau (Brandenburg)

    Schulbesuch (Abschluss Abitur)

    Gymnasium (humanistisch)

    1924 - 1928 - Marburg an der Lahn; Berlin; München

    Studium der Rechtswissenschaften

    Universität

    1928 - Kassel

    Referendarprüfung

    Oberlandesgericht

    1928 - 1933 - Berlin; Düsseldorf

    Referendar (1930 strafversetzt, 1933 Große Juristische Staatsprüfung)

    1929 - Marburg

    Promotion (Dr. iur.)

    Universität

    1929

    Mitglied

    Deutschnationale Volkspartei (DNVP)

    1933 - 1934 - Berlin

    Mitarbeiter der Politischen Polizei

    Polizeipräsidium

    1934 - 1936 - Berlin

    Mitarbeiter der Polizeiabteilung (1934 Regierungsrat)

    Reichs- und Preußisches Ministerium des Inneren

    1936 - 1939 - Münster; Potsdam

    Regierungsrat

    Regierungspräsidium

    1939 - 1940 - Berlin

    Sonderführer

    Amt Ausland/Abwehr

    1940 - 1944 - Zürich

    Vizekonsul, zugleich Verbindungsmann der Abwehr

    Generalkonsulat

    1944 - Zürich; Berlin

    Beteiligung am Umsturzversuch des 20. Juli

    1945 - Zürich; Bern

    Flucht

    1946 - Nürnberg

    Zeuge der Anklage

    Internationaler Militärgerichtshof

    1950 - 1955 - Dallas (Texas, USA)

    Direktor

    Dallas Council of World Affairs

    23. Februar 1974 - Müllheim (Baden)
  • Genealogie

    Vater Hans Gisevius Oberverwaltungsgerichtsrat
    Mutter Hedwig Gisevius, geb. Schatz
    Heirat
    Ehefrau Gerda Gisevius-Woog, geb. Brugsch gest. 1983
    Diese Grafik wurde automatisch erzeugt und bietet nur einen Ausschnitt der Angaben zur Genealogie.

    Gisevius, Hans Bernd (1904 – 1974)

    • Vater

      Hans Gisevius

      Oberverwaltungsgerichtsrat

      • Großvater väterlicherseits

      • Großmutter väterlicherseits

    • Mutter

      Hedwig Gisevius, geb. Schatz

      • Großvater mütterlicherseits

      • Großmutter mütterlicherseits

    • Heirat

      • Ehefrau

        Gerda Gisevius-Woog

        gest. 1983

  • Biografie

    Nach dem Abitur 1924 studierte Gisevius bis 1928 Jura in Marburg an der Lahn, Berlin und München, begann anschließend sein Referendariat in Berlin und wurde 1929 bei Franz Leonhard (1870–1950) zum Dr. iur. promoviert. Seit 1929 als Redner der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) aktiv, wurde er im Mai 1930 wegen anhaltender politischer Agitation, u. a. gegen Heinrich Brüning (1885–1970), nach Düsseldorf strafversetzt. Innerhalb der DNVP gehörte Gisevius dem rechten Flügel um Alfred Hugenberg (1865–1951) an und stand dem Eintritt seiner Partei in eine Koalition mit der NSDAP aufgeschlossen gegenüber. Ob er nach der nationalsozialistischen Machtübernahme Mitglied der NSDAP wurde, ist nicht geklärt.

    Gisevius trat nach dem Zweiten Staatsexamen im August 1933 eine Stelle bei der Politischen Polizei in Berlin an, wechselte 1934 in das Reichsinnenministerium und 1935 in das Kriminalamt der preußischen Polizei unter Arthur Nebe (1894–1945), mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Als Gegner der Geheimen Staatspolizei und deren Leiter Rudolf Diels (1900–1957) geltend, wurde Gisevius 1936 von Heinrich Himmler (1900–1945) aus der Polizei entfernt, nachdem dieser Chef der Deutschen Polizei geworden war. Gisevius arbeitete anschließend in der allgemeinen Verwaltung des Regierungspräsidiums in Münster unter Ferdinand Freiherr von Lüninck (1888–1944), später im Regierungspräsidium Potsdam.

    1938 war Gisevius vor dem Hintergrund der Sudetenkrise an der Vorbereitung der „Septemberverschwörung“, einem Staatsstreich gegen Adolf Hitler (1889–1945), zentral beteiligt. Als Kenner der Polizei und Fachmann für innere Sicherheit analysierte er für die Staatsstreichplanung die systemtreuen Kräfte. Der Plan war nach dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938 jedoch hinfällig und wurde aufgegeben. Gisevius kam in diesem Kontext in Kontakt zu führenden nationalkonservativen Widerstandskämpfern und oppositionell denkenden Offizieren wie Ludwig Beck (1880–1944), Franz Halder (1884–1972) und Hans Oster (1887–1945), hegte jedoch zunehmend Antipathie gegen die an der Verschwörung beteiligten Militärs.

    Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Gisevius auf Weisung von Wilhelm Canaris (1887–1945) als Sonderführer in das Amt Ausland/Abwehr einberufen. Im Oktober 1940 ging er, offiziell Vizekonsul, als Vertreter der Abwehr nach Bern, wo er als Verbindungsmann zum US-amerikanischen Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) und dessen Leiter Allen Welsh Dulles (1893–1969) fungierte. Damit war er eine der wichtigsten Kontaktpersonen des nationalkonservativen Widerstands um Carl Goerdeler (1884–1945) mit dem Ausland. Dulles vermittelte Gisevius übertrieben optimistische Perspektiven hinsichtlich der Behandlung Nachkriegsdeutschlands durch die Alliierten, die dieser an Goerdeler weiterleitete, der infolgedessen zunehmend illusionäre außenpolitische Zielsetzungen vertrat, v. a. hinsichtlich der Möglichkeit, eine bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs zu vermeiden.

    Gisevius war am 20. Juli 1944 im Bendlerblock, dem Zentrum des Staatsstreichsversuchs, anwesend, tauchte nach dem gescheiterten Attentat unter und gelangte Anfang 1945 mithilfe gefälschter Papiere, die der OSS bereitgestellt hatte, in die Schweiz. Als Zeuge der US-Anklagebehörde beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess belastete er im April 1946 v. a. den Gestapo-Chef Ernst Kaltenbrunner (1903–1946), bemühte sich dagegen, Wilhelm Frick (1877–1946) und Hjalmar Schacht (1877–1970) zu entlasten, mit denen er während des „Dritten Reichs“ befreundet gewesen war. Für Aufsehen sorgte seine Behauptung, der Reichstag sei im Februar 1933 auf Weisung der NS-Führung durch ein von Hans Georg Gewehr (1908–1976) geführtes SA-Kommando in Brand gesetzt worden. Diese später mehrfach wiederholte Behauptung wurde ihm 1969 nach einer Klage Gewehrs vom Landgericht Düsseldorf untersagt.

    1946 veröffentlichte Gisevius seine Memoiren „Bis zum bitteren Ende“, in denen er die Offiziere im Widerstand scharf kritisierte und Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907–1944) unterstellte, er habe zu sozialistischen Ansichten geneigt und den Krieg einseitig im Osten gegenüber der Sowjetunion beenden wollen. Die mehrfach übersetzten Memoiren gehören zu den frühesten Augenzeugenberichten aus dem nationalkonservativen Widerstand, stießen bald auf Widerspruch – Rudolf Augstein (1923–2002) verspottete Gisevius 1960 als „Karl May des deutschen Widerstandes“ – und gelten heute als eine weitgehend unzuverlässige Quelle. Beanstandet wird insbesondere seine unkritische Haltung zu Wolf-Heinrich Graf von Helldorff (1896–1944) und Nebe, der als Leiter der Einsatzgruppe B in der Sowjetunion für den Tod von mindestens 45 000 Menschen verantwortlich war. Auch die Kritik an der Person Stauffenbergs wird von der modernen Forschung überwiegend als unbegründet gewertet.

    1963 veröffentlichte Gisevius die Studie „Adolf Hitler. Versuch einer Deutung“. Obgleich inhaltlich inzwischen weitestgehend überholt, betonte er in ihr die Mitverantwortung der deutschen Gesellschaft und kritisierte das damals weit verbreitete, stark hitlerzentrierte Bild des NS-Regimes.

  • Auszeichnungen

  • Quellen

    Nachlass:

    Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Archiv für Zeitgeschichte, Hauptnachlass (1902–1984). (weiterführende Informationen)

    Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, München, ED 82, Teilnachlass (1936–1949) (weiterführende Informationen)

    Weitere Archivmaterialien:

    Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, München, ZS 1759. (Zeugenschrifttum Hans Bernd Gisevius) (Onlineressource)

    Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam, 2A I Pers 1564. (Personalakte)

  • Werke

    Der Verwendungsanspruch des Besitzers, 1929. (Diss. iur.)

    Bis zum bitteren Ende, 2 Bde., 1946/47, aktual. Sonderausg. 1960, bearb. Neuausg. 1964, engl. 1947, franz. 1948/49, tschech. 1948.

    Adolf Hitler. Versuch einer Deutung, 1963, völlig überarb. Neuausg. 1967.

    Wo ist Nebe? Erinnerungen an Hitlers Reichskriminaldirektor, 1966.

    Der Anfang vom Ende. Wie es mit Wilhelm II. begann, 1971.

  • Literatur

    Susanne Strässer, Hans Bernd Gisevius. Ein Oppositioneller auf „Außenposten“, in: Klemens von Klemperer/Rainer Zitelmann/Enrico Syring (Hg.), „Für Deutschland“. Die Männer des 20. Juli, 1996, S. 56–70.

    Peter Steinbach/Johannes Tuchel, Art. „Gisevius, Hans Bernd“, in: dies. (Hg.), Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. überarb. u. erw. Aufl. 1998, S. 70 f.

    Antje Vollmer, Hans Bernd Gisevius (1904–1974). „Was habe ich eigentlich mit diesen Generalen gemein? Und jetzt soll ich für sie sterben“?, in: dies./Lars Broder Keil (Hg.), Stauffenbergs Gefährten. Das Schicksal der unbekannten Verschwörer, 2013, S. 190–219.

    Linda von Keyserlingk-Rehbein, Nur eine „ganz kleine Clique“? Die NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944, 2018.

    Winfried Heinemann, Unternehmen „Walküre“. Eine Militärgeschichte des 20. Juli 1944, 2019.

  • Onlineressourcen

    Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

    Diplomatic Documents of Switzerland 1848–1978.

    „Welt im Film“ v. 6.5.1946. (darin Sequenz „Prozess Nürnberg“, Min. 6:55–8:45, mit Aufnahmen aus dem Gerichtssaal, Kommentar zur Biografie von Gisevius und Ausschnitt seiner Aussage als Zeuge der Anklage).

  • Autor/in

    Winfried Heinemann (Cottbus)

  • Zitierweise

    Heinemann, Winfried, „Gisevius, Hans Bernd“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2023, URL: https://www.deutsche-biographie.de/123431603.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA