Lebensdaten
1457 oder 1458 bis 1524
Beruf/Funktion
Nürnberger Ratsherr ; Kaufmann
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 104348038 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Tucher, Anthoni
  • Tucher, Anton II.
  • Tucher, Anton
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Zitierweise

Tucher, Anton, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd104348038.html [21.10.2018].

CC0

  • Leben

    Tucher: Anton T., auch Anthoni T., geboren um 1457 zu Nürnberg, Sohn des gleichnamigen Losungers und seiner Frau Barbara, einer gebornen Stromer von Reichenbach, widmete sich der Kaufmannschaft. Bei den bedeutenden Handelsbeziehungen, welche die Tucher mit Italien, Frankreich und Spanien unterhielten, darf wohl angenommen werden, daß auch er sich im Ausland umgesehen und dort den Handel erlernt habe. Aus seinem Haushaltbuch geht mit Bestimmtheit hervor, daß er sich längere Zeit in Venedig aufhielt, wo er der Brüderschaft der deutschen Kaufleute angehörte.

    Im April 1477, als er gerade in Frankfurt auf der Messe weilte, wurde er als Bürgermeister in den Rath gewühlt, dem er bis kurz vor seinem Tode|angehörte. 1491 rückte er zum alten Bürgermeister vor an seines Vetters Hans Tucher's Stelle, 1493 kam er in das Collegium der älteren Herren und wurde 1501 zum obersten Hauptmann, 1505 zum zweiten Losunger und 1507 zum ersten Losunger, der höchsten Würde des Nürnbergischen Regiments, berufen. Das Getreidemeister- und das Stadtsiegelamt gab er 1505 mit der Ernennung zum Losunger wieder auf. Auch die Verwaltung einer Reihe geistlicher Pflegschaften war ihm übertragen. Er war Pfleger bei St. Katharina 1494—1524, bei den Karmelitern 1491—1505, bei den Augustinern 1500—1524, am neuen Spital 1500—1524, bei St. Egidien 1501—1508 und bei St. Sebald 1505—1524. Mit seiner Ernennung zum Losunger mußte er sich nach der gesetzlichen Vorschrift des Kaufmannshandels enthalten, um sich mit voller Kraft den Staatsgeschäften hingeben zu können. Konnte er sich seitdem auch nicht mehr mit der That dem Handel widmen, so unterstützte er ihn doch immer noch mit seinem klugen Rath, ja er blieb noch der intellectueller Leiter, dessen Beistand man nicht entrathen mochte.

    Was seine politische Thätigkeit angeht, so bediente der Rath sich seiner wiederholt zu wichtigen politischen Botschaften. So entsendete er ihn 1488 mit Dr. Johann Letscher und Sebald Rieter zur Beilegung nachbarlicher Gebrechen nach Bamberg, 1493 mit Dr. Letscher und dem Rathsschreiber Hans Wetmann nach Bischofsheim und 1494 mit Niklas Groland und Anton Tetzel auf den Kurfürstentag zu Mainz behufs Beseitigung der mit Markgraf Friedrich von Brandenburg schwebenden Irrungen. 1494 weilte er als Botschafter des Raths am Hofe Herzog Otto's in Heidelberg, 1495 besuchte er mit Niklas Groß und Ulmann Stromer den Reichstag zu Worms und blieb 153 Tage aus, 1498 finden wir ihn mit Anton Tetzel und Dr. Letscher auf dem Tag zu Ansbach, 1502 nahm er mit demselben und dem Rathsschreiber Wetmann, dann den Rathsherren Martin Geuder und Hans Harsdörfer an dem Fürstentage zu Erfurt theil, wo endlich der Friede zwischen Nürnberg und Brandenburg besiegelt ward. Auch verhandelte er im selben Jahre noch mit Anderen zu Schwabach behufs Aussöhnung der Stadt mit den Herrn v. Luchau.

    T. genoß das Vertrauen des Raths, wie die vielfache Verwendung zu politischen Sendungen zeigt, in höchstem Grade. Seine Bedeutung und sein politischer Einfluß wuchsen naturgemäß mit seinem Aufsteigen zu höheren Staatsämtern. Er wartete, wie ihn Christoph Scheurl im Tucherbuche schildert, des Raths und der Losungsstube treulich, war gewöhnlich mit den ersten und letzten, widmete sich den städtischen Angelegenheiten mit ganzem Fleiße, er war gewohnt, ein Memorial im Busen zu tragen, um es beim Rath und den Aelteren vorzulegen, er pflegte zu mahnen, zu treiben und nachzuforschen, ob auch die Rathspfleger die ihnen aufgetragenen Geschäfte ausführten. Den gemeinen Nutz setzte er dem eigenen vor, förderte gute Sachen und haßte böse Handlungen, die ihm auch niemand ansinnen durfte, bildete sich keinen Anhang, prakticirte nicht, sondern blieb stracks auf dem ebenen Wege als dem, der am weitesten führt. Er erfreute sich hohen Ansehens, zog viele nach sich und stand in guter Gunst beim Rath und bei der Gemeinde. In seinen „Händeln“, seinen amtlichen Verrichtungen, war er tapfer, überfleißig, aufrichtig, feierte nicht, arbeitete von statten für und für, ein verständiger, aufrichtiger und redlicher Mann, der gemeiner Stadt wohl anstand, ein Spiegel vieler Anderen und ein Vater des Vaterlands.

    Bei der nur das Ganze ins Auge fassenden Organisation des Nürnberger Regiments und der Gleichberechtigung der Mitglieder im Rath hebt sich der Einzelne kaum aus dem Rahmen der allgemeinen Wirksamkeit heraus, wenigstens ist ein solches Hervortreten in den Sitzungsprotokollen und Rathsbüchern nicht ersichtlich. Bei Anton T. ist eine Ausnahme wahrzunehmen. Als Götz von|Berlichingen am 18. Mai 1512 mit seinen Spießgesellen die von der Leipziger Messe heimkehrenden Nürnberger Kaufleute ausgeraubt und aufgehoben, suchte T. im versammelten großen Rathe die aufgeregte öffentliche Meinung zu beruhigen. Das Rathsbuch verzeichnet hier den vollständigen Inhalt der Rede, welche T. am 3. Juni 1512 auf dem großen Rathhaussaale hielt. Er stellt den Genannten vor, wie der Rath Tag und Nacht auf alle Mittel und Wege gedacht hätte, um den bösen Läufen zu begegnen. Man hätte Abhülfe beim Kaiser gesucht, aber eine austrägliche Hülfe von ihm nicht erlangen können. Am meisten seien die Ehrbaren selbst bei dem Ueberfall betroffen worden. Der Rath werde alles thun und handeln und Leib und Gut nicht sparen, wie er ja auch vorher nicht etwa ein oder zwei Tage, sondern lange Zeit über den Sachen gesessen, die alle Welt bewegten. Aber diese Angelegenheit berühre nicht bloß den Rath, sondern auch den Bischof von Bamberg, in dessen Geleit der Ueberfall geschehen, und die römische kaiserliche Majestät selbst, weil diese Handlung auf des heiligen Reichs Straße und auf des Kaisers Eigenthum, auch wider den kaiserlichen Landfrieden und Ordnung sich ereignet habe. Der Rath hat an Kaiser und Bischof seine Botschaften gesandt, die muß er erwarten, bevor er besondere Handlungen vornimmt. Aber trotzdem will er zu Hause nicht feiern, sondern den Widersachern entgegentreten, nach den Thätern trachten und alles ins Werk setzen, was zur Besserung der Dinge dienen kann. Das will der Rath seinen gehorsamen Bürgern, zu denen er sich alles Guten versieht und die sich selbst bisher gegen ihn mit bürgerlicher Dienstbarkeit gehorsamlich erzeigt haben, guter Meinung anzeigen. Weil aber diese Handlungen nach ihrer Weitläufigkeit nicht so bald, als ein Rath gern sähe, zu Ende kommen möchten und auch des Raths Widersacher nicht feiern würden, so halte er es für das Beste, daß sie eine ziemliche Zeit ihre Händel „abschneiden und schmäler machen“ möchten, bis sich die Läufe, wie der Rath hoffe, zur Besserung richten würden. Wo sie aber alle sämmtlich oder sonderlich etwas Besseres wüßten oder was der Sache zum Vortheil oder Nutz dienen könnte, so möchten sie es einem Bürgermeister oder den Kriegsherrn anzeigen, sie sollten gütlich und mit Fleiß gehört werden, der Rath wolle auch nach allem Vermögen handeln und Leib, Ehre und Gut und was ihnen Gott verliehen hätte, nicht sparen.

    Wenn in den letzten Tagen nach der Kaufleute Niederlage und Gefängniß Reden laut geworden, im Schießgraben und anderswo sei davon gesprochen, es handele sich nur um eine Handvoll Krämer und ein Ehrbarer oder einer von den Geschlechten wäre nicht darunter: so hätte der Rath mit großem Fleiß nachforschen lassen und befunden, daß solche Reden von einigen Gesellen herrührten. Aber es verhalte sich anders. Sie aber sollten solchen Reden keinen Glauben schenken und einen Rath und die Ehrbaren zum besten verantworten und entschuldigen, wie sich deß ein Rath zu ihnen als gehorsamen Bürgern ungezweifelt versehen wolle.

    Diese kluge und besonnene Rede konnte ihre Wirkung nicht verfehlen, sie zeigt uns den ersten Beamten der Stadt als einen sorglichen Vater, der seiner Aufgabe sich gewachsen zeigt, als den tüchtigen und verständigen Charakter, wie Christoph Scheurl ihn schildert. Aber nicht im Rath allein, überall, wo ihn Amt und Pflicht rief, war er der gewissenhafte und sorgfältige Pfleger und Verwalter. „Er thät große Arbeit bei den Armen des Spitals, damit ihnen recht Haus gehalten und ihr Gebürniß gereicht werde“ bemerkt Christ. Scheurl in seinem Lebensabriß.

    Der neuen Lehre war er von Anfang an mit ganzem Herzen zugethan und hat ihre officielle Einführung in Nürnberg wesentlich vorbereitet. Sein reicher Briefwechsel mit Kurfürst Friedrich von Sachsen und dessen oberstem Kämmerer Bernhard von Hirschfeld läßt dies klar genug erkennen. Luther bildet oft genug|den Hauptgegenstand der Correspondenz. Der Kurfürst schreibt seinem Nürnberger Vertrauten 1520 bezüglich der Publication der päpstlichen Bannbulle gegen Pirckheimer und Spengler, und daß er sich in Sachen Dr. Martin Luther's zu Köln dem päpstlichen Legaten gegenüber durchaus ablehnend verhalten habe. Dann aber spricht er in einem späteren Briefe (1521) mit besonderem Nachdruck seine Freude über die Stimmung und gleiche Gesinnung des Nürnberger Raths in dieser Sache aus: „Doctor Martinus halben haben wir gerne gehort, daß die Antwort, so wir bebstlicher Heiligkeit Bevelhaber haben geben lassen, euern Freunden den Eltern zu Gefallen gereicht, wollen uns auch, wills Got, so wir zu unserm Oheimen Herzogk Wilhelm von Baiern komen, mit seiner Lieb derhalben underreden“. Im selben Jahre schreibt ihm der Kurfürst auch, daß er ihn für einen guten Lutheraner halte. Deßhalb habe er nicht unterlassen wollen, ihm ein Büchlein zu schicken, worin Luther über die Artikel, die in der päpstlichen Bulle enthalten seien, sich auslasse. Nicht viel später schickt er ihm auch die deutsche Uebersetzung dieses Büchleins. Anfangs November 1522 erhält T. von ihm das neue Testament, ohne Zweifel die Luther'sche Uebersetzung, das er selbst erst kürzlich bekommen hat. T. liest es ganz durch und sucht sich mit ihm vertraut zu machen, der Kurfürst aber freut sich des guten Willens seines bürgerlichen Freundes und hofft, „der ewig Got werde Gnad verleihen, daß solichs zu Tucher's Selenheil geschehe“. Die Aeußerung des Kurfürsten vom 24. Januar 1523, daß Antoni T. ihm „bösen Trost“ in Sachen, die er wohl wisse, geschrieben, hätte er nicht gern gehört, bezieht sich auch, wie uns scheint, auf die Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten, welche der Verkündigung der neuen Lehre gerade damals in Nürnberg bereitet wurden und ihr noch drohten.

    Auch der Briefwechsel mit des Kurfürsten oberstem Kämmerer Bernhard v. Hirschfeld zeigt uns T. als treuen Anhänger der Reformation. 1520, am 30. Januar, bedankt sich jener von Worms aus für einen Brief „zusamt des Judiciums Dr. Luthers Lere btr.“ Er will es seinen guten Freunden mittheilen. Zu einem Entgelt schickt er ihm ein Büchlein, das zu Worms noch für neu gehalten werde „und nit unbillig“. Täglich träten dergleichen Erscheinungen ans Tageslicht, so daß er dafür achte, „bemelter Dr. Luther habe der deutzschen Vornunft erwecket. Gott wolle sie hinforder mit Gnaden stärken“. Weiter bemerkt er, er hoffe, „es solle dahin gedeien, das Doctor Luther gehört und nit mit Gewalt übereilet werde“. 1521 bestätigt Bernhard v. Hirschfeld zunächst den Empfang von zwei gedruckten Büchlein und theilt dann seinem vertrauten Freunde mit, wie der Kaiser geschwinde Acht über Luther und alle, die seiner Lehre anhängig, ergehen lassen wolle. Aber das würde wenig Frucht, sondern große Empörung und Aufruhr im Reich gebären. Dahin werde es gedeihen, was der Papst und die Seinen fleißig erstrebten, „daß wir Deutzschen einander selbs verfolgen und irer Mishandlung dabei vergessen, so würden si wol unrevormirt bleiben“. Fort und fort schickt Hirschfeld die auf die Reformationsbewegung bezügliche Tageslitteratur, so am 26. December T. und Spengler ein Büchlein mit dem Bemerken, sie würden daraus erkennen, daß es die Laien mit dem göttlichen Wort auch gut meinten. All diese Aeußerungen aber sind ebenso viele gewichtige Beweise unbedingten Vertrauens, das der durch und durch lutherisch gesinnte Bernhard v. Hirschfeld zu seinem gleichdenkenden Freunde hegte. Eine hervorragend bedeutsame, ja ausschlaggebende Stelle begegnet in einem Briefe Hirschfeld's vom 27. December 1521. „Ferner habe ich euer christlichs Gemute“, bemerkt er, „Doctor Martinus Luther blangend fast gerne vernommen und bin auch, wie ihr. zu gottlicher Gnad hoffend, er werde sein Wort und diejenigen, ihm anhängig, vor Unrechtem Gewalt behüten. Und will daneben nicht vorhalten, daß die römischen Geschickten mit Verbrennung bemelts|Doctor Luthers Büchern verursacht haben, daß zu Wittenberg das geistlich Recht und die römische Bulla über bemelten Doctor Martinus ausgangen, auch offentlich verbrennt worden sein, wie ihr aus inliegendem Zettelein fernern Bericht empfahen werdet. Und bemelter Doctor Martinus hat ein Büchlein ausgehen lassen, darinnen er die Ursachen solicher Verbrennung des geistlichen Rechtens anzeuget, das ist werlich ein wunderberlich Ding, darumb thue ichs euch hiemit auch übersenden ...“

    Aus allem aber erhellt auf das unzweideutigste, daß man auf sächsischer Seite T. bis ins Jahr 1523, soweit eben die Correspondenz reicht, als den treuen Freund, den vertrauten Rathgeber, aber auch den entschiedenen Anhänger Luther's betrachtete, wie er es auch in der That war.

    Man hat das für die letzte Zeit seines Lebens in Abrede gestellt. Mit einer gewissen Zurückhaltung hat man behauptet, daß die Bestrebungen der Wittenberger, wenigstens im Anfang seines ungetheilten Beifalls sich erfreut hätten. Die letzten Entscheidungsstunden des kirchlichen Kampfes in Nürnberg hätten ihn überlebt und weltmüde gefunden. Es wird dann angezweifelt, ob er „bei seiner milden, versöhnlichen Art und bei dem kirchlichen Sinn, den er durch reiche Schenkungen und Vermächtnisse für die eigenartigen Stiftungen der alten Kirche bis an sein Lebensende bethätigt, einer kirchlichen Neubildung zugestimmt haben würde“.

    Und doch war T. der neuen Lehre bis zu seinem letzten Lebensjahre treu ergeben. Wenn dagegen hauptsächlich angeführt wird, daß Christoph Scheurl in seinem Tucherbuch beim Abscheiden des A. T. ausdrücklich hervorhebe, daß er das hochwürdige Sacrament an seinem Lebensende nach christlicher Einsetzung empfangen habe, so muß doch dagegen bemerkt werden, daß gerade die neue Lehre die Austheilung des Abendmahls nach der Einsetzung Christi unter beiderlei Gestalten wieder einführte. Das ältere Exemplar des Tucherbuches hat denn auch in Uebereinstimmung damit den bemerkenswerthen Wortlaut: „Entpfing das hochwirdig Sacrament in Brot und Wein mit gutter Geschicklichkeit.“ Der Empfang des Abendmahls unter beiderlei Gestalten aber muß als ein um so unantastbarerer Beweis dafür angesehen werden, daß T. dem neuen Bekenntnisse bis zum Tode angehangen hat, als der Rath noch am 7. März 1523 den Predigern von der Austheilung unter beiderlei Gestalten eindringlich abgerathen hatte.

    Dazu kommt noch das wichtige Zeugniß des Lienhard Tucher über das Verhältniß seines Vaters zur Reformation. „Und ist schon damals in der Zeit gewest“, sagt er in seinem Merkbuch, „daß man das heilig Evangelio gepredigt hat gehabt, des sich mein Vatter vor seinem Abgang zum hochsten erfreuet, daß ihm Gott die Gnad thun hätt, daß er solche Zeit erlebt hätt“.

    Seine große Mildthätigkeit auch gegen die Klöster bildet keine Instanz gegen unseren Beweis. Man muß sich wohl gegenwärtig halten, daß die reformatorische Bewegung damals noch in vollem Flusse war und feste Gesetze sich hier noch nicht gebildet hatten, daß die hergebrachten Neigungen und Gewohnheiten zeitweilig noch ihren alten Zauber ausübten, daß gerade in den Frauenklöstern von St. Clara und Katharina zu Nürnberg, in denen zu Engelthal und Gnadenberg, welche fortwährend reiche Beweise der Zuneigung des A. T. erfuhren, Angehörige der eigenen Familie und Verwandte lebten, und es schwer ja unmöglich war, die Gefühle der natürlichen Liebe und Menschlichkeit zu unterdrücken. Brachten doch der als eifriger Anhänger der Reformation ganz unverfängliche Hieronymus Ebner und der für sie mit größter Energie wirksame Kaspar Nützel Anfangs März 1519 je eine Tochter bei St. Clara unter, und T. verehrte dann den beiden Nönnlein am 13. März vier Lämmer zu einem Mahl, wozu sie den ganzen Convent einladen sollten. Noch am 19. Januar 1524|versorgte Endres Tucher seine Nichte Katharina, die Tochter seines Bruders Berthold, der 22 Kinder gehabt hatte, im Katharinenkloster. Und so ließen sich noch weitere Beispiele beibringen. Wie schwer oft die Trennung von den alten Kirchengebräuchen selbst entschiedenen Anhängern der Reformation ankam, mag noch daraus hervorgehen, daß der schon erwähnte Hieronymus Ebner, A. Tucher's Nachfolger im Losungsamte, noch im J. 1524 für sich und seine Familie einen umfassenden Ablaßbrief erwirkte.

    Eins aber darf ich nicht vergessen hier anzuführen, daß nämlich die Gaben A. Tucher's an die Klöster, die vordem so reichlich geflossen, 1521 schon bedeutend abnahmen und in den letzten Jahren seines Lebens völlig aufhörten. Das trauliche, ja innige Verhältniß, das Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen Jahre lang bis zum Tode Tucher's mit diesem unterhielt, war nicht erst durch die gleiche Stellung der beiden zur Reformation herbeigeführt worden, sondern läßt sich bis ins Jahr 1508 zurückverfolgen. Damals war Friedrich der Weise mit seinen vier Räthen am 14. Januar bei T. in dessen Hause am Heumarkt — Haus zur Krone am Theresienplatz — zu Gaste, nachdem er ihm Tags zuvor ein Faß Königsberger Frankenwein verehrt hatte. Wiederholt vernehmen wir von dergleichen Schenkungen, oder von Wildprett, das er ihm sendet. T. dagegen sucht solche Gaben wieder wett zu machen. Noch im gleichen Jahre läßt er dem Kurfürsten ein Lägel Muskateller-Malvasier zukommen, dann wälsche Früchte als Pommeranzen, Rosinen (Zibeben) und Datteln, die er ihm nach Worms auf den Reichstag sendet. Dann erfreut er ihn wieder durch Zusendung einer Armbrust mit Zubehör, oder mit Sporen, Stegreifen, Zaumketten u. s. f. Das Verhältniß gestaltet sich immer inniger. T. wird in die geheimsten Dinge eingeweiht und durch den Kurfürsten selbst oder dessen Räthe Bernhard v. Hirschfeld und Degenhart Pfeffinger mit den neuesten Zeitungen versehen und über alle politischen Vorkommnisse unterrichtet. Der Kurfürst erwartet dagegen, daß T. ihn gleichfalls auf dem Laufenden erhalte. 1515 giebt er ihm Briefe an den kaiserlichen Hof zu besorgen. Wenn T. (1520) Briefe zukommen sollten, woran seines Bedünkens etwas gelegen, so soll er sie dem Kurfürsten auf dessen Kosten zuschicken, die weniger wichtigen aber ihm mit zufälliger gewisser Botschaft zukommen lassen. Dann erhält er Aufträge aller Art: er muß ihm eine kostbare mit Perlen besetzte Kette bei einem Nürnberger Goldschmied fertigen lassen (1513), oder er wird angewiesen, Zobel zu einem guten Futter für ihn zu erhandeln (1520), oder er soll ihm Rainfal senden (1521), oder bekommt den Auftrag für ihn münzen, Stempel schneiden und wieder Groschen prägen zu lassen (1510, 1513, 1522), er schreibt ihm wegen Ueberweisung der Stadtsteuer (1521). Weiterhin vertraut er ihm als seinem Bankier größere Summen Geldes an, macht bei ihm Anleihen oder läßt sie sich durch ihn besorgen. Die Geschenke, die T. fort und fort von Kurfürst Friedrich erhält, sind oft von äußerst huldvollen Worten begleitet. So läßt er ihm am 5. December 1511 durch Degenhart Pfeffinger mittheilen, der Kurfürst werde ihm demnächst ein Faß alten Königsbergers schicken, „der da gut und beständig sein soll ..., doch nicht darumb, daß ihr solches für ein Verehrung achten sollet, sondern für einen gnädigen Willen, damit sein churfürstlich Gnaden euch geneigt ist“. 1520 am 17. Mai schickte der Kurfürst ein gemalt Täfelein mit dem gnädiglichen Begehren, T. möge es in seinem Schreibstüblein aufmachen, es seinetwegen behalten und seiner dabei gedenken. Ein zweites Tafelgemälde von Meister Lukas (Cranach) läßt er ihm im März 1521 durch Lazarus Spengler zukommen, „nicht zu einer Vergleichung“, der ihm früher nach Worms übersandten wälschen Früchte, „sonder zu Vermerkung gnedigs und gerechts Willens“. 1521, am 26. December schreibt er von Eisenach aus, weil er ihm so lange|nicht geschrieben, so habe er nicht achten mögen, was des die Ursach sein möge. Hirschfeld aber hätte ihm berichtet, daß T. es der Sterbesläufte wegen unterlassen habe. Darum sei er des wohl zufrieden. 1523 am 23. Mai bedauert er Tucher's Schwächezustand. „Des tragen wir mit euch gnädigs Mitleiden, sein zu Gott, dem Allmächtigen, der Hoffnung, euer Schwachheit soll sich wiederum zu allem Guten und Gesundheit schicken und daß wir noch einsten zusammenkommen, das haben wir euch gnädiger Meinung nicht Verhalten wollen.“

    Und am 13. Juni schreibt er abermals: „Wir hoffen, unser lieber Herrgott werd euch mit euer Gesundheit gnädiglich unterhalten und uns nach seinem göttlichen Willen auch so lang fristen, bis wir noch einsten zusammen kommen und uns mit einander underreden, wollten wir euch gnädiger Meinung nit verhalten.“ Mit diesen Mittheilungen stimmt es vollständig, wenn Scheurl bemerkt, daß Kurfürst Friedrich ihn vor allen Bürgern des Reichs gerühmt habe und ihm bis ans Ende überaus gnädig gewesen sei, als durch den er all seine Angelegenheiten in Nürnberg habe ausrichten lassen.

    T. ist auch als Förderer der Kunst in Nürnberg beachtenswerth. So ließ er ein altes von Venedig stammendes Gemälde, den Kaiser Constantin und die h. Helena darstellend, durch Veit Stoß in eine Altartafel fassen und mit Flügeln und einem Ueberschweif versehen. Mit einem Altartuch, Vorhänglein und hölzernen Altarleuchtern stiftete er sie 1517 in die Capelle zum h. Sebastian vor der Stadt. In seinem Auftrage schuf dann Veit Stoß 1517 und 1518 den „Englischen Gruß“ oder „Rosenkranz“ für die Kirche zu St. Lorenz. Dieses Meisterwerk der Schnitzkunst, das noch heute, in der St. Lorenzkirche aufgehängt, die Bewunderung des Laien wie des Kunsterfahrenen erregt, kam T. auf 550 fl. zu stehen. Dazu ließ er 1519 ein „Chubert“ oder einen Ueberzug fertigen, ein Holzgestell von Veit Stoß geschnitzt und vergoldet, das mit blauer Leinwand überzogen und einem Vorhang versehen wurde, der 90 Ellen Genfer Tuch erforderte, dann noch Ketten und anderes. Im Ganzen kostete diese Umhüllung mit allem Zubehör etwas weniger als 43 fl. Damit entfällt die auch in die Litteratur übergegangene Legende, als ob die Verhüllung des Kunstwerks erst auf die eifernde Predigt Osiander's erfolgt sei. Dem Kloster St. Clara schenkte er 1517 eine Orgel, wofür ihm die Aebtissin, die edle Charitas Pirckheimer, in herzlichen Worten dankte.

    Endlich wird noch bekannt, daß er mit dem Kirchenmeister von St. Sebald Lazarus Holzschuher und den in dieser Angelegenheit gesetzten Rathspflegern Peter Imhof und Sigmund Fürer für die Vollendung des Sebaldusgrabes durch Peter Vischer eifrig bemüht war. Am 17. März 1519 berief er die angesehensten Bürger der Stadt zu einer Versammlung, die er an drei verschiedenen Tagen in der St. Sebaldkirche abhielt, und sprach sie in längerer Rede um Gaben an zur Aufbringung der noch nicht ganz gedeckten Kosten.

    Auch die Nürnberger Historiographie ist ihm zu Danke verpflichtet. Eine schon früh begonnene Familienaufzeichnung, worin er auch über seine eigene politische Thätigkeit berichtet, ist ein vollgültiger Beweis seines entwickelten geschichtlichen Sinnes. Wie sein Großoheim Berthold T. und der bekannte Stadtbaumeister Enders T. hat er über einzelne ihm übertragene öffentliche Verrichtungen Aufzeichnungen gemacht. Wichtiger noch sind seine Anregungen, die er zur Fortsetzung älterer Nürnberger Jahrbücher gegeben, wozu er selbst Beiträge geliefert hat und an deren Ausarbeitung er selbständig mitgewirkt haben kann. Seinen Spuren begegnen wir in der Tucher'schen Fortsetzung der Nürnberger Jahrbücher bis 1469 und in Heinrich Deichsler's Chronik. Bei der großen Theuerung im J. 1482, als der Rath eine große Bäckerei im Marstall dem armen Volk zu Gut errichtete, hatte er mit Ulrich Grundherr die Aufsicht und Rechnungführung zu übernehmen. Die ganze Schilderung der getroffenen Anstalten stellt sich als nichts anderes denn als einen directen Bericht A. Tucher's dar, ebenso wie sich die Darstellung der Theuerung im J. 1501, des Brotbackens und der Rechnungsführung als eine von ihm verfaßte Schilderung zu erkennen giebt. Es darf aber bei dem ausgeprägten historischen Sinne, der ihm eigen war, angenommen werden, daß er auch sonst diese für das Tucher'sche Geschlecht überaus wichtigen Aufzeichnungen durch Beiträge und Mittheilungen, ja, wie bereits bemerkt wurde, vielleicht auch durch Mitarbeit gefördert und beeinflußt hat.

    Von hervorragender orts- und culturgeschichtlicher Bedeutung sind endlich seine Haushaltungsbücher, die er eigenhändig vom J. 1507 bis ins J. 1523 niederschrieb, während sie für den Rest seines Lebens bis zum 22. April 1524 sein Sohn Lienhard, nur die kurze Zeit vom 16. bis 19. Juni, in der T. nochmals zur Feder griff, ausgenommen, fortgesetzt worden sind. In den letzten Lebensjahren war er vielfach von den Gebrechen des Alters heimgesucht. Seit 1518 kränkelte er. Zur Heilung seines bösen Beines ließ er sich von Nürnberger Badern und Barbieren, einmal auch von des Kaisers Arzt behandeln. Das Zucken im Gesicht zwischen Haut und Fleisch Vertrieb ihm der Barbierer Hans in 6 Tagen. Zu dem langwierigen Fußleiden, das ihn nicht mehr verließ, trat 1523 noch ein Augenleiden. Trotzdem hielt er sich tapfer und ging bis Ende März, wenige Wochen vor seinem Tod, in den Rath. Am Osterabend 1524 (26. März) ließ er diesem seines Leibes Gebrechen und Schwachheit anzeigen, weshalb er nicht mehr im Stande sei, das Amt der Losungsstube, daran gemeiner Stadt viel gelegen, zu verwalten. Darauf wurden in Anbetracht seines hohen Verstandes und Wissens und seiner Geschicklichkeit zu ihm beschieden Jacob Muffel und Hans Ebner, um ihn zu bitten, er möge „diesen Stand und Amt“ noch länger versehen, Hieronymus Ebner, sein College im Losungsamt, wolle gern bis zu seiner Besserung das Beste thun, ihn zu vertreten. Den Rathsabgeordneten gegenüber erklärte T., er wollte einem Rath zu Gefallen gern gehorsam sein, so lang er es vermöchte, hoffte aber, es sollt' nicht lange währen, sondern er würde wohl bald von Gott aus dieser Zeit erfordert werden. Am dritten Ostertag aber, als der neue Rath gewählt werden sollte und nach Gewohnheit vorher der alte Rath versammelt war, ließ T. durch die beiden Verordneten vorbringen, er sei von seinem Sohn erinnert worden, daß er des Losungsamts halber eine Zusage gegeben haben sollte. Davon aber wäre ihm nichts wissend, denn es sei sein Wille und Gemüth nicht gewesen, jene Zusage aber wäre aus „Zufall seiner Krankheit" unbedacht geschehen. Darum wollte er sie jetzt widerrufen und zum höchsten gebeten haben, ihn dieses Amts zu entbinden. Denn er befände täglich Mehrung und Zunahme seiner Krankheit dergestalt, daß „seines Lebens nicht lang sein werd". „Darauf“, schließt der Bericht des Rathsbuchs, „ist, wiewohl mit Beschwerd ertheilt, ihn seins geschehen Ansuchens zu willfahren.“

    Er konnte dann das Haus nicht mehr verlassen und ließ sich von dem Priester Hans im Spital an seinem Hausaltar Messe lesen. Am 7. April schenkte er ihm noch für 6 gelesene Messen einen Gulden. T. starb am 27. April 1524 und wurde in der neuen Gruft der Tucher auf dem St. Johanniskirchhof vor der Grabescapelle als der erste seines Geschlechts begraben.

    In ihm schied ein ebenso hervorragender als anspruchsloser Mann, der seiner Vaterstadt mit Besonnenheit, Klugheit, Mäßigung und Beharrlichkeit Jahrzehnte lang als erster Beamter treulich diente, der das Große stets auf alle Weise förderte und das Kleine nicht übersah, ein frommer und mildthätiger Charakter, dem die Armen und Nothleidenden sowohl wie die Stiftungen nur Gutes verdankten, der dabei aber auch der eigenen Familie nicht vergaß, deren|Ansehen er durch Vermehrung der Familienstiftung auch für die Zukunft zu stärken bestrebt war.

    • Literatur

      Rathsbuch der Reichsstadt Nürnberg. — Anton Tucher's Haushaltbuch 1507—1517. Herausgeg. von Wilh. Loose. 134. Publ. des litt. Vereins in Stuttgart. Dann dessen Fortsetzung im Freih. v. Tucher'schen Archiv. — Anton Tucher's Memorial 1475—1522. —
      Correspondenzen desselben. —
      Geschlechtsbuch der Tucher'schen Familie von Christoph Scheurl, sämmtlich im Freih. v. Tucher'schen Familienarchiv. —
      Summarische Deduction von dem Alterthum etc. des Geschlechts der Tucher. 1764. —
      Waldau, Vermischte Beiträge etc. 1. Bd. —
      Würfel, Nachrichten etc. 1. Bd. — Th. v. Kern, Das Geschlecht der Tucher in Nürnberg etc. im 37. Jahresbericht des hist. Vereins von Mittelfranken. — Deutsche Städtechroniken, Bd. 1. 2.

  • Autor/in

    Mummenhoff.
  • Empfohlene Zitierweise

    Mummenhoff, Ernst, "Tucher, Anton" in: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 756-764 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd104348038.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA