Wissell, Rudolf
- Lebensdaten
- 1869 – 1962
- Geburtsort
- Göttingen
- Sterbeort
- Berlin(-West)
- Beruf/Funktion
- Gewerkschafter ; Politiker ; Wirtschafts- und Arbeitsminister ; Publizist
- Konfession
- -
- Normdaten
- GND: 118634089 | OGND | VIAF: 5724196
- Namensvarianten
-
- Wissell, Rudolf Karl Ludolf
- Wissell, Rudolf Carl Ludolf
- Wissell, Rudolf
- Wissell, Rudolf Karl Ludolf
- Wissell, Rudolf Carl Ludolf
- Wissel, Rudolf
- Wissell, Rudolph
- Wissell, Rudolf Karl Ludolph
- Wissell, Rudolf Carl Ludolph
- Wissel, Rudolph
Vernetzte Angebote
- * Antragsstellende der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft/Deutschen Forschungsgemeinschaft (GEPRIS Historisch – Forschungsförderung von 1920 bis 1945) [2021]
- Biografien über Persönlichkeiten der zentralen deutschen Arbeitsbehörden zwischen 1919 und 1965 [2018]
- LeMO - Lebendiges Museum Online [1998]
- * Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik online [2006-2007]
- * Datenbank der deutschen Parlamentsabgeordneten Basis: Parlamentsalmanache/Reichstagshandbücher 1867 - 1938 [1867-1938]
- * Kalliope-Verbund
- Archivportal-D
- * Personen im Personenverzeichnis der Fraktionsprotokolle KGParl [1949-]
- Pressemappe 20. Jahrhundert
- * Filmothek des Bundesarchivs [2015-]
- * Datenbank der deutschen Parlamentsabgeordneten Basis: Parlamentsalmanache/Reichstagshandbücher 1867 - 1938 [1867-1938]
- * Nachlassdatenbank beim Bundesarchiv
- Personenliste "Simplicissimus" 1896 bis 1944 (Online-Edition)
- Katalog des Bibliotheksverbundes Bayern (BVB)
- * Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek München (BSB)
- Deutsche Digitale Bibliothek
- Archivportal - D
- Normdateneintrag des Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes (SWB)
- Österreichischer Bibliothekenverbund (OBV)
- Gemeinsamer Verbundkatalog (GBV)
- * Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin
Verknüpfungen
Personen in der NDB Genealogie
Orte
Symbole auf der Karte
Geburtsort
Wirkungsort
Sterbeort
Begräbnisort
Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.
-
Wissell, Rudolf Carl Ludolf
| Gewerkschafter, Politiker, Reichsarbeitsminister, * 8.3.1869 Göttingen, † 13.12.1962 Berlin(-West), ⚰ Berlin, Friedhof Zum Heiligen Kreuz (Ehrengrab). (evangelisch, um 1891 konfessionslos)
-
Genealogie
V →Ludwig (* 1836), aus Hannover, Obersteuermann in G., später in Bremen, S d. →Georg Friedrich Wilhelm, Chaussee-Einnehmer in Wendhausen, u. d. Johanne Dorothee Ebbrecht;
M Ulrike (1842 – n. 1915), aus G., T d. →Carl August Gottfried August Klimmet († 1875), Schneidemeister in G., u. d. Louise Margarete Wagner;
⚭ Kiel 1891 →Emma (1869–1947), aus Kiel, Näherin, T d. →August Wunsch (1844–1901), aus Guttau b. Thorn, Schneider in Kiel, u. d. Catharina Christina Dorothea Joost (1842–1887), aus Haidkamp b. Bornhöved;
2 S →Rudolf (1902–85), SPD-Pol., 1946–58 Mitgl. d. Stadtverordnetenverslg. in B. bzw. d. Abg.hauses (s. Biogr. Hdb. Berliner Stadtverordnete), →Ludwig Rudolf August (1894–1984), 3 T u. a. Erna Wilhelmine (1891–1983), Ulrike (1899–2000, ⚭ →Otto Bach, 1899–1981, SPD-Pol., 1946–54 u. 1958–67 Mitgl. d. Stadtverordnetenverslg. in B. bzw. d. Abg.hauses, 1961 Präs. dess., 1950–53 Senator f. Soz.wesen, s. Munzinger; Biogr. Hdb. Berliner Stadtverordnete). -
Biographie
W. lebte bis 1875 in Göttingen, dann in Bremen, wo er 1876–83 die Volksschule besuchte und bis 1887 eine Lehre zum Maschinenbauer absolvierte, während der er in Kontakt mit der Sozialdemokratie kam. Seine Wanderschaft 1887–90 führte ihn u. a. nach Harburg, Essen und Kiel. Er engagierte sich gewerkschaftlich (1889/90 Vors. d. Fachver. d. Schlossergesellen Kiel) und trat 1888 der illegalen SPD bei. 1891–93 leistete W. Militärdienst in Posen, wo er den sozialdemokratischen Vertrauensmann →Gustav Niendorf († 1946) traf, mit dem er bis zu dessen Tod befreundet war. Ab 1893 arbeitete W. als Dreher in Kiel, wo er sich in der Arbeiterbewegung engagierte, 1894 Vorsitzender der örtlichen Zahlstelle des Dt. Metallarbeiter-Verbandes (DMV) wurde und 1896–1900 Korrespondent|für den „Vorwärts“, die „Leipziger Volkszeitung“ und das „Hamburger Echo“ war. 1901 wurde W. als Arbeitersekretär in Lübeck hauptberuflich für die Gewerkschaften tätig und 1905 in die Lübecker Bürgerschaft gewählt. 1908 wechselte er nach Berlin als stellv. Leiter des Zentralarbeitersekretariats (ZAS), dessen Leiter er 1910 wurde. Schwerpunkt seiner Tätigkeit war die Sozialpolitik, in Berlin war er Spezialist für die Sozialversicherungen und nahm an den Beratungen der SPD-Fraktion zur Reichsversicherungsordnung von 1911 teil. 1912–29 war er Schriftleiter der Arbeiterrechts-Beilage des gewerkschaftlichen „Correspondenzblatts“ (seit 1924 Gewerkschaftsztg.).
Im März 1918 zog W. für die SPD in den Reichstag ein (Wahlkr. Niederbarnim/Lichtenberg, Potsdam 6). In der Revolutionszeit schickte ihn die SPD-Führung nach Wilhelmshaven, um dort mäßigenden Einfluß auf die Arbeiter- und Soldatenräte zu nehmen. Parallel stieg er in die Geschäftskommission der Gewerkschaften auf und wurde, anerkannt von den Spitzen der Gewerkschaften und der SPD, nach dem Austritt der USPD aus dem Rat der Volksbeauftragten mit →Gustav Noske (1868–1946) Mitglied der nun fünfköpfigen Revolutionsregierung. Am 19.1.1919 in die Nationalversammlung gewählt, war W. Wirtschaftsminister im Kabinett →Philipp Scheidemanns (1865–1939). Sein mit Unterstaatssekretär →Wichard v. Moellendorff (1881–1937) entwickeltes, gemeinwirtschaftlich-sozialistisches Konzept einer marktgebundenen Planwirtschaft konnte er jedoch weder im Kabinett noch in der SPD durchsetzen. Die Wirtschaft sollte nach den Vorstellungen W.s und Moellendorffs nicht verstaatlicht, sondern von paritätisch zusammengesetzten Selbstverwaltungskörperschaften gesteuert werden. Dieser Gedanke wurde Mitte der 1920er Jahre auch in den Gewerkschaften diskutiert und wies eine Nähe auf zum „organisierten Kapitalismus“ →Rudolf Hilferdings (1877–1941).
Im Juli 1919 (Kab. →Gustav Bauer, 1870–1944) trat W. zurück und war ab Okt. 1919 wieder hauptamtlich bei den Gewerkschaften tätig, zunächst als Sekretär, 1921–23 als Vorstandsmitglied des Allgemeinen Dt. Gewerkschaftsbunds (ADGB). 1920–33 war W. Mitglied des Reichstags (Wahlkr. Potsdam 1). Nach seinem Rücktritt aus dem ADGB-Bundesvorstand war er 1924–28 und 1930–32 als Schlichter für Groß-Berlin, 1927 zugleich für Berlin-Brandenburg, tätig; von der Regierung →Franz v. Papens (1879–1969) wurde er entlassen. Unter Reichskanzler →Hermann Müller (1876–1931) war W. als herausragender Sozialexperte der SPD 1928–30 Arbeitsminister (Kab. Müller II). Sein zentrales Anliegen war die Einführung eines Allgemeinen Arbeitsschutzgesetzes. Jedoch führte die Frage nach weiteren Kürzungen in den Leistungen der Arbeitslosenversicherung während der Wirtschaftskrise 1930 zum Ende der Großen Koalition: W. stand in dieser Frage auf Seiten des Gewerkschaftsflügels, der jede Kürzung ablehnte und damit einen Koalitionskompromiß durchkreuzte. W.s Festhalten an gewerkschaftlichen Grundpositionen trug letztlich zur Phase der Präsidialkabinette bis 1933 bei.
W. wurde am 2.5.1933 verhaftet, aber tags darauf wieder freigelassen. Bis 1935 stand er unter Polizeiaufsicht. In den späten 1930er Jahren hatte er Kontakt zu →Wilhelm Leuschner (1890–1944) und anderen Personen aus dem Widerstand, war aber nicht in deren konkrete Planungen eingeweiht. Nach 1945 war W. erneut in der SPD aktiv, bis 1954 als Mitglied des Sozialpolitischen Ausschusses.
Er arbeitete über 30 Jahre an einer Sozialgeschichte des Handwerks, die aufgrund ihrer Quellenbasis noch heute Anregungen für die Forschung bietet.
-
Auszeichnungen
|Dr. iur. h. c. (Kiel 1929);
AR-Mitgl d. Preuß. Bergwerks- u. Hütten AG u. d. Vereinigten Ind.-Unternehmungen AG;
Mitgl. d. Ehrenpräsidiums d. Internat. Vereinigung f. d. soz. Fortschritt;
Ehrenbürger d. Stadt Berlin (West) (1949);
Gr. BVK mit Stern u. Schulterband (1954);
R.-W.-Brücke, Berlin, Stadtring;
R.-W.-Siedlung mit Gedenkstein, Berlin-Staaken;
R.-W.-Str., Göttingen. -
Werke
|Prakt. Wirtsch.pol., Unterlagen z. Beurteilung e. fünfmonatl. Wirtsch.führung, 1919;
Der alten Steinmetzen Recht u. Gewohnheit, 1927;
Des alten Handwerks Recht u. Gewohnheit, 2 Bde., 1929, Neuausg. hg. v. E. Schraepler, 6 Bde., 1971–88;
Der soz. Gedanke im alten Handwerk, 1930;
Aus meinen Lebensj., Mit e. Dok.-Anhang, hg. v. E. Schraepler, 1983;
– Nachlaß: BA Koblenz (N1209). -
Literatur
|O. Bach, R. W., Ein Leben f. soz. Gerechtigkeit, 1959 (P);
D. E. Barcley, R. W. als Soz.pol. 1890–1933, 1984;
E. Reidegeld, Staatl. Soz.pol. in Dtld., Bd. II, 2006;
M. Unger, Das bayer. Staatsmin. f. Handel, Ind. u. Gewerbe, 2009, S. 63, 150, 247 u. 431;
St. Fisch, Strukturwandel v. Reichwirtsch.amt u. Reichswirtsch.min. im Übergang z. Weimarer Rep., in: W. Abelshauser u. a. (Hg.), Wirtsch.pol. in Dtld. 1917–1990, Bd. 1, hg. v. C.-L. Holtfrerich, 2016, S. 132 f. u. ö.;
Biogr. Lex. Sozialpolitik II (Qu, L). -
Porträts
|Photogr., Abb. in: RT-Hdb., 8. Wahlperiode, hg. v. Büro d. RT, 1933, S. 390;
Öl/Lwd. v. F. Ahlers-Hestermann, 1949 (Berlin, Abg.haus). -
Autor/in
Stefan Müller -
Zitierweise
Müller, Stefan, "Wissell, Rudolf Carl Ludolf" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 299-300 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118634089.html#ndbcontent