Lebensdaten
1894 bis 1945
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin-Plötzensee
Beruf/Funktion
Kriminalbeamter
Konfession
evangelisch,gottgläubig
Normdaten
GND: 118999672 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nebe, Arthur

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Zitierweise

Nebe, Arthur, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118999672.html [17.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf (* 1868), Konrektor in B., S e. Schneidermeisters;
    M Berlha Lüder (* 1872) aus Briest (Mark Brandenburg), T e. Bauernhofbes.;
    Berlin 1924 Elisabeth Schaeffer;
    1 T.

  • Leben

    Nach der Reifeprüfung war N. seit August 1914 als Kriegsfreiwilliger Soldat, seit 1916 Leutnant in einem Pionierbataillon und erhielt das EK I. Als Oberleutnant aus der Reichswehr entlassen, wurde er am 1.4.1920 Kriminalkommissaranwärter bei der Berliner Kriminalpolizei, hörte nebenher juristische und medizinische Vorlesungen und bestand 1923 die Kommissarprüfung. Acht Jahre leitete N. das Rauschgiftdezernat; in Veröffentlichungen sprach er sich für zwangsweise „Heilung“ von Süchtigen aus. Er stieg am 1.4.1931 zum Leiter des Raubdezernats auf. Bereits 1920-23 hatte N. sich in verschiedenen deutsch-völkischen Gruppen engagiert, trat 1931 der NSDAP, der SA und als förderndes Mitglied der SS bei und gehörte 1932 zu den Gründern der NS-Arbeitsgemeinschaft der Berliner Kripo. Nach zweimonatiger Abordnung ins Preuß. Innenministerium wurde er zum 1.4.1933 als Kriminalrat (im selben Jahr auch Regierungs- und Oberregierungsrat) Leiter der Außendienstabteilung im Preuß. Geh. Staatspolizeiamt, ein Jahr später zunächst stellvertretender, dann Leiter des|Preuß. Landeskriminalpolizeiamtes im Polizeipräsidium Berlin. Unter seiner Mitwirkung wurde nach der Ernennung Heinrich Himmlers zum Chef der Deutschen Polizei und Reinhard Heydrichs zum Chef der Sicherheitspolizei am 30.9.1936 das Reichskriminalpolizeiamt als Spitzenbehörde der deutschen Kriminalpolizei errichtet, deren Leitung N. als Reichskriminaldirektor übernahm. Er war dafür verantwortlich, daß seit 1937 mutmaßliche „Gewohnheitsverbrecher“ und „Arbeitsscheue“ ohne Urteil in Konzentrationslagern inhaftiert wurden. Als davon bereits 13 000 Personen betroffen waren, von denen ein großer Teil umkam, erklärte N. 1938 diese „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ damit, daß die „Vernichtung des Verbrechertums“ für die „Reinhaltung der deutschen Rasse“ und zur „Eindämmung schlechten Erbstroms“ erforderlich sei. Dieser Aufgabe diente auch das ihm unterstellte Kriminalbiologische Institut, das vor allem die Verfolgung von Sinti und Roma betrieb. Nach Kriegsausbruch beteiligten sich N., seit 1940 Generalmajor der Polizei, und seine Behörde, nun Amt V (Kriminalpolizei) im Reichssicherheitshauptamt, weiter an Verbrechen des Regimes. Experimente des Kriminalmedizinischen Instituts führten 1939 zur Ermordung von Geisteskranken durch Giftgas. Von Juni bis Ende Oktober 1941 führte N. die Einsatzgruppe B der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in der Sowjetunion, die hinter der Front der Heeresgruppe Mitte unter ihm und seinem Nachfolger bis Mitte April 1942 mehr als 70 000 Juden und „Kommunisten“ ermordete. Mit der Beförderung zum SS-Gruppenführer und Generalleutnant belohnt, war er Anfang 1944 an der Ermordung geflüchteter und wieder ergriffener engl. Kriegsgefangener beteiligt, ließ an Häftlingen Versuche mit vergifteter Munition ausführen und ordnete im April 1944 an, einen mehrfachen Mörder nach medizinischen Versuchen im Kriminalmedizinischen Institut zu ermorden.

    Vier Monate später wurde N. selbst von der Polizei gesucht. Durch Hans Bernd Gisevius, den er seit 1933 kannte, war er in Verbindung mit Polizeipräsident Wolf Gf. Helldorff, General Hans Oster und anderen gekommen, von deren Plänen zur Beseitigung Hitlers er seit 1940 unterrichtet war; noch vor dem 20. Juli 1944 warnte er Goerdeler vor einer Verhaftung und stand nach dem Attentat bereit, den Staatsstreich durch Kriminalbeamte zu unterstützen. Am 24. Juli verschwand N. und konnte sich bis zum 16.1.1945 verborgen halten. Nach kurzer Haft im KZ Buchenwald wurde er am 2. März vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am nächsten Tag hingerichtet. In der Verhandlung begründete N. die Unterstützung der Widerstandsbewegung mit den Erfahrungen bei der Bearbeitung schwerer Korruptionsfälle, die Richter aber, die ihm wegen ehebrecherischer Beziehungen moralische Verkommenheit vorwarfen, sahen – nicht grundlos – den Ehrgeiz, auch nach einer Niederlage seine Stellung zu behaupten, als Motiv. Demgegenüber bescheinigte ihm Gisevius, bereits nach den Morden vom 30.6.1934 innerlich mit dem Regime gebrochen zu haben, und andere Überlebende des 20. Juli betonten, N. habe sich bemüht, den SS-Terror einzuschränken – eine Einschätzung, die sich mit der Realität schwerlich in Einklang bringen läßt.

  • Werke

    Kriminalpolizei u. Rauschgift, in: Kriminalist. Mhh. 3, 1929, S. 59-61, 81-85;
    Ein Morphiumkeller, ebd., S. 277 f.;
    Der Aufbau d. dt. Kriminalpolizei, in: Kriminalistik 12, 1938, S. 4-8 (auch in: Einweihung d. Reichskriminalpolizeiamtes am 31.8.1939, S. 1-6).

  • Literatur

    B. Wehner, in: Der Spiegel 3, 1949, Nr. 40;
    ders., ebd. 4, 1950, Nr. 16, ders., Dem Täter auf d. Spur, Gesch. d. dt. Kriminalpolizei, 1983;
    H. B. Gisevius, Wo ist N.? Erinnerungen an Hitlers Reichskriminaldir., 1966;
    ders., in: Der Spiegel 13, 1966, S. 69-71;
    H. A. Jacobsen (Hg.), Spiegelbild e. Verschwörung II, 1984, S. 769-74 (Urteil d. Volksgerichtshofs u. Ber. üb. d. Hauptverh);
    P. Wagner, Kommissar Sisyphus träumt v. letzten Fall, Kriminalpolizei u. Berufsdelinquenz 1918-1945, Diss. Hamburg 1995 (1996 u. d. T.: Volksgemeinschaft ohne Verbrecher, Konzeption u. Praxis d. Kriminalpolizei in d. Zeit d. Weimarer Rep. u. des NS);
    R. Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich, 1983 (P);
    Munzinger. – Eigene Archivstud. (BA Berlin-Zehlendorf).

  • Autor/in

    Heinz Boberach
  • Empfohlene Zitierweise

    Boberach, Heinz, "Nebe, Arthur" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 12 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118999672.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA