Lebensdaten
1850 bis 1932
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
sozialdemokratischer Politiker
Konfession
jüdischer Vater
Normdaten
GND: 118509993 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Bernstein, Eduard
  • Ai de hua Bo en shi tan
  • Aidehua-Boenshitan
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Zitierweise

Bernstein, Eduard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118509993.html [13.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jakob (israelitisch), Klempner, später Lokomotivführer;
    M Johanna Rosenberg (israelitisch);
    Ov Aaron s. (1);
    1897 Regina Zadek.

  • Leben

    B., der nach dem Besuch des Werderschen Gymnasiums in Berlin 1866-70 Lehrling und dann Angestellter in einem Berliner Bankgeschäft war, trat 1878 als literarischer Sekretär in die Dienste des Privatgelehrten Karl Höchberg, der die erste wissenschaftliche Zeitschrift des Sozialismus „Die Zukunft“ herausgab. B. hatte sich schon 1872 der Sozialdemokratie angeschlossen und 1875 in Gotha an der Einigung zwischen Lassalleanern und Eisenachern mitgewirkt. Nachdem auf Grund des Sozialistengesetzes die „Zukunft“ eingestellt worden war, begleitete er den lungenkranken Höchberg auf dessen Erholungsreise nach Lugano und Zürich, wo 1879 mit finanzieller Hilfe Höchbergs der „Sozialdemokrat“ als offizielles „Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge“ eröffnet wurde. 1881 übernahm B. die Leitung des Blattes, nachdem es ihm bei einem gemeinsam mit Bebel unternommenen Besuch in London gelungen war, das Mißtrauen von Marx und Engels gegen Höchberg und dessen Kreis zu überwinden. Auf Betreiben Bismarcks aus der Schweiz ausgewiesen, verlegte er 1887 seinen Wohnsitz und den Verlagsort des „Sozialdemokrat“ nach London, wo er in engem Kontakt mit Engels stand und auf dessen Anregung ein gründliches volkswirtschaftliches Studium aufnahm. Da der gegen ihn erlassene Steckbrief auch nach dem Erlöschen des Sozialistengesetzes aufrechterhalten wurde, blieb er nach der Rückverlegung des zentralen Parteiorgans nach Deutschland in London und lebte als freier Schriftsteller sowie als Korrespondent des Berliner „Vorwärts“. Erst 1901 konnte er nach Berlin zurückkehren, wo er bis 1905 eine eigene Zeitschrift „Dokumente des Sozialismus“, herausgab. 1902 wurde er in Breslau in den Reichstag gewählt, dem er zunächst bis 1906 und dann 1912-18 angehörte. Während des 1. Weltkrieges schloß er sich der Gruppe der Kreditverweigerer an, bekannte sich aber nach der Umwälzung von 1918 wieder zur sozialdemokratischen Mehrheitsrichtung und wurde einer der Vorkämpfer ihrer Wiedervereinigung mit den Unabhängigen. Die Revolutionsregierung bestellte ihn zum „Beigeordneten“ im Reichsschatzamt. 1920 wurde er erneut in den Reichstag gewählt und vertrat bis 1928 den 3. Berliner Wahlkreis als Nachfolger G. von Vollmars.

    Als einer der hervorragendsten Interpreten des Marxismus hat B. auf die ideologische Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie einen großen Einfluß ausgeübt, indem er der reformistischen Bewegung ein wissenschaftliches Fundament gab. Als um die Mitte der 90er Jahre anstelle der von den orthodoxen Marxgläubigen erwarteten großen Krise ein bis dahin nicht erlebter wirtschaftlicher Aufschwung in Europa und besonders in Deutschland einsetzte, begann B. die marxistische Lehre kritisch zu überprüfen. Anhand der Einkommens- und Betriebsstatistik stellte er fest, daß sich trotz zunehmender Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise die Klassengegensätze nicht verschärft und die Verelendung des Proletariats nicht zugenommen hatten, daß die Mittelschichten nicht verschwunden waren, sondern sich, wenn auch unter teilweiser Veränderung ihres Charakters, erweitert und stabilisiert hatten, kurz, daß die Entwicklung der Klassengesellschaft mit dem Marxschen Schema nicht übereinstimme. Auf Grund dieser Tatsachen gelangte er zu der Einsicht, daß mit der wachsenden Macht des Allgemeininteresses gegenüber den Privat- und Gruppeninteressen das elementarische Walten der ökonomischen Mächte aufhöre. Er empfahl der Sozialdemokratie, die Erwartung eines naturnotwendigen Zusammenbruchs der kapitalistischen Wirtschaftsordnung aufzugeben und durch sozialreformerische Gesetzgebungsarbeit die Befreiung der arbeitenden Klassen anzustreben, zumal der Fortschritt nicht von der Verschlechterung der Verhältnisse kommen könne, sondern im Gegenteil: „Je reicher die Gesellschaft, um so leichter und größer werden die sozialistischen Verwirklichungen sein“ Die marxistischen Vorstellungen einer sozialistischen Zukunftsgesellschaft bezeichnete B. als „nebelhaft“. „Das, was man gemeinhin das sozialistische Endziel nennt, ist mir nichts, die Bewegung alles“, lautete sein berühmt gewordener Satz. Dies bedeute jedoch, so fügte er hinzu, keine grundsätzliche Abkehr vom Marxismus, sondern lediglich die Tilgung seiner utopischen Reste, die geeignet seien, seine Anhänger zu verhängnisvollen Fehlgriffen in der Praxis zu verleiten. B. wollte den Marxismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre aufgefaßt wissen und die materialistische Geschichtsauffassung nur unter der Voraussetzung gelten lassen, daß man auch den nichtökonomischen Faktoren, den Rechts- und Moralbegriffen, den geschichtlichen und religiösen Traditionen jeder Epoche, sowie der Natur des Menschen und seinen geistigen Anlagen einen Einfluß auf den Geschichtsverlauf zugestehe. - Dieser sogenannte B.sche Revisionismus löste um die Jahrhundertwende in der deutschen und internationalen Sozialdemokratie leidenschaftliche Debatten aus, gewann aber trotz verzweifeltem Widerstand der orthodoxen Marxisten von Jahr zu Jahr an Boden und hatte kurz vor dem 1. Weltkrieg die deutsche Partei erobert. B.s Lehre liegt dem SPD-Parteiprogramm von 1921 (Görlitz) zugrunde, das die Katastrophen- und die Verelendungstheorie aufgab und andere Lehrsätze von Marx wesentlich einschränkte.

  • Werke

    Sozialismus u. Demokratie in d. großen engl. Revolution, 1895;
    Die Voraussetzungen d. Sozialismus u. d. Aufgaben d. Sozialdemokratie, 1899;
    Zur Theorie u. Gesch. d. Sozialismus, 3 T., 1901;
    Gesch. d. Berliner Arbeiterbewegung, 3 Bde., 1907;
    Gesch. d. dt. Schneiderbewegung, 1913;
    Aus d. J. meines Exils, 1913;
    Die Arbeiterbewegung, 1910;
    Sozialdemokrat. Völkerpolitik, 1917;
    Ferd. Lassalle, 1910;
    Völkerrecht u. Völkerpolitik, 1919;
    Die dt. Revolution, 1921;
    Sozialismus einst u. jetzt, 1922;
    Entwicklungsgang eines Sozialisten, 1930;
    Hrsg.: Intime Briefe Lassalles, 1905;
    Ges. Reden u. Schrr. F. Lassalles, 1919/20;
    Briefwechsel zw. Marx u. Engels, 4 Bde., 1919;
    ferner 26 kleinere Schrr. u. a. Die heutige Sozialdemokratie in Theorie u. Praxis, 1906;
    Wirtschaftswesen u. Wirtschaftswerden, 1906;
    Der Streik, 1906;
    Die Steuerpolitik d. Sozialdemokratie, 1914;
    Die Internat, d. Arbeiterklasse u. d. europ. Krieg, 1916;
    Von d. Aufgaben d. Juden im Weltkrieg, 1917;
    Der Geschlechtstrieb, 1918;
    Die Wahrheit üb. d. Einkreisung Dtld. s, 1920;
    Das Görlitzer Progr. d. SPD, 1922;
    Mitarb.: Die Neue Zeit, 1890–1917, Sozialist. Mhh., 1900–14, The Nation, London, 1906–14;
    Autobiogr., in: Die Volkswirtschaftslehre d. Gegenwart in Selbstdarst. I, 1924, S. 1-58 (W, P).

  • Literatur

    G. Sorel, Les polémiques pour l'interprétation du marxisme, B. et Kautsky, Paris 1900;
    G. Pasquali. Socialisti tedeschi, Bari 1919;
    P. Löbe, E. B. als Breslauer Abgeordneter, 1925;
    P. Kampfmeyer, E. B. u. d. sozialist. Aufbau, z. 80. Geb. E. B. s, 1930;
    Rhdb. I, 1930 (P).

  • Autor/in

    Paul Mayer
  • Empfohlene Zitierweise

    Mayer, Paul, "Bernstein, Eduard" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 133 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118509993.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA